30. März 1928: Das letzte preußische Lehrerinnenseminar an der Cecilienschule wird geschlossen

Von Dagmar Giesecke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
„Mit dem 30. März dieses Jahres schließt die letzte preußische Lehrerinnenbildungsanstalt, das Seminar der Cecilienschule zu Bielefeld, die Pforten. In Zukunft geht der Bildungsgang der jungen Lehramtsanwärterinnen durch die Pädagogische Akademie. – Die Cecilienschule hatte es sich nicht nehmen lassen, in anbetracht der Bedeutung des Tages, ihre ehemaligen Seminaristinnen zu einer eindrucksvollen und würdigen Abschiedsfeier einzuladen”, berichtete die Westfälische Zeitung in ihrer Ausgabe vom 30. März 1928.



Wohn- und Schulhaus
Die Anfänge der heutigen Cecilienschule gehen zurück in die damalige Kreuzstraße 644, in das dortige Haus des Musikdirektors Carl Dietrich und seiner Ehefrau Antonie Dietrich. Bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg stand es dort als Marienstift.

Erstmals genannt wurde die Einrichtung schon am 16. April 1855, allerdings als eine ohne Erlaubnis geführte Privatschule. Vom damaligen Superintendenten Ernst Müller, der gleichzeitig Schulinspektor war, sollte diese laut Verfügung des Magistrats sofort wieder geschlossen werden. Da er aber seine beiden Töchter ebenfalls dort unterrichten ließ, zögerte er und wollte die Angelegenheit von der Regierung geklärt wissen. Schließlich hatte er zudem noch die Unterrichtspläne für diese Einrichtung ausgearbeitet.

Keinen Monat später wurde Antonie Dietrich selbst aktiv und reichte einen Antrag auf Erteilung von Privatunterricht beim Magistrat ein. Dem wurde wider Erwarten sofort entsprochen. Ausdrücklich betonte die Stadt trotzdem, dass es sich dabei aber nicht um eine Erlaubnis zum Führen einer privaten Schule handelte. Schließlich gäbe es in Bielefeld schon eine Vereins-Töchterschule und der Bedarf sei damit gedeckt. So lief der Betrieb der „Dietrichschen Schule” – wie sie inzwischen genannt wurde – erst einmal wie vorher weiter.

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Wohn- und Schulhaus von Antonie und Carl Dietrich in der Kreuzstraße 644. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermannsammlung, Nr. 6, S. 217


Kurze Zeit später wurde dem Magistrat zugetragen, dass Antonie Dietrich den Unterricht nicht allein vollziehen würde, sondern von weiteren Lehrern Unterstützung hätte. Somit betrieb sie doch eine Privatschule, die sie bis Ende September wegen illegaler Führung schließen sollte. Dem wollte sie nicht nachkommen und begründete ihr Verhalten damit, dass sie wohl ihre eigenen Töchter unterrichten würde, aber diese nicht isoliert aufwachsen sollten. Alle Lehrer, die sie unterstützen würden, hätten ebenfalls ihre Töchter in dieser Einrichtung und würden deshalb bis, auf einen, unentgeltlich ihr Wissen weitergeben.

Neben ihrem eigenen Mann, der den musikalischen Unterricht bestimmte, waren ebenfalls der Direktor des Gymnasiums Prof. Dr. Schmidt, der Geographielehrer Heinrich Lütgert und der Zeichenlehrer Wahrens an der Wissensvermittlung beteiligt.

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Porträt von Antonie Dietrich (1816-1885), erste Leiterin der evangelischen höheren Töchterschule von 1856 – 1869. „Hundert Jahre Cecilienschule Bielefeld”, Festschrift 1956


Gleichzeitig beantragte sie bei der Regierung in Minden die Genehmigung zur Führung einer Privatschule. Im Dezember 1855 erhielt sie tatsächlich die Erlaubnis zur Haltung „einer Privatschule zum Zwecke einer über den gewöhnlichen Elementarunterricht hinausgehenden weiblichen Jugendbildung.” Erkannte man doch sowohl in Minden als auch in Münster, dass es der konkurrierenden Vereins-Töchterschule bisher nicht gelungen war, streng religiöse Familien für ihre Einrichtung zu gewinnen. Als Gegenpol wurde gerade deswegen eine private Lehranstalt von Bielefelder Bürgern ins Leben gerufen, da sie ihren Töchtern bewusst eine evangelische höhere Schulbildung angedeihen wollten. Als Mitglieder der so genannten Erweckungsbewegung „lehnten sie als überzeugte Christen die indifferente oder gar christenfeindliche Haltung ab, die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu einer starken Zeitströmung geworden war”, resümierte Oberstudienrat Erich Forwick in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Schule 1956.

Nach Einreichung ihrer Qualifikationspapiere, sie war ausgebildete Lehrerin, und der Stundenpläne Anfang 1856, konnte sie ihren Betrieb offiziell als private Lehranstalt aufnehmen. In kürzester Zeit entwickelte sich die „Dietrichsche Schule” zur gefragten Einrichtung. Schon in einem Jahr hatte sich die Zahl der Schülerinnen mehr als verdoppelt. Anfangs nur offen für evangelische Schülerinnen, nahm Antonie Dietrich schnell auch solche auf, deren Eltern mit der Vereins-Töchterschule unzufrieden waren und sich von dieser Schule eine bessere Bildung versprachen. In den Jahren 1858 und 1859 entbrannte nochmals ein erbitterter Streit über das Fortbestehen der evangelischen höheren Töchterschule. Doch auch dieses Mal wurde sie von höherer Stelle nach außen verteidigt, was ihre Position nur festigte. Trotz aller Gewinne, sah man in der Schule natürlich auch die Schwierigkeiten, auf Dauer eine solche Einrichtung finanziell zu unterhalten.


Zwölf Jahre nach der Gründung der Schule verließ Antonie Dietrich mit ihrer Familie Bielefeld, um sich in Gütersloh niederzulassen. Die Eltern waren nun vor die Entscheidung gestellt, die Schule zu schließen oder selbst das Kommando zu übernehmen. Sie entschlossen sich, ihre Töchter weiterhin auf dieser Einrichtung zu belassen und wählten einen Vorstand, der später in ein Kuratorium umgewandelt wurde. Zwei Aufgaben mussten danach rasch gelöst werden. Zum einen musste eine neue Leiterin gefunden werden. Diese fand man in Agnes Krings, eine aus Berlin stammende Lehrerin, die schon lange Zeit Mitarbeiterin und Vertraute von Antonie Dietrich war. Sie wurde einstimmig vom Kuratorium gewählt und von der Regierung bestätigt.

Zum anderen war der Standort fraglich geworden. Durch den Wegzug der Familie Dietrich stand das Haus in der Kreuzstraße zum Verkauf. Der Vorstand und die Eltern entschieden sich, ein Grundstück an der heutigen Schulstraße (das Gelände zwischen Alfred-Bozi-Straße und Elsa-Brändström-Straße) zu kaufen, um darauf einen Neubau zu errichten, der 100 Schülerinnen fassen konnte. Für alle Beteiligten war es eine große Herausforderung, den Grundstückskauf, den Neubau und die entstehenden Folgekosten zu finanzieren. Nach einem guten Start am neuen Standort expandierte die Schule auch weiterhin, so dass im Laufe der nächsten Jahre Grundstückszukäufe und Anbauten getätigt werden mussten. Dieser Standort blieb bis 1965. Inzwischen war die Einrichtung unter dem Namen „Kringssche Schule” über die Grenzen Bielefelds bekannt. „Frau Direktorin Krings war eine ‚Frohnatur‘, […] die allezeit sicher und ruhig ihren Weg ging, unbekümmert um Lob und Tadel. Sie hatte die Kraft, eine eigene Überzeugung zu haben, und den Mut, sie auszusprechen”, diese Beschreibung der zweiten Leiterin ist ebenfalls in der Festschrift von 1956 zu lesen.

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Evangelische höhere Töchterschule mit angegliedertem Lehrerinnenseminar in der Schulstraße, 1908. Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 24-0201-007


Portrait von Agnes Krings (1831 – 1896)
Zwei Jahre vor dem 25. Dienstjubiläum von Agnes Krings, erfuhr die Schule eine weitere Neuerung. 1879 konnte eine besondere Klasse für Seminaristinnen zur Lehrerinnenausbildung eingerichtet werden. Diese Gründung geht auf das besondere Verdienst des Kuratoriums-Mitglieds Gottfried Bansi zurück. Da viele von außerhalb kamen, wurde dem Seminar auch gleich ein Pensionat angegliedert. Vereinzelt wurden schon seit der Gründung der Einrichtung junge Mädchen auf die Prüfungen für die Elementar- und die höhere Mädchenschule vorbereitet. Die Abschlussprüfungen allerdings fanden extern in Münster statt.

Offiziell besuchten 19 Schülerinnen im ersten Jahr das Seminar, das dann dreijährig wurde und zudem noch eine Übungsschule erhielt. Diese wurde lange Jahre von „Fräulein” Herzog geleitet. In einem Revisionsbericht des Kreisschulinspektors von 1897 ist zu lesen: „Mit dieser Schule ist seit 1857 ein Seminar verbunden gewesen. Den ersten Anstoß zur Errichtung desselben hat eine Aufforderung des Vertreters Königlicher Regierung an die damalige Vorsteherin gegeben. […] Da kein staatliches Seminar für Lehrerinnen in der Provinz vorhanden war, die Nachfrage nach Lehrerinnen aber immer stärker wurde, konnte sich die Anstalt dem Drang der Verhältnisse nicht entziehen. Aus den Verhältnissen der Stadt, der Umgebung, ja der Provinz herausgewachsen, kann das Seminar jetzt auf eine sehr erfolgreiche Täthigkeit von 40 Jahren zurückschauen.” Schon 1851 war man in offiziellen Regierungskreisen nicht glücklich darüber, dass es in Preußen keine evangelische Ausbildungsstätte für Lehrerinnen gab. Lediglich in Paderborn und Münster fanden katholische Seminare statt. In der Rheinprovinz, in Kaiserswerth, und Sachsen-Anhalt, in Droysig, wurden seit 1852 evangelische Ausbildungen angeboten.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte zunehmend ein Mangel an Lehrern. Viele Lehrerstellen blieben unbesetzt, weil die Bezahlung zu gering war, außer an den Gymnasien. Lieber zogen die jungen Männer in die Städte und verdienten ihr Geld an den neu entstandenen Industrieorten. So richtete sich der Fokus mehr und mehr auf die Ausbildung von Frauen. Sie hatten zudem den „Vorteil”, weniger als ihre männlichen Kollegen zu verdienen. Und die Lehrerinnen, die in der Praxis tätig waren, waren bei den Eltern gut angesehen.

Lange wurde an oberster Stelle um ein westfälisches Lehrerinnenseminar verhandelt, dann aber aus finanziellen Gründen ad acta gelegt. Die Regierung in Minden nahm daraufhin 1855 Kontakt mit Pfarrer Clamor Huchzermeyer in Schildesche auf, um nach einem kleinen Seminar für Lehrerinnen zu fragen. Er bot an, im so genannten Rettungshaus, einer Gründung der Erweckungsbewegung für gefährdete Kinder und Jugendliche, ein solches stattfinden zu lassen. Allerdings benötigte er dafür eine weitere Lehrerstelle. Eine Umsetzung fand nicht statt. Zwei Jahre später setzte sich dann die Regierung mit Antonie Dietrich in Verbindung mit der Bitte um Ausbildung. Zwischen 1857 und 1873 wurden ca. 50 Seminaristinnen ausgebildet, zwischen 1873 und 1897 waren es schon 100 junge Frauen. Lehrerin zu sein hieß in dieser Zeit, ledig zu bleiben. Es gab das so genannte Lehrerinnen-Zölibat mit der Unvereinbarkeit von Schule und Ehe. Es wurde 1880 im ganzen Deutschen Reich eingeführt. Entschloss sich doch eine Frau zur Ehe, musste sie sofort ihre Stelle aufgeben und verlor darüber hinaus noch ihre Pensionsansprüche.

Erst 1919 wurde das Zölibat aufgehoben, aber aus arbeitspolitischen Gründen 1923 schon wieder als „Personalabbauverordnung” wieder ins Leben gerufen. Verheiratete Beamtinnen konnten entlassen werden und die Unverheirateten mussten eine „Ledigensteuer” von 10% zu der eigentlichen Lohnsteuer zahlen. Dieses war der damaligen hohen Arbeitslosigkeit geschuldet. Erst 1951 wurde die Gleichbehandlung gesetzlich geregelt.

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Porträt von Agnes Krings (1831 – 1896), zweite Leiterin der evangelischen höheren Töchterschule von 1869 – 1893. „100 Jahre Cecilienschule Bielefeld”, Festschrift 1956


1893 gab es ein weiteres Mal eine personelle Veränderung an der privaten höheren Töchterschule. Agnes Krings war verstorben und als dritte Leiterin wurde Frieda Langelütke, ebenfalls eine langjährige Lehrerin an der Schule, dazu noch ehemalige Schülerin, gewählt und bestätigt. Unter ihr nahm die Schule ihren stärksten Aufschwung.

Seit der Eröffnung des Lehrerinnenseminars erfuhren auch die Mädchenklassen einen höheren Anspruch an das Lernpensum. So berichtete der Kreisschuldirektor 1887 in einem Schreiben: „Das scharfe Arbeitstempo, das ich in meinem letzten Bericht erwähnte, hat erfreulicher Weise abgenommen. Zwar werden noch immer nicht unbedeutende Forderungen an die Mitwirkung des Hauses gestellt, doch scheinen mir dieselben nicht mehr in dem Maße wie früher über das zulässige hinauszugehen. Zwar kann ich noch immer nicht verbergen, daß mir die ganze Schule auf die Ausbildung von Lehrerinnen zugeschnitten zu sein scheint und daß infolgedessen auf das Einprägen eines großen Wissensquantums mehr Werth gelegt wird als auf ein gründliches Verarbeiten des dargebotenen Stoffes, aber ich befürchte, daß ein zu scharfes Eingreifen gegen die althergebrachte Weise mehr Schaden als Gewinn bringen dürfte.”

Inzwischen besaß das Lehrerinnenseminar genügend Selbstbewusstsein, dass sich das Kuratorium 1896 traute, einen Antrag auf die Genehmigung zum Abhalten von Abschlussprüfungen zu stellen, auch wenn man wusste, dass dieses Privileg privaten Schulen gar nicht zustehen würde. Mit diesem Argument fand auch die erste Ablehnung statt. Trotzdem folgte der zweite Versuch schon ein Jahr später. Frieda Langelütke begründete ihren Antrag mit dem hohen Anteil an Praxis während des dreijährigen Seminars. Dieses Mal wurde der Antrag positiv beschieden, mit der Begründung, dass es in Westfalen immer noch keine öffentliche Ausbildungsstätte gäbe.

Als zweite Lehranstalt für angehende Lehrerinnen existierte nur die ebenfalls in Bielefeld ansässige Einrichtung an der städtischen höheren Mädchenschule. Kurze Zeit wurde auch darüber nachgedacht, beide Seminare zusammen zulegen. Der Gedanke wurde wieder verworfen zu Gunsten der Schule von Frieda Langelütke, der qualifizierteres Arbeiten bescheinigt wurde. Noch im selben Jahr wird „in Erwägung gezogen, ob vielleicht die Lehrerinnenbildungsanstalt bei der Privatmächenschule geeignet sei, das Seminar, das in Westfalen aus Geldmangel nie vom Staat errichtet worden sei, zu ersetzen”, nachzulesen in einem Bericht des Oberpräsidenten vom September 1897. Diese Überlegungen hätten zur Folge gehabt, dass die Schule eine Umwandlung in eine Stiftung erfahren hätte. Damit verbunden gewesen wäre auch die Schmälerung von Kompetenzen und Eigenständigkeit. Zwei Jahre später wurde die Schule in eine Stiftung umgewandelt und erhielt die Rechte einer juristischen Person. Erhalten bleiben sollte allerdings der konfessionelle Charakter.

Im April 1900 wurden die ersten Seminaristinnen nach der neuen Prüfungsordnung abschließend geprüft. „Der familiäre und private Charakter der Schule schwand allmählich, was sich schon in der Tatsache zeigt, daß seit 1898 die Anstellung und Entlassung von Lehrern nur mit der Genehmigung des Provinzial-Schulkollegiums erfolgen durfte”, konstatierte Erich Forwick ein weiteres Mal in der Festschrift von 1856.

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Porträt von Frieda Langelütke (1857 – 1931), dritte Leiterin der evangelischen höheren Töchterschule von 1893 – 1913. „100 Jahre Ceciliengymnasium Bielefeld”, Festschrift 1956


1906 konnte die Schule auf ein 50-jähriges Bestehen zurückblicken. Der Jahrestag wurde festlich begangen und zum Höhepunkt erhielt die Einrichtung noch den Namen der Kronprinzessin Cecilie. Ein weiterer Meilenstein wurde mit der Erteilung einer Konzession zur Errichtung einer Studienanstalt und zum Ausbau eines Oberlyzeums gesetzt. Inzwischen war vom eigentlichen Geist der Schule nicht mehr allzu viel zu spüren. 1912 wurde die Frage nach einer Umwandlung der Schule in eine öffentliche Anstalt wieder einmal diskutiert. Damit die Absolventinnen in allen Bereichen mit anderen Schulen dieser Art gleichgesetzt werden können, musste die Stiftung eine öffentliche Einrichtung werden. Nach langen und zähen Verhandlungen zwischen dem Kuratorium und den städtischen Behörden, wobei es vor allem auch um den zu erhaltenden christlichen Charakter der Schule ging, wechselte 1914 die Einrichtung als eine nun paritätische Anstalt ihre Rechtsform.

Das Kuratorium wurde um Mitglieder der Stadt erweitert, so dass sie weiterhin im Geiste des Stifters existieren konnte. Frieda Langelükte, die in keiner Weise mit der neuen Prägung der Schule einverstanden war, reichte am 13. Mai 1913 ihre Kündigung bei dem Kuratorium ein. Unter den neuen Bedingungen legten 50 Schülerinnen u. a. ihre Lehramtsprüfung ab. Die vakante Leitungsstelle wurde mit Prof. Dr. Walter Glage aus Königsberg besetzt. Allerdings erhielt er schon 1919 eine Berufung nach Insterburg, die er auch annahm. Als neuer Leiter fungierte danach Direktor Dr. Karl Hahn, der die Geschicke der Schule insgesamt 25 Jahre leiten sollte.

In den Kriegsjahren zwischen 1914 und 1918 wurde es immer schwieriger, den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Nach und nach musste das männliche Lehrpersonal an die Front. Neben dem Schulleiter war nur noch ein Lehrer für den Unterricht zuständig, so dass in allen Bereichen Ausfälle zu beklagen waren. Teilweise wurde auch in Personalunion mit der Auguste-Viktoria-Schule unterrichtet. Aber nicht nur die Lehrer waren knapp geworden, auch die Schülerinnen wurden immer öfter außerhalb der Schule eingesetzt.

Trotzdem ließ man sich es nicht nehmen, noch während des Krieges die durch die Übernahme vereinbarten Veränderungen umzusetzen. Zum einen wurde die Studienanstalt herunter gefahren und die letzte Oberprima machte 1917 ihr Abitur. An anderer Stelle erfolgte ein Aufbau. So wurde 1915 eine Frauenschule eingerichtet, anfangs einzügig, aber schon in Kombination mit einem Kindergarten. Im nächsten Jahr folgte die zweite Klasse. Die Stadt Bielefeld entschloss sich so zu einer neuen Form der Mädchenbildung. Nach dem Krieg gab es ab 1919 einen Kindergartenlehrgang für Abiturientinnen in der Frauenschule. Ein pädagogisches Seminar für das erste Jahr der Referendarausbildung hielt ebenfalls Einzug. Dafür wurden die Übungsklassen, die als Vorschulen für das Lehrerinnenseminar dienten, allmählich abgebaut und schließlich am 30. März 1928 ganz geschlossen. Von nun an war die pädagogische Akademie für die Lehrerinnen- und Lehrerausbildung zuständig.

Bildbeschreibung

Einladung zum 75. Geburtstag der Cecilienschule, 1931. Bestand 150,20/Ceciliengymnasium, Nr. 76


Am Abend vor dem feierlichen Festakt zur Schließung des Lehrerinnenseminars trafen sich ca. 300 Ehemalige und Lehrpersonal im Saal der „Eintracht” zu einem bunten Abend, an dem viel geredet, gelacht und gesungen wurde.

„‘Die Schule rief, und alle, alle kamen!‘ Von nah und fern eilten alte und junge frühere Seminaristinnen herbei und vereinigten sich am Sonnabend, den 24. März, vormittags um 11 Uhr in der Aula der Cecilienschule mit den Lehrkräften und dem letzten Jahrgang des Seminars zu einer weihevollen Feierstunde, zu der die Stadt Bielefeld, das Kuratorium der Anstalt sowie die Schulverwaltung Vertreter entsandt hatte. […] Der Direktor der Anstalt gab in seiner Festrede einen Ueberblick über den Werdegang des Seminars und betonte, daß es durchaus seiner Aufgabe gewachsen gewesen sei un[d] stets sein schönstes Ziel darin gesehen habe, verantwortungsbewußte, lern- und lehrfreudige christliche Persönlichkeiten für ihren schönen Dienst an Volk und Vaterland heranzubilden. Er schloß seine eindrucksvolle Rede mit Worten freudiger Hoffnung: ‚Das Haus mag zerfallen – was hat’s denn für Not? Der Geist lebt in uns allen, und unsre Burg ist Gott!”, berichtete die Westfälische Zeitung am 30. März weiter über die Feierlichkeiten und endete mit den Worten: „Zu erwähnen ist noch, daß etwa 650 Schülerinnen im Lauf der Jahre durch das Seminar gegangen sind. Von denjenigen, deren Adressen […] bekannt sind, sind 260 Lehrerinnen geworden; 34 haben in den letzten Jahren studiert; 186 haben geheiratet; 7 sind in sozialen Berufen tätig; 19 sind in jungen Jahren gestorben”, beschreibt die Westfälische Zeitung die Abschiedsfeier am 30. März 1928.

Quellen

  • 100,2/Ältere Akten, Nr. 992
  • 107,2/Schulverwaltungsamt, Nr. 411, Nr. 902
  • 150,20/Ceciliengymnasium, Nr. 74, Nr. 76
  • 400,1/Westermannsammlung, Nr. 6, Nr. 7, Nr. 97, Bd. 1
  • 400,2/Zeitungen: Westfälische Zeitung
  • 400,3/Fotosammlung


Literatur

  • 1856 – 1956 Cecilienschule Bielefeld. Neusprachliches Mädchengymnasium und Frauenoberschule, Bielefeld 1956
  • 125 Jahre Cecilien-Gymnasium. Einblicke; Hg. im Auftrag des Lehrerkollegiums v. Siegfried Biermann, Martin Maya, Dieter Pfeifer, Bielefeld 1981
  • Barbara Stolze, Die Entwicklung des Bielefelder höheren Mädchenschulwesens im 19. Jahrhundert. Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der ersten Staatsprüfung für das Lehramt der Primarstufe, Bielefeld 1986
  • Ilse Brehmer, Juliane Jacobi-Dittrich (Hg.), Frauenalltag in Bielefeld, Bielefeld 1986


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Bildbeschreibung

Liedtext zur Abschiedsfeier nach der Melodie „O, alte Burschenmelodie”. Bestand 150,20/Ceciliengymnasium, Nr. 76