16. Januar 1974: Der Stadtrat entscheidet sich gegen den Abriss der Ravensberger Spinnerei

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
„Die Ravensberger Spinnerei stellt [...] ein Industriedenkmal von europäischem Rang dar. Eingebettet in den rekonstruierten Park ist sie heute zugleich ein eindrucksvolles Beispiel für die geglückte Umnutzung eines historischen Industrieareals.” Mit diesen Worten würdigt Dr. Gerhard Renda vom Historischen Museum der Stadt Bielefeld einen Gebäude- und Parkkomplex, der vor 35 Jahren beinahe für eine innerstädtische Umgehungsstraße und einen modernen Verwaltungszweckbau geopfert worden wäre. Das „Industriedenkmal von europäischem Rang” wurde in den frühen 1970er Jahren von den einen als Bauruine, trotzig als „Arbeiterzwingburg” oder schlicht und einfach als „das Ding” bezeichnet, das weg müsse, während andere voller Ehrfurcht von einem „Fabrikschloß” sprachen. Rückblickend betrachtet, ist es ein Glücksfall in der Bielefelder Geschichte, dass die Entscheidung über die Zukunft des Spinnereiareals nicht fünf oder zehn Jahre früher getroffen werden musste. Ein Abriss ohne Protest und wahrscheinlich auch fern jeglichen Bevölkerungsinteresses wäre die Folge gewesen.

Das Gelände der zwischen Heeper und Bleichstraße gelegenen Ravensberger Spinnerei geriet das erste Mal 1950/52 in das Interesse der städtischen Planung. Vor dem Hintergrund prognostizierter Entwicklungen des Individualverkehrs, die schon in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg für jeden sichtbar auf dem Jahnplatz zu beobachten waren, wo der Straßenverkehr tagtäglich zum Erliegen kam, gingen die Stadtplaner davon aus, mit einem innerstädtischen Stadtring den Verkehr entlasten zu können: Über die Teutoburger und Walther-Rathenau-Straße sollte die Detmolder mit der Herforder Straße verbunden werden.
Von einer konkreten Planung wurde aber zunächst Abstand genommen, weil die Direktion der Spinnerei befürchtete, „daß eine zu große Straßenbelastung die Gebäudefestigkeit beeinträchtigen könnte”. Überdies zog die Firma einen möglichen Grundstücksverkauf nicht in Betracht. Ungeachtet dessen sprach sich der Verkehrs-, Bau- und Hauptausschuss 1962 für die Verlängerung der Teutoburger Straße „in gerader Linie” aus, wenn die Situation auf dem Gelände der Ravensberger Spinnerei diese zuließe.



Die Ravensberger Spinnerei als „ungesicherte Gefahrenstelle“
Als die Ravenberger Spinnerei 1967/68 den innerstädtischen Standort aufgeben und die Produktion in den Kreis Bielefeld nach Ummeln verlagern wollte, reagierte der Stadtrat sofort: Am 21. Februar 1968 sprach er sich für den Erwerb des Grundstückes aus und gab als primären Grund „Straßenplanung” an. Dass ein Industriegebäude unter Denkmalschutz stehen könnte und deshalb erhalten werden müsste, wurde 1968 nicht diskutiert; zu abwegig wäre allein schon der Gedanke gewesen. Als das Arbeitsamt, dessen Gebäude an der Friedenstraße seit Jahren aus allen Nähten platzte, damit drohte, einen Neubau in den Kreis und zwar in Brackwede zu errichten, wenn ihm kein Standort in Bielefeld angeboten würde, erklärte sich der Stadtrat im Januar 1971 mit einem Grundstückstausch einverstanden: Dem Arbeitsamt sollte ein Bauplatz auf dem Spinnereigelände angeboten werden, im Gegenzug wollte die Stadt das Grundstück an der Friedenstraße im Rahmen der Stadtsanierung nutzen. Im Oktober 1972 einigten sich Stadt und Arbeitsverwaltung. Dem Bau eines neuen Verwaltungsgebäudes im Kreuzungsbereich von Heeper und Bleichstraße stand nun nichts mehr im Wege.

Obwohl die Räumung der Fabrikanlagen der Ravensberger Spinnerei im Dezember 1971 abgeschlossen war, konnte mit dem Abriss des Hauptgebäudes, das der Trassenführung der verlängerten Teutoburger Straße weichen sollte, nicht sofort begonnen werden, weil die Zusage von Landesmitteln noch fehlte. Im Mai 1972 klagte das Tiefbauamt, dass „mit dem Abbruch der Gebäude” erst gerechnet werden könne, „wenn die nötigen Mittel aus Zuwendungen zur Verbesserung der Verkehrsverhältnisse in den Gemeinden [...] zur Verfügung gestellt werden.” Man habe nun zum zweiten Mal die Entwurfsunterlagen zum Bau der Straße beim Landschaftsverband eingereicht, aber noch immer keine Antwort erhalten, obwohl in dem Antrag darauf hingewiesen wurde, dass es sich „um eines der dringendsten Bauvorhaben im Stadtgebiet” handeln würde.

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Die Ravensberger Spinnerei als „ungesicherte Gefahrenstelle”, die für den Abriss vorgesehen war (1972). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Baudezernent Jürgen Hotzan
Jürgen Hotzan, Baudezernent und Beigeordneter der Stadt Bielefeld, versprach, die Dringlichkeit des Antrages unterstützen zu wollen. Ob er zu diesem Zeitpunkt bereits ahnte, dass sich außerhalb des Rathauses ein Protest für den Erhalt der Ravensberger Spinnerei formierte, ist nicht auszuschließen. Denn spätestens im Frühjahr 1972 meldeten sich Menschen zu Wort, die auf die Besonderheit der Fabrikanlage hinwiesen und für deren Erhalt plädierten. Und sie sprachen erstmals von einem „Fabrikschloß”, das als „Bürgerzentrum” genutzt werden sollte. Gehör fanden sie im Rathaus nicht. Im Gegenteil: Für manche war das Engagement für den Erhalt von Fabrikgebäuden nichts anderes als „Spinnerei” von „Spinnern”. Bewegung kam in den Prozess, als der Landeskonservator von Westfalen-Lippe, Dr. Dietrich Elger im September 1972 die Fabrik als „ein Wahrzeichen für die Industriestadt Bielefeld” bezeichnete und versprach, sich für die „Erhaltung des Bauwerkes” zu engagieren. Jürgen Hotzan war sichtlich irritiert. Schließlich war der Landeskonservator 1968 vor der Aufstellung des Flächennutzungsplanes befragt worden. Gravierende Einwände gegen den Bau der östlichen Cityrandtangente, wie die Verlängerung der Teutoburger Straße in der Verwaltung bezeichnet wurde, und den damit verbundenen Abriss der Fabrikgebäude hatte er aber nicht vorgebracht. Die „Beweislast für die Aussage” liege nun beim Landeskonservator, urteilte der Baudezernent, „dass die Ravensberger Spinnerei seit dem Herbst 1968 zu einem Baudenkmal geworden sein sollte”.

In der Tat erlebte Bielefeld in den frühen 1970er Jahren einen Paradigmenwechsel in der bundesdeutschen Denkmalpflege. Auf Anfrage der Kunsthalle teilte Johannes Schnell vom Kunsthistorischen Institut der Universität Salzburg im September 1972 mit, dass im Unterschied zu England in Deutschland oder in den deutschsprachigen Ländern „kein einziges Beispiel einer Textilfabrik” bekannt sei, „welche ausdrücklich Denkmalschutz” genieße. „Wenn das von ihnen erwähnte Gebäude einer Textilfabrik bei Bielefeld erhalten werden kann und vielleicht sogar unter Denkmalschutz gelangt, dann wäre dies der erste und einzige mir bekannte Fall in Deutschland.” Unter den Fabrikgebäuden in Deutschland seien bisher nur Gießhütten und Bergwerksanlagen in das Blickfeld der Denkmalschützer geraten. Und auch dies sei ein Prozess, der sich erst im Anfangsstadium befände.

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Jürgen Hotzan, Baudezernent und Beigeordneter der Stadt Bielefeld. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-8-54


VW Bulli, mit Transparenten versehen
In Bielefeld bewirkten die Aussagen des Landeskonservators eine bis dahin ungekannte Mobilisierung bürgerschaftlichen Protests. In vorderster Reihe engagierten sich der Bielefelder Kunstverein mit seinen Vorsitzenden Dr. Hanna Böllhoff und Karl Otto Lorenz, der Historische Verein für die Grafschaft Ravensberg mit seinem Vorsitzenden Erich Forwick Seite an Seite mit Professoren und Studenten der Fachhochschule und Universität Bielefeld, Mitgliedern des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK), Kommunalpolitikern der CDU und FDP, Jungsozialisten und Ortsvereinen der SPD. Während die traditionsreichen bürgerlichen Vereine zunächst auf die historische Bedeutung der Ravensberger Spinnerei für Bielefeld hinwiesen, den Baustil als einzigartig für die gesamte Region priesen und den Denkmalschutz zumindest für das Hauptgebäude und wesentliche Nebengebäude wie die Neue Hechelei und die Direktorenvilla forderten, verbanden andere den Erhalt der Gebäude mit der Forderung, diese als Bürgerzentrum oder, wie es bald hieß, als Kommunikationszentrum zu nutzen.

Im Oktober 1972 wurde die „Bürgerinitiative Spinnerei” gegründet. Architekten, Unternehmer und Professoren engagierten sich mit Schülern und Studenten. In wenigen Wochen unterzeichneten einige hundert Jugendliche Unterschriftenlisten zum Erhalt der Fabrikanlage, unter ihnen auch sehr viele Auszubildende, die damals noch als „Lehrlinge” bezeichnet wurden. An einem Adventswochenende trugen sich gleich mehrere tausend Menschen in die Listen ein. Während in den 1960er Jahren in Bielefeld der Protest gegen die Kommunalpolitik schon mal als ungebührliches Verhalten von jungen Menschen gesehen wurde, das nicht weiter Ernst genommen werden musste, sahen sich Rat und Verwaltung nun mit einem Bürgerprotest konfrontiert, der keine sozialen oder Altersgrenzen kannte. Um den Zugang zur Ravensberger Spinnerei zu verhindern, wurde kurzerhand das Gelände vor unbefugtem Zutritt gesichert. „Wo gibt’s denn so was: Zugemauerte Gebäude und Stacheldraht”, fragte die Bürgerinitiative, und das auch noch „mitten in der Stadt?” Nicht nur in Berlin, sondern auch in Bielefeld, informierte ein mit der Hand und Schreibmaschine geschriebenes Flugblatt, „weil es dort nämlich auch etwas gibt, was vor den Bürgern geschützt werden muß, die Ravensberger Spinnerei”. Da ein Blick „hinter die hohen Mauern” bisher verboten war, forderte die Bürgerinitiative die Stadt auf, das Gelände zur Besichtigung freizugeben.

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Ein VW Bulli, mit Transparenten versehen, informierte in der Adventszeit über den geplanten Abriss des Fabrikschlosses. Das Auto stand an der Feilenstraße, gegenüber des Textilkaufhauses C&A (1972). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Der Protest für den Erhalt des „Fabrikschlosses” fand auch schnell ein überregionales Echo. So stellte die Frankfurter Rundschau in einem Artikel über den „Streit um den geplanten Abriß” fest, dass fast jede Stadt „ein Schloß oder eine Burg […] auf ihren Werbeprospekten vorweisen” könne. „Nur sehr wenige Kommunen aber können sich rühmen, eine Attraktion, wie sie das Fabrikschloß der Ravensberger Spinnerei darstellt, in ihren Mauern zu haben.” Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI), der ohne jeden Zweifel frei von dem Vorwurf war, technik- oder fortschrittsfeindlich zu sein, stellte die viele Menschen bewegende Frage: „Müssen denn so viele markante Gebäude, die das Gesicht unserer Städte geprägt haben, dem ausdruckslosen Verkehr weichen?” Er sprach sich dafür aus, in den Gebäuden des ehemaligen Industrieareals ein Industriemuseum einzurichten. Und im Mittagsmagazin des Westdeutschen Rundfunks sprach sich der renommierte britische Kunsthistoriker und emeritierte Professor des Birkbeck College der University of London, Sir Nikolaus Pevsner, gegen den Abriss in Bielefeld aus. Er hatte im Vorfeld ausgiebig mit Dr. Johann Wolfgang von Moltke, dem Direktor der Bielefelder Kunsthalle, korrespondiert und sich über den Konflikt informieren lassen.

Das Medieninteresse blieb auch im Bielefelder Rathaus nicht ungehört. Der Stadtrat hielt zwar an der Auffassung fest, dass auf die östliche Cityrandtangente nicht verzichtet werden und der Erhalt des Hauptgebäudes Probleme und Mehrkosten verursachen könne, forderte die Verwaltung aber im Oktober 1972 auf, die Kosten für eine Restaurierung und für die Unterhaltung des Hauptgebäudes der Ravensberger Spinnerei zu ermitteln. Die Bundesanstalt für Arbeit wurde um Verständnis gebeten, dass der unterschriftsreife Grundstückstauschvertrag noch nicht unterzeichnet werden konnte. Das war sicher zuviel verlangt. Angesichts der beengten und absolut unzureichenden räumlichen Verhältnisse an der Friedenstraße reagierten die Bundesanstalt, aber auch die in den Gremien mitarbeitenden Gewerkschaften und Arbeitgeber schon leicht gereizt, kurz vor dem Ziel wieder vertröstet zu werden.

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Ein einfach hergestelltes Flugblatt der Bürgerinitiative, das eine große Wirkung erzielte (1972). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,1/Baudezernat, Nr. 73: Ravensberer Spinnerei (1972-1973)


Mit Schildern informierte die Bürgerinitiative im Winter 1972/73 über den geplanten Abriss.
Im Winter 1972/73 wurde von der Verwaltung, Politik und Bürgerinitiativen eine Vielzahl von Vorschlägen vorgelegt, wie das Spinnereigelände genutzt werden sollte und welche möglichen Trassen für die Verlängerung der Teutoburger Straße denkbar waren. Ein Verzicht auf den Bau der Straße wurde ausgeschlossen, weil „erhebliche Schwierigkeiten für die geplante Innenstadtentwicklung” damit verbunden wurden. Vorstellbar war, dass Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek, bis dahin in unzulänglichen Räumen einer hochherrschaftlichen Villa an der Werther Straße untergebracht, mit der Stadtbibliothek und der Volkshochschule ein gemeinsames Domizil erhielten, das zudem auch Platz für eine stadtgeschichtliche Ausstellung hatte. Zwischen der Trasse und Hermann-Delius-Straße konnte auch eine „Kunsteisbahn” entstehen, die allerdings nicht zu realisieren war, wenn die neue Straße, wegen des Erhaltes des Hauptgebäudes in östlicher Richtung verlegt werden musste. In der Neuen Hechelei sahen die einen aufgrund der Nähe zur östlichen Cityrandtangente das prädestinierte Gebäude für das Straßenverkehrsamt, für andere war sie ein möglicher Standort des Naturkundemuseums, das bis dahin an der Stapenhorststraße untergebracht war. Am intensivsten wurde jedoch ein mögliches Kommunikationszentrum diskutiert, das von ungestümen Kritikern wegen des Protestes als „Kommunistenzentrum” diffamiert wurde. Ein innerstädtisches Zentrum, das allen Bürgern mit Freizeit- und Bildungsangeboten offen stand, war überdies mit den städtischen Kultureinrichtungen (Archiv, Bibliothek und VHS) vereinbar. Aber auch eine zeitlich, bis zum Abriss der Gebäude begrenzte Nutzung durch die Griechisch-orthodoxe Gemeinde wurde vorgeschlagen.

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„Bielefelds Fabrikschloß muß bleiben!” Mit diesen Schildern informierte die Bürgerinitiative im Winter 1972/73 über den geplanten Abriss. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Als im August 1973 Baudezernent Jürgen Hotzan bekannt gab, dass der Umbau der Spinnerei zu einem Bürgerzentrum 9,5 Millionen DM kosten würde, schien der Abriss der Fabrikanlage so gut wie besiegelt. Für die SPD-Fraktion war diese Summe, mit der „man auch neue Gebäude errichten könne”, viel zu hoch. Sie plädierte für den schnellstmöglichen Abriss der Fabrik, den Bau der Straßenverlängerung und des Arbeitsamtes sowie des Naturkundemuseums und eines Kommunikationszentrums. Die Sozialdemokraten gingen davon aus, dass es den Bürgerinitiativen vor allem um ein Kommunikationszentrum ginge, das Fabrikgebäude dagegen von geringerer Bedeutung war. Ein großer Irrtum, wie sich herausstellte. Diese forderten weiterhin die Rettung der Ravensberger Spinnerei, wie zum Beispiel auch der SPD-Ortsverein West mit seinem Vorsitzenden Dirk Ukena. Die CDU sprach sich für die Erhaltung und Nutzung der Ravensberger Spinnerei als Baudenkmal aus und die FDP setzte sich für einen Konzeptionswettbewerb für das Spinnereigelände ein. „Solange man uns nicht nachweist, dass die Erhaltung des ‚Fabrikschlosses’ totaler wirtschaftlicher Unsinn wäre, sind wir gegen den Abbruch des Gebäudes!”, stellte FDP-Ratsherr Joachim Schultz-Tornau fest.

Die Sitzung des Hauptausschusses am 19. September 1973 war entsprechend hitzig. Jürgen Hotzan bezweifelte die „Denkmalwürdigkeit der Spinnerei”. Für seinen Kalauer, dass die Spinnerei bestenfalls „ein Unikat”, „dasselbe wie ein Unikum” sei, bekam er freilich wenig Beifall. Das Westfalen-Blatt, das in einer Sonderausgabe noch befürchtete, dass die Spinnerei „keine Chance mehr für die Zukunft” habe, titelte nach der Hauptausschusssitzung: „CDU und FDP stoppten Abrißpläne der SPD”. Denn nach heftiger Diskussion kam es doch noch zu einem einstimmigen Beschluss: „Der Landeskonservator oder eine entsprechende Dienststelle wird gebeten, ein Gutachten über die Erhaltung des Hauptgebäudes der Ravensberger Spinnerei unter denkmalspflegerischen Gesichtspunkten zu erstellen.” Zudem sollte das Gutachten berücksichtigen, „in welcher Weise sich das Land Nordrhein-Westfalen dann an den laufenden Unterhaltungskosten finanziell beteiligt.”

Die gutachtliche Stellungnahme des Landeskonservators von Westfalen-Lippe, Dr. Dietrich Ellger, ließ nicht lange auf sich warten, sie lag bereits am 20. November 1973 vor. Schwarz auf weiß war zu lesen: „Im Lande Nordrhein-Westfalen ist die Ravensberger Spinnerei heute [...] der bedeutendste noch erhaltene und damit für unsere Anschauung bewahrte Fabrikbau seiner Gattung aus der Anfangszeit der modernen Großindustrie und der romantisch-gotischen Richtung der Architektur des mittleren 19. Jahrhunderts, für Bielefeld ein wesentliches Zeugnis seiner Geschichte, ein Wahrzeichen seines neuzeitlichen Aufstieges und als Schöpfung älterer Baukunst ein wesentlicher Gestaltwert für das anschauliche Gepräge der Stadt.” Und Dr. Ellger sagte zu, dass er „im Falle der Ravensberger Spinnerei zu Zwecken der Denkmalpflege erforderliche Zuschüsse des Landes befürworten werde.”

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Auf einer Protestkundgebung am 24. September 1973 sprach Prof. Dr. Hartmut von Hentig. Neben ihm stand Rosa Rosinski, die zu den Gründungsmitgliedern der Bürgerinitiative gehörte. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Demonstrationszug am 24. September 1973
Am 16. Januar 1974 durfte der Hauptausschuss gar nicht für den Abriss der Ravensberger Spinnerei votieren, wenn er nicht gegen Landesrecht verstoßen wollte. Der Beschluss war zwar einstimmig gefallen, aber nicht eindeutig und schon gar nicht von dem Bewusstsein getragen, ein Industriedenkmal von europäischem Rang zu retten. Wortwörtlich heißt es. „Da nach § 77 Abs. 3 [der Gemeindeordnung] der Regierungspräsident in Detmold die Genehmigung zu einem eventuellen Abbruch der Ravensberger Spinnerei geben muß, ist er vor einer Entscheidung des Rates schon jetzt darüber zu befragen, ob er die in dem Gutachten des Landeskonservators vom 20.11.1973 niedergelegte Meinung teilt, daß die Spinnerei als erhaltenswertes Baudenkmal nicht abgerissen werden darf. Er soll weiter darüber befragt werden, welche einzelnen Teile der Spinnerei ggf. erhaltenswürdig sind.” Da der Regierungspräsident die Auffassung des Landeskonservators teilte, war der Abriss vom Tisch.

In den Köpfen vieler Kommunalpolitiker herrschte aber noch lange das Bewusstsein vor, sich mit der Ravensberger Spinnerei einen kostenträchtigen Klotz ans Bein gebunden zu haben. Im Herbst 1974 musste der Finanzausschuss, wie die Neue Westfälische formulierte, „schweren Herzens” 80.000 DM bewilligen, um das Fabrikschloss winterfest zu machen. Als Volker Heimen von der CDU über diese Kosten klagte, sagte der Ausschussvorsitzende Josef Denzer von der SPD nur: „Wer hat denn gesagt, wir wollen das Ding nicht abreißen – jetzt kommen die Folgen.” Es sollte noch einige Jahre dauern, bis alle Ratsmitglieder den Juwel erkannten, den sie mit der Ravensberger Spinnerei in den Händen hielten.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister, Nr. 437: Ravensberger Spinnerei (1973-1976)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister, Nr. 438: Ravensberger Spinnerei (1972-1973)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,4/Büro des Rates, Nr. 334: Rat der Stadt/Hauptausschuss (1973)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 723: Verwaltungsgebäude Heeper Straße 45-49, Ravensberger Spinnerei (1971-1972)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,4/Kunsthalle, Nr. 186: Ravensberger Spinnerei (1972-1973)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,4/Kunsthalle, Nr. 187: Ravensberger Spinnerei (1971-1985)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,1/Baudezernat, Nr. 73: Ravensberer Spinnerei (1972-1973)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Bd. K 115 (1968-1976)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Neue Westfälische, Westfalen-Blatt
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Literatur

  • Blätter des Bielefelder Jugendkulturringes, Nr. 268, Dezember 1972/Februar 1973. Themenheft: Ravensberger „Spinnerei” oder Bürgerzentrum für Bielefeld.
  • Bernd Hey, Industriearchitektur und historische Aussage, in: Florian Böllhoff/Jörg Boström/Bernd Hey (Hg.), Industriearchitektur in Bielefeld. Geschichte und Fotografie, Bielefeld 1986, S. 34-41.
  • Detlef Langwald, Ravensberger Spinnerei, in: Florian Böllhoff/Jörg Boström/Bernd Hey (Hg.), Industriearchitektur in Bielefeld. Geschichte und Fotografie, Bielefeld 1986, S. 196-201.
  • Karl Otto Lorenz, Ein Erfolg der Bielefelder Bürgerinitiativen, in: Dirk Ukena/Hans J. Röver (Hg.), Die Ravensberger Spinnerei. Von der Fabrik zur Volkshochschule. Zur Umnutzung eines Industriedenkmals in Bielefeld, Hagen 1989, S. 93-99.
  • Peter Obbelode, Andreas Beaugrand, Vom Fabrikschloß zur Kulturfabrik. Die Umnutzung der alten Ravensberger Spinnerei, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld. Tradition und Fortschritt in der ostwestfälischen Metropole, Bielefeld 1995, S. 318-329.
  • Gerhard Renda, Die Ravensberger Spinnerei in Bielefeld, München 2002.
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Band 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005.
  • Bernd J. Wagner, 50 Jahre Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler in Ostwestfalen-Lippe, in: Kunst ist kein Luxus, hg. v. BBK, Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe e,V., Bielefeld 2005, S. 13-31.
  • Ulrich Weisner, Industriearchitektur in stadtgestalterischer Sicht, in: Florian Böllhoff/Jörg Boström/Bernd Hey (Hg.), Industriearchitektur in Bielefeld. Geschichte und Fotografie, Bielefeld 1986, S. 42-51.


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Bildbeschreibung

Am 24. September 1973 demonstrierten vor allem „junge Bürger” (NW) für die Rettung der Ravensberger Spinnerei. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung.