16. April 1918: Bielefelder Spendenaktion für schwerstverwundete Soldaten des Ersten Weltkriegs

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Am 16. April 1918 endete eine von der Westfälischen Zeitung initiierte Spendenaktion für schwerstverwundete Soldaten. Vier Wochen lang hatte die Tageszeitung ihre Leserschaft aufgerufen, für „die Ärmsten der Armen” zu spenden. Und sie wies außerordentlich drastisch auf die gesundheitlichen Folgen des Krieges hin, die fern jeder Vorstellungskraft zu liegen schienen. Man habe bisher geglaubt, „daß die Kriegsblinden am meisten von allen Kriegsbeschädigten zu beklagen seien”. Ihr Schicksal habe die Menschen fern der Kriegsschauplätze gerührt, über die Leidenden habe sich „ein Strom von Liebesgaben ergossen”, der in die Millionen ginge. Dank der „vortrefflichen Hilfe der deutschen Blindenfürsorge” könne überdies vielen geholfen werden, „mit der Zeit ein durchaus befriedigendes Los” zu finden.



Verwundete Soldaten im Städtischen Krankenhaus (1917)
„Weitaus erschütternder”, so die Westfälische Zeitung in ihrem Spendenaufruf, „ist das Elend der Schwerverstümmelten, deren Zahl erheblich höher ist. Dahin gehören die an beiden Armen Verstümmelten, die auf Schritt und Tritt auf ihre Mitmenschen angewiesen sind, nicht einmal ihre Notdurft selbständig verrichten oder eine lästige Fliege verscheuchen können. Zu ihnen gehören ferner die durch Verschüttung Verunglückten, die mit schweren Lähmungen behaftet andauernd mit entsetzlichen Zuckungen oder wahnsinnerregenden Schmerzen sich wälzen, und schließlich die Rückenmarkverletzten, die wegen Darm- und Blasenlähmung andauernd in ihrem Kote liegen und sich selbst zum Ekel werden. Wer einmal diesen Jammer in den Lazaretten gesehen hat, erfährt erst, was eigentlich Elend heißt.”

Bildbeschreibung

Verwundete Soldaten im Städtischen Krankenhaus (1917). Von 1914 bis 1918 waren die Krankenanstalten in Bethel und das Städtische Krankenhaus Reservelazarett mit mehr als 3000 Betten. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung



Dieser Schilderung war jeder Heroismus fremd, sie war mit der Kriegsbegeisterung im Sommer 1914 nicht mehr in Einklang zu bringen. So hatten nach der Kriegserklärung des Deutschen Reichs an Russland und Frankreich am 1. bzw. 3. August 1914 innerhalb weniger Tage fast alle Oberprimaner des Bielefelder Gymnasiums ein ärztliches Attest und die Erlaubnis ihrer Väter vorgelegt, vorzeitig die Schule zu verlassen und „als Freiwillige in den Heeresdienst einzutreten.” Die Begeisterung in der Schule hielt auch noch an, als die Nachricht vom Tode der ersten Ratsgymnasiasten auf dem „Felde der Ehre” in Bielefeld eintraf. Gymnasialdirektor Dr. Theodor Bertram richtete während einer Gedenkstunde einen Appell an die Schüler, dafür zu sorgen, „daß ihr Blut nicht umsonst geflossen ist. Sie gaben es für unser geliebtes Vaterland, daß es deutsch bleibe.” Von den Schülern erwartete er, es den Kriegsfreiwilligen der ersten Stunden gleich zu tun: „Ehrt darum ihr Andenken, indem Ihr sie Euch zum Vorbilde nehmt in ihrer Hingabe für’s Vaterland.”

Todesanzeigen mit Eisernem Kreuz, die den „Heldentod fürs Vaterland” verkündeten, waren im ersten Kriegsjahr vereinzelte Merkposten in den Bielefelder Tageszeitungen, die ansonsten über Schlachten, Siege und Scharmützel berichteten. 1918 säumten diese Kreuze ganze Zeitungsseiten, an manchen Tagen bis zu drei Seiten. In „tiefer Trauer” oder „tiefem Schmerz” nahmen Verwandte Abschied von Männern, die Mehrzahl von ihnen zwischen 18 und 30 Jahre alt. Es waren Schriftsetzer und Offiziere, Sergeanten, Lehrer, Studenten, Musketiere, Schützen und Gefreite. Die Tragödien wurden sichtbar, wenn unter dem Eisernen Kreuz aufgrund des jugendlichen Alters der Toten gar der Familienname fehlte: „Wir erhielten die schmerzliche Nachricht, daß unser lieber, guter, hoffnungsvoller Sohn und Bruder Paul gefallen ist.” Der „Heldentod” wirkte in diesen Anzeigen wie eine unverzichtbare Floskel oder die letzte Hoffnung, einen Sinn in dem Verlust zu erkennen.

Bildbeschreibung

1918 wurde im Deutschen Reich die Ludendorff-Spende gegründet, deren Erträge ausschließlich schwerstverwundeten Soldaten zugute kommen sollten. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,9/Plakate


Plakatwerbung für Kriegsanleihe
1918 gehörten Spendenaufrufe längst zum Alltag der Menschen an der Heimatfront, ob es sich dabei zum Beispiel um U-Boot-Spenden oder Anleihen zur Finanzierung des Krieges handelte. Die kolossale Fehleinschätzung der Reichsregierung, den Krieg bereits Weihnachten 1914 siegreich beenden zu können, führte seit 1915 zu einem finanziellen Desaster. Während Finanzexperten sich für eine Kriegsfinanzierung durch Steuern aussprachen, lehnten sämtliche Reichsregierungen zwischen 1914 und 1918 Steuererhöhungen ab. Stattdessen sollte der Krieg mit Anleihen finanziert werden, wobei die Reichsbank mit mehr als 50 Milliarden Mark der größte Kreditgeber war. Die Reichsregierung wandte sich aber auch direkt an die Bevölkerung, appellierte an Patriotismus und Opferbereitschaft und legte bis 1918 insgesamt neun Kriegsanleihen auf. Die Rendite sollte von den besiegten Gegnern durch langjährige Reparationszahlungen finanziert, Bürger, die Kriegsanleihen zeichneten, zudem bevorzugt mit Wirtschaftsgütern versorgt werden.

Die Zeichnung war zwar formal freiwillig, der Gruppendruck jedoch hoch. 1917 wandte sich der Bielefelder Aufruf zur 7. Kriegsanleihe auch an Jugendliche: „Mehr denn je gilt es, unseren zahlreichen Gegnern zu zeigen, daß es bei uns in der Heimat mit dem Durchhalten ebenso unerschütterlich Ernst ist, wie bei unseren tapferen Kriegern mit dem Standhalten an der Front. Auch Du, Bielefelder Jungmann, mußt mitkämpfen an Deinem Platz und nach Deinen Kräften. Mitarbeiten, sparen, zeichnen! das ist Deine Aufgabe. Fehlen darf keiner dabei.” Auf die Frage, wie ein Jugendlicher mithelfen könne, hieß es unmissverständlich: „Du sollst Eltern und Geschwister, Verwandte, Freunde und Bekannte bitten und wieder bitten, den Ruf des Vaterlandes nicht unerhört zu lassen”. Die Appelle fielen auf fruchtbarem Boden. Sämtliche Kriegsanleihen wurden von breiten Bevölkerungsschichten gezeichnet. Auf den Listen fanden sich Arbeiter, Handwerker, Firmenbesitzer und selbst ganze Klassenverbände der höheren Schulen. Schülerinnen und Schüler nahmen zudem an den regelmäßigen Sammelaktionen teil. Gesammelt wurde alles, was die heimische Wirtschaft entlastete: Altmetalle, Leder, Textilien, immer wieder Gold, aber auch Bucheckern, die zu Öl gepresst werden sollten.

Bildbeschreibung

Mit farbigen, oft martialischen Plakaten wurde für die Kriegsanleihen geworben (1918). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Erster und Zweiter Weltkrieg, Nr. 125


Spendenurkunde
Seit 1915 wurden beim Magistrat der Stadt Bielefeld Stiftungen „zur Linderung von Kriegsschäden” von wohlhabenden Einwohnern, Firmen und Vereinen hinterlegt, die zur Stiftung „Heimatdank” zusammengefasst wurden. Der Leinen- und Wäschefabrikant Ernst Dieterle gehörte zu den ersten Stiftern. Er spendete 10.000 Mark und verfügte, dass die Zinsen „den Kriegshinterbliebenen und Kriegsbeschädigten der Stadt Bielefeld unter Bevorzugung kinderreicher Familien zugewandt werden” sollten. Die Firma Arnold Crüwell richtete gleich zwei Stiftungen ein, von denen eine ausschließlich Kriegsblinden zur Verfügung stehen sollte. Stiftungen von Unternehmern und Firmen, unter ihnen die Webereien von A.W. Kisker und C.A. Delius, die Anker-, Lohmann- und Dürkoppwerke, die Gundlach AG, sowie des lokalen Kriegshilfsvereins ließen das Stiftungskapital bis zum Ende des Krieges auf 677.854,21 Mark anwachsen.

Bildbeschreibung

Wer Gold spendete, erhielt eine schwarz-weiß-rot umrandete Urkunde, die auch von Oberbürgermeister Stapenhorst unterschrieben worden ist (1916). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Erster und Zweiter Weltkrieg, Nr. 116


Am 16. April 1918 überreichte die Westfälische Zeitung Oberbürgermeister Dr. Rudolf Stapenhorst 18.781,20 Mark. Obwohl die Zeitung verkündete, dass die Spendenaktion damit abgeschlossen sei, gingen weitere Spenden ein, so dass der Stiftung Heimatdank mehr als 24.000 Mark überwiesen werden konnten. Viele Menschen hatten Geldbeträge gespendet, ohne ihren Namen zu nennen. In den veröffentlichten Spendenlisten finden sich aber auch städtische Honoratioren und Firmen neben weniger prominenten Bielefeldern, einer Klingelbeutelsammlung der Pauluskirche sowie Arbeitnehmer, die im Kollegenkreis gesammelt hatten. So hatten sich zum Beispiel das kaufmännische und technische Personal der Maschinenfabrik Benteler, Beamte und Angestellte des städtischen Lebensmittelamtes gleich mehrmals, Beamte des Telegrafenamtes und das „Personal des Postamtes 2” an der „Sammlung für die Ärmsten der Amen” beteiligt. Und nicht zuletzt sind wiederum Schulen in den Spendenlisten zu finden, die fast täglich von der Tageszeitung veröffentlicht wurden: die Untersekunda des Gymnasiums, jeweils eine Klasse der städtischen Handelsschule und der 12. Bürgerschule sowie Mitglieder des Lehrkörpers der Oberrealschule. Es waren nicht die letzten Spenden, die in Bielefeld gesammelt wurden. Und mit der 9. und letzten Kriegsanleihe stand noch das größte Vernichtungsinstrument privater Ersparnisse bevor. Der Erste Weltkrieg sollte noch mehr als ein halbes Jahr dauern.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,7/Geschäftsstelle VII, Nr. 27: Kriegsanleihe (1915-1918)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,3/Magistrat, Nr. 462: Sammelstiftung Heimatdank (1915-1920)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,14/Ratsgymnasium, Nr. 102: Kriegshilfe von Schülern (1914-1917)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,14/Ratsgymnasium, Nr. 103: Kriegshilfe von Schülern (1918-1920)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,14/Ratsgymnasium, Nr. 480: 8. Kriegsanleihe (1918)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,14/Ratsgymnasium, Nr. 481: 9. Kriegsanleihe (1918)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 150,14/Ratsgymnasium, Nr. 1476: Zeichnung zur 4. bis 9. Kriegsanleihe (1916-1918)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Erster und Zweiter Weltkrieg (1914-1918)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Westfälische Zeitung (1918)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
    Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,9/Plakate


Literatur

  • Ludger Grevelhörster, Der Erste Weltkrieg und das Ende des Kaiserreichs, Geschichte und Wirkung, Münster 2004
  • Richard Sautmann, Über die „möglichste Entkrüppelung aller Gebrechlichen”, in: Gütersloher Beiträge zur Heimat- und Landeskunde, Nr. 78/2005, S. 25-28
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 1988


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Bildbeschreibung

Ein Bielefelder Aufruf zum sparsamen Umgang mit Leder (1917). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Erster und Zweiter Weltkrieg, Nr. 120