1. März 1931: Enthüllung eines Gedenksteines für die gestorbenen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges am Jahnplatz

Von Dagmar Giesecke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
„Zwei Glockenschläge hallen über die Dächer Bielefelds, elfeinhalb Uhr. Halbmast weht die Fahne auf dem Hause der Technik, am Fuße des mächtigen Gebäudes drängen dichte Menschenmauern. […] Unter dem ziehenden Grau der Wolken ragt herb ein Stein, der den in Gefangenschaft umgekommenen Brüdern ein stetes Gedenken sein will.” Mit diesen Worten beginnt am 2. März 1931 die Berichterstattung der Volkswacht zur feierlichen Enthüllung des Ehrenmales anlässlich des Volkstrauertages, der bis 1952 immer am Sonntag Reminiscere (fünfter Sonntag vor Ostern) abgehalten wurde. Eingeführt wurde dieser reichsweit 1926 zum Gedenken an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges.

Erste Überlegungen, den Opfern des „Großen Krieges” Ehrenmale zu errichten, fanden in Deutschland 1915 schon bald nach Kriegsbeginn statt, initiiert durch die Vereinigung „Nationalgabe, Nagelung von Wahrzeichen zu Gunsten der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen”. Auch in Bielefeld wurde auf dem Alten Markt am 18. September 1915 eine Statue, genannt der „Bielefelder Feldgraue”, von Oberbürgermeister Rudolf Stapenhorst unter großer öffentlicher Anteilnahme eingeweiht.



Einweihung des Kriegermals auf dem Alten Markt
Nach Ende des Krieges bis hin zum Untergang der Weimarer Republik schossen fast allerorts Ehrenmale, Gedenksteine und -tafeln wie Pilze aus dem Boden. Zu keiner Zeit vorher waren Krieg und Denkmal sowie Ereignis und Erinnerung so eng miteinander verwoben. Vielfältig waren die Gruppierungen, die sich für die Erinnerungskultur einsetzten. Allein im Landkreis Bielefeld konnte an mehr als zwanzig Plätzen der Toten des Ersten Weltkrieges gedacht werden. In der Stadt selbst hielt man sich allerdings lange Zeit zurück. Schuld daran war keinesfalls mangelnde Beachtung der Thematik, vielmehr ließ die politische Bandbreite einen Konsens nicht zu. Zwar hatte die Stadtverordnetenversammlung, zusammengesetzt aus fast gleichstarken bürgerlichen Parteien und Sozialdemokraten, stets den Gedanken eines Ehrenmales in Hinterkopf. Auch der Ort stand schon fest: Auf dem Ehrenfeld des Sennefriedhofs sollte er sein. An Entwürfen mangelte es nicht, aber keiner genügte den Vorstellungen und Ansprüchen der Stadt. Selbst der prämierte Entwurf von Franz Guntermann, Lehrer an der Bielefelder Kunstgewerbeschule, fand keine Umsetzung und erfuhr 1926 sein endgültiges Aus.


Bildbeschreibung

Einweihung des Kriegermals der „Bielefelder Feldgraue” auf dem Alten Markt am 18. September 1915; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 72-1-218



Bis heute wird vermutet, dass eine Initiative der Familie Oetker größere Beachtung fand. Im März 1916 fiel vor Verdun Dr. Rudolf Oetker. Des jungen Unternehmers und seiner ebenfalls im Krieg getöteten Kameraden sollte mit einer Konzerthalle gedacht werden. Der Magistrat der Stadt schrieb dazu einen Ideenwettbewerb aus, an dem sich ausschließlich Künstler beteiligen durften, die in den preußischen Provinzen Westfalen, Hannover und dem Rheinland sowie den Freistaaten Lippe, Schaumburg-Lippe, Hamburg und Bremen lebten. Auch gebürtige Bielefelder waren zugelassen. Die 1930 eröffnete Oetkerhalle hatte zwar in den weiteren Überlegungen zum Thema Erinnerung maßgeblichen Einfluss, trotzdem war noch immer kein zentrales Gedenken möglich. Aber damit war Bielefeld nicht allein. Selbst die Reichshauptstadt Berlin konnte kein Reichsdenkmal aufweisen. So musste dort auf die Initiative des Ministerpräsidenten Otto Braun die von Schinkel als preußisches Denkmal „Neue Wache” zum Ehrenmal des Ersten Weltkrieges umfunktioniert werden.
Allein den Kriegerwitwen war es schon 1919 in Bielefeld gelungen, einen Friedensbrunnen als Zeichen der Mahnung auf dem Johannisberg einzuweihen. Neben ihnen formierten sich aber auch u. a. Kriegervereine, kirchliche Einrichtungen, städtische Bedienstete und Verbände, quer durch alle politischen Richtungen. Vorherrschend waren heroisierende Darstellungen und Inschriften.

Davon abgehoben sollte sich das Mahnmal der Vereinigung ehemaliger Kriegsgefangener, Ortsgruppe Bielefeld, darstellen. Sie stand politisch der Arbeiterbewegung nahe. Die Monatsversammlung beschloss am 7. März 1930, den „in Kriegsgefangenschaft verstorbenen und umgekommenen Kameraden einen Gedenkstein zu errichten. Gefestigt wurde der Gedanke durch die hochherzige Stiftung des Vaters unseres verstorbenen Vereinskameraden Paul Lohmann”, ist in der Urkunde der Vereinigung vom 14. Februar 1931 zu lesen. Für die Gestaltung des Ehrenmals sollte der zu dieser Zeit noch recht unbekannte Kunstmaler Karl Löwe zuständig sein. Er war sowohl Mitglied der SPD als auch der Vereinigung ehemaliger Kriegsgefangener.

Bildbeschreibung

Wettbewerbsunterlagen werden in der Zeitschrift des Architekten-Verbandes BDA vorgestellt, erschienen Dezember 1927; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 50


Karl Löwe
Löwe war am 18. April 1878 in Bielefeld geboren worden. Er hatte den Beruf des Bäckers erlernt, wechselte später aber in die berufliche Tätigkeit des Lithografen. Nach Wanderjahren und Militärdienst begann er ein Studium an der Kunstschule in Barmen. Nach erfolgreichem Abschluss kehrte Karl Löwe nach Bielefeld zurück, wurde aber sogleich eingezogen, um im Ersten Weltkrieg für „Volk und Vaterland” zu kämpfen. Nach einer schweren Verwundung geriet er in französische Gefangenschaft, aus der er 1920 zurück kehrte. Künstlerisch konnte er sich in Bielefeld nicht profilieren. 1923 ging er für zwei Jahre nach Amerika und Brasilien. Wieder heimgekehrt, beschäftigte er sich nun intensiv mit Landschaftsmalerei. Von ihm stammen aber auch die Kirchenfenster der Lutherkirche in Sieker und die Glasmalereien im Rütli, die sich heute teilweise im Historischen Museum Bielefelds befinden. Die Fenster des städtischen Museums in der Wertherstraße verzierte er mit Trachtenmalereien. Seitdem verband ihn eine tiefe Freundschaft mit dem Museumsleiter Dr. Eduard Schoneweg. Der künstlerische Durchbruch gelang ihm bis zu seinem Tod am 3. Februar 1942 nicht.

Ende Mai 1930 hatte Karl Löwe einen Entwurf erstellt, und durch das Vereinsmitglied Fritz Harbaum gelangte dieser auf den Schreibtisch des Oberbürgermeistern Rudolf Stapenhorst. Die Zeichnung zeigte drei sich umarmende Männer in der Kriegsgefangenschaft, gleichzeitig nach Hilfe suchend und sich Hilfe gebend mit der Aufschrift „Den fern der Heimat gestorbenen und verschollenen Kriegsgefangenen”. Nach Erkundigungen über die Vereinigung verfügte Stapenhorst erst einmal, dass „die Sache vorläufig auf sich beruhen bleiben” solle und die weitere Entwicklung abzuwarten sei. Einen Monat später startete die Vereinigung eine große Werbekampagne zur Finanzierung des Steines. „Man könnte einwenden, es bedürfe dazu keines Gedenksteines für Kriegsgefangene, sondern diese Aufgabe erfülle ein allgemeines Krieger-Ehrenmal. Erfahrungsgemäß bezieht sich ein solches Ehrenmal meist nur auf die Fontkämpfer. Ein aller Kriegsopfer berücksichtigendes Mal und Wahrzeichen gibt es wohl kaum, auch ist eine solche Verbindung gedanklich und künstlerisch nicht gut möglich. Die Tragödie der nicht wieder heimgekehrten Kriegsgefangenen ist eine Sache für sich. Wenn wir einen Gedenkstein errichten, so berühren oder durchkreuzen wir damit nicht etwa bestehende Absichten eines zu errichtenden Krieger-Ehrenmales, dessen Errichtung Sache der Allgemeinheit ist, sondern wir erfüllen nur eine Pflicht gegenüber unseren toten Kameraden”, begründete die Vereinigung nochmals in dem Spendenaufruf ihr Anliegen. Hauptinitiatoren waren Fritz Harbaum und Karl Wilke.

Bildbeschreibung

Porträt von Karl Löwe (1878-1942), ohne Datum; aus: Der Ravensberger 21 (1949), S. 33


Eingemalter Standort des geplanten Gedenksteins
Im Juli stellte die Stadt für den geplanten Gedenkstein einen Platz in den städtischen Anlagen hinter dem Haus der Technik zur Verfügung. Eine Ortbesichtigung diesbezüglich fand am 8. Juli 1930 statt. Ebenfalls muss sich Stadtoberbaurat Friedrich Schultz mit dem Entwurf von Löwe beschäftigt haben. Harbaum hatte sich inzwischen auf anraten von Schultz mit der Frage des Materials auseinander gesetzt und mit Fachleuten „die verschiedenen in Betracht kommenden Steinarten auf ihre Haltbarkeit sowie auf ihre künstlerische Wirkung hin untersucht” und war zu dem Schluss gekommen, dass Kunststein das geeignete Material sei. Schließlich würde dieses schon längere Zeit für die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof verwendet. Selbst Fachleute würde den Unterschied auf Anhieb nicht erkennen können. Zudem sei es wesentlich preiswerter als eine Ausführung in Kirchheimer-Muschelkalk. Auch die dafür benötigte Summe von ca. 4000 Mark durch Spenden zu erhalten, hielt Harbaum für unrealistisch. Des Weiteren bat er in seinem Brief vom 14. August um eine finanzielle Unterstützung der Stadt von 500 Mark, „da der Gedenkstein eine Bereicherung des Stadtbildes bedeutet.”

Bildbeschreibung

Eingemalter Standort des geplanten Gedenksteins in der Grünanlage hinter dem Haus der Technik, 1930; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 94


Nach einer Unterredung mit weiteren Baufachleuten stellte Stadtoberbaurat Schultz wenige Tage später die Kompetenz von Karl Löwe infrage. Schließlich sei bisher nur eine Skizze auf dem Spendenaufruf vorhanden. Zudem sei Löwe bisher als Bildhauer nicht in Erscheinung getreten. Er schlug deshalb vor, ein Modell von Löwe anfertigen zu lassen und eine Kommission zur Begutachtung zu berufen, in die auch Professor Arnold Rickert von der Handwerker- und Kunstgewerbeschule gewählt werden solle. Löwes Arbeit fand grundsätzlich die Zustimmung der Kommission, sie sollte aber noch detaillierter ausgearbeitet werden. Abgelehnt wurde die Wahl des Gusses aus Kunststein. Löwe hatte inzwischen ein preiswertes Angebot der Firma Exner in Düsseldorf erhalten, das eine Ausführung in Gussbronze ermöglichen konnte. Die Stadt beschloss nun, sich an den Kosten in Höhe von 1000 Reichsmark zu beteiligen. Das Relief wurde schließlich von der Gießerei Bischoff in Düsseldorf gegossen und kostete 4000 Reichsmark und war somit 1000 Reichmark teurer als geplant. Weitere Spenden sollten bei Bielefelder Firmen eingeworben werden.

Bildbeschreibung

Schreiben der Vereinigung der ehemaligen Kriegsgefangenen an die Stadt wegen Materialverwendung und finanzieller Unterstützung; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 94


Gedenkstein für die Opfer
Die Einweihung des Gedenksteines am 1. März 1931 fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt und kam ganz ohne militärische Ehren aus, getragen vom republikanischen Geist. Die Reden, u. a. von Oberbürgermeister Stapenhorst gehalten, standen allesamt unter der Thema: „Ein neues Menschenrecht muß werden, nicht Haß, sondern Liebe regiere die Welt!”, schrieb die Volkswacht in ihrer Berichterstattung vom 2. März 1931. „Schlicht und würdig war die Enthüllungfeier in der zwölften Stunde des gestrigen Volkstrauertages”, vermeldete die Westfälische Zeitung.

Obwohl der Gedenkstein Löwes nicht in das Gedankengut nach 1933 passte, blieb er unangetastet an seinem Platz und überdauerte den Tod seines Schöpfers 1942. Anders als die Kunst vieler seiner Kollegen wurden seine Arbeiten nicht als „entartet” eingestuft. Die Westfälische Zeitung berichtete noch einen Tag nach dem Ableben von Löwe am 4. Februar 1942, dass man nicht „ohne Ergriffenheit” das Mahnmal betrachten könne. Im Februar 1943 war aber das Relief nicht mehr vorhanden. Stadtoberbaurat Schultz schrieb am 9. Februar an den Oberbürgermeister, dass bei der „Abnahme des s. Zt. von den Gewerkschaften gestifteten Denkmals für die in der Kriegsgefangenschaft verstorbenen Soldaten […] in der Vermauerung” eine Kupferröhre und Dokumente gefunden worden seien. Der mit der Prüfung des Fundes beauftragte Museumsleiter Schoneweg urteilte: „Ich habe die Röhre durch den Kupferschmied Pauk öffnen lassen und darin nichts gefunden, was des Aufbewahrens wert wäre. Die beigefügten Schriften sind zwar pazifistisch aber harmlos. Ich empfehle die Röhre der Metallverwertung zu zuführen”. 1947 fragte das Hauptamt bei einem Herrn Bultmann nach, was er über den Verbleib des damals demontierten Denkmals wisse. Eine Antwort dazu ist nicht vorhanden. Andere Stimmen gehen davon aus, das Ehrenmal sei dem schweren Bombenangriff 1944 zu Opfer gefallen.

Quellen

  • Bestand 107,4/Kunsthalle, Nr. 1
  • Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 50
  • Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 94
  • Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 459
  • Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 72-1-218 und 72-2-16


Literatur

  • Kai Kruse/Wolfgang Kruse, Kriegerdenkmäler in Bielefeld, in: Reinhart Koselleck/Michael Jeismann (Hrsg.), Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne, München 1994
  • Karl Vormbrock, Ihre Werke folgen ihnen nach, in: Der Ravensberger 21 (1949), S. 32-40, hier S. 33
  • Rolf Westheider, Zwei Kriege, ein Denkmal. Die Bielefelder Sondererinnerung des Kriegsgefangenenschicksals, in: 89. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (2004), S. 467-478


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Bildbeschreibung

Der Gedenkstein für die Opfer der in der Kriegsgefangenschaft verstorbenen und verschollenen Kriegsgefangenen; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, 72-2-16