
Hinnendahls Kritik, dass die Landespolitik die heimische Region viel zu häufig aus dem Blick verlöre, ja, nicht selten der Eindruck vorläge, das Bundesland würde aus rheinländischer Perspektive nur unwesentlich hinter Dortmund enden, war nicht unberechtigt und gehört bis heute zum Erfahrungshorizont Ostwestfalen-Lippes. 1968 wirkte diese Kritik dennoch etwas deplatziert, weil in dem annährend achtjährigen Prozess um den Bau neuer Universitäten in Nordrhein-Westfalen zumindest seit 1964 die ostwestfälische Region kaum zur Disposition stand, wohl aber der Standort einer künftigen „alma mater”. Außer Bielefeld machten sich Paderborn, Detmold, Herford und, etwas westlicher gelegen, Soest als heimliche Hauptstadt Westfalens Hoffnung. Während Paderborn unter anderem auf die eigene Geschichte hinwies, schließlich beherbergte die Stadt von 1614 bis 1816 eine Universität, betonte Detmold das „kulturelle Fluidum” Lippes, das ein von der Großstadthektik ungestörtes Forschen und Lernen ermöglichen sollte. Den ostwestfälischen Metropolencharakter brachte wiederum Bielefeld ins Rennen, wobei die Stadt zweigleisig plante: Zum einen eine Universität im Stadt- und Landkreis Bielefeld, zum anderen eine ostwestfälische Hochschule von Bielefeld und Herford. Die zweite Alternative, die unter der Bezeichnung „Ravensberger Lösung” firmierte, fand auch im lippischen Lemgo Unterstützung, das sich ausdrücklich gegen eine Detmolder Hochschule aussprach.
Die Bewerbung um den besten Standort glich aber nur vordergründig einem olympischen Wettkampf, hinter den Kulissen wurde mit harten Bandagen gekämpft. Schließlich sahen die Kommunalpolitiker mit gutem Recht in der Gründung einer Hochschule einen kaum zu unterschätzenden ökonomischen Standortfaktor. So verkündete denn auch noch vor der Grundsteinlegung Oberstadtdirektor Heinz Kuhn, dass „in oder um Bielefeld mit der Ansiedlung einer bestimmten Weltfirma gerechnet werden” könne, „sobald Universität und Flugplatz vorhanden seien.” Um welche Firma es sich dabei handelte, verriet er aber nicht. Ungeachtet dessen ging es also um wesentlich mehr als nur um akademische Würden im eigenen Sprengel. Martin Löning, Archivar der Universität Bielefeld, berichtet von einem regelrechten „Pressekrieg über die Standortfrage”, der den Detmolder Regierungspräsidenten Dr. Gustav Galle im Februar 1964 letztlich dazu veranlasste, „die ‚Oberhäupter’ der vier konkurrierenden Städte Ostwestfalens zu einer Besprechung” einzuladen. Den Bürgermeistern und Stadtdirektoren gab er mit auf den Weg, dass „durch die Wettbewerbssituation, die mit gegenseitigen Abwertungen verbunden sei, bei der Landesregierung ein ungünstiger Eindruck entstehe, der die Grundsatzentscheidung zugunsten Ostwestfalens zur Disposition stelle.” Die Ermahnung des Regierungspräsidenten war letztlich nur ein frommer Wunsch, denn allein die Betonung der eigenen Vorzüge musste die Mitbewerber abwerten.
So wurde auch weiterhin von allen Beteiligten mit offenem Visier gefochten. Nachdem sich beispielsweise die katholische Kirche mehrmals für Paderborn ausgesprochen hatte, forderte der aus Minden kommende Fraktionsvorsitzende der FDP im Düsseldorfer Landtag, Walter Möller, dass „eine neue Universität entsprechend der Bevölkerungsstruktur in Ostwestfalen-Lippe eindeutig eine ‚evangelische Universität’ sein müsse.” Unterstützung fand er bei Präses Ernst Wilm von der Evangelischen Landeskirche von Westfalen. Beide sprachen sich für den Großraum Bielefeld als besten Standort aus. Auch die Detmolder Pläne, eine kleine Universität nach dem Konstanzer Modell in Lippe realisieren zu können, blieben nicht unbeantwortet. Unmissverständlich nahm die Industrie- und Handelskammer zu Bielefeld Stellung: „Die Universitätsromantik, die uns in den vergangenen Jahrhunderten so manchen Hochschulort überliefert hat, ist vorbei. Eine moderne Universität benötigt einen Standort, der nach seinen kulturellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen groß und kräftig genug ist, die Integration zu gewährleisten.” Und diese Vorzüge könne nur der Großraum Bielefeld bieten.