11. April 1832:
Die Stadtheider Lehr- und Spinnschule wird eröffnet

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek
„Unsere Hülfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat, deß sind wir freudig dankbar und voll freudigen Vertrauens, Er werde uns nie verlassen.” Mit diesen Worten begann Friedrich Christian Hartog, der von 1803 bis 1850 als Pastor an der Altstädter Nicolaikirche tätig war, am 11. April 1832 eine Rede unter freiem Himmel. Eingeladen waren sämtliche Behörden und Vorstände der Stadt, die Mitglieder des Stadtrats, der Armen- und Schulkommissionen. Sie waren gekommen, um ein neues Schulgebäude auf der im Norden Bielefelds gelegenen Stadtheide einzuweihen.


In keiner anderen Gegend Bielefelds sei die Gründung einer „Lehr- und Arbeitsschule” notwendiger gewesen, betonte der Pastor. Nach der Markenteilung im 18. und frühen 19. Jahrhundert, wie die Privatisierung der gemeinsam genutzten landwirtschaftlichen Flächen bezeichnet wird, seien viele Familien ohne jeglichen Besitzstand hierher gezogen. Während die „gutgesinnten” und wenigen „wohlhabenden” Familien keine Mühen scheuten, ihre Kinder mitunter auch in den benachbarten Gemeinden unterrichten zu lassen, blieb die Mehrheit der minderjährigen Bewohner der Stadtheider und Schildescher Feldmark ohne schulische Erziehung und Bildung. Den städtischen Bürgern bot sich ein Bild der „Verwilderung” und unbeschreiblicher Armut. „Wer zu dieser Zeit diese Gegenden passierte”, berichtete Hartog, „wird sich erinnern, in welcher Gestalt und Kleidung so viele Kinder jedes Alters an dem Wege lagen, und die Vorübergehenden mit den zudringlichsten Bitten und Ansprachen um Almosen verfolgten und ungebührlich belästigten. Man fand hier eine Zucht, die den Menschenfreund mit Mitleiden erfüllte, und jeden Fremden zweifelhaft ließ, ob das Evangelium und das Gebot des Herrn ‚Laßt die Kinder zu mir kommen, führt sie zu mir’ hier bekannt sey und Herrschaft habe.”


Die „Öffentlichen Anzeigen“ berichteten im April 1832 über die Eröffnung der Stadtheider Schule. Stadtarchiv Bielefeld, Zeitungsbestand

Versuche, im Norden Bielefelds eine Schule zu gründen, sind schon seit den frühen 1820er Jahren bekannt. So wandte sich Johann Heinrich Scherr, Pfarrer der Neustädter Marienkirche und Superintendent der Grafschaft Ravensberg, 1824 an Landrat Friedrich von Borries. Er teilte ihm mit, dass er beabsichtige, „für die nach der Schildescher Heide wohnenden Neubauern eine besondere Schule zu errichten”. Ein passendes Gebäude konnte aber nicht gefunden werden.

Der Impuls für einen Schulbau ging von der Kommission zur Verwaltung des Königlichen Gnadenfonds aus. Dieser Fonds war zur Unterstützung verarmter Bevölkerungsschichten gebildet worden. Die Wirtschaftskrise in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die den Übergang zur Industrialisierung begleitete, rief diese Kommission auf den Plan. So führte die allmählich voranschreitende Mechanisierung der Textilindustrie in England und Flandern zu einem massiven Preisverfall von handgesponnenen Garnen und, damit eng verbunden, zu einer bedrohlichen Verarmung breiter Bevölkerungsschichten. Die Kommission sah in der Ausbildung von Kindern und Jugendlichen in Spinnschulen ein probates Mittel, die Handspinnerei zu qualifizieren: In Handarbeit sollten feinere Garne gesponnen werden, wozu Maschinen noch nicht in der Lage waren. Das qualitativ hochwertige Produkt sollte auch höhere Verkaufspreise erzielen, die letztlich dazu beitragen konnten, Armut zu bekämpfen und neue Verarmung zu verhindern.

1828 wandte sich Stadtdirektor Ernst Friedrich Delius an den Landrat und schlug vor, die von der Kommission zur Verwaltung des Königlichen Gnadenfonds geplante Spinnschule mit einer allgemeinen Lehranstalt zu verbinden. Durch diese Kooperation konnten Kosten gespart werden, weil auch die städtische Armenkommission bereit war, sich an diesem Projekt mit einem Obolus zu beteiligen. Ihr Anliegen war es, mit der Schule der beobachteten „Verwilderung” und „Verwahrlosung” von Kindern und Jugendlichen in dieser Gegend entgegenzuwirken. Als möglichen Standort hatte Delius ein Gelände vor Augen, das außerhalb des Stadtgebietes lag. In unmittelbarer Nachbarschaft zur Schildescher Heide gab es direkt an der Herforder Chaussee ein etwa sechs Morgen großes Grundstück, das dem Preußischen Staat gehörte. Hierbei handelte es sich um ein Grundstück, das nach der Markenteilung dem Stift Schildesche zugeschlagen und im Zuge der Säkularisierung 1810 „verstaatlicht” worden war.


„Situations-Plan des Grundstücks in der Schildescher Heyde, in welches die neue Schule erbaut werden soll“ (1831), in: Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten 1001

Seine Bitte fand Gehör. Auch der König von Preußen „trat als Wohltäter in unsere Mitte”, formulierte Hartog. Der Kaufpreis für das sechs Morgen große Gelände, der „bei der geregelten Staats-Haushaltung nicht erlassen werden konnte”, betrug nur zwölf Taler. Das notwendige Bauholz lieferte unentgeltlich die Bezirksregierung im Auftrag des Königs. Die Einwohner Bielefelds spendeten 600 Taler, die Stadtkasse verzichtete auf die Gewinnausschüttung der Sparkasse in gleicher Höhe und die Gnadenfonds-Kommission stiftete weitere 1.200 Taler, so dass für den Schulbau 2.400 Taler zur Verfügung standen. Außer den Schulräumen befanden sich in dem Gebäude, von dem leider kein detaillierter Plan überliefert ist, jeweils eine Wohnung für zwei Lehrer der Lehr- und Spinnschule. Das Grundstück hatte Platz für einen Pausenhof und die Gärten der Lehrer.

Für Pastor Hartog war im April 1832 der göttliche Plan in Erfüllung gegangen. Mit Nachdruck wandte er sich an die Kinder und ihre Eltern: Seht euren Lehrer „als euren Vater an, folgt ihm und seyd begierig zu lernen. Erschwert ihm sein Amt nicht durch Muthwillen und Widersetzlichkeit.” Die Eltern sollten nicht niederreißen, „was Er bauet”, sondern vielmehr in den „Häusern durch Lehre und Beispiel” helfen, dass „der hier gelegte Keim des Guten gedeihe und wachse.”

Mit der Stadtheider Lehrschule wurde die Grundlage für einen Elementarunterricht im Bielefelder Norden gelegt. Aus der anfangs eher bescheidenen Anstalt entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die 3. Bürgerschule. Dagegen erfüllte die Spinnereischule nicht die Erwartungen, die in sie gesetzt worden waren. In den 1830er und 1840er Jahren zählte die Spinnereischule zwar jährlich 70 bis 100 Jungen und Mädchen, die von ihrem fünften bis sechsten Lebensjahr bis höchstens zu ihrem 14. oder 15. Geburtstag im Spinnen unterrichtet wurden, aber die meisten Kinder verließen frühzeitig die Schule, ohne wirklich ausgebildet worden zu sein; die jährliche Erfolgsquote an ausgebildeten Schulabgängern lag bei nur 20 bis 30 Prozent.


Eine Spinnerin beim Haspeln im späten 19. Jahrhundert. Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung

Klick in Foto öffnet Großansicht

Bis zu fünfzehn Kinder spannen Kettengarn, das von den Webern aber zumeist als Schussgarn verwendet wurde, weil die Qualität nicht ausreichte. Der Spinnlehrer glaubte, dass die Kinder die geforderte Güte nur erreichen konnten, wenn sie „ein reiferes Alter erreichen und längere unausgesetzte Uebung” hätten. Eine weitere Kindergruppe lernte, das feinere Batistgarn zu spinnen. Die in der Spinnschule erreichte Qualität überzeugte auch die Ankäufer, die nicht nur den dazu notwendigen Flachs lieferten, sondern den Kindern auch einen erhöhten Spinnlohn vergüteten. Die Mehrzahl der Kinder spann jedoch normales Garn von durchschnittlicher, nicht selten gar von minderwertiger Qualität, das von den Eltern verwebt oder zu geringen Preisen verkauft wurde. In der Regel waren die Eltern verpflichtet, ihren Kindern Flachs mitzugeben. Da aber viele Kinder aus gänzlich verarmten Familien stammten, die nicht in der Lage waren, den Rohstoff zu liefern, übernahm die städtische Armenverwaltung die zum Ankauf des Flachses erforderlichen Kosten.

In den 1850er Jahren brach die Schülerzahl der Spinnschule ein. Jährlich wurden selten mehr als 60 Kinder unterrichtet. Ob die Gründung der Spinnerei Vorwärts 1850 an der Brackweder Chaussee bereits einen Einfluss ausgeübt hat, kann mit Gewissheit nicht bestätigt werden. Von den in der Spinnschule hergestellten Garnen fand nur noch das Batistgarn seine Käufer. Und immer mehr Kinder verließen „unausgebildet” die Anstalt: 1854 erhielten von 22 Kindern nur noch zwei das gewünschte Zertifikat. Zwei Jahre später wurde die Spinnschule ohne großes Federlesen aufgelöst. Der Fondsbestand der Schule betrug zuletzt 141 Taler 13 Silbergroschen und 10 Pfennige. Dieser Betrag wurde an die Armenkasse abgeführt, das Inventar zugunsten der Armenverwaltung verkauft. Über die Schließung der Spinnschule freute sich die Stadtheider Lehrschule, die seit Jahren über Platzmangel klagte. Lapidar heißt es in einem Bericht, „daß wir die bisher von der Stadthaider Spinnschule innegehabten Räumlichkeiten durch Kündigung des betreffenden Vertrages zum Zweck der angeordneten Erweiterung” der Schule „in Anspruch nehmen”.


Der Stadtplan von 1900 belegt es: Die Stadtheider bzw. 3. Bürgerschule lag außerhalb des Stadtgebiets im Amt Schildesche. Stadtarchiv Bielefeld, Pläne- und Kartenbestand HK 20

Angesichts der Armut und beobachteten Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen rief Pastor Hartog im April 1832 seinen Zuhörern zu: „Sollte nun in diesen Kindern nicht Geißeln für diese Gegend erzogen werden, sollten diese Verlassenen, die doch in ihrer ärmlichsten Bekleidung des Herrn sind und bleiben, nicht in Sünde und Laster verfallen und an Leib und Seele verderben, so mußte es anders werden”. Die Spinnschule war in den Notjahren vor dem Einsetzen der Industrialisierung in Bielefeld denn auch weniger eine Ausbildungsstätte, sondern vielmehr eine Einrichtung, die Kinder von der Straße fern hielt und damit vor einer weiteren „Verwilderung” schützte.

Literatur

  • Ulrich Andermann (Hg.), Stift und Kirche Schildesche 939-1810, Bielefeld 1989
  • Friedrich Christian Hartog, Rede vom 11. April 1832, in: Öffentliche Anzeigen für die Grafschaft Ravensberg vom 18. April 1832, S. 125-130
  • Josef Mooser, Ländliche Klassengesellschaft 1770-1848. Bauern und Unterschichten, Landwirtschaft und Gewerbe im östlichen Westfalen, Göttingen 1984
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld. Band 1: Von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 2. Auflage, Bielefeld 1989.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten 1001: Stadtheiderschule (1824-1879)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten 2870: Rechnung über Einnahme und Ausgabe bei dem Spinnschulfonds zur Stadtheide bei Bielefeld für 1841-1857
  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten 2872: Belege zur Jahresrechnung bei dem Spinnschulfonds zur Stadtheide bei Bielefeld für 1851
  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten 2873: Belege zur Jahresrechnung bei dem Spinnschulfonds zur Stadtheide bei Bielefeld für 1852
  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten 2874: Belege zur Jahresrechnung bei dem Spinnschulfonds zur Stadtheide bei Bielefeld für 1854
  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten 2875: Belege zur Jahresrechnung bei dem Spinnschulfonds zur Stadtheide bei Bielefeld für 1855
  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten 2876: Belege zur Jahresrechnung bei dem Spinnschulfonds zur Stadtheide bei Bielefeld für 1856
  • Stadtarchiv Bielefeld, Berichte über den Stand und die Verwaltung der Gemeinde-Angelegenheiten der Stadt Bielefeld (1852-1857)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Zeitungsbestand
  • Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung
  • Stadtarchiv Bielefeld, Pläne- und Kartenbestand

Hinweise zum Urheberrecht

Die Texte, Bilder und Grafiken dieses Angebotes sind wie alle anderen Inhalte auf www.bielefeld.de urheberrechtlich geschützt. Der Download sowie der Ausdruck von Texten, Bildern und graphischen Elementen ist nur zum persönlichen, privaten und nichtkommerziellen Gebrauch gestattet. Änderungen dürfen nicht vorgenommen werden. Die Verwertung oder elektronische Verarbeitung von Inhalten jeglicher Art ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Rechteinhabers (Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek) nicht gestattet.