21. Juni 1968: Der Grundstein für die Universität Bielefeld wird gelegt

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
„Wenn der Ministerpräsident unseres Landes mit zwei Ministern den Weg von Düsseldorf nach Bielefeld findet, dann muß es sich um einen außergewöhnlichen Anlaß handeln. Sehr augenscheinlich kommt nämlich dadurch zum Ausdruck, daß Ostwestfalen zum Lande Nordrhein-Westfalen gehört, was nicht immer und nicht überall so deutlich erkennbar ist.” Mit diesen Worten begann Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl am 21. Juni 1968 eine Rede in der Aula der Pädagogischen Hochschule Bielefeld. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Heinz Kühn war mit Kultusminister Fritz Holthoff und dem Minister für Wohnungsbau und öffentliche Arbeiten Dr. Hermann Kohlhase nach Bielefeld gekommen, um den Grundstein für die Universität zu legen.




NRW-Ministerpräsident Heinz Kühn bei der Grundsteinlegung.
Hinnendahls Kritik, dass die Landespolitik die heimische Region viel zu häufig aus dem Blick verlöre, ja, nicht selten der Eindruck vorläge, das Bundesland würde aus rheinländischer Perspektive nur unwesentlich hinter Dortmund enden, war nicht unberechtigt und gehört bis heute zum Erfahrungshorizont Ostwestfalen-Lippes. 1968 wirkte diese Kritik dennoch etwas deplatziert, weil in dem annährend achtjährigen Prozess um den Bau neuer Universitäten in Nordrhein-Westfalen zumindest seit 1964 die ostwestfälische Region kaum zur Disposition stand, wohl aber der Standort einer künftigen „alma mater”. Außer Bielefeld machten sich Paderborn, Detmold, Herford und, etwas westlicher gelegen, Soest als heimliche Hauptstadt Westfalens Hoffnung. Während Paderborn unter anderem auf die eigene Geschichte hinwies, schließlich beherbergte die Stadt von 1614 bis 1816 eine Universität, betonte Detmold das „kulturelle Fluidum” Lippes, das ein von der Großstadthektik ungestörtes Forschen und Lernen ermöglichen sollte. Den ostwestfälischen Metropolencharakter brachte wiederum Bielefeld ins Rennen, wobei die Stadt zweigleisig plante: Zum einen eine Universität im Stadt- und Landkreis Bielefeld, zum anderen eine ostwestfälische Hochschule von Bielefeld und Herford. Die zweite Alternative, die unter der Bezeichnung „Ravensberger Lösung” firmierte, fand auch im lippischen Lemgo Unterstützung, das sich ausdrücklich gegen eine Detmolder Hochschule aussprach.

Die Bewerbung um den besten Standort glich aber nur vordergründig einem olympischen Wettkampf, hinter den Kulissen wurde mit harten Bandagen gekämpft. Schließlich sahen die Kommunalpolitiker mit gutem Recht in der Gründung einer Hochschule einen kaum zu unterschätzenden ökonomischen Standortfaktor. So verkündete denn auch noch vor der Grundsteinlegung Oberstadtdirektor Heinz Kuhn, dass „in oder um Bielefeld mit der Ansiedlung einer bestimmten Weltfirma gerechnet werden” könne, „sobald Universität und Flugplatz vorhanden seien.” Um welche Firma es sich dabei handelte, verriet er aber nicht. Ungeachtet dessen ging es also um wesentlich mehr als nur um akademische Würden im eigenen Sprengel. Martin Löning, Archivar der Universität Bielefeld, berichtet von einem regelrechten „Pressekrieg über die Standortfrage”, der den Detmolder Regierungspräsidenten Dr. Gustav Galle im Februar 1964 letztlich dazu veranlasste, „die ‚Oberhäupter’ der vier konkurrierenden Städte Ostwestfalens zu einer Besprechung” einzuladen. Den Bürgermeistern und Stadtdirektoren gab er mit auf den Weg, dass „durch die Wettbewerbssituation, die mit gegenseitigen Abwertungen verbunden sei, bei der Landesregierung ein ungünstiger Eindruck entstehe, der die Grundsatzentscheidung zugunsten Ostwestfalens zur Disposition stelle.” Die Ermahnung des Regierungspräsidenten war letztlich nur ein frommer Wunsch, denn allein die Betonung der eigenen Vorzüge musste die Mitbewerber abwerten.

So wurde auch weiterhin von allen Beteiligten mit offenem Visier gefochten. Nachdem sich beispielsweise die katholische Kirche mehrmals für Paderborn ausgesprochen hatte, forderte der aus Minden kommende Fraktionsvorsitzende der FDP im Düsseldorfer Landtag, Walter Möller, dass „eine neue Universität entsprechend der Bevölkerungsstruktur in Ostwestfalen-Lippe eindeutig eine ‚evangelische Universität’ sein müsse.” Unterstützung fand er bei Präses Ernst Wilm von der Evangelischen Landeskirche von Westfalen. Beide sprachen sich für den Großraum Bielefeld als besten Standort aus. Auch die Detmolder Pläne, eine kleine Universität nach dem Konstanzer Modell in Lippe realisieren zu können, blieben nicht unbeantwortet. Unmissverständlich nahm die Industrie- und Handelskammer zu Bielefeld Stellung: „Die Universitätsromantik, die uns in den vergangenen Jahrhunderten so manchen Hochschulort überliefert hat, ist vorbei. Eine moderne Universität benötigt einen Standort, der nach seinen kulturellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen groß und kräftig genug ist, die Integration zu gewährleisten.” Und diese Vorzüge könne nur der Großraum Bielefeld bieten.

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NRW-Ministerpräsident Heinz Kühn bei der Grundsteinlegung. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung (Fotograf: Johner)


Die öffentliche Diskussion war notwendig und meinungsbildend. Den Ausschlag für die Entscheidung, die Universität im Großraum Bielefeld zu bauen, gab ein Gutachten des Zentralinstituts für Raumplanung der Universität Münster, das Dr. Dietrich Storbeck verfasst hatte. Er kam zu dem Ergebnis, dass Bielefeld „der einzige uneingeschränkt geeignete Standort für die neue Landesuniversität Westfalen-Lippe” war. Und selbst im Kanon der ostwestfälischen Bewerber führten drei mögliche Standorte im Bielefelder Stadt- und Landkreis die Rangliste vor Paderborn, Detmold, Herford und Soest an. Einzig die Sennestadt, die von ihrem Planer Prof. Dr. Hans Reichow vorgeschlagen wurde, rangierte hinter den regionalen Nachbarn. Das Gutachten ließ keine Zweifel aufkommen: „Eine Universität in Ostwestfalen findet nach den gegebenen Bedingungen mit Abstand in Bielefeld-Wellensiek ihren günstigsten Standort.”

Am 9. November 1965 gab die Landesregierung ihre Entscheidung bekannt: Die Ostwestfalen-Universität sollte in den Großraum Bielefeld kommen. Die Freude war nicht nur in Bielefeld, sondern auch in Herford groß, schließlich hatte sich die Landesregierung noch nicht auf einen konkreten Standort festgelegt und somit die „Ravensberger Universität” nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Die Herforder Wirtschaft nahm diese Nachricht zum Anlass, im Falle einer Ravensberger Lösung große Geldbeträge über einen längeren Zeitraum zu spenden. Und Herfords Oberbürgermeister Dr. Kurt Schober ließ es sich nicht nehmen, auf die „bei anderen Gelegenheiten sichtbar gewordene einseitige Bevorzugung Bielefelds” hinzuweisen. Auf der anderen Seite wurde in der überregionalen Presse und politischen Magazinen spekuliert, dass eine Entscheidung für Bielefeld längst gefallen sei. Das lange Warten endete am 6. Juni 1966: Die Landesregierung entschied sich für die Besitzung Voltmann im Bielefelder Westen. Die Stadt hatte mit der Familie langwierige Verhandlungen geführt und bereits am 16. Mai 1966 ein gerichtlich beurkundetes Verkaufsangebot erhalten.

Oberbürgermeister Hinnendahl war sich in seiner Rede anlässlich der Grundsteinlegung am 21. Juni 1968 durchaus bewusst, dass die Entscheidung für Bielefeld vor allem in Herford mit großer Enttäuschung aufgenommen worden war. Oberbürgermeister Dr. Schober sprach gar nach dem Bekanntwerden von der denkbar schlechtesten Standortwahl. Hinnendahl verhehlte nicht, dass man in Bielefeld dankbar und auch „ein wenig stolz” war, betonte aber zugleich, dass „Bedeutung und Aufgabe dieser Universität unbedingt im regionalen Sinne” gewertet und sie vor allem als eine „Universität für Ostwestfalen” gesehen werde. Quasi „zum Trost” gab er „unseren Nachbarstädten” mit auf den Weg, dass sich „mit der ehrenden Würde” auch „die lastende Bürde” verbinde, weil die Gründung der Universität ohne finanzielle Probleme kaum vorstellbar sei.

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Die Besitzung Voltmann im Westen von Bielefeld. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung (Fotograf: Günter Rudolf)


Sitzblockade auf der Werther Straße.
Vor dem Hintergrund studentischer Proteste Ostern 1968 in Deutschland und Frankreich, die, rückblickend betrachtet, das Jahr 1968 zu einem Synonym für die historische Zeitenwende werden ließ, wünschte sich Hinnendahl, dass „an dieser Reform-Universität die Studenten frei von Demonstrationsgelüsten einem fruchtbringenden Studium obliegen können.” Zur gleichen Zeit demonstrierten vor der Pädagogischen Hochschule etwa 1.000 Studenten, zumeist angehende Ingenieure, Betriebswirte und Lehrer, die mit ihren Autos „bis unters Dach gefüllt mit Transparenten” aus ganz Ostwestfalen nach Bielefeld gekommen waren. Das Westfalen-Blatt schrieb am 22. Juni 1968, dass die „feierliche Grundsteinlegung des geistigen Zentrums für Ostwestfalen unter dem Trommelfeuer studentischer Kritik” stand. Die Polizei war vorbereitet: zwei Wasserwerfer standen drohend bereit, wurden aber nicht eingesetzt. Als die Festgesellschaft mit Bussen zur eigentlichen Grundsteinlegung gefahren werden sollte, wurde sie auf der Werther Straße gestoppt und musste die restliche Wegstrecke zu Fuß zurücklegen, weil etwa hundert Studenten die Straße mit einem zeittypischen „Sit-in” blockierten. „Buh-Geschrei und Pfiffe als Studenten-Festmusik” begleiteten die Ehrengäste, während die Polizei „mit sanfter Gewalt” gegen die Blockade vorging. Die Berichterstattung der lokalen Tageszeitungen bewegte sich angesichts dieses Protestes auf unsicherem Terrain. Sie schwankte zwischen martialischem Gestus und jugendlichem Ungehorsam, richtete schließlich mit Platon ein „Wort an die aufsässige Jugend”.

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Sitzblockade auf der Werther Straße. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung (Fotograf: Wehmeyer)


Studenten demonstrieren mit Schafen vor der Pädagogischen Hochschule an der Lampingstraße.
Worum ging es den protestierenden Studenten? Zum einen richtete sie sich gegen die nordrhein-westfälische Bildungspolitik unter der Federführung der SPD und das bevorstehende Hochschulrahmengesetz, das, wie es mitgebrachte Tiere verdeutlichen sollten, die Studenten zu dummen und willenlosen Schafen machte. Zum anderen legten sie einen „Verfassungsentwurf für die Bielefelder Universität” vor, der Ministerpräsident Heinz Kühn übergeben wurde. Dieser Entwurf wurde als ein „kritisches Gegenmodell zu den Vorschlägen der Landesrektorenkonferenz” verstanden, der vor allem Autonomie und Selbstverwaltung der Universität betonte.

Mit der Universität war auch der Generationenkonflikt, der auch für das Jahr 1968 steht, in Bielefeld angekommen. Günter Gerke, einflussreicher und streitbarer Redakteur der Neuen Westfälischen kommentierte: „Die Szene war geeignet, nachdenklich zu stimmen. Auf der einen Seite die Vertreter einer Landesregierung, die für viele Entscheidungen in der Vergangenheit nicht verantwortlich zu machen ist, und sich zweifellos mehr als vorhergegangene Regierungen für eine Bildungsreform auf allen Ebenen einsetzt, auf der anderen Seite eine junge Generation, für die die Vergangenheit nicht zählt, und für die nur die Zukunft gilt. Das ist das Problem unserer Tage: Wir müssen eine Brücke schlagen von einer Welt, die die Väter mit Mühen wiederaufgebaut haben, zu einer Welt, wie sie in den Idealen der Jugend bereits lebt. Das jedoch ist nur möglich, wenn wir wieder lernen, sachliche Argumente auszutauschen und auch anzuhören. Autokratisches Gehabe ist ebenso verwerflich wie fanatisches Geschrei – notwendig ist das Gespräch.”

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Studenten demonstrieren mit Schafen vor der Pädagogischen Hochschule an der Lampingstraße. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung (Fotograf: Johner)


In den 1970er Jahren gehörte die Universität zu den größten Baustellen in Ostwestfalen.
Am 5. September 1969 wurde mit der Konstituierung des Senats und der Wahl von Prof. Dr. Ernst-Joachim Mestmäcker zum ersten Rektor die Universität Bielefeld offiziell gegründet. Forschung und Lehre erwarben sich innerhalb weniger Jahre einen hervorragenden Ruf. Bielefeld erhielt zudem einen Ort für generationenübergreifende Gespräche, die, mit Platon, niemals enden werden.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister Nr. 811: Universität, Bd. 1 (1961-1964)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister Nr. 812: Universität, Bd. 2 (1964-1965)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister Nr. 813: Universität, Bd. 3 (1965)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister Nr. 814: Universität, Bd. 5 (1966-1967)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister Nr. 815: Universität, Bd. 2 (1967-1968)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister Nr. 816: Universität, Bd. 6 (1968)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westmann-Sammlung, Bd. Sch 120/1: Universität (1964-1973)

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Freie Presse, Neue Westfälische, Westfälische Zeitung, Westfalen-Blatt

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Literatur

  • Clemens Geißler, Dietrich Storbeck, Standortbestimmung einer Universität. Gutachten zum Standort einer Universität in Ostwestfalen, Münster 1967.

  • Hans-Jörg Kühne, Bielefeld ´66 bis ´77. Wildes Leben, Musik, Demos und Reformen, (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 21) Bielefeld 2006.

  • Martin Löning, „Bielefeld erhält eine Universität”. Eine Darstellung der Standortentscheidung für die ostwestfälische Universität aus Bielefelder Sicht, in: Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, 85 (1998/99), Bielefeld 1999, S. 263-302.

  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld. Band 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005.


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In den 1970er Jahren gehörte die Universität zu den größten Baustellen in Ostwestfalen. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung (Fotograf: Günter Rudolf)