6. Mai 1937: Die vom Bielefelder Kapitän Max Pruss gelenkte „Hindenburg“ geht in Lakehurst in Flammen auf

Von Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Die Nachricht vom Hindenburg-Unglück in Lakehurst/USA am 6. Mai 1937 erschütterte die Welt, das Deutsche Reich und mit Bielefeld auch die Stadt, in der der Kommandant Max Pruss seine Kindheit und Schulzeit verbracht hatte. Zwei Tage nach dem Absturz, der 35 Menschen das Leben gekostet hatte, schrieb Oberbürgermeister Fritz Budde in einem Telegramm an die Luftschiff-Zeppelin-Gesellschaft in Friedrichshafen: „Bielefeld war besonders stolz darauf, dass ein Sohn der Stadt, der Kapitän Pruß, die Ehre hatte, das Schiff zu führen. Die erschütternde Unglücksnachricht hat die Bevölkerung deshalb besonders schwer getroffen.” Was verband Bielefeld mit Max Pruss und der Luftschifffahrt?



Am 1. Dezember 1898 war Max Pruss mit seinen Eltern und fünf älteren Geschwistern aus dem ostpreußischen Kreis Sensburg nach Bielefeld gekommen, sechs weitere Geschwister hatten den elterlichen Haushalt offensichtlich schon vorher verlassen. Der Vater Friedrich Pruss war Fabrikarbeiter, die Mutter Luise geb. Kaminski versorgte wahrscheinlich die Kinder, wobei jeweils zwei ältere Brüder und Schwestern schon selbst in Fabriken arbeiteten. Der am 29. September 1891 in Sgonn (Kreis Sensburg, heute Zgon/Polen) geborene Max, der in den Bielefelder Hausbüchern (Bewohnerverzeichnissen) stets als „Michael” geführt wird, war ein Nachzügler, der noch sieben Jahre jünger als das elfte Kind, sein Bruder Gustav war. Zunächst wohnte die Familie in der Flachsstr. 21, verzog dann 1899 in die Heeper Straße 105. Max Pruss besuchte die an der Heeper Straße gelegene IV. Bürgerschule (heute Bückardtschule). 1905 war die Familie in der Flachsstr. 23 gemeldet. Der Vater starb 1929, die Mutter 1933.

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Max Pruss lebte von 1898 bis 1907 in Bielefeld, Foto (ca. 1930); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 23-3-72


Bückardtschule 1953
Von der Flachsstraße aus verließ Max Pruss 1907 die Schule und damit auch Bielefeld zur „Schiffsjungen-Division” in Kiel, wie das Hausbuch festhielt. Die Westfälischen Neuesten Nachrichten berichteten am 21. Januar 1937 in Prosa und offensichtlich mit viel Fantasie über die gemeinsame Neigung von Max und Gustav zur See: „raus aus der Enge. Fahrensmann werden, die Welt kennen lernen.” Angeblich mussten die Brüder um diesen Berufswunsch losen, und Gustav zog im wahrsten Sinne des Wortes den Kürzeren – da Gustav sieben Jahre älter war, darf diese Darstellung aber in Frage gestellt werden. Später war auch von einer abgebrochenen Ausbildung in einer Bielefelder „Drogenhandlung” (Apotheke) die Rede und dass der Vater erst von der Polizei über die Abwanderung seines Sohnes Max erfahren habe – die journalistische Darstellungsfreiheit war unbegrenzt.

Auf dem Schiff „Preussen” wurde Pruss im Navigations- und Signaldienst ausgebildet, erwarb 1914 das Steuermannspatent und kam im Ersten Weltkrieg zur Marine-Luftschifffahrt, bei der er als Höhensteuerer Dienst tat. Nach Kriegsende und Demobilmachung wechselte er 1923 zur Friedrichshafener Zeppelinwerft, nahm 1924 an der Überführung des Luftschiffs ZR III in die USA teil und arbeitete in Lakehurst eine amerikanische Bedienungsmannschaft ein. Die als Reparationsleistung gedachte Aushändigung des Luftschiffs geriet geradezu zu einem Aussöhnungsereignis, denn die Crew, die damit die erste deutsche Atlantik-Überquerung bewerkstelligte, wurde begeistert empfangen, auch vom US-Präsidenten Calvin Coolidge (1872-1933). Mit 37 Jahren hatte Pruss nahezu 300 Fahrten mit Luftschiffen absolviert.

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Von der Bückardtschule wechselte Pruss zur Marine, Foto von O. Sudmann (1953); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 24-102-1


1930 überflog die „Graf Zeppelin“ Bielefeld und landete zur Eröffnung des Flughafens Windelsbleiche
Auf der 1928 in Dienst gestellten „Graf Zeppelin” war Pruss danach zunächst Navigationsoffizier. 1928 und 1930 hielt er auf Einladung des örtlichen „Rings der Flieger” und des Luftfahrtvereins Vorträge in Bielefeld. Es war für ihn sicherlich ein besonderer Tag, als er am 31. August 1930 mit der LZ 127 „Graf Zeppelin” unter dem Kommando von Kapitän Ernst A. Lehmann in Windelsbleiche landete – und es war auch der Höhepunkt der Flugplatzeinweihung 1930. Nach der ersten Überfahrt der „Hansa” 1912 und zwei weiteren Zeppelin-Überfahrten 1929 und Pfingsten 1930 sollte in Bielefeld endlich ein Luftschiff auch landen. Mit 43 Mann Besatzung und 36 Passagieren war LZ 127 morgens in Friedrichshafen gestartet, darunter der Landrat August Beckhaus und etliche Bielefelder Unternehmer mit ihren Ehefrauen. Vera Schaarschmidt beschrieb ihre Eindrücke wie folgt: „Wir sind nun 8 Stunden über Deutschland spazieren geflogen, es war herrlich! Und dabei ein Wetter! […] Wir flogen ja so niedrig, dass wir alles ganz genau sehen konnten. […] Alle bedauerten es lebhaft, als wir landen mussten. Ein wahnsinniges Geschrei empfing den Zeppelin in Bielefeld, wir kamen uns ganz gehoben vor”. Bei der Landung nach mehr als 900 Kilometern richteten sich 100.000 Augenpaare auf den grauen Koloss, 500 Sportler standen mit Tauen bereit, um das Landemanöver abzusichern. Im März 1936 übernahm Pruss das Kommando der LZ 129 „Hindenburg", die zum Auftakt eine „Deutschlandfahrt” durchführte, bei der sie gemeinsam mit der „Graf Zeppelin” auch Propaganda-Flugblätter für die NSDAP abwarf. Es folgten zehn USA-Fahrten, siebenmal ging es nach Brasilien. Das Luftschiff war mit dem leichter entzündlichen Wasserstoff als Traggas befüllt. Das ursprünglich geplante, allein in den USA zu beziehende Helium konnte nicht verwendet werden, da die USA dieses als kriegswichtig eingestuft und ein Exportverbot erlassen hatten.

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1930 überflog die „Graf Zeppelin” Bielefeld und landete zur Eröffnung des Flughafens Windelsbleiche; Foto von E. Willmann (1930); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 23-3-128


Etwa 100.000 Menschen verfolgten die Landung der LZ 127 am 30. August 1930 in Windelsbleiche
Vor einer Rekordkulisse hielt Max Pruss am 24. Januar 1937 in der Oetkerhalle einen zweistündigen „Lichtbildervortrag” über die jüngste Fahrtperiode, die nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Fritz Budde auch die deutsche Leistungsfähigkeit propagandisierte. Am Tag zuvor hatte sich Pruss in das Goldene Buch eingetragen, 1930 hatte er freilich dem damaligen Komandanten Lehmann den Vortritt überlassen müssen. Pruss war Anfang 1937 nicht auf Großer Fahrt, denn die „Hindenburg” wurde überholt, „weil der Andrang so groß ist”, wie die Westfälische Zeitung am Folgetag berichtete. Durchschnittlich flöge die „Hindenburg” mit 130 Stundenkilometern, habe auch schon 300 Stundenkilometer gemeistert, so Pruss, der die Dauer einer Transatlantik-Fahrt nach Amerika mit 42 und 52 Stunden angab und die Streckenleistung der letzten neun Monate mit 300.000 Kilometern.

Pruss berichtete von Hindenburg-Fahrten über einem schlecht kartierten Russland, begeisterten Empfängen in Japan, Afrika, Südamerika und der Antarktis und triumphalen Konfettiparaden in den USA. Die WZ resümierte: „Die deutschen Luftschiffe haben sich durch ihre sicheren, fahrplanmäßigen Fahrten das Vertrauen der ganzen Welt erworben. […] So wusste Kapitän Pruß seinen Bielefeldern ein anschauliches Bild zu entwerfen von seinem Wirkungsbereich, der Deutschland repräsentiert, denn die Luftschiffe erzählen von deutscher Tatkraft, deutschem Erfindergeist, der Zuverlässigkeit deutschen Materials und der Tüchtigkeit deutscher Ingenieure und Luftschiffer. Zu ihnen gehört Bielefelds großer Sohn, Kapitän Pruß”.

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Etwa 100.000 Menschen verfolgten die Landung der LZ 127 am 31. August 1930 in Windelsbleiche; Foto (1930) Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 23-3-75


Werbeschrift der Firma Strunkmann & Meister

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Und als sei es nicht genug, dass ein in Bielefeld aufgewachsener Kapitän das Luftschiff steuerte, waren die Tischgedecke an Bord „aus Bielefelder Leinen” – die Firma Strunkmann & Meister hatte bereits 1928 die LZ 127 mit ihren Produkten ausgestattet. Und die Westfälischen Neuesten Nachrichten ergänzten am 25. Januar 1937, dass noch „kein Passagier […] mit den Zeppelin-Luftschiffen verunglückt” sei und dass zum Abschluss dieser Winterhilfswerk-Veranstaltung ein Gruß an den „Führer und den Schirmherrn der Luftfahrt, Generaloberst Göring” ging.

Kaum vier Monate nach seinem Vortrag, steuerte Pruss die LZ 129 in die USA, nach Lakehurst. Nach einem ereignislosen Atlantik-Überflug verzögerte sich wegen eines Gewitters am 6. Mai 1937 die Landung. Im Heck der „Hindenburg” entzündete sich ein schnell ausbreitendes Wasserstoff-Feuer, das Luftschiff sank auf den Boden, durch die Flammen fing auch der Dieselkraftstoff für die Antriebsmotoren Feuer – das Luftschiff brannte völlig aus. 13 Passagiere und 22 Besatzungsmitglieder starben, darunter der als Fluggast mitreisende Luftschiffkapitän Lehmann. Die Ursache ist abschließend nie geklärt worden: Die deutsche Presse vermutete wiederholt einen Sabotageakt, wahrscheinlich waren aber elektrische Entladungen verantwortlich, die den Wasserstoff entzündeten und die Katastrophe auslösten. Max Pruss wurde schwer verletzt aus den Trümmern geborgen, schwere Brandwunden zeichneten ihn sein Leben lang, dennoch blieb er ein eifriger Befürworter der Luftschiff-Technik. Die Stadt Bielefeld ehrte ihn im September 1937, indem sie in den Heeper Fichten einen Max-Pruß-Weg einweihte. Oberbürgermeister Budde erinnerte hier an Karriere und Tragödie des Luftschiffers, ließ es sich aber auch nicht nehmen, Görings Luftwaffen-Propaganda zu zitieren: „Das deutsche Volk muss ein Volk von Fliegern werden!”

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Werbeschrift der Firma Strunkmann & Meister für Leinenprodukte für die „Graf Zeppelin”; 1928; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,38/Strunkmann & Meister, Nr. 22


Die letzte Landung eines Luftschiffs der klassischen Baureihe in Bielefeld fand am 23. Juli 1939 wieder in Windelsbleiche, wieder vor 100.000 Menschen statt. Die Lokalpresse erinnerte an die Vita und Leistungen von Max Pruss, der aufgrund seines weiterhin beeinträchtigen Gesundheitszustandes das Kommando der neuen „Graf Zeppelin” nicht führen konnte. Diese LZ 130 war 1938 in Dienst gestellt worden und es gab an Bord sogar eine „Bielefeld-Kabine”, eine Referenz an Max Pruss und die Stadt, in der er aufgewachsen war.

Die Zeitungen waren inzwischen durchsetzt mit Nachrichten über deutsch-polnische Spannungen, und fünf Wochen später entfachte das nationalsozialistische Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. Der Zweite Weltkrieg beendete die Ära der Luftschifffahrt und die Hoffnungen von Max Pruss endgültig: Die letzten Luftschiffe LZ 127, 130 und 131 wurden 1940 auf Befehl Görings abgewrackt. Max Pruss starb am 28. November 1960 in Frankfurt/Main.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 21: Hausbücher Flachsstr. 21 und 23, Heeper Str. 105, 1896-1947
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,38/Strunkmann & Meister, Nr. 22: Kundenkorrespondenz und Werbebriefe, 1909-1929
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handgebundene Bände, Nr. 192: Goldenes Buch der Stadt Bielefeld, 1907-1945
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 52: Verkehrswesen, 1914-1944
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 54: Personalien, 1931-1944
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 57: Literatur, örtlich und wissenschaftlich, 1932-1939
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 100: Familienkunde, Lebensbilder, 1957-1962
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 23-3-72, 23-3-75, 23-3-128, 24-102-1
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,9/Plakate, Nr. 2342: Zeppelin-Tag, 1939


Literatur

  • Cohnen, Robert, Luftfahrt in Bielefeld, in: IkarusMaschinen – Luftfahrt in Ostwestfalen-Lippe (Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe, Bd. 77), Detmold 2006, S. 109-118
  • Schumacher, Hans, 80 Jahre Flugplatz Bielefeld 1930-2010. Eine kalendarische Dokumentation, Bielefeld 2010


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Bildbeschreibung

Beim Zeppelintag 1939 landete die neue LZ 130 „Graf Zeppelin” in Bielefeld, Plakat (1939); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,9/Plakate, Nr. 2342: Zeppelin-Tag, 1939