4. Februar 1907: Carl Severing zieht als Sieger der „Hottentottenwahl“ in den Reichstag ein

von Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek
An die Tausend Menschen drängten sich am 4. Februar 1907 vor dem Bielefelder Rathaus, ab 19.45 Uhr wurden erste Zahlen der Stichwahl um das Reichstagsmandat veröffentlicht, um 22.00 Uhr Gewissheit: „Severing gewählt! […] Nun geht der Jubel der Arbeiterpartei los: ´Severing hoch! Severing hoch!´ […] Das ist die Sensation des Abends.”, beschreibt der Generalanzeiger am nächsten Tag die Stimmung. Nach sieben Wochen harten Wahlkampfs fiel der Wahlkreis Bielefeld-Wiedenbrück erstmalig an die SPD, zog mit Carl Severing zum ersten Mal ein Sozialdemokrat aus Bielefeld in den Reichstag ein.


Carl Severing (1875-1952), Foto, ca. 1915; Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung 61-019-049
Die Reichstagswahl von 1907 ging als „Hottentottenwahl” in die Geschichtsbücher ein. Nachdem die deutsche Kolonialmacht den Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) 1904 blutig niedergeschlagen hatte, erhoben sich die etwa 20.000 Nama, abschätzig „Hottentotten” genannt, und lieferten den Deutschen einen verlustreichen und kostenintensiven Guerillakrieg. Im August 1906 brachte die Regierung im Reichstag einen Nachtragsetat von 29 Millionen Reichsmark zur Unterstützung der Kolonialtruppen ein, der aber mit den Stimmen der SPD und des Zentrums, die die rücksichtslose Kriegsführung kritisierten, und der polnischen Fraktion am 13. Dezember 1906 abgelehnt wurde. Der Reichstag wurde umgehend aufgelöst und Neuwahlen für den 25. Januar 1907 angesetzt.
Im Wahlkreis Bielefeld-Wiedenbrück kandidierte für die kolonialfreundlichen Nationalliberalen Theodor Adolf v. Möller (1840-1925), der von 1901 bis 1905 Preußischer Minister für Handel und Gewerbe gewesen war und in Brackwede eine Maschinen- und Dampfkesselfabrik betrieb. Die katholische Zentrumspartei bot Heinrich Humann (1837-1915) aus Neunkirchen auf, die SPD den Gewerkschaftssekretär Carl Severing (1875-1952).
Der in Herford geborene Severing hatte sich nach einer Schlosserlehre in Bielefeld Gewerkschaftskreisen angeschlossen und war 1893 der SPD beigetreten. 1899 wurde er zum SPD-Geschäftsführer in Bielefeld berufen und 1901 zum Geschäftsführer des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Bielefeld. Seit 1905 war er Stadtverordneter und gleichzeitig Redakteur der Bielefelder „Volkswacht”. Seine erste Reichstagskandidatur scheiterte 1903 im für die SPD aussichtslosen Wahlkreis Minden-Lübbecke. Bielefeld dagegen galt mit knapp 20.000 Arbeitern unter 73.000 Einwohnern als SPD-Bastion, jedoch waren die Nationalliberalen gleich auf, während das Zentrum allein im katholischen Raum Wiedenbrück größere Stimmenanteile erwarten konnte.


Anzeige der SPD für eine Wahlveranstaltung mit Carl Severing, 1906; Stadtarchiv Bielefeld, Geschäftsstelle I, 14,2

Im Wahlkampf griffen die Nationalliberalen vehement die wie üblich als vaterlandslos bezeichneten Sozialdemokraten an, attackierten aber auch die Etatverweigerer des Zentrums als kolonialfeindlich und antinational. Die SPD wiederum, die einer – allerdings friedvollen – Kolonialpolitik durchaus zustimmte, versuchte ihre nationale Zuverlässigkeit auch für das „Sandnest” Deutsch-Südwestafrika zu beweisen. Ein SPD-Wahlaufruf fragte nach den Ursachen der Erhebung: „Es ist die Niedermetzlung und Ausrottung der Hereros und Hottentotten, der ursprünglichen Eigentümer des Landes, welche, durch die Grausamkeiten und Bestialitäten der deutschen Farmer bis auf Blut gepeinigt, sich zum Aufstand haben hinreißen lassen, ganz ebenso, wie es vor bald 1900 Jahren Hermann der Cherusker gegen die Römer gemacht hat. […] Wir verstehen unter dem Gebot nationaler Ehre, dass wir den Hereros und Hottentotten unsere Kulturerrungenschaften bringen, worunter wir aber nicht den Branntwein und die Kleinkalibrigen und Schnellfeuerkanonen rechnen.”
Der Wahlkampf verlief bisweilen tumultartig. Im Saal Lechterbeck in Schildesche bezeichnete v. Möller einen Störer aus der SPD als „grünen Jungen”, worauf ihm mit Beleidigungsklage und Zuchthaus gedroht wurde. Bei einigen Veranstaltungen wurden Sozialdemokraten ausdrücklich ausgeschlossen. Severing schrieb rückblickend: „Der Wahlkampf in meinem Kreise war zwar kurz, aber mit nicht gewöhnlichen Anstrengungen verbunden.”


Theodor v. Möller (1840-1925), Lithographie nach einem Foto, ca. 1901; Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung 61-013-008
Trotz massiver Propaganda gegen sie gewann die SPD im 1. Wahlgang am 25. Januar 1907 reichsweit knapp 250.000 Stimmen hinzu. Das Mehrheitswahlrecht, benachteiligende Wahlkreiseinteilungen und Wahlabsprachen zwischen den bürgerlichen Parteien bescherten der SPD-Reichstagsfraktion jedoch erhebliche Mandatsverluste: sie büßte 38 ihrer 71 Sitze ein; die SPD hatte 29 Prozent der Stimmen gewonnen, aber nur 10,8 Prozent der Mandate. Das Zentrum konnte sich behaupten, die absolute Mehrheit ging mit 220 Sitzen an die prokolonialen Parteien.
Im Wahlkreis Bielefeld-Wiedenbrück errang v. Möller im 1. Wahlgang 14.135 Stimmen, Severing 13.620, womit die SPD ihr Ziel verfehlte und gegenüber 1903 sogar 1 Prozent einbüßte. Das SPD-Parteiorgan „Volkswacht” reagierte am 26. Januar 1907 ernüchtert: „Eine gewaltige Niederlage haben wir gestern erlitten. […] Tausende von Arbeitern müssen den Arbeiterfeind Möller gewählt haben; man steht einem Rätsel gegenüber.”


Das Ergebnis der notwendigen Stichwahl am 4. Februar 1907 indes überraschte vollends: Severing erhielt 52,9 Prozent, v. Möller nur 47,1 Prozent. Severings Hochburgen lagen in Schildesche und Heepen, während er ein traditionell schwaches Ergebnis in Jöllenbeck einfuhr (5,8 Prozent), wo er keine Wahlveranstaltung abhalten durfte. Entschieden wurde die Wahl im katholischen Raum Wiedenbrück, da die Zentrumswähler nach dem Ausscheiden ihres Kandidaten nicht der offiziellen Empfehlung ihrer Parteiführer nach Stimmenthaltung gefolgt waren, sondern für Severing votiert hatten. Sensationelle Gewinne erzielte Severing in den Ämtern Rietberg, Verl und Herzebrock, wo er nach 92 Stimmen in der Hauptwahl nunmehr 2.696 erhielt.
Die Nationalliberalen kochten und die Gütersloher Zeitung empörte sich am 5. Februar 1907: „Das Unerhörte ist geschehen, die rote Fahne weht über unserem Wahlkreis, die rote Fahne am schwarzen Schaft! […] Schmach und Schande ist über unsern Wahlkreis gebracht, Schande durch die Zentrumswähler!” Am selben Tag schrieb der Bielefelder General-Anzeiger zerknirscht: „Das Spiel ist aus! Und ein wunderliches Kampfspiel hat diese Stichwahl gezeitigt. Der Januskopf des Zentrums drückt ihr seinen Stempel auf. Auf den Krücken dieser Partei wandert der sozialdemokratische Kandidat Severing in den Reichstag.”


„Auf den Krücken dieser Partei [Zentrum] wandert der sozialdemokratische Kandidat Severing in den Reichstag“, jammerten die Wahlverlierer; Postkarte, 1907; Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung 61-019-171
Die Hintergründe dieser Wählerbewegung sind unklar. Die verstärkten Wahlkampfaktivitäten der SPD in den Zentrumsgebieten dürften diese ebenso wenig vollständig erklären wie die jetzt all zu durchsichtig eingestreuten Bibelzitate in der „Volkswacht”, die in Zentrumskreisen aber kaum gelesen worden sein dürfte. Möglicherweise hatte eine ungeschickte Wahlpropaganda der Nationalliberalen die Zentrumswähler verschreckt. In katholischen Kreisen waren ungute Erinnerungen an den Kulturkampf (1873-1887) aufgeflammt, als Bismarck mit einer Flut antikatholischer Gesetze und bürokratischer Schikanen gegen den Einfluss der katholischen Kirche vorgegangen war. Der damals als „ultramontan”, d.h. Papst hörig beschimpfte deutsche Katholizismus und seine politische Vertretung wurden 1906/07 erneut als national unzuverlässig diffamiert. Die v. Möller unterstellten kulturkämpferischen Absichten, die selbst Severing als nicht gegeben sah, trieben die Katholiken nicht in die Stimmenthaltung, sondern überraschenderweise in die Arme des Sozialdemokraten.
Die Kulturkampf-Karte war aber von Unterstützern v. Möllers im 1. Wahlgang selbst ausgespielt worden, als diese sich gegen „ultramontane Geistesknechtschaft” wandten und an die letztmaligen Nichtwähler appellierten, dafür zu sorgen, dass „dieser 25. Januar nicht wie jener der Geschichte zu einem Gang nach Kanossa werde!” – manchem Katholiken wird hier Bismarcks „Canossa”-Diktum in Erinnerung gekommen sein. Das Zentrum warnte wiederum: „Der heftige Kampf gegen das Zentrum entspringt den antichristlichen Tendenzen des Liberalismus. […] Man spricht schon von einem neuen Kulturkampf, den gewisse Parteien ankündigen. Sobald sie die Mehrheit haben, wird er auch beginnen.” In Wiedenbrück musste am 3. Februar 1907 eine Wahlveranstaltung v. Möllers nach massiven Störungen durch katholische Gesellen sogar abgebrochen werden.


Die Zentrumswähler befürchteten neue antikatholische Maßnahmen durch die Nationalliberalen; Wahlaufruf des Zentrums, 1907; Stadtarchiv Bielefeld, Geschäftsstelle I, 14,2

Zusätzlich hatte es vor der Stichwahl Absprachen zwischen SPD und Zentrum gegeben, wonach die Sozialdemokraten in Osnabrück-Bersenbrück den Zentrumskandidaten unterstützen sollten, im Gegenzug auf eine Unterstützung Severings durch die bisherigen Zentrumswählern in Bielefeld-Wiedenbrück zählen konnten. Offiziell empfahl das Zentrum jedoch Stimmenthaltung. Die bislang zwischen Nationalliberalen und Zentrum üblichen Absprachen für Bielefeld-Wiedenbrück waren diesmal gescheitert.
Die Plenararbeit im Reichstag ließ Severing zunächst ernüchtern: „Die ersten Plenarsitzungstage verliefen äußerst schleppend und monoton. […] Hier kam es mir vor, als ob ich zum Nichtstun verurteilt sei.” Am 18. April 1907 hielt er seine erste Rede, die die Tageszeitung „Das Reich” nicht inhaltlich kommentierte, sondern lediglich höhnen ließ: „Er hätte sich doch wenigstens heute einmal die Haare kämmen können. So stand der 31 Jahre alte Struwwelpeter als echter Proletarier da und brachte verschiedene Klagen vor.”
Severing verlor sein Mandat 1912 wieder. 1919 zog er in die Verfassunggebende Deutsche Nationalversammlung und dann als Abgeordneter in den Reichstag ein. 1919 wurde er Reichs- und Staatskommissar für das Ruhrgebiet, von 1920 bis 1926 war er mit kurzer Unterbrechung preußischer Innenminister und von 1928 bis 1930 Reichsinnenminister. Seine Maßnahmen gegen Rechts- und Linksextreme als preußischer Innenminister ab Oktober 1930 machten ihn zur Zielscheibe radikaler Parteien und Gruppen. Am 20. Juli 1932 wurde er durch Papens „Preußenschlag" seines Amtes enthoben. Während der NS-Diktatur lebte er in Bielefeld. 1946 bis 1948 war er Chefredakteur der Bielefelder „Freien Presse". 1947 zog er in den nordrhein-westfälischen Landtag ein. Carl Severing starb 1952 in Bielefeld.

Literatur

  • Alexander, Thomas, Carl Severing. Sozialdemokrat aus Westfalen mit preußischen Tugenden, Bielefeld 1992
  • Ditt, Karl, Industrialisierung, Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung in Bielefeld 1850-1914, Dortmund 1982
  • Gründer, Horst, Geschichte der deutschen Kolonien, Paderborn 5 2004
  • Heyden, Ulrich van der, Die „Hottentottenwahlen” von 1907, in: Jürgen Zimmerer/Joachim Zeller (Hg.), Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003. S. 97-102
  • Kranzmann, Gerd, Die Arbeiterbewegung in Bielefeld und Umgebung 1890-1914, Münster [1972]
  • Severing, Carl, Mein Lebensweg, Bd. 1: Vom Schlosser zum Minister, Köln 1950
  • Walther, Heidrun, Theodor Adolf von Möller 1840-1925. Lebensbild eines westfälischen Industriellen, Neustadt/Aisch 1958
  • Wibbing, Joachim, Die „Hottentottenwahl” und die Presse. Vor 100 Jahren errang die SPD das Reichstagsmandat in Bielefeld, in: Der Minden-Ravensberger 79 (2007), S. 22-27


Quellen

Stadtarchiv Bielefeld, Geschäftsstelle I, 14,2: Reichstagswahlen (1902-1913)
Stadtarchiv Bielefeld, Amt Dornberg, 52 Bd. I: Reichstagswahlen (1897-1932)
Stadtarchiv Bielefeld, Amt Brackwede, A 679: Reichstagswahlen (1903-1914)
Stadtarchiv Bielefeld, Amt Heepen, 1072: Reichstagswahlen (1906-1913)
Stadtarchiv Bielefeld, Amt Schildesche, 41: Reichstagswahlen (1906-1913)
Stadtarchiv Bielefeld, Amt Schildesche, 516: Berichte über die Sozialdemokratische Bewegung (1894-1914)
Stadtarchiv Bielefeld, Westermannsammlung, Bd. 3
Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung, 61-019-049, 61-019-171 und 61-013-008


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