26./27. Juni 1915: Eröffnung des Schauschützengrabens auf der Ochsenheide

von Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Es war ein seltsames Sonntagsvergnügen, das seit Sommer 1915 die Bielefelder auf die Ochsenheide lockte. Bei Sonnenschein und mit Spazierstock pilgerten Familien in Scharen auf die südwestlich der Stadt gelegene Anhöhe: Am letzten Juniwochende 1915 eröffnete ein Schauschützengraben für das Publikum die Pforten. Der bürgerliche „Schlachtenbummler”, der die Anlage beim Spaziergang – womöglich mit Familie – zu sehen bekam, erfuhr freilich wenig vom realen Frontgeschehen: Es fehlten Angst und Ungeziefer, Nässe und Gestank, Leiden und Sterben.



Soldaten im Musterschützengraben
„In dem gegenwärtigen Kriege, besonders im Stellungskampfe auf dem westlichen Kriegsschauplatze, spielt bekanntlich der sogenannte Schützengraben oder richtiger gesagt, die Feldbefestigung eine außerordentliche Rolle. Das hiesige Ersatzbataillon Inf.-Reg. 131 hat auf dem Ochsenberge ein Stück einer solchen Feldbefestigung mit allen ihren Einrichtungen, wie sie die moderne Kriegstechnik erfunden hat, durch im Felde gewesene und erfahrene Mannschaften angelegt”, erfuhr die Bielefelder Bevölkerung am 25. Juni 1915 aus den Zeitungen. Gleichlautend berichteten sowohl die konservativen Westfälischen Neuesten Nachrichten als auch die sozialdemokratische Volkswacht über die Attraktion in Bielefeld. Offensichtlich hatte eine Pressemitteilung des Militärs zur Eröffnung des Schauschützengrabens auf der Ochsenheide vorgelegen, der den Kriegsalltag aber nur unzureichend darstellen konnte.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 traf im Deutschen Reich und in Bielefeld auf eine binnen weniger Tage patriotisch weitgehend gefestigte Bevölkerung. Getreu der kaiserlichen Devise „Ich kenne jetzt keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!” hinterfragte sie die Kriegsursachen nicht öffentlich, sondern stand nahezu geschlossen hinter dem Monarchen Wilhelm II. und der Armeeführung. Gerade wegen der erfolgreichen und der Gesellschaft auch gerecht erscheinenden Kriege Preußens 1864, 1866 und insbesondere 1870/71 war die Bevölkerung in Bielefeld nicht anders als im Reich geradezu euphorisiert. Nahender Tod und Trauer, Verwundung und Verstümmelung wurden einstweilen ausgeblendet. Nachhaltig kritische Stimmen gab es auch in Bielefeld zunächst nicht, ein „Burgfrieden” näherte statt dessen Bürgertum und Arbeiterschaft einander an und ebnete die traditionellen Konflikte vorerst ein. Während einer von der Bielefelder Sozialdemokratie initiierten Friedenskundgebung wurden zwar bereits Ende Juli 1914 die drohenden Kriegsfolgen klar erkannt, gleichwohl versicherte sie aber eifrig ihre zuvor permanent bezweifelte vaterländische Zuverlässigkeit. Der SPD-Reichstagsabgeordnete Carl Severing (1875-1952) stellte die Arbeiterschaft an die Seite des Kaisers.

Bildbeschreibung

Soldaten im Musterschützengraben auf der Ochsenheide, 1915; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 55
Die am 1. August 1914 um 18.30 Uhr angeordnete Mobilmachung war das eigentliche Ereignis, das den Krieg nach Bielefeld brachte. Am 10. August verließ das II. Bataillon des Infanterie-Regiments von Dennewitz (6. Westfälisches) Nr. 55 die Stadt. Unmittelbar darauf rückte das II. Bataillon des zu 75 % aus Bielefeldern und der unmittelbaren Umgebung rekrutierten Reserve-Infanterie-Regiments 15 mit soeben geweihter Fahne und Orchesterbegleitung aus. Vom Bahnhof aus ging es an die Westfront. Ende August folgte das Landsturmbataillon Bielefeld. Die Kriegsbegeisterung in Bielefeld war enorm: Fast alle Oberprimaner des Gymnasiums legten innerhalb weniger Tage ein ärztliches Attest und die Erlaubnis ihrer Väter vor, vorzeitig die Schule verlassen und „als Freiwillige in den Heeresdienst” eintreten zu dürfen.

Der Frontalltag erreichte Bielefeld auf mehreren Wegen: Die Zeitungen veröffentlichten Siegesmeldungen und Verlustlisten, berichteten über Offensiven und Ordensverleihungen. Feldpostbriefe pendelten zwischen beruhigenden Nachrichten für die Familie und drastisch-heroischen Schilderungen. Verwundete, Invalide und Kriegsgefangene fanden ebenso Eingang in das Stadtbild wie Lazarette und Lager. Im Standesamt wiederum mehrten sich seit September 1914 die Gefallenen-Meldungen von Bielefeldern. Entgegen den Erwartungen der Reichsregierung war der Krieg nicht in einem Feldzug bis Weihnachten 1914 beendet: Im Westen erstarrten die Fronten im erbarmungslosen Stellungskampf, der fast vier Jahre andauern und in ambitionierten Offensiven mit geringfügigen Geländegewinnen und in absurden Abwehrschlachten um Kanonen erzeugte Kraterlandschaften Millionen Gefallene fordern sollte. Nässe und Fäulnis, Ratten und Läuse, Kadaver und Krankheit, Geschosse und Gas, Vorstoß und Gegenstoß bestimmten den Stellungskrieg. Das Grauen in den Gräben war für die Heimat kaum fassbar – und blieb es auch weitgehend.

Bildbeschreibung

Am 10. August 1914 rückte das II. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 55 Richtung Westen ab; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung



Eingangsbereich der „Feldbefestigungsanlage“
Daran änderte auch der Schauschützengraben auf der Ochsenheide nichts, der Ende Juni 1915 für das Publikum eröffnet wurde. Errichtet hatte die Feldbefestigungsanlage das Ersatz-Bataillon des 131. Infanterieregiments, das zu Kriegsbeginn vom zu nah am Kriegsgebiet liegenden Mörchingen im Saarland nach Bielefeld verlegt worden war. Allerdings handelte es sich bei diesem Mustergraben nicht um eine Bielefelder Erfindung: In Berlin und Frankfurt lockten ähnliche Anlagen die Bevölkerung seit dem Frühjahr 1915 zur kuriosen „Kriegskirmes”. Zuvor hatten Miniaturmodelle und Stoffpuppen erste Eindrücke vermittelt.

Nach der Vorstellung für die städtische Prominenz und die Presse am 26. Juni 1915 stand der Bielefelder Schauschützengraben ab dem folgenden Tag für die Bevölkerung offen. Allein am ersten Öffnungstag kamen 2.865 Menschen, bis Ende Juli 1915 zählte die Anlage 26.500 Besucher. Gegen ein Eintrittsgeld von 25 Pfennig für Erwachsene und 10 Pfennig für Kinder bekam das Publikum täglich von von 15 bis 18 Uhr den Krieg zu sehen, bei „Gefechtstagen” mit militärischen Vorführungen bezahlten die Erwachsenen 50 Pfennig. 1916 war die Anlage sogar von 7 bis 19 Uhr geöffnet und fanden dort Konzerte statt. Bei anschließenden „Feldportionen dicker Erbsen mit Speck und Plockwurst zum Preise von 50 Pfg. und Feldkaffeeportionen für 10 Pfg.” im fahnengeschmückten Eingangsbereich konnten die Besucher bequem über Kriegstechnik, Strategie und Kriegsausgang philosophieren – und das Gewissen beruhigen, schließlich war der Erlös für die Hinterbliebenen der Gefallenen aus dem 131. Infanterie-Regiment bestimmt, die ihren Aufenthalt in den echten Schützengräben mit dem Leben bezahlt hatten.

Bildbeschreibung

Eingangsbereich der „Feldbefestigungsanlage” mit den Fahnen der Verbündeten Deutschland, Österreich und Türkei; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung



Der Schauschützengraben vereinigte die verschiedenen Verteidigungselemente in gedrängter Form. Auf wenigen Hundert Quadratmetern illustrierte die Truppe Eindrücke einer neuen Kriegsstrategie, die sich über die gesamte Westfront entfaltet hatte. Die räumlichen Frontdistanzen wurden gestaucht, die Grabenbreiten dagegen erweitert, um dem Publikum bei den angebotenen Führungen einen kommoden Zugang zu verschaffen. Bis in den Sommer 1916 hinein erfuhr die Anlage weitere Ausbauten, als zum Beispiel eine Maschinengewehrstellung eingerichtet wurde, der allerdings die namengebende Waffe fehlte, wie die Westfälische Zeitung am 22. Juli 1916 bedauerte: „denn es wäre sicher für die Besucher der Anlage sehr lehrreich, wenn sie solch ein Kampfmittel aus eigener Anschauung kennen lernen könnten. Der größte Teil des Publikums kann sich gar keine Vorstellung von der Beschaffenheit dieser furchtbaren Waffe machen.”

Bildbeschreibung

Eintrittskarte für den Schauschützengraben, 1915; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 130




Zeitungsannonce der Westfälischen Zeitung

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Was ein Maschinengewehr tatsächlich anrichten konnte, hatte man freilich bereits lesen können. Ein Soldat einer Maschinengewehr-Kompanie hatte in den Ravensberger Blättern 1915 über einen Einsatz berichtet: „Im Argonnenwald, 2.10.1914: Wie das Volk schreit nach Brot, so die Infanterie nach Maschinengewehren. Denn wir sollen alles schaffen. – Wir also rin in die Stellung und gepfeffert. Bei dem Zuge links, wo ich mich befand, waren auf 30 Schritt Franzosen zu sehen, wir dazwischen gesengt. Tagsdrauf sah ich mir mal die Wirkung an. Vernichtend! Anscheinend versuchten diese Kerle an dieser Stelle einen Durchbruch mit Kolonnen, in dem Augenblick als wir sie faßten. Wie hingemäht lagen sie da, eine solche Wirkung habe ich noch nicht gesehen. Mann neben Mann tot, Kopfschuß, manche einfach durchsiebt. In Hunderten lagen sie dort, grauenhaft, doch man gewöhnt sich dran. Wir freuten uns sogar. Das klingt vielleicht roh. Man muß sich aber dabei sagen, wie viele von unseren Kerls haben die Hunde umgebracht.” Feldpostbriefe wie dieser durchliefen eine in ihrer Wirkung offensichtlich überschätzte Zensur bis hin zur Veröffentlichung ohne Mühe und beschrieben das Frontgeschehen schonungslos und ungleich authentischer als die Erdarbeiten und Kommentierungen auf der Ochsenheide.

Bildbeschreibung

Zeitungsannonce der Westfälischen Zeitung vom 23. Juni 1916; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen


Über die Anlage selbst ist jenseits der zeitgenössischen Berichte der Zeitungen bis auf Weiteres wenig erhalten: drei Fotos, aber vor allem eine Skizze eines talentierten Zeichners. Der 1899 in Brackwede geborene Kurt Krüger hatte als Schüler des Realzweiges des Ratsgymnasiums eine detaillierte Farbzeichnung der Anlage angefertigt: Drahtverhaue, Spanische Reiter, Horchposten, Unterstände und Wolfsgruben waren ebenso zu finden wie die unvermeidbare Gulaschkanone („Feldküche”). Der eigentliche Entstehungsgrund bleibt unklar, möglicherweise entstand diese im Rahmen einer schulischen Exkursion oder einer Aufgabe innerhalb der Jugendwehr. Diese Jugendwehr bereitete seit Ende 1914 die jungen Schüler vormilitärisch auf den späteren Kriegseinsatz vor. In verschiedenen Listen des Jugendwehr-Führers Karl Rotthaus wird auch Kurt Krüger aufgeführt. Krüger selbst erlebte das, was er bunt illustriert hatte, nach dem Abgang von der Schule Ostern 1916 und Arbeit in einer Maschinenfabrik als grauen Kriegsalltag persönlich kennen: Als Angehöriger der Artillerie der Flieger-Abteilung (A) 256 kämpfte er an der Westfront und überlebte das Sterben in Flandern, Armentières, bei der Schlacht um den Kemmel, bei Stellungskämpfen bei Reims, der Angriffsschlacht an der Marne und in der Champagne sowie in Lothringen. Kurt Krüger kehrte aus dem Krieg zurück, viele seiner Mitschüler nicht – allein aus Bielefeld, das damals 80.000 Einwohner zählte, fielen etwa 2.300 Männer auf dem Schlachtfeld Europa wilhelminischer Großmannssucht zum Opfer.

Bildbeschreibung

Skizze des Schauschützengrabens von Kurt Krüger (1899-1992), 1915; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 272




Kraterlandschaft
Der Schauschützengraben geriet 1917 offensichtlich aus dem Fokus des Publikums, zumindest berichten die Zeitungen nicht mehr über ihn. Erst 1921 erinnerte man sich dieses Kriegsrelikts, als die Gräben als Friedenssignal zum „Internationalen und Reichsjugendtag der Sozialistischen Arbeiterjugend” im wahrsten Sinne des Wortes zugeschüttet wurden.

Quellen

  • Bestand 150,14/Ratsgymnasium, Nr. 1617: Unterlagen über gefallene Schüler und Kriegsheimkehrer des Ersten Weltkrieges (auch Briefe), 1914-1921
  • Bestand 300,10/Sammlung Militärgeschichte, Nr. 130: Eintrittskarten für die Feldbesfestigungsanlage auf der Ochsenheide, 1915
  • Bestand 400,1/Westermannsammlung, Bd. 23
  • Bestand 400,2/Zeitungen: Volkswacht, Westfälische Zeitung und Westfälische Neueste Nachrichten 1915/16
  • Bestand 400,3/Fotosammlung: Schauschützengraben auf der Ochsenheide, 1915
  • Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 272: Schützengrabenanlage auf dem Ochsenberg (Ochsenheide), 1915


Literatur

  • Enzyklopädie Erster Weltkrieg, hg. v. Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich/Irina Renz, Paderborn/München/Wien/Zürich 2009, s.v. „Schützengraben”, S. 820-822
  • Grevelhörster, Ludger, Der Erste Weltkrieg und das Ende des Kaiserreichs, Münster 2004
  • Kruse, Wolfgang, Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009
  • Ravensberger Blätter 1914/1915
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 1988
  • Wiegrefe, Klaus, Der Marsch in die Barbarei, in: Stephan Burgdorff/Klaus Wiegrefe (Hg.), Der Erste Weltkrieg. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, München 2004, S. 13-23


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Bildbeschreibung

In Mondlandschaften wie diesen verloren etwa 2.300 Bielefelder ihr Leben; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung