Erfahrungsberichte

Kai-Chr. K.: Meine Erfahrungen als Pflegekind
(Original-Manuskript, März 2007)

Ich spreche aus der Sicht eines Pflegekindes und wie ich als Pflegekind in einer Gesellschaft aufgewachsen bin, in der so etwas nicht alltäglich ist. Menschen denen man dieses erzählt, dass man Pflegekind ist, schauen einen ungläubig an und sind z.T. geschockt.

Ich bin ein Pflegekind (und das) seit 1988. Geboren wurde ich 1986, und habe von meiner „Babyzeit” nicht viel gehabt. Meine leibliche Mutter war/ist in psychologischer Behandlung. Sie war damals nicht in der Lage sich um mich und meine fünf Halbgeschwister zu kümmern.
Als ich ein halbes Jahr alt war, war meine Mutter dann immer eine ganze Woche fort. Keiner wusste wo sie war. Sie kam freitags zurück und liess 50 DM da. Mein Halbbruder war damals ca. 17 Jahre alt, er konnte wegen mir nicht zur Schule gehen. Ich war zu dem Zeitpunkt ca. ein halbes Jahr alt und bekam meine ersten Zähne.
Wenn mein leiblicher Vater da war, ging es immer „rund”. Mein Bruder hatte sich ein paar Mal mit ihm geschlagen, aber auch nur, weil mein Vater mich auf den Fliesenboden fallen gelassen hatte.

Höhepunkt war dann 1988, mein Vater und meine Mutter waren mal wieder zu Hause. Meine Mutter kam mit mir nicht zurecht, ich weinte schon drei volle Tage, und wollte nicht aufhören (diese Informationen habe ich aus einem Zeugenbericht entnommen, der an das örtliche Jugendamt ging). Eine Bekannte meiner Eltern durfte jedoch keinen Arzt rufen. Mein Vater verweigerte ihr dieses.
Am Ende sprach er eine Drohung aus: „Keiner verlässt die Wohnung oder ich bringe mich und den Kleinen (mich) um”. Nach einiger Zeit gab mein Vater dann nach.

Es ging noch eine ganze Zeit so weiter und ich kam dann in die Obhut des Jugendamtes. Dieses vermittelte mich dann in eine Pflegefamilie. In meine jetzige Pflegefamilie kam ich im Oktober 1988 mit 1 ¾ Jahren.

Ich war sehr abgemagert und schwer krank. Anfangs konnte ich keine menschliche Nähe ertragen. Das lag daran das ich in meiner Herkunftsfamilie mit zwei oder drei Hunden zusammen gelebt habe und diese als Kopfkissen verwendet habe.


Das erklärte auch mein Verhalten von damals, beim Essen habe ich immer auf dem Boden gesessen und dort das Mittagessen oder Ähnliches zu mir genommen.
Nachts bin ich mindestens fünf Mal aufgestanden und stand so lange vor dem Bett meiner Pflegeeltern bis diese aufgewacht sind.
So ging das sieben Jahre lang!

Auf Autofahrten hatte ich früher immer Angst. Woher das kam weis keiner. Anfangs habe ich wild um mich geschlagen und gebissen.

Mit fünf Jahren kam ich auf die Bielefelder Laborschule (Versuchsschule des Landes NRW), die ich 12 Jahre lang besuchte. Die Lehrer wussten von meiner Vergangenheit und waren dementsprechend rücksichtsvoll zu mir, sie gaben mir Unterstützung wenn es z.B. im Unterricht um die „Eltern” ging. Wenn ich etwas nicht machen wollte, musste ich es auch nicht machen. Sie nahmen Rücksicht auf mich, da ich häufig anders reagierte.
Sie waren immer für mich da wenn etwas vorfiel. Alle wussten von Anfang an Bescheid, das war auch gut so. In der Grundschule war es klar, dass das keines der Kinder realisiert. Aber in den Klassen 5-10 wurde es mehr. Meine Mitschüler wussten alle, dass ich ein Pflegekind war, das wollte ich auch so. So konnte ich sein wie ich war, ich hatte immer Angst vor dem Schwimmen, zum Teil war ich auch beim Spielen anders (aber das kann ich nicht mehr genau beschreiben). Und so musste ich mich nicht für mein Verhalten entschuldigen.
Es war halt normal, es gehörte zu meinem Leben dazu, dass ich Pflegekind bin und dazu stehe ich!
Ich habe in meiner alten Schule auch eine Art Semesterarbeit zu diesem Thema geschrieben, meine Lehrer fanden es sehr interessant.

Meine Pflegeeltern haben sich die ganzen Jahre sehr liebevoll um mich gekümmert, sie haben mich groß gezogen und sind sozusagen meine Eltern!
Ich kannte keine anderen Personen, wenn irgendetwas war, ich konnte zu ihnen gehen und sie haben es geklärt. Wenn ich mal Kinder haben werde, sind das die Großeltern für meine Kinder.

Meine leibliche Mutter wollte/will immer zu mir Kontakt aufbauen. Sie rief ein paar Mal bei mir zu Hause an und wollte dass ich zurückkomme. Einmal war sie sogar in unserer Wohnung und hat sich geweigert ohne mich wieder zu gehen. Die örtliche Polizei musste sie dann davon überzeugen, dass das nicht gehen würde, erst ein Telefonat mit dem Staatsanwalt überzeugte sie dann. Ich war verängstigt, für mich war das eine fremde Frau. Mein Pflegevater sorgte in dem Moment für mich und beruhigte mich. Ich hatte Angst, dass ich wieder zu meiner leiblichen Mutter müsste.
Sie sagte jedes Mal dem Mitarbeiter des Jugendamtes, dass ich mich doch bitte melden solle oder ihr wenigstens ein Foto schicken solle. Das lehnte ich immer ab! Mein Plan war immer, dass ich meine Schule in Ruhe zu Ende machen wollte, und dass ich keinen Kontakt mit meiner Mutter gebrauchen kann. Dies würde mich vermutlich zu sehr belasten.

Seit Oktober 2005 habe ich nun auch Kontakt zu meinen fünf Halbgeschwistern, die ich seit 1988 nicht mehr gesehen oder gesprochen hatte. Das war ein freier Entschluss und ein richtiger zum richtigen Zeitpunkt. Alle meine Freunde unterstützten diesen Entschluss und standen hinter mir.
Es war schon ein sehr komisches Gefühl, wenn sich am anderen Ende der Telefonleitung auch jemand mit meinem Nachnamen meldete. Oder überhaupt diese Stimme eines eigentlich Fremden zu hören und denken zu müssen „Hey, das ist mein Bruder”.

Im letzten Jahr 2006 habe ich dann mit meiner damaligen Freundin meinen ältesten Bruder und seine Familie besucht. Es war ein sehr komisches Gefühl sein eigen „Fleisch und Blut” gegenüber zu stehen. Ich wollte es erst nicht wahr haben, dass das mein Bruder ist. Es war aber ein sehr schöner Besuch bei ihm, es war mir sehr wichtig dass meine damalige Freundin mitgekommen ist, weil sie ein Mensch ist, der ich 100 %ig vertraute und meine ganze Lebensgeschichte kennt.
Meine anderen Geschwister will ich auch so schnell wie möglich kennenlernen, ich telefoniere regelmäßig mit ihnen. So tauscht man sich aus was es Neues gibt und unterhält sich auch über die leiblichen Eltern.

Unterstützung durch meine Pflegeeltern habe ich sehr viele bekommen, bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder auch in der Schule und überall sonst wo ich sie brauchte! Meine Pflegeeltern selber kommen damit sehr gut zurecht.

Mein Chef im Ausbildungsbetrieb weis, dass ich ein Pflegekind bin und weis von meiner Vergangenheit. Beim Bewerbungsgespräch war er neugierig und fragte mich wie es dazu kam und wie ich damit lebe.

Ich kann es mir sehr gut vorstellen, später selber einmal Pflegekinder aufzunehmen. Es ist eine wichtige Aufgabe Kindern ein Zuhause zu geben. Die Kinder danken es den Pflegeeltern in jeder Hinsicht, selbst ein Lächeln ist eine Belohnung!

Ich hoffe, dieser kleine Einblick hat ihnen gefallen.

Mit freundlichen Grüßen
Kai-Chr. K.