28. Mai 1928: Die Arbeiten für die Bielefelder Gartenstadt Wellensiek werden aufgenommen

Von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
„Die Luft ist rein, hier ist’s so schön / So still und kein Maschinengedröhn / Hier atmet man auf und mit Lust / Aus voller Brust”. Hermann Husemann, Malermeister von Beruf, war 73 Jahre alt, als er im März 1930 etwas ungelenk über sein neues Zuhause dichtete. Er hoffte, dass sein Gedicht „Lob dem Wellensieke” bei seinen Nachbarn Anklang finden würde, und stellte es „den Wellensiek-Leuten zur geflissentlichen Benutzung zur Verfügung”. Als Hermann Husemann am 1. November 1929 in die gepriesene Wohnsiedlung zog, gehörte er zu den ersten Mietern in Bielefelds bis heute einzigen „Gartenvorstadt”, die von der Ravensberger Heimstättengesellschaft konzipiert worden war. Am 28. Mai 1928 begannen die vorbereitenden Bauarbeiten und fünf Monate später, am 13. Oktober 1928, wurde der Grundstein gelegt.



Besucher aus dem Rathaus auf der Baustelle
Die Planung einer neuen Wohnsiedlung im Westen Bielefelds war eine Reaktion auf die Wohnungsnot, die nach dem Ersten Weltkrieg herrschte. Bereits während des Krieges ging die Bautätigkeit stark zurück. Engpässe auf dem Wohnungsmarkt traten aber nicht ein, weil weniger Ehen geschlossen und damit auch weniger neue Wohnungen nachgefragt wurden, überdies zum Militärdienst eingezogene Männer ihre Wohnungen aufgaben und Ehefrauen zu ihren Eltern zogen. Als nach dem Krieg die Soldaten wieder heimkehrten und auch wieder mehr Ehen geschlossen wurden, war der Mangel an Wohnungen spürbar. Private Bautätigkeit setzte aber kaum ein, weil zum einen gesetzlich vorgeschriebene niedrige Mieten den Anreiz schmälerten, zum anderen aber auch die unsichere wirtschaftliche und politische Lage nach dem Ersten Weltkrieg Private davon abhielt. So mussten vor allem Städte und Gemeinden diese Aufgabe übernehmen.

So auch in Bielefeld: Zwischen 1919 und 1925 wurden am Lehmstich, an der Petri-, Ziegel- und Bleichstraße, am Walkenweg und an vielen weiteren Straßen etwa 200 Häuser gebaut. Auf die „gemeindliche Bautätigkeit” könne auch in Zukunft nicht verzichtet werden, forderte 1925 Lena Lappe in ihrer Dissertation, „bis Bauunternehmer, Genossenschaften und Private wieder eine genügende Anzahl Wohnungen für den Wohnungsbedarf herstellen.” Diese Häuser müssten weder teuer noch „dauerhaft” gebaut sein. „Unter den heutigen Verhältnissen” sei es sogar „unwirtschaftlich, Häuser zu bauen, die nach zweihundert Jahren noch bewohnt werden können.” Wichtiger sei vielmehr, dass zu jeder Wohnung „ein kleines Gärtchen” gehörte, „in dem die Kinder spielen können”, da Straßen „heute in der Zeit gesteigerten Verkehrs kein Spielplatz mehr” seien und „in dem der Vater sich nach seiner oft mechanischen Tagesarbeit erholen” könne.

Bildbeschreibung

Besucher aus dem Bielefelder Rathaus auf der Baustelle Wellensiek. In der Bildmitte Architekt Bernhard Kramer (1929). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-2172-2


Die Ravensberger Heimstättengesellschaft, die 1922 mit dem Ziel gegründet worden war, „Kleinwohnungen für Minderbemittelte” zu erwerben und zu errichten, hatte 1927 ein zum ehemaligen Hof Wellhöner gehörendes Gelände erworben. Obwohl das unterhalb der Werther Straße befindliche Areal zum Verwaltungsbezirk der Gemeinde Großdornberg gehörte und mithin außerhalb der Stadt Bielefeld lag, richtete sich das Interesse der Heimstättengesellschaft auf die städtische Bevölkerung. Für sie sollten stadtnah im Landkreis Bielefeld Wohnungen gebaut werden. Da in Bielefeld 1927 die Anzahl der fehlenden Wohnungen „auf etwa 1500 geschätzt” wurde, sei „alles, was zur Verringerung dieser Zahl” beitrüge, zu begrüßen, kommentierte die Westfälische Zeitung. Infolge des damit einhergehenden Umzugs aus der Stadt in den Landkreis standen allerdings Forderungen an die Stadt im Raum, zur „Abgeltung der Schul- und Soziallasten” 2000 RM pro Bürger an die Gemeinde Großdornberg zu zahlen. Für Stadtbaurat Friedrich Schultz kamen dagegen maximal 1500 RM in Frage und eine einmalige „Kapitalabfindung für den Anteil an der Lehrerbesoldung”.


Der Magistrat stand dem gesamten Projekt sowieso eher skeptisch gegenüber und hätte es wohl lieber gesehen, die Siedlung im Bielefelder Osten in Stieghorst zu errichten. Dagegen setzte sich aber die Ravensberger Heimstättengesellschaft erfolgreich zur Wehr. Der Magistrat hielt es überdies „für ausgeschlossen”, dass die Heimstättengesellschaft „300 Bielefelder finden, welche die Häuser kaufen oder zu dem errechneten Mietpreise mieten würden.” Da die projektierte Siedlung etwa „1 ½ km vom Endpunkte der geplanten elektrischen Straßenbahn entfernt” lag, konnten die Häuser für Menschen, die in Bielefeld arbeiteten, nur dann interessant sein, wenn die Mieten niedriger lagen als im Stadtgebiet. Davon konnte aber aus der Sicht des Magistrats keine Rede sein. Die vor dem Ersten Weltkrieg geplante Straßenbahn, die in Höhe der Bossestraße enden sollte, wurde übrigens erst nach der Jahrtausendwende realisiert.

Bildbeschreibung

Erster Bebauungsplan für die Siedlung Wellensiek (1927). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 233


Baustelle Wellensiek
In den Verhandlungen über die finanzielle Beteiligung Bielefelds an einer Wohnsiedlung, die im Landkreis lag, wurde von städtischer Seite von Beginn an auch die Eingemeindung des betreffenden Geländes angesprochen. Nach einem Artikel der Westfälischen Zeitung vom 27. Oktober 1927 schien sich aber Großdornberg „mit Händen und Füßen gegen eine solche Eingemeindung wehren zu wollen”, stand aber mit ihrem Protest auf verlorenem Posten, weil Bielefeld in Erwägung zog, „Bauland in unmittelbarer Nähe des bisher vorgesehenen Baugrundstücks am Pappelkrug für die Errichtung der Heimstättensiedlung zur Verfügung” zu stellen, „das ohne Eingemeindung innerhalb der Stadtgrenzen” lag.

Am 11. November 1927 beschloss die Gemeindevertretung Großdornberg mit fünf gegen eine Stimme, „der Eingemeindung des Kleineber[g]schen und des fr[üheren] Wellhönerschen Grundstückes in den Stadtbezirk Bielefeld zuzustimmen”. Sie stellte aber die Bedingung, dass die Wohnsiedlung auf dem „Wellhönerschen Grundstück” errichtet werden sollte und zudem acht bis zehn „Baulustige der Gemeinde die Möglichkeit gegeben wird, hier anzusiedeln”, und zwar „unter den gleichen Bedingungen, wie den Bielefeldern, weil der Gemeinde kein geeignetes Baugelände zur Verfügung” stand. Die Gemeinde forderte letztlich „als Abgeltung für ausgefallene Steuern” 20.000 RM, was die Stadt auch akzeptierte.

Mit der Eingemeindung entfielen aus städtischer Sicht allerdings die geforderten Abgeltungsleistungen für Schul- und Soziallasten, die Gesellschaft wollte aber auf einen Zuschuss nicht verzichten. Nach schwierigen Verhandlungen einigten sich die Vertragspartner u.a. darauf, dass die Heimstättengesellschaft 326 Wohneinheiten errichten sollte, von denen 300 Bielefelder Familien zur Verfügung standen. Bielefeld verpflichtete sich, für jede Familie 1200 RM in Form eines „verlorenen Zuschusses” zu zahlen, benachbarte Grundstücke von der Gesellschaft zu kaufen, die diese nicht für das Bauvorhaben brauchte, die Versorgungsleitungen bis zum Siedlungsgebiet zu verlegen und eine Volksschule zu errichten, während die Gesellschaft ihrerseits die Kosten für eine Kläranlage und den Straßenbau innerhalb der Siedlung übernehmen wollte. Am 18. Januar 1928 genehmigte die Stadtverordnetenversammlung den Vertrag, die endgültige Beurkundung erfolgte aber erst am 12. Mai 1928, weil noch einige Unterlagen fehlten. Danach beliefen sich die Gesamtkosten der „Gartenvorstadt am Wellensiek” auf rund 3,9 Millionen Reichsmark, der städtische Haushalt wurde mit 543.300 RM belastet.


Bildbeschreibung

Baustelle Wellensiek (1929). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-2172-10


Einfamilienhäuser
Am 28. Mai 1928 erfolgte dann endlich der erste Spatenstich unter der Bauaufsicht des Architekten Bernhard Kramer. 72 Doppelhäuser vom Typ „Badherten” mit 288 Wohnungen wurden nach einem Bebauungsplan errichtet, der für die Häuser Gartenflächen vorsah. Der Wellensiek orientierte sich an Prinzipien der Gartenstadt, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg in ganz Deutschland Aufsehen erregten. In Nürnberg und Karlsruhe, Magdeburg und Merseburg, Neumünster und Wandsbek bei Hamburg, überall waren Wohnsiedlungen entstanden, die einen bezahlbaren Kontrapunkt gegen beengte und krankmachende Großstadtwohnungen mit ihren tristen Hinterhöfen setzten. Im Wellensiek hatten die Wohnungen zwei Zimmer, Küche, Bad sowie eine Mansarde im Dachgeschoss. Die Wohnfläche betrug insgesamt 73,15 qm. Die Mieter mussten Bauanteile von 500 RM erwerben, die verzinst und nach einem möglichen Auszug wieder ausgezahlt wurde. Die monatliche Miete betrug anfangs im Erdgeschoss 68 RM und im Obergeschoss 78 RM. Außer den Doppelhäusern wurde noch ein zweieinhalbgeschossiges Mehrfamilienhaus errichtet, das wegen eines markanten Durchgangs als Torbogenhaus bezeichnet wurde. Hier standen acht Wohnungen mit Wohnflächen von 78 bis 98 qm zur Verfügung. Und nicht zuletzt baute die Heimstättengesellschaft drei Einfamiliendoppelhäuser sowie 24 Einfamilienhäuser vom Typ „Groß-Dornberg”, die nicht vermietet, sondern verkauft wurden.

Die Planung für eine Schule wurde im August 1928 aufgenommen, die wiederum unter der Leitung von Bernhard Kramer stand. Ging noch die Ravensberger Heimstättengesellschaft in ihren ersten Entwürfen davon aus, dass eine vierklassige Schule ausreiche, forderte nun Stadtoberbaurat Friedrich Schultz, dass die Schule „gleich voll mit 8 Klassen und Turnhalle auszubauen” sei, da „mit der weiteren Vergrößerung der Siedlung an den Grenzen […] baldigst zu rechnen” sei. In nur einem Jahr wurde das Gebäude errichtet und am 3. Mai 1930 nahm die „Schule Wellensiek” ihren Betrieb auf. Ein Jahr später waren dort sechs Klassen in fünf Räumen untergebracht, von denen nur vier Unterrichtsräume waren und ein Zimmer für die Lehrmittel vorgesehen war.


Bildbeschreibung

Die Einfamilienhäuser „Groß-Dornberg” unterhalb der Werther Straße (1928). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-2172-8


Ging der Schulbau reibungslos vonstatten, so gestalteten sich die Bauarbeiten an der Wohnsiedlung allerdings schwieriger als erwartet. Auch musste das ursprüngliche Konzept während der Bauphase revidiert werden, weil der Wohnungsbestand erhöht werden sollte. „Man baut nicht ungestraft in einem Quellengrund, auch wenn er landschaftlich noch so schön gelegen ist”, war im Juni 1929 in der Westfälischen Zeitung zu lesen. „So war der Werdegang dieser Gartenstadt […] mit Überraschungen nicht gerade angenehmer Art gepflastert. Die Siedlung am Wellensiek ist nicht nur ein Sorgenkind der Heimstätte, sondern auch der Stadt Bielefeld insofern, als die Stadt für diese Siedlung einen verlorenen Zuschuß von 300.000 Mark leistete und außerdem der Erbauerin […] beim Ausbau der ursprünglich nicht vorgesehenen Dachgeschosswohnungen hilfreich beispringen mußte. Wenn über dem Baubeginn und der baulichen Entwicklung der Siedlung ein nicht gerade günstiger Stern stand, so darf man doch hoffen, daß die vollendete Siedlung und ihre 400 Wohnungen für die bisher erlebten Enttäuschungen entschädigen. Es ist nicht das erste Mal, daß sich Sorgenkinder erfreulich entwickelt hätten. Aus Sorgenkindern sind sogar schon Wunderknaben geworden.”

Bildbeschreibung

Plan der „Volksschule in der Gartenstadt am Wellensiek” von Bernhard Kramer (1929). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 177


Der Wellensiek
Der Wellensiek hat sich zu einem Wunderknaben entwickelt. Die Ravensberger Heimstättengesellschaft geriet nur selten in die Lage, die eingezahlten Bauanteile wieder auszahlen zu müssen, weil die Mieter etwas Besseres gefunden hatten. Auch kam es am Wellensiek häufig vor, dass Wohnungen generationenübergreifend weitergegeben wurden. Auch der eingangs zitierte Malermeister Hermann Husemann machte aus seinem Stolz keinen Hehl. Dass das gesunde Wohnklima des Wellensieks Frauen, Kindern und Männern gleichermaßen zugutekam, war ihm in seinem Gedicht gleich drei Strophen wert:

„Und ihr Frauen, die ihr bleichsüchtig und schmal / Oh zieht heraus zu uns ins Tal! / Da werdet ihr jugendfrisch, kerngesund / und rund!
Die Kinder erst, oh welche Lust / sie ruh’n so froh an Mutters Brust / Der Appetit regt sich, sind in Form / ganz enorm!
Der Männer weiter Weg zur Stadt / manchmal auch sein gutes hat! / Zurück nach Haus zu unserm Brink / gibt’s n Drink!”

Und an die Kritiker gerichtet, dichtete er:
„Oh Wellensiek, wenn erst deine Gärten blüh‘n / dann erst wirst du niedlich, wirst du schön / dann werden dich alle diejenigen loben / die erst tobten.”


Quellen

  • Jahresberichte über den Stand und die Verwaltung der Gemeinde-Angelegenheiten der Stadt Bielefeld für die Jahre 1915 bis 1925 und 1926 bis 1932, Manuskript.

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 21: Wellensiek

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 177: Wellensiekschule (1928-1935)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 233: Siedlung Wellensiek (1927)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 234: Siedlung Wellensiek (1927-1936)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 284: Kläranlage Wellensiek, Projektbetrieb (1927-1931)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Bd. 36: Bauwesen (1888-1944)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung.

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,10/Zeitgeschichtliche Sammlung, Nr. 350: Lob dem Wellensieke (1930).


Literatur

  • Thomas Bunte, Überwindung der Wohnungsnot – Sieg der Wohnkultur. Gemeinnütziger Wohnungsbau in der Weimarer Republik am Beispiel der Ravensberger Heimstättengesellschaft mbH, Bielefeld 1995.

  • Lena Lappe, Die gemeindliche Boden-, Bau- und Wohnungspolitik in Bielefeld (1925), Bielefeld 1950.

  • Gustav Simons, Die Deutsche Gartenstadt. Ihr Wesen und ihre heutigen Typen, Wittenberg 1912.

  • Bärbel Sunderbrink, Bernd J. Wagner, Das war das 20. Jahrhundert in Bielefeld, Gudensberg-Gleichen 2001, S. 32.

  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005.


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Bildbeschreibung

Der Wellensiek (1960). Ein Solitär von Landwirtschaft umgeben. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-2172-15