20. Februar 1860: Maskenfest und Maskenball am Rosenmontag in Bielefeld

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Bielefeld und Karneval: Das scheint ein Widerspruch zu sein. Wer zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch feiern will, verlässt die Stadt rechtzeitig Richtung Stukenbrock, Rietberg und Münster, fährt, nicht selten kostümiert, mit der Bahn in die Zentren des rheinischen Frohsinns oder ins schwäbische Württemberg, wo bereits im Januar in kleinsten Städten und Gemeinden mit Hexensprung und Schellenrasseln nach alten und neuen Regeln alemannische Fastnacht gefeiert wird. Auch Bielefelder Clubs und Discotheken werben am Rosenmontag mit einem besonderen Programm. Nur scheinen diese Partys oft nicht mehr als vorgeschobene Gründe zu sein, wieder einmal richtig „abzufeiern”. Ein kollektives, die ganze Stadt umfassendes Lebensgefühl kommt aber nicht auf. Das war im 19. Jahrhundert ganz anders. Schichtenübergreifend teilten die Bielefelder die Lust sich zu verkleiden, zu maskieren und den Ernst des Alltags zumindest für einige Stunden zu vergessen.

So lud die 1795 gegründete Gesellschaft Ressource nach dem Bau eines Konzertsaales an der Altstädter Kirchstraße Ecke Renteistraße seit 1829 regelmäßig am Karnevalssonntag oder am Rosenmontag zum Maskenball ein. Während Mitglieder der Ressource und deren Angehörige 1830 „auch unmaskiert” den Saal betreten durften, appellierte die Gesellschaft an Nichtmitglieder und Auswärtige, „in anständiger Maske oder wenigstens im Domino und halber Maske” zu erscheinen, also mit einem schwarzen, wadenlangen Umhang mit Kapuze. Gegen ein Eintrittsgeld von 15 Silbergroschen, was ungefähr den halben Wochenlohn eines Gesellen entsprach, bot das Programm „mehrere große und glänzende Aufzüge”, um „die Freuden dieses Abends zu erhöhen”. Für die Öffentlichen Anzeigen der Grafschaft Ravensberg, die 1830 konkurrenzlos das lokale Geschehen zweimal in der Woche auf wenigen Seiten kommentierten, war die Karnevalszeit so wichtig, am Aschermittwoch einen „Nachruf auf Fasching” in Gedichtform zu veröffentlichen. Die siebte und letzte Strophe beginnt mit der Aufforderung „Doch sei kein Thor, sei nur ein Narr” und endet mit den melancholischen Zeilen: „Drum trag auch ich die Kappe gern / O, bleib uns nah auch in der Fern’ / Dann wird ihr Schell’n-Geläute / Stets grüßen dich, wie heute.”




In den 1830er Jahren berichtete die Zeitung noch nicht über das närrische Treiben der kleinen Leute in Bielefeld. Dreißig Jahre später konnte man den Eindruck gewinnen, dass die ganze Stadt auf den Beinen war. Bereits am 1. Februar 1860, dem ersten Tag des „Faschings-Monats”, trafen sich alle „Carnevals-Commissionen”, um das bis Rosenmontag anstehende Programm vorzustellen. Weihevoll tönte es „aus der Narrhalla”: „Ein Jahr des Narrenreichs ist bald verflossen und jetzt stehen wir wieder an den Stufen des Thrones des größten aller Fürsten, welcher nicht allein uns, sondern auch die ganze Welt beherrscht und regiret, - des Fürsten Carneval, - Beschützer der Thoren, Gecken und Narren.” Bis heute lässt sich weder klären, wer Mitglied der Karnevalskommissionen war, in welchem Lokal sich die Narrhalla befand oder welchen bürgerlichen Namen Fürst oder Prinz Karneval, wie er später auch genannt wurde, hatte. Durch eine „telegraphische Depesche” kündigte Fürst Karneval jedenfalls sein Erscheinen zum Maskenfest in Bielefeld am 20. Februar 1860 an. Die Karnevalskommissionen riefen „alle Narren und Gecken” auf, „an allen Thorheiten” teilzunehmen, die erforderlich seien, „den Empfang zu verherrlichen und zu verschönern, um auf diese Weise [...] uns der Narrheit würdig zu machen.” Von nun an verging kaum ein Tag ohne närrisches Treiben.

Ein „christlicher Narr” stellte gleich zu Beginn der närrischen Saison zwei Gedichte des „Hofpoeten des Prinzen Carnevals” vor, die die Schwärmerei und Leichtigkeit im Umgang von Männern und Frauen bzw. „Fräulein” während des Faschings thematisierten. Diese Gedichte sollten „verliebten Narren”, vor allem aber „Verliebte männlichen Geschlechts von 20-70 Jahren” als „lindernder Balsam für die Wunden ihres liebeszerrissenen Herzens gereicht werden”. Der Autor wollte es aber den „Narren Bielefelds […] gänzlich überlassen […], ob sie sich mit Hörnern oder Narrenmützen schmücken lassen wollen.” Gelegenheit dazu boten zahlreiche Veranstaltungen, wie zum Beispiel die erste „Große närrische Carnevalssitzung” am 5. Februar 1860, zu der der „große Rath” einlud. Geboten wurde ein „närrisches Vocal- und Instrumental-Concert mit Ballet”. Auf dem Programm standen unter anderem die Ouvertüre der Oper „Der Humorist”, deren Komponist sich schlicht und einfach „Spaßvogel” nannte, ein Katzenduett, Spielszenen „mit Kostümen” aus dem Stück „Die Berggeister von Rübezahl” sowie die „große ihrische Oper ‚Die Geisterstunde’ […] mit Evolutionen, Tanz, Gefecht, Feuerregen, Donner, Blitz und Hagel.” In der festlich geschmückten Narrhalla übernahmen „Funken im Kostüm” die Bedienung der Gäste.



Bildbeschreibung

Nachruf an Fasching, in: Öffentliche Anzeigen der Grafschaft Ravensberg vom 24. Februar 1830


Anzeige im Bielefelder Wochenblatt

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Hinter dem „große Rath” stand vor 150 Jahren wohl die aktivste Karnevalsgesellschaft Bielefelds, deren Mitglieder und Vorstände bis heute unbekannt geblieben sind. Er zeichnete für zahlreiche Karnevalssitzungen mit wechselndem Programm in der Narrhalla verantwortlich, lud gemeinsam mit einem „Carnevals-Comité” zum „großen Maskenball” ins Theater ein und unterstützte aktiv den Aufruf dieses Comités, einen Rosenmontagszug zu organisieren, das „Maskenfest” am 20. Februar 1860. Es war weder das erste noch das letzte Mal, dass es in Bielefeld einen „Carnevals-Zug” gab, die Berichte über das närrische Leben im Februar 1860 lassen aber nur den Schluss zu, dass Karneval vor 150 Jahren zur städtischen Festkultur Bielefelds gehörte.

Das heiß nicht, dass alle Einwohner vom närrischen Frohsinn hellauf begeistert waren. Zu Beginn der Karnevalssaison richtete das Comité ein „ernstes Wort an alle Carnevals-Freunde” und appellierte vor allem an jüngere Leute, sich aktiv an dem geplanten Umzug zu beteiligen, „sich auf einige Stunden dem Philisterthume und der Kleinstädterei zu entheben, daß sie nicht wie so viele sich weiser dünkelnde Zuschauer, deren ohnehin noch genug über bleiben, dastehen, denen die Theilnahme ihrer nicht würdig erscheint, indeß mit Begierde unsere ernsten Tollheiten begaffen.” Und, einem Credo gleichkommend, verkündete das Comité: „Narrenthum in geschlossenen Räumen ist ohne allgemeinen Nutzen, nur öffentliche humoristische Aufführungen kommen der ganzen Bevölkerung, den Armen wie den Reichen, zu Gute.”

Der „große Rath” führte 1860 ein närrisches Scharmützel mit der Karnevalsgesellschaft der Feldmark, dem „kleinen Rath der Gecken” bzw. den „Klutentretern”, wie sich die Bewohner der Feldmark aufgrund fehlender befestigter Straßen und schmutziger Schuhe in wunderbarer Selbstironie bezeichneten. Während der „große Rath” für sich in Anspruch nahm, die Narren Bielefelds zu repräsentieren, forderte die Feldmärker die „Befreiung der klutentreterischen Nationalität von der Tyrannei der Industrie” sowie die „Annexion an stammverwandte Nationen”, wie es zum Beispiel China sei. In „unseren 5 Cantonen” herrsche ein ernsthaftes „Narrenfieber”, konstatierte der „große Rath”. Daher habe auch Prinz Carneval beschlossen, Rosenmontag einen Bogen um Bielefeld zu machen, um sich und seine Gefolgschaft vor dem ansteckenden „Narrenfieber” zu schützen. Er wolle vielmehr von Brackwede nach Halle und Werther reisen, „um die närrische Bergwerksindustrie dort zu inspiziren”, hieß es in einem Telegramm. Um den „im Fieberzustande befindlichen Feldmarken” zu helfen, wollte er seinen „närrischen Hof-Bader” senden, der mit „wiederholten Schröpfen und Aderlassen” bereits große Erfolge erzielt habe.



Bildbeschreibung

Anzeige im Bielefelder Wochenblatt vom 15. Februar 1860


Die Tonhalle auf dem Johannisberg
Diese vom „großen Rath” im Bielefelder Wochenblatt lancierte Nachricht wollten die Gecken in der Feldmark nicht unbeantwortet lassen. Der Prinz, so ließen sie es die Leser wissen, werde nicht „in unserem nahe gelegenen Städtchen” verweilen, weil dort eine „Geld-Krisis” ausgebrochen sei und „seine Hoheit” deshalb befürchte, dass er dort nicht „in würdiger Weise” empfangen werde. „Einige Klutentreter aus dem IV. Canton”, die damit prahlten, dass sich die „Narrenburg” einzig und allein in ihrem Canton befände, schlugen vor, dass „die klutentreterische Nationalität der pflastertreterischen Bevölkerung jene Mittel beschaffen” könne, den Prinzen zu empfangen, um „die Narren ohne Portemonnaie durch seinen Einzug zu erfreuen.” Der „kleine Rath” hielt das nicht für notwendig: Der Prinz werde nicht der Stadt, sondern der Feldmark einen Besuch abstatten. So ging es hin und her. Der „große Rath” versicherte, an „keiner Geldkrisis” zu laborieren, und konterte, dass der Pinz überhaupt nicht daran denke, „im Dreck der Feldmark stecken zu bleiben”.

Am letzten Karnevalswochenende im Februar 1860 wurde den Bielefelder Narren so einiges geboten. Wer wollte, der konnte tagelang feiern und tanzen. Am Karnevalssamstag lud Christian Nasse auf den Johannisberg zum Fastnachtsball ein, am Sonntag feierte die Gesellschaft Ressource ihren traditionellen Maskenball und stellte dazu eine „Auswahl schöner Maskenanzüge und Dominos” bereit. Auf dem reichhaltigen Programm stand außer einem spanischen Nationaltanz mit „vier richtigen Damen und vier unrichtigen Herren” auch der Besuch des Prinz Carneval, der sich dem Volk zeigen und „höchst leutselig” benehmen wollte. Vor dem „großen Maskenball” im Theater fand das Maskenfest statt. Gegen 14 Uhr setzte sich am Niederntor, also in der Höhe des heutigen Jahnplatzes, ein Zug in Bewegung, der durch die Stadt nach Brackwede führte und wieder nach Bielefeld zurückkehrte. Während sich wohl alle pflastertretenden Narren an diesem Zug beteiligten, feierten die Bewohner der Feldmark den „Klutentreter Carneval”. Er begann mit einem „General-Appell” in der Siechenmarsch. Von dort setzte sich ein Zug vom I. bis zum IV. Canton in Bewegung. In einem Gedicht, das wiederum die närrische Fehde mit dem „großen Rath” führte, kündigte der „kleine Rath” an, die diesjährige Karnevalssaison mit einem Ball beenden zu wollen.



Bildbeschreibung

Die Tonhalle auf dem Johannisberg (1863). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 13-1-3


Mitglieder des Bielefelder Bardenbundes
Es liegen leider keine Berichte vor, wie die Bielefelder 1860 in der „Narrhalla”, auf dem Johannisberg, in der Ressource oder auf dem Klutentreter-Ball gefeiert haben. Auch wissen wir nichts über die Rosenmontagzüge von Bielefeld nach Brackwede oder in den Cantonen der Feldmark. Nur die Ankündigungen und die närrische Fehde des kleinen und großen Rates sind dokumentiert. Und vielleicht gehörte auch die Fehde zu den wiederkehrenden Ritualen des Karnevals, die hervorragend inszeniert war und das närrische Volk köstlich amüsiert hatte. Wie in den Hochburgen des Karnevals, des Faschings oder der Fastnacht, ging es auch den Bielefeldern in erster Linie um „amusement”, um eine zeitlich begrenzte und kontrollierte Verletzung von Konventionen, um einen Rollenwechsel, der durch eine Maske ermöglicht wurde, kurz, es ging um den närrischen Spaß. Im 19. Jahrhundert gab es kaum einen Verein, der nicht in der Karnevalszeit mit einem eigenen Programm auf sich aufmerksam machte. Und es wurden Vereine gegründet, die den närrischen Frohsinn auf ihre Fahnen schrieben. Zu ihnen gehörte der Bardenbund, der 1861 an die hundert Mitglieder zählte, oder der 1878 gegründete Verein „Blausäure”, der unter anderem Orden „für ganz besondere Verdienste auf dem Gebiete des höheren Blödsinns” verlieh und bekannte Bielefelder zu seinen Mitgliedern zählte.

Bildbeschreibung

Mitglieder des Bielefelder Bardenbundes (1861). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Bd. 21


Karnevalsfeier in der Handwerker- und Kunstgewerbeschule
Die lokalhistorische Forschung sollte sich dem närrischen Bielefeld intensiver widmen und fragen, warum diese Festkultur des 19. Jahrhundert so gar nicht zum heutigen Bielefeld passen will. Ganz abgebrochen ist die Tradition allerdings nicht. Noch immer gibt es in Bielefeld Karnevalsvereine, die jedes Jahr in der närrischen Saison zahlreiche Veranstaltungen organisieren. Und es gibt kaum einen Verein, der nicht zu Karnevalspartys einlädt. Von Schulen und Kindergärten ganz zu schweigen. Straßenkarneval gibt es am Rosenmontag in Bielefeld aber nicht und damit auch kein kollektives, die ganze Stadt umfassendes närrisches Lebensgefühl.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 321: Volksfeste (1813-1880)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Bd. 21: Vereine
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Öffentliche Anzeigen der Grafschaft Ravensberg, Bielefelder Wochenblatt
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Literatur

200 Jahre Gesellschaft Ressource, hg. v. Gesellschaft Ressource, Bielefeld 1995

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Bildbeschreibung

Karnevalsfeier in der Handwerker- und Kunstgewerbeschule (1912). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung