31. März 1932:
Dr. Rudolf Stapenhorst geht in den Ruhestand

Von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek
Am 31. März 1932 endete mit dem Rücktritt von Dr. Rudolf Stapenhorst (1865-1944) die längste Amtsperiode eines Bürgermeisters in der Geschichte Bielefelds. Als frisch promovierter Jurist wurde er im Mai 1895 zum zweiten Bürgermeister gewählt und wenige Monate später von Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann in sein Amt eingeführt. Stapenhorst war zu diesem Zeitpunkt erst 30 Jahre alt und hatte nach der Promotion nur wenige Monate bei der preußischen Regierungsbehörde in Minden und als Vertreter des Landrates in Büren seine ersten Sporen verdient. In Bielefeld zeichnete er mit dem Polizei- und Schulwesen zunächst für einen „verhältnismäßig klein umschriebenen Aufgabenbereich” verantwortlich, wie die Westfälische Zeitung rückblickend berichtete.


Oberbürgermeister Dr. Rudolf Stapenhorst (1925); Stadtarchiv Bielefeld Fotosammlung
Das Polizeiwesen gehörte im Kaiserreich zu den kommunalen Pflichten, den rechtlichen Rahmen bildeten aber die Bestimmungen der preußischen Städteordnung. Damit beschränkte sich die Verantwortung des Bürgermeisters auf die Einhaltung bzw. Umsetzung des geltenden Rechts. Zu Beginn von Stapenhorsts Amtszeit waren bei der Bielefelder Polizei außer einem Inspektor jeweils drei Kommissare und Wachtmeister sowie 30 Sergeanten beschäftigt, die zur Hälfte noch „Nachtschutzleute” hießen. Als wenige Jahre später die Städteordnung forderte, auf 1.000 Einwohner einen Polizeibeamten einzustellen, wurde in Bielefeld auf sein Anraten eine kommunale Polizeischule in dem Gebäude der Niedermühle eingerichtet, um den Ausbildungsbedarf zu decken. Nach dem Ersten Weltkrieg gab die Stadt die Schule wieder auf, weil das Polizeiwesen in den Aufgabenbereichs des Staates übertragen wurde.


Die 6. Bürgerschule an der Weidenstraße (1911); Stadtarchiv Bielefeld Fotosammlung

Wesentlich nachhaltiger war Stapenhorsts Engagement für das Schulwesen. In den Friedensjahren des Kaiserreichs wurden für die 1., 6. und 11. Bürgerschule an der Sudbrack-, Weiden- und Fröbelstraße sowie für die Mädchen-Mittelschule an der Paulusstraße Neubauten errichtet. Zwei weitere Bürgerschulen an der Gutenberg- und Petristraße, die Oberrealschule an der Paulusstraße und das Städtische Gymnasium am Nebelswall erhielten Erweiterungsbauten. Durch diese Maßnahmen konnten bei steigenden Schülerzahlen die Anzahl der Klassen erhöht und die durchschnittliche Klassengröße von 74 Kinder im Jahr 1895 auf 50 im Jahr 1914 reduziert werden. Überdies schrieben es die Zeitgenossen dem Verhandlungsgeschick Stapenhorsts zu, dass die konfessionelle Cecilienschule, an der die von Bodelschwinghschen Anstalten Interesse bekundeten, 1913 in kommunalen Besitz überging. Und nicht zuletzt war Stapenhorst auch an der Gründung der Handwerker- und Kunstgewerbeschule sowie der Metallfachschule an der Heeper Straße beteiligt. Mit diesem Engagement erwarb er sich schon frühzeitig den Namen eines „Schulbürgermeisters”.


1910 endete die Amtszeit von Oberbürgermeister Bunnemann. Die Stadtverordneten wählten Stapenhorst einstimmig zu seinem Nachfolger. In dieser Funktion war er mit der Versorgungskrise während des Ersten Weltkrieges und den politischen Umwälzungen des Jahres 1918/19 sowie Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit in den 1920er Jahren konfrontiert. Als er sich dafür aussprach, die Notstandsarbeiten zur Linderung der Arbeitslosigkeit nicht nur für Straßen- und Kanalisationsarbeiten zu nutzen, wurde er heftig kritisiert. Manche Stadtverordnete sprachen von Geldverschwendung, andere wollten nicht verstehen, welchen Sinn es mache, zum Beispiel im Westen der Stadt auf dem Gelände einer ehemaligen Ziegelei eine Parkanlage zu schaffen. Dieses Gelände, so meinten die Kritiker, sollte von Anwohnern besser als Gemüsegärten genutzt werden. Stapenhorst ließ sich nicht beirren: Der Bürgerpark wurde bereits 1921 fertiggestellt. 1926 folgte der Kesselbrink, der ebenfalls von Arbeitslosen zum Volkspark umgebaut wurde.


Am 1. Oktober 1930 wurde der Lokalteil der sozialdemokratischen Tageszeitung Volkswacht in „Gross-Bielefeld“ umbenannt; Stadtarchiv Bielefeld, Zeitungssammlung

Von Beginn seiner Amtszeit an sprach sich Stapenhorst dafür aus, durch eine vorausschauende Bodenpolitik den städtischen Besitz und durch Eingemeindungen das Stadtgebiet zu vergrößern. Zu den bedeutenden Käufen zählten die ehemalige Hagemeiersche Ziegelei am Bürgerweg, der Hof Drexhage, auf dessen Gelände nach Plänen des Gartenbaudirektors Paul Meyerkamp ein Botanischer Garten geschaffen wurde, Höfe in Sudbrack und Stieghorst und nicht zuletzt die Heeper Fichten. Dieser Ankauf konnte nur mit der denkbar knappsten Mehrheit von einer Stimme im Stadtparlament realisiert werden. Auch sein Bestreben, durch die Eingemeindung aus Bielefeld eine Großstadt zu machen, war höchst umstritten. Vor allem Vertreter der DNVP befürchteten, dass der politische Einfluss der Sozialdemokratie zunehmen könne, wenn die von Arbeitern bevölkerten Vorstädte an den Wahlen zum Stadtparlament teilnähmen. Demgegenüber begrüßten die Stadtverordneten der DVP aus wirtschaftlichen Gründen die Vergrößerung Bielefelds und standen zusammen mit den SPD-Parlamentariern hinter den Plänen des Oberbürgermeisters. Neben den Debatten im Bielefelder Rathaus verzögerten die notwendigen Stellungnahmen der Mindener Bezirksregierung, des Preußischen Innenministers und des Preußischen Staatsrates die Eingemeindung bis über den Termin der offiziellen Pensionierung Stapenhorsts im Mai 1930 hinaus. Stapenhorsts Amtszeit wurde um drei Jahre bis Oktober 1933 verlängert, wobei sich der Oberbürgermeister das Recht vorbehielt, auch vorher aus dem Amt scheiden zu können.


Karikatur der Westfälischen Zeitung am 1. Oktober 1930: „Als Großstädter sind wir erwacht!“; Stadtarchiv Bielefeld, Zeitungssammlung

Wie kam es nun, trotz Verlängerung, zum vorzeitigen Ende seiner Amtszeit? Eine Ursache ist in den politischen Folgen der Eingemeindung zu finden. Das „Gesetz über die Erweiterung des Stadtkreises Bielefeld” wurde im Juni 1930 vom Landtag beschlossen und trat am 1. Oktober 1930 in Kraft. Aus den umliegenden Ämtern wurden mehrere Gemeinden und Bauerschaften wie Schildesche, Sieker und Stieghorst dem Stadtgebiet zugeschlagen, wodurch sich die Einwohnerzahl um mehr als 38.000 auf 120.000 erhöhte. Dieser grundlegende Einschnitt in die Gebietskörperschaften des Stadt- und Landkreises Bielefeld machte kommunale Neuwahlen notwendig, die am 30. November 1930 stattfanden. Aus diesen Wahlen ging in Bielefeld die NSDAP als eindeutiger Gewinner hervor. Sie konnte ihre Mandate von zwei auf zwölf erhöhen. Am stärksten büßte die DVP ein, die statt neun nur noch mit drei Mandaten vertreten war. Alle anderen bürgerlichen Parteien hatten leichte Stimmenverluste. Die Deutsche Staatspartei, die vormals über zwei Mandate verfügte, war nicht mehr im Rathaus vertreten. Der befürchtete starke Stimmenzuwachs der Arbeiterparteien blieb aus: Die SPD konnte drei Mandate gewinnen und bildete mit 22 Mandaten die mit Abstand stärkste Fraktion, die KPD legte um ein Mandat zu. Obwohl die NSDAP noch nicht einmal ein Viertel der Mandate für sich verbuchen konnte, wurde der Nationalsozialist Emil Irrgang im zweiten Wahlgang mit einfacher Stimmenmehrheit zum Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung gewählt. Er erhielt 25 Stimmen, der Sozialdemokrat Heinrich Jerrentrup nur die Stimmen seiner Fraktion; die kommunistischen Abgeordneten enthielten sich der Stimme.


Schlagzeile der Westfälischen Neuesten Nachrichten am 1. Dezember 1930. Die sozialdemokratischen Verluste bezogen sich auf den Kreistag; Stadtarchiv Bielefeld, Zeitungssammlung

Mit dem Einzug der braunen Fraktion verschärfte sich das Klima im Stadtparlament. Das bekam vor allem Oberbürgermeister Stapenhorst zu spüren. Die NSDAP war Wortführer einer heftigen Obstruktionspolitik, deren einziges Ziel die Überwindung des Parlaments war. DNVP und Wirtschaftspartei, die die Eingemeindungspolitik bekämpft hatten, stimmten in die Kritik mit ein. Zudem wurden die mit der Weltwirtschaftskrise angewachsene Arbeitslosigkeit und desolate Finanzlage der Kommunen, unter der alle Städte zu leiden hatten, dem Oberbürgermeister angelastet. Auch hielten ihm die Parlamentarier vor, in den 1920er Jahren Geld für unnötige Projekte verschwendet zu haben, das nun fehlte. Als vor dem Hintergrund der Finanzkrise der Regierungspräsident im Januar 1931 für den Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung Staatskommissare einsetzte, versuchte die NSDAP die Integrität des Oberbürgermeisters zu beschädigen. Sie machte ihn persönlich für die Maßnahme der Regierungsbehörde verantwortlich und stellte gegen ihn einen Missbilligungsantrag. Während sich die sozialdemokratische Fraktion und vier bürgerliche Parlamentarier nicht an diesem unwürdigen Spektakel beteiligen wollten, votierten Kommunisten und Nationalsozialisten gemeinsam für den Antrag. Ihre schwache Stimmenmehrheit reichte, um dem Oberbürgermeister durch den nationalsozialistischen Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung eine Missbilligung auszusprechen. „Nicht zuletzt dieser Vorgang”, urteilt Reinhard Vogelsang in seiner Geschichte der Stadt Bielefeld, habe den Oberbürgermeister veranlasst, „vorzeitig aus dem Amt zu scheiden.”

Im Dezember 1931 erklärte Dr. Rudolf Stapenhorst seinen Rücktritt. Tumultartige Szenen bestimmten die letzte Sitzung der Stadtverordnetenversammlung vor dem Jahreswechsel, weil die Mehrheit der bürgerlichen Parteien durch sofortige Neuwahl die Nachfolge des Stadtoberhauptes festlegen wollte. Ohne einen Namen zu nennen, hoben sie den Beigeordneten Dr. Paul Prieß auf den Podest. Die Sozialdemokraten, die Bürgermeister Josef Köllner an der Spitze des Rathauses sehen wollten, forderten eine Wahlkommission und erhielten dafür letztlich auch die Unterstützung der DVP. Diese Kommission schlug die genannten hohen Verwaltungsbeamten vor. Dr. Prieß erhielt in der Januarsitzung die Stimmenmehrheit. Auf der gleichen Sitzung wurde in Erwägung gezogen, den scheidenden Oberbürgermeister für seine Verdienste zu ehren. Bereits 1930 war anlässlich seines 65. Geburtstag der Bürgerweg nach ihm umbenannt worden. In der Verleihung der Ehrenbürgerschaft sahen viele Parlamentarier eine würdige und notwendige Auszeichnung. Dr. Stapenhorst erklärte, dass er die Ehrenbürgerschaft nur annehmen könne, wenn sich die Stadtverordneten dafür einstimmig aussprächen. Eine Tageszeitung vermutete, dass das scheidende Stadtoberhaupt wohl auf die Stimmen der Kommunisten verzichten würde. Die Stadtverordneten diskutierten jedoch nicht mehr über dieses Thema. In der Märzsitzung legten sie fest, am 1. April den scheidenden Oberbürgermeister feierlich zu verabschieden und Dr. Prieß in sein Amt einzuführen. Dr. Stapenhorst lehnte eine Teilnahme an dieser Veranstaltung ab. Das Presseorgan der Bielefelder NSDAP höhnte, dass sie die ganze Aufregung gar nicht verstehen könne. Mit ihnen habe keiner über eine mögliche Ehrenbürgerschaft gesprochen.


Rudolf Stapenhorst nahm an dem Festakt nicht teil. Er ließ sich wenige Tage später von der Schützengesellschaft und wohlgesonnenen Bürgern mit einem Fackelzug in der Stadt und auf dem Johannisberg feiern. Die letzten Monate seiner Amtszeit spiegelten die Krise der Parlamente am Vorabend der nationalsozialistischen Diktatur wider. Obstruktion, Verhöhnung und Destabilisierung mündeten 1933 in der Zerschlagung der Parlamente.

Rudolf Stapenhorst, gebürtig aus Lienen bei Tecklenburg, blieb in Bielefeld wohnen. Er gehörte in den 1930er Jahren zu den respektierten Honoratioren der Stadt. Am 26. Oktober 1944 kam er bei einem Bombenangriff auf Bielefeld ums Leben.


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Literatur

  • Büschenfeld, Jürgen, Stadtverfassung und Stadtverwaltung. Kommunale Strukturen im Zeitwandel, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld. Tradition und Fortschritt in der ostwestfälischen Metropole, Bielefeld 1996, S. 56-69
  • Stapenhorst, Rudolf, Die städtische Boden- und Siedlungspolitik, in: Das Buch der Stadt, hg. v. Magistrat der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1926, S. 76-82
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 1988
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005

Quellen

Stadtarchiv Bielefeld, Geschäftsstelle I, 106: Beschäftigung in Not befindlicher Arbeiter (1901-1926)
Stadtarchiv Bielefeld, Geschäftsstelle I, 251: Notstandsarbeiten Kesselbrink (1926-1928)
Stadtarchiv Bielefeld, Protokolle 14: Protokollbuch der Stadtverordneten-Versammlung zu Bielefeld (1920-1930)
Stadtarchiv Bielefeld, Protokolle 15: Protokollbuch der Stadtverordneten-Versammlung zu Bielefeld (1931-1933)
Stadtarchiv Bielefeld, Berichte über den Stand und die Verwaltung der Gemeinde-Angelegenheiten der Stadt Bielefeld (1895-1932)
Stadtarchiv Bielefeld Fotosammlung
Stadtarchiv Bielefeld, Zeitungssammlung:
Bielefelder Beobachter
Volkswacht
Westfälische Neueste Nachrichten
Westfälische Zeitung


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