10. Januar 1961: Der Bielefelder Großmarkt wird eröffnet

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Am 10. Januar 1961 wurde an der Oldentruper Straße der Großmarkt des Obst- und Gemüsegroßhandels von Oberbürgermeister Artur Ladebeck eröffnet.

Im Bielefelder Osten entstand damit ein Versorgungszentrum, das mehr als zwei Millionen Menschen zugute kam. Da sich die nächsten Großmärkte in Hannover und Dortmund befanden, wurde die in einem Radius von etwa 50 Kilometer um Bielefeld wohnende Bevölkerung - von Hameln bis Telgte, von Osnabrück bis Büren - von hier aus mit Obst, Gemüse und Südfrüchten versorgt.

Die Geschichte des Bielefelder Großmarktes ist zum einen mit der Entwicklung des städtischen Wochenmarktes verknüpft, zum anderen spiegelt sich in ihr auch die Nachkriegs- und Verwaltungsgeschichte.


Bildbeschreibung

Grußanzeige aus Europas größtem Obstanbaugebiet (1961). Der neue Großmarkt in Bielefeld. Sonderbeilage „Der Früchte und Gemüsemarkt”


Lagerhaus auf dem Wochenmarkt am Kesselbrink
Im 19. Jahrhundert bildete zunächst der Alte Markt, seit den 1870er Jahren der Neumarkt am Niederwall den Hauptstandort des Bielefelder Wochenmarktes. Der Bau des Rathauses und Stadttheaters, die 1904 eingeweiht wurden, hatte eine Verlegung auf das Gelände zwischen Kesselbrink, Herforder, Paulus- und Kavalleriestraße zur Folge. Zu den Markthändlern gehörten viele regionale Obst- und Gemüsebauern, die ihre im Großraum Bielefeld oft noch nebenerwerbswirtschaftlich angebauten Früchte direkt anboten. Mit der Zunahme der städtischen Bevölkerung stieg auch der Bedarf an Obst und Gemüse und damit die Umstellung auf einen rentablen, erwerbsmäßigen Gemüsebau. Um die Landwirte in ihrer Doppelfunktion als Erzeuger und Verkäufer ihrer Produkte zu entlasten, wurde nach dem Ersten Weltkrieg die Obst- und Gemüsebaugenossenschaft von Schildesche und Umgebung (OGEB) gegründet, die auf dem Wochenmarkt am Kesselbrink eine feste Verkaufsstelle einrichtete. Zu dieser Einrichtung kamen in den 1920er Jahren weitere Händler, die schon vor dem Ersten Weltkrieg landwirtschaftliche Erzeugnisse vor allem aus den entfernter gelegenen Anbauregionen Deutschlands in Bielefeld und Ostwestfalen-Lippe verkauften. Auf dem Wochenmarktgelände standen hölzerne, überdachte Verkaufsstände und kleinere Lagergebäude zur Aufbewahrung landwirtschaftlicher Produkte in direkter Nachbarschaft. Die Konstellation von Selbsterzeugern und „ambulanten Händlern”, genossenschaftlichem und Großhandel regelte 1931 eine städtische Marktordnung.


Bildbeschreibung

Lagerhaus auf dem Wochenmarkt am Kesselbrink (um 1925). Der neue Großmarkt in Bielefeld. Sonderbeilage „Der Früchte und Gemüsemarkt”


Wochenmarkt
Im Zweiten Weltkrieg richteten die Bombenabwürfe am 30. September 1944 auch auf dem Marktgelände erheblichen Schaden an, der nach der Kapitulation von vielen Markthändlern „zum größten Teil” auf eigene Kosten behoben wurde: Sie sorgten für die „Enttrümmerung des Marktgeländes und den Wiederaufbau der überdeckten Verkaufsstände”. Als die Stadt im Mai 1951 die Marktgebühren erhöhen wollte, hagelte es Proteste. Die Markthändler leiteten vor allem aus ihrer Wiederaufbauleistung „gewisse Rechte” her, eine Meinung, die die Stadt allerdings nicht teilte. Überdies wurde in diesem Zusammenhang erstmals auf die beengten Platzverhältnisse auf dem Hauptwochenmarktsgelände hingewiesen. Der städtische Sparausschuss schlug vor, einen Teil des Wochenmarktes auf das brach liegende Gelände an der Welle zu verlegen, auf dem nur Selbsterzeuger ihre Waren anbieten sollten. Zudem regte er an, „die Frage der Verlegung des Großhandels vom Marktgelände zu überprüfen.” Der Gewerbeausschuss empfahl daraufhin seinerseits, „den Großhandel an die Straße am Stadtholz oder an einen vom Planungsamt vorzuschlagen günstigeren Ort zu verlegen.” Eine Trennung der Markthändler in Selbsterzeuger und ambulante Händler lehnte er aber aus guten Gründen ab.

Bildbeschreibung

Wochenmarkt und Großmarkt zwischen Paulusstraße und Kesselbrink (1956). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 12-3-124



Ausstellungshalle
Das für die Marktangelegenheiten zuständige Ordnungsamt stellte im Januar 1951 unmissverständlich fest, dass der Großmarkt „unter keinen Umständen mehr” auf dem Hauptwochenmarktsgelände bleiben könne, weil zum einen der Wochenmarkt wegen der ständig wachsenden Nachfrage vergrößert werden müsse, zum anderen der „Fahrzeugverkehr des Großmarktes” an den Markttagen „eine Gefährdung des Publikums und aller Markteinrichtungen” darstelle. Das Planungsamt, das mit der Suche nach einem neuen Standort befasst war, äußerte Bedenken gegen die avisierten Grundstücke am Stadtholz und an der Wiesenstraße, weil diese mit der Straßenbauplanung, vor allem mit der projektierten Ost-West-Verbindung kollidierten. Das Amt empfahl seinerseits das Gelände der ehemaligen und im Weltkrieg stark beschädigten Ausstellungshalle an der Eckendorfer Straße, das allerdings von der „Besatzungsmacht” beschlagnahmt worden war und demzufolge freigegeben werden musste. Dazu kam es aber zunächst nicht. Im Gegenteil: Der städtische Verwaltungsbericht stellte 1953 fest, dass alle „Bemühungen, die Freigabe des ehemaligen Ausstellungsgeländes an der Eckendorfer Straße für die Errichtung des Obst- und Gemüsegroßmarktes […] an der unnachgiebigen Haltung der Besatzungsmacht gescheitert” seien. Faktisch stimmte das zwar, aber die Haltung der Briten war nicht unbegründet.

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Die Ausstellungshalle an der Eckendorfer Straße. Die Mauern standen noch, das Dach war eingestürzt (um 1958). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-589-19



Beengte Verhältnisse auf dem Wochenmarkt
Oberst a. D. Thomas Russel, der als „Resident” der Britischen Verwaltung vorstand, übersandte im Mai 1952 einen ablehnenden Bescheid, die Ausstellungshalle und das angrenzende Gelände freizugeben. In der Begründung hieß es, dass das Gelände, das über einen Gleisanschluss verfügte, von der Britischen Armee als Kohlelager „voll genutzt” werde. Da die Räumung des Lagers angesichts von „mehrere[n] Hundert Tonnen Kohle” ein gravierendes logistisches Problem darstellte, war Russel überzeugt, dass „die Armee niemals einer Fortschaffung der dort gelagerten Kohlenmenge zustimmen würde, selbst dann nicht, wenn eine anderweitige Lagermöglichkeit geschaffen werden könnte.” Andererseits versprach er, „das Kohlenlager von Zeit zu Zeit besichtigen” und die Angelegenheit zu unterstützen, wenn „eine leichte Verlagerung möglich” sei. Der Stadtverwaltung empfahl er, aus Kostengründen einen anderen Standort zu suchen.

Nachdem auch 1953 die Anträge der Stadtverwaltung auf Freigabe des Geländes ablehnend beschieden wurden, schlug das Planungsamt vor, ein ehemaliges Wehrmachtsgelände in Oldentrup, das bis 1945 das Panzerwerk bzw. Panzernebenzeugamt beherbergte und nur teilweise von der Britischen Armee genutzt wurde, für das Kohlenlager zu nutzen. Oberst a. D. Russel lehnte aber auch dieses Gelände wegen unzureichender Größe ab, woraufhin die Stadt dessen Vergrößerung um Flächen empfahl, die unter der Aufsicht des Bundesvermögensamtes standen und von Gewerbetreibenden genutzt wurden. Überdies wandte sich Bielefelds Rechtsrat Georg Graf von Baudissin im März 1954 an die Arbeitsgemeinschaft Großmärkte im Deutschen Städtetag mit der Bitte, Städte zu nennen, die in jüngster Zeit einen Großmarkt errichtet haben und Bielefeld bei der Planung unterstützen können. Münchens Stadtdirektor Schütz empfahl, Wuppertal und Dortmund zu kontaktieren.

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Beengte Verhältnisse auf dem Wochenmarkt. Blick Richtung Herforder Straße, Berliner Platz (1956). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 53-2-11.



Plan für einen Großmarkt

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Rückblickend entsteht der Eindruck, dass die Planung eines Großmarktes von Seiten der Stadt erst seit 1953/54 strukturierter und damit auch professioneller vorangetrieben wurde. Reagierte die Stadt auf die ablehnende Haltung des „British Resident” anfangs in aller Öffentlichkeit verärgert, so ging sie nun dazu über, alternative Grundstücke zu suchen und von der Erfahrung anderer Städte zu profitieren. Zur „neuen Politik” gehörte nun auch eine gemeinsame Besprechung und Begehung des Wochenmarktes und des ehemaligen Panzerwerkes mit Oberst a. D. Russel und zwei hochrangigen britischen Offizieren. In einem Protokoll wird berichtet, dass „die britischen Herren von der Zwangslage der Stadt” überzeugt werden konnten und „eine sehr verständnisvolle Atmosphäre aufkam.” Mehr noch: Der „Kasernenoffizier” äußerte ein großes Interesse an einer Verlegung des Kohlenlagers von der Eckendorfer Straße nach Oldentrup und erklärte, das städtische Gesuch „sehr stark” unterstützen zu wollen.

Eine schnelle Einigung konnte dennoch nicht erzielt werden. Diesmal lehnte das Bundesvermögensamt das Oldentruper Grundstück als Kohlenlager ab, weil dort angeblich eine „Schule für Kinder der Kanadischen Besatzungstruppen” gebaut werden sollte. Dieses Gerücht bestätigte sich zwar nicht, eine Genehmigung ließ dennoch auf sich warten. Da im Bielefelder Rathaus im Februar 1955 „erhebliche Zweifel” an einem positiven Bescheid angesichts „der bevorstehenden Wiederbewaffnung Westdeutschlands” aufkamen, wandte sich die Verwaltung an das nordrhein-westfälische Landesfinanzministerium mit der Bitte, für die Bielefelder Interessen intervenieren zu wollen. Mit Erfolg: Im Mai teilte die Landesregierung mit, dass die Dienststelle Blank des Bundeskanzleramtes „keine Bedenken gegen diese Verwendung des ehemaligen Panzer-Nebenzeugamtes” habe. Mit der Kündigung der bisherigen gewerblichen Nutzer und der von der Landesregierung geforderten Unterstützung bei der Suche neuer Standorte und Gewährung notwendiger Kredite verstrich auch das Jahr 1955. Im Februar 1956 konnten dann endlich die Räumungsarbeiten des Ausstellungsgeländes an der Eckendorfer Straße aufgenommen werden.


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Plan für einen Großmarkt an der Eckendorfer Straße (März 1958). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,1/Ordnungsamt, Nr. 621.



Bau eines Großmarktes
Obwohl sich die Zustände auf dem Wochenmarkt eher verschlechtert als verbessert hatten, zogen sich die weiteren Planungen noch über ein Jahr hin, bis die Stadt im Juli 1958 endlich zu dem überraschenden Ergebnis kam, dass das Gelände an der Eckendorfer Straße doch nicht geeignet sei, da die erforderliche Größe fehle. Stattdessen konzentrierte sich die Stadt nun auf ein Gelände an der Oldentruper Straße. Obwohl schon 1959 ins Auge gefasst, begannen die Bauarbeiten erst 1960, so dass am 10. Januar 1961 endlich die Eröffnung gefeiert werden konnte.


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An der Oldentruper Straße wird der Großmarkt gebaut (1960). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1572-23



Bananenhandel im Großmarkt
Auf dem etwa 102.000 qm großen Gelände wurden zwei 80 mal 15 Meter große Verkaufshallen und von zwei Großhandelsfirmen Bananenreifhäuser errichtet, die jeweils einen Gleisanschluss mit einer Gesamtlänge von rund 1,1 km erhielten. Große Park- und Rangierflächen sorgten dafür, dass es zu keinem Rückstau auf die Oldentruper Straße kommen konnte. Nach der Eröffnung kamen noch ein weiteres Bananenreifhaus sowie ein Lagerhaus der Großeinkaufsgesellschaft Deutsche Konsum-Genossenschaften hinzu. Der Anteil der Stadt an den Kosten des 1. Bauabschnitts lag bei 3,15 Millionen DM. Es war gut investiertes Geld: Zum einen legte die Stadt damit die Grundlage, dass der Obst- und Gemüsegroßhandel bis in die Gegenwart den Standort Bielefeld behaupten konnte, zum anderen amortisierten sich die Investitionen durch Gebühreneinnahmen, die bereits im ersten Jahr etwa 336.000 DM betrugen. Und nicht zuletzt konnten die chaotischen Verhältnisse auf dem innerstädtischen Wochenmarkt behoben werden.

Quellen

  • Der neue Großmarkt in Bielefeld. Sonderbeilage der internationalen Fachzeitschrift „Der Früchte und Gemüsemarkt”, Düsseldorf 1961 (Landesgeschichtliche Bibliothek W 40/55)

  • Verwaltungsbericht der Stadt Bielefeld (1945-1965)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,1/Ordnungsamt, Nr. 620: Errichtung eines Großmarktes (1951-1959)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,1/Ordnungsamt, Nr. 621: Errichtung eines Großmarktes (1957-1958)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,1/Ordnungsamt, Nr. 622: Errichtung eines Großmarktes (1956-1959)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 105,2/Stadtkämmerei Nr. 125: Errichtung eines Obst- und Gemüsegroßmarktes (1957-1963)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermannsammlung, Bd. K 115 (1950-1961)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermannsammlung, Bd. W 40 (1946-1961)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Freie Presse, Westfälische Zeitung, Westfalen-Blatt (1950-1961)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-589-19, 11-1572-23, 11-1572-27, 12-3-124, 53-2-11


Literatur

Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005

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Bildbeschreibung

Bananenhandel im Großmarkt (1962). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1572-27