13./14. Juni 1757: Der Siebenjährige Krieg erreicht Bielefeld – Straßengefechte und Plünderung der Gadderbaumer und Milser Bleichen

von Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek
Schüsse peitschten 1757 durch die Straßen Bielefelds. Eine französische Vorhut traf inmitten der Stadt auf sich zurückziehendes preußisches Militär und dessen Verbündete. Vor den Toren und in der Stadt wurden etliche Soldaten getötet, in seinem eigenen Haus fiel der Bielefelder Bürger Hieronymus Homeier französischen Kugeln zum Opfer. Die Kriegsfurie suchte am 14. Juni 1757 auch die Gadderbaumer und Milser Bleichen heim, als die Soldateska reichlich Beute machte – der Siebenjährige Krieg hatte Bielefeld erreicht.


Der preußische König Friedrich II. entfachte mit einem Präventivschlag gegen Sachsen den Siebenjährigen Krieg; Stich von Johann Georg Wille nach einem Gemälde von Antoine Pesne, ca. 1750; Stadtarchiv Bielefeld, Stiche; LK1,7 R1/1
Nach dem Einmarsch preußischer Truppen in Sachsen 1756 war der Siebenjährige Krieg entbrannt, der aufgrund der britisch-französischen Kämpfe in den Kolonien Nordamerikas und Asiens sowie auf See Züge eines „Ersten Weltkriegs” hatte. Der Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) wollte mit diesem Präventivschlag einem Angriff der verbündeten Mächte Österreich, Russland, Frankreich und Sachsen zuvorkommen, sich gleichzeitig aber auch das wirtschaftlich attraktive und strategisch wichtige Sachsen sichern. Am 17. Januar 1757 wurde der Reichskrieg gegen das landfriedensbrüchige Preußen erklärt. Die antipreußische Koalition formierte sich seit Januar 1757: Dem Allianzvertrag zwischen Russland und Österreich folgte ein französisch-österreichisches Offensivbündnis, das die Krone Frankreich, die Garantiemacht des Westfälischen Friedens von 1648, gegen Preußen ins Feld führte.

Auf Preußens Seite standen allein England und die deutschen Fürstentümer Kurhannover, Hessen, Braunschweig, Schaumburg-Lippe und Gotha. Die verbündeten Fürsten stellten die „Observationsarmee” auf, die die französischen Bewegungen beobachten und erst für den Fall eines Angriffs auf Kurhannover aktiv werden sollte, das in Personalunion vom britischen König regiert wurde. Das Kurfürstentum war ins Visier der Franzosen geraten, die Großbritannien zusätzlich in Nordamerika und Indien heftig zusetzten. Die 47.000 Mann starke Armee zählte nur 5.000 Preußen und 22 schwere Geschütze, das personelle Gros entfiel auf die Verbündeten: 27.000 Hannoveraner, 12.000 Hessen, 6.000 Braunschweiger, 1.200 Bückeburger und 800 Gothaer.

Unter dem Befehl von Marschall Louis Charles César Le Tellier Comte d´Estrées (1695-1771) verließ der durch österreichische Kontingente auf 115.000 Mann verstärkte Gegner im April 1757 den niederrheinischen Raum. Der alliierte Kommandeur William Augustus Duke of Cumberland (1721-1765) zog darauf hin seine Truppen im Raum Bielefeld-Paderborn zusammen: Eine Hälfte der Armee lag mit dem Hauptquartier bei Paderborn, die andere ab dem 2. Mai 1757 auf der Schildescher Heide nördlich von Bielefeld. Zwei preußische Regimenter aus der aufgegebenen Festung Wesel zogen in Bielefeld ein. Am 19. Mai 1757 bezogen 14 Bataillone Hannoveraner und Braunschweiger das Lager Brackwede, das bald darauf weitere Truppen aufnahm. Der rechte Flügel stand bei Bielefeld, der linke südlich vor dem Höhenzug von Steinhagen über Quelle, den Blömkenberg und die Kupferheide sowie nördlich Brackwedes bis nach Senne II, die Kavallerie kampierte südlich von Brackwede.


Die Karte des „Camp de Braickvede“ zeigt detailliert die Stellungen der alliierten Observationsarmee unter dem Befehl Cumberlands; Stadtarchiv Bielefeld, Pläne, LK 1/7R2/43c

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Während der Schanzarbeiten kam es immer wieder zu Konflikten mit örtlichen Landwirten. Der Kolon (Bauer) Kramme protestierte gegen die Zerstörung seiner Feldfrüchte, wurde aber wohl durch hannoversche Soldaten kurzerhand mit einer Sense tödlich verletzt.

Der braunschweigische Leutnant Heinrich Urban Cleve berichtet in einem Tagebuch ab der Ankunft in der Schildescher Heide detailliert über Truppenbewegungen: Am 19. Mai 1757 erlebte Bielefeld den von Musik begleiteten Durchzug der alliierten Truppen, die größtenteils nach Brackwede verlegt wurden und dort mit Schanzarbeiten begannen. Ende Mai 1757 begannen die Alliierten, südlich von Brackwede eine großen Redoute aufzuwerfen, die etwa 800 Soldaten aufnehmen konnte. Parallel kam es zu ersten Scharmützeln, so dass bald darauf die Truppenteile von Paderborn hinzu stießen. Zwei braunschweigische Artillerie-Einheiten hatten einen besonders guten Standort gewählt: „Der Rücken desselben war durch das dahinter liegende Gebürge gedecket, der rechte Flügel lehnte sich an Bielefeld an und das Terr[a]in vor der Fronte war gleichfalls wegen verschiedener morastigen Stellen vor [i.e. „für”] den Feind chiquaneux.”

Über Lippstadt und Rheda näherte sich die französische Hauptarmee weiter dem etwa 3.100 Einwohner zählenden Bielefeld, am 13. Juni 1757 rechneten Soldaten und Bewohner rund um Brackwede mit einer Schlacht: „aus allen vor der Front gelegenen Häusern und Dörfern retirirten sich die Einwohner mit Weib, Kind und Vieh und flüchteten in das hinter unser Fronte liegende Gebürge.” Als die Franzosen einen Umgehungsversuch starteten, um die Logistik zu unterbinden und den alliierten Rückzug zur Weser abzuschneiden, befahl Cumberland am Abend des 13. Juni 1757 die sofortige Aufgabe des Lagers und den Abmarsch in Richtung Minden. Bei Brackwede nahmen die Gefechte zwischen den sich zurückziehenden Alliierten und den Franzosen an Schärfe zu, ein verlassenes Lager ging auf dem Dreschenberge in Flammen auf. Der nächtliche Rückzug verlief ungeordnet, in den Höhenzügen schossen verbündete Preußen und Hannoveraner im Chaos sogar aufeinander, Tote und Verletzte blieben zurück. Der preußische Soldat Adolph Krämer berichtete an seine Frau, dass „die Kugeln auf uns kommen sind, gleich wann ein dicker Hagel vom Himmel käme”.

Der Rückzug von fast 50.000 Soldaten mit Tross und Vieh durch die Stadt gestaltete sich konfus. Französische Einheiten, die durch das Oberntor in die Obernstraße forsch nachstießen, wurden von zwei auf dem Markt postierten preußischen Kartätschen (Schrotkanonen) „bewillkomt, dass viele auf der straße dodt liegen blieben”. Erst einem neu aufgestellten hannoverschen 50-köpfigen Jäger-Korps gelang es mit modernen Gewehren, die Franzosen vom Altstädter Kirchhof aus zurückzuschlagen. Dennoch nutzten preußische Soldaten die Unruhe zur Desertion, wobei diese im wahrsten Sinne des Wortes unsicheren Kantonisten aus den Häusern teilweise auf ihre eigenen Kameraden schossen: „alles ist drunter und drüber gegangen, also dass es erbärmlich anzusehen war.”


Die Milser Bleichen waren 1757 leichte Beute für die französischen Truppen; Lageplan, ca. 1790; Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten, Nr. 468: Bleiche in Milse (1719-1805)

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Auf dem Rückzug Richtung Weser nahm Cumberland „mit seiner gantzen Suite” für eine Nacht Quartier auf dem Gut Milse, das sich im Besitz von Philipp Ludwig Freiherr von Hörde zu Schönholthausen befand. Am 14. Juni 1757 um 9 Uhr rückten Cumberlands Truppen Richtung Weser ab und hinterließen bereits erhebliche Schäden. Schon zwei Stunden später stießen 100 französische Husaren und 150 Infanteristen nach. Der Gutsherr berichtete später: Diese „Trouppen waren wegen des auf meinem Hause im Quartier gewesenen Hertzogs von Cumberland wieder mich terribel erbittert, und haben daher mich […] ausgeplündert”. Und nicht nur das: Sie nahmen den fassungslosen Gutsherrn mit seinem Bruder und Gesinde gefangen und führten ihn in das Quartier des Prinzen von Beauveau ab. Dort konnte von Hörde nur konsterniert zur Kenntnis nehmen, dass die Plünderung seines Gutes, der Milser Bleichen und der Bewohner befohlen wurde: „es wurde dahero auf meinem adelichen Hause alles totaliter spoliiret [beraubt] und ruiniret.” Hörde berechnete seinen eigenen Schaden auf 4.000 Reichstaler, den der Bleicher und anderen Bewohner auf über 15.000 Reichstaler: gestohlenes Vieh, Mobiliar, Haushaltsgeräte, Textilien, Lebensmittel.

Dramatisch waren die Folgen für Bevölkerung: Mit der Besetzung durch die Franzosen und insbesondere durch das berüchtigte „Fischersche Freikorps” des Johann Christian Fischer (1713-1762) begann eine – ansonsten eher unübliche – dreistündige Plünderung der Stadt und der Bleichen am Gadderbaum. In mehreren Bänden stellte die Stadt anschließend ihre eigenen Erstattungsansprüche samt Quittungen und die ihrer Bürgerinnen und Bürger zusammen: Schutz- und Bestechungsgelder an die Offiziere, Lieferungen von Lebensmitteln („allerley Victualien”), Futtermitteln, Brenn- und Baustoffen, Arbeits- und Dienstleistungen, Botengänge und Sonderleistungen wie z.B. das Verscharren von „crepirten Pferden” oder das Vernageln von Kisten und Koffern im Kloster für „die Franßen” (Franzosen).


Besonders schwer traf es die Bleichen, auf denen die Kaufleute den gesamten im Winter und Frühjahr angekauften Leindwandbestand ausgebracht hatten. 1763 reichte die Bielefelder Kaufmannschaft auf königlichen Befehl ihre Forderungen ein, wonach Cumberland 1757 angeblich die Kaufleute zunächst in Sicherheit gewogen und ihnen anschließend aus taktischen Gründen eine Rettung ihrer Waren auf den Bleichen verwehrt hatte, die als leichte Beute vielmehr die Franzosen von einer Verfolgung der Observationsarmee abgehalten habe. Der durch „Schuld und Veranlassung” Cumberlands verursachte Gesamtschaden belief sich laut ihrer Eingabe auf insgesamt 200.000 Reichstaler. Nicht weniger als 72 Kaufleute und ihre Vertreter reichten auf Anforderung später ihre umfangreichen Schadensmeldungen ein, die sich freilich insgesamt auf nur 121.258 Reichstaler summierten.

1784 meinte Peter Florens Weddigen: „Vielleicht haben wenige Städte in dem siebenjährigen Kriege einen so harten Stoß erlitten, als Bielefeld, durch den Gräuel der Plünderung, wodurch sein Handels- und Fabrikenzustand bis auf das innerste Mark erschüttert wurde.” Eigentumsverlust, Liquiditätsprobleme, Handelslähmung, dazu Kontributionen und die allgemeinen Kriegskosten waren hart ausgefallen, dennoch hatte Bielefeld sich nach Rückkäufen und wegen einer guten Wirtschaftskonjunktur bis 1784 wieder weitgehend erholt. Die Plünderung der Bleichen von 1757 nötigte immerhin dem reuigen französischen General Marcien noch 1790 aus dem soeben Revolutions-geschüttelten Grenoble die ansehnliche Summe von 3.000 Livre als reichlich späten Schadenersatz ab. Mit den Zinsen der Stiftung wiederum finanzierte die Stadt u.a. den Bau einer Wohnung für den Rektor der Waisenschule. Zusätzlich erhielt die Stadt 1786 zum Teilausgleich der allgemeinen Kriegsschulden 30.000 Reichstaler aus der königlich-preußischen Schatulle.


Bis zum 7. Juli 1757 verweilten die Franzosen im „Camp de Bilefeld“; Stadtarchiv Bielefeld, Pläne, LK 1/7R2/43c (1760)

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Die große Schlacht war Bielefeld 1757 erspart geblieben, für die Soldaten beider Heere dagegen war sie nur aufgeschoben worden. Am 26. Juli 1757 schlugen die französischen Truppen die Observationsarmee in der Schlacht bei Hastenbeck. Die Franzosen verloren 2.300 Mann, auf Seiten der preußischen Verbündeten blieben 1.400 Soldaten auf dem Feld. Die Observationsarmee zog sich an die Nordsee zurück und erklärte sich für neutral, Kurhannover und Braunschweig wurden von den Franzosen besetzt. Bielefeld erlebte in den Jahren bis 1763 wiederholt Besetzungen und Übergriffe, jedoch nicht mehr so gravierend wie im Juni 1757.

Literatur

  • Beckmann, Karl, Das Lager der Armee des Herzogs von Cumberland bei Brackwede in einer Karte von 1757, in: Brackweder Heimatblätter 2 (1977), S. 29-40
  • Carl, Horst, Okkupation und Regionalismus. Die preußischen Westprovinzen im Siebenjährigen Krieg (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Abtlg. Universalgeschichte, Bd. 150), Mainz 1993
  • Das Straßengefecht in Bielefeld am 14. Juni 1757, in: 6. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (1886), S. 51 f.
  • Weddigen, Peter Florens, Von dem Fabrikenzustande in der Grafschaft Ravensberg [Fortsetzung], in: Westphälisches Magazin, Bd. 1, Heft IV (1784), S. 95-107, insb. 102f.
  • Weddigen, Theodor, Bielefeld und das Haus Milse im siebenjährigen Kriege, in: 13. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (1899), S. 26-69
  • Wilbrand, Julius, Über ein militärisches Tagebuch aus dem siebenjährigen Kriege, in: 6. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (1885), S. 4-14


Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten, Nr. 285: Königliches Gnadengeschenk von 30.000 Reichstalern an die Stadt (1768)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten, Nr. 468: Bleiche in Milse, Enthält u.a.: Lageplan (1719-1805)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten, Nr. 655: Schadensanmeldungen der Leinenhändler und -weber nach der Plünderung der Bielefelder Bleichen am 14. Juni 1757 durch die Franzosen (1763)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten, Nr. 635-642, 645-646 und 1691: Kriegskostenrechnung für den Siebenjährigen Krieg (1757-1759)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Ältere Akten, Nr. 1159: Verwendung von 3.000 Livre aus der Stiftung des Marquis de Marcien (1790-1820)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Gutsarchiv Milse, Nr. 4: Plünderungen durch französische Truppen (1757-1759)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Handgebundene Bände, Nr. 81: Wolff Ernst Alemann, Collectanea Ravensbergensia, Bd. 3 (1688-1725)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Pläne, LK 1/7R2/43c: Karten „Camp d Braickvede” und „Camp de Bilefeld” (1760)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Stiche; LK1,7 R1/1: Fréderic II Roi de Prusse. Electeur de Brandenbourg, Stich von Johann Georg Wille nach einem Gemälde von Antoine Pesne, ca. 1750


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