Ein neues Zuhause für vernachlässigte Kinder

Bethel bietet Pflegeeltern intensive Unterstützung an
Stürmisches Dauerklingeln unterbricht die Ruhe im Wohnzimmer von Familie K. Ein-, zwei-, drei Mal wird energisch auf den Knopf gedrückt, bis Tochter Lavinia die Tür erreicht hat. Mit Bruder Antonio im Schlepptau kehrt sie zurück. „Ich habe die beste Schule der Welt, und ich liebe meine Klasse und die Lehrer”, jubelt der blonde Wirbelwind nach seinem langen Schultag in der Betheler Mamre-Patmos-Schule überschwänglich. Und die Stimmung des kleinen Jungen wird noch fröhlicher, als er die leckeren Kekse auf dem Tisch entdeckt.

„Ja, wir haben zwei Powerkinder. Die beiden können ziemlich laut sein und sich gut gegenseitig hochpuschen”, erzählen Andrea und ihr Mann Andreas lachend, während sich die beiden Kinder an sie kuscheln und den Eindruck erwecken, als könnten sie gar nicht gemeint sein. Die neunjährige Lavinia und ihr siebenjähriger Bruder Antonio leben als Pflegekinder bei den K. in Bielefeld. Lavinia kam mit acht Monaten zu ihnen. Als ihre leibliche Mutter zwei Jahre später noch einen Sohn bekam, musste auch für ihn eine Pflegefamilie gefunden werden. „Mit Lavinia lief es gut. Darum haben wir uns entschieden, auch ihren Bruder aufzunehmen”, so Andrea K.

Das Jugendamt begleitete die Familie zunächst. Als die Kinder heranwuchsen, zeigte sich, dass die Vernachlässigung in ihrer Herkunftsfamilie nicht ohne Folgen geblieben war. Bei Lavinia, die auf eine Regelgrundschule geht, wurden eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung und eine Rechenschwäche erkennbar. Antonio entwickelte sich langsamer als andere Kinder und benötigte eine besondere Frühförderung. Da für die Pflegefamilie eine intensivere Unterstützung notwendig wurde, vermittelte das Jugendamt sie an die Fachberatung für „Westfälische Pflegefamilien” in Bethel.

Andrea und Andreas K. können bei ihrer anspruchsvollen Aufgabe nicht auf eine berufliche sozialpädagogische Qualifikation zurückgreifen. Andreas K. arbeitet als Koch, seine Frau ist kaufmännische Angestellte und zurzeit freigestellt. „Man steht mit einem Pflegekind in der Mitte, und ganz viele haben mitzureden; die Herkunftsfamilie, das Gericht, der Vormund, das Jugendamt”, so Andreas K. „Man muss gucken, welche Förderung das Kind benötigt, man hat Termine mit Psychologen, mit Therapeuten, mit Lehrern. Es ist sehr hilfreich, wenn man dabei Fachleute an seiner Seite hat.”

Pflegefamilie K. wird von der Betheler Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche Conny Huster und der Betheler Familientherapeutin Sonja Griebowski begleitet. Conny Huster war es auch, die als erste den Verdacht hatte, dass Lavinia möglicherweise am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leidet. Das Mädchen nimmt jetzt an einem speziellen Förderprogramm teil und kommt inzwischen sogar gut im Matheunterricht klar.

Die Pflegeeltern können die beiden Therapeutinnen jederzeit über Handy erreichen. Es gibt für sie spezielle Trainingsseminare und Fortbildungsangebote, einen Pflegeeltern-Arbeitskreis, der sich regelmäßig trifft, sowie gemeinsame Feste. „Es ist ganz wichtig, dass wir die Möglichkeit haben, im Gespräch mit den Therapeutinnen und mit anderen Pflegeeltern über unser eigenes Verhalten und das der Kinder nachzudenken. Im Alltag fällt das oft schwer”, so Andreas K. „Und es ist einfach gut zu wissen, dass man anrufen kann, wenn man Fragen hat!” Manchmal ist auch der Blick von außen wichtig, um zu sehen, welche Fortschritte die Kinder schon gemacht haben. Von dem kleinen Baby, das in seinen körperlichen Bewegungen eingeschränkt war, ist Lavinia heute weit entfernt, und niemand würde vermuten, dass Antonio früher Probleme mit dem Sprechen hatte.

Wer ein Pflegekind aufnehmen will, kann sich an Sonja Griebowski, Tel. 0521/91513275, oder Conny Huster, Tel. 05247/9859897, wenden. Weitere Informationen gibt es im Internet unter Externer Linkwww.jugendhilfe-bethel-owl.de. Abhängig vom Kindesalter und von der Ausbildung der Pflegeeltern wird ein Pflegegeld zwischen 860 und 1.250 Euro monatlich gezahlt. Darüber hinaus steht den Pflegeeltern Kindergeld und der Steuerfreibetrag zu.


Wieviel Wahrheit braucht ein (Pflege/Adoptiv)-Kind?

PDF-Dokument Wieviel Wahrheit braucht ein (Pflege/Adoptiv)-Kind?
Autorin: Renate Schlichting-Heinze, Diplom Psychologin, Mitarbeiterin im Adoptions- und Pflegekinderdienst der Stadt Bielefeld, Mai 2006