18. Juni 1911: Gründung der Baugenossenschaft Freie Scholle

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek
Am 18. Juni 1911 versammelten sich Mitglieder und Freunde der Freien Turnerschaft Bielefeld im Restaurant „Zum Siegfried” an der Siegfriedstraße 25, um ihr Stiftungsfest zu feiern. Auf dem Programm standen turnerische Aufführungen der Männer- und Frauenabteilungen, Preisschießen und abends ein großer Festball. Frei nach dem Motto, dass keine Zeit zu verlieren sei, stimmten die Mitglieder unter dem Vorsitz von Heinrich Forke der revidierten Fassung eines Statuts zur Gründung der Baugenossenschaft Freie Scholle Bielefeld zu. Drei Tage später „erfolgte die Eintragung in das Genossenschaftsregister beim Amtsgericht Bielefeld”. Ursprünglich sollte die Gründung bereits im April 1911 erfolgen, Einwände des Registergerichts und Diskussionen unter den Mitgliedern der Freien Turnerschaft verzögerten sie jedoch.



Mitglieder des Arbeiterturnvereins Einigkeit
Wie kamen vor hundert Jahren Turner dazu, eine Baugenossenschaft zu gründen? Hintergrund war die im Kaiserreich nach der Aufhebung der Sozialistengesetze unter monarchietreuen Zeitgenossen vorherrschende Ablehnung von Arbeitervereinen, die unter dem Generalverdacht standen, gegen die Regierung zu hetzen. Davon waren auch Arbeiterturnvereine betroffen, die in Bielefeld seit 1890 gegründet wurden. Ihnen war aus politischen Gründen die Nutzung städtischer Turnhallen verboten. Um dieses zu verändern, richtete die Freie Turnerschaft Bielefeld, die etwa 700 Mitglieder zählte, im November 1910 ein Gesuch an die Stadtverordnetenversammlung, „die städtischen Turnhallen zwecks Abhaltung ihrer Übungsstunden zur Verfügung zu stellen”. Die Turnerschaft begründete ihr Gesuch unter anderem mit dem Hinweis auf die gesellschaftliche Bedeutung des Sports: Die Turner würden „vom Besuch der Wirtschaften” ferngehalten und damit auch vom maßlosen „Alkoholgenuß”. Die Stadtverordneten lehnten das Gesuch ab. Stadtverordneter Otto Nordmeyer, selbst bekennender Turner, brachte die Antipathie gegen Arbeitervereine auf den Punkt und grenzte sie entschieden gegen die patriotische Turnerschaft ab: „In der deutschen Turnerschaft kennt man keine Klassen- und Berufsunterschiede. Daß sich die Arbeiter in besonderen Turnvereinen organisiert haben, dazu liege kein sachliches Bedürfnis vor. In den Vereinen soll keine Politik getrieben werden, was aber leider in den Vereinen der ‚Freien Turnerschaft’ doch geschehe. In der deutschen Turnerschaft ist die Politik vollständig ausgeschlossen, sondern dieselbe habe nur die Pflege der vaterländischen Gesinnung auf ihre Fahnen geschrieben. Selbstverständlich hat die Sozialdemokratie kein Gefühl dafür.”

Bildbeschreibung

Mitglieder des Arbeiterturnvereins Einigkeit auf einer Wanderung nach Lämershagen (1910). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 57-3-17


Frauenabteilung „Ost“
Oberbürgermeister Dr. Rudolf Stapenhorst bedauerte zwar, den Antrag ablehnen zu müssen. Er habe aber keine Wahl gehabt, weil „in den Vereinen nicht nur das Turnen geübt” werde, sondern „auch in parteipolitischer Beziehung eine Verhetzung” stattfände. Dem widersprach Carl Severing, der 1911 nicht nur Bielefelder Stadtverordneter sondern auch Mitglied des Reichstages war. Die „ganze parteipolitische Agitation und Tätigkeit” bestehe darin, „dass die Mitglieder sich ein eigenes Urteil zu bilden imstande sind. Ist das verhetzen?”, warf Severing die Frage in den Raum und konterte: „Das trägt zur Erziehung bei.” Die Tatsache, dass „Ausschreitungen und Unruhen in unserer Stadt verhältnismäßig wenig vorkommen, ist das hauptsächlichste Verdienst der Arbeiterorganisationen, die den Alkoholgenuß bekämpfen. Wenn Sie aber den Arbeitervereinen die Benutzung der städtischen Turnhallen verweigern, so treiben Sie dieselben direkt in die Wirtschaften hinein.”

Dazu kam es nicht. Gegen die Entscheidung der Stadtverordneten demonstrierten zwar viele Arbeiter auf dem Kesselbrink, sie beauftragten aber schließlich den Vorstand der Freien Turnerschaft, „geeignete Vorschläge zur Beschaffung eigener Turnstätten auszuarbeiten”, wie es zum Beispiel in Gera, Hamburg und Bremen erfolgreich praktiziert worden sei. Diese Diskussion mündete letztlich in der Gründung der Baugenossenschaft. Obwohl erst der Konflikt um die Nutzung der städtischen Turnhallen zur Gründung der Freien Scholle führte, war die „Errichtung von Wohnhäusern mit gesunden und preiswerten Wohnungen und deren Vermietung an die Mitglieder, namentlich an die minderbemittelten”, das primäre Ziel der Genossenschaft. Die Errichtung von Turnstätten und Vereinshäusern wurde als weiterer Zweck genannt.


Bildbeschreibung

1907 wurde die Frauenabteilung „Ost” der Freien Turnerschaft Bielefeld gegründet (1932 vor der Turnhalle an der Bleichstraße). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 57-3-110


Skizze einer Wohnung

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Auch wenn die Wohnungsfrage in Bielefeld bei weitem nicht so dramatisch wie zum Beispiel in Berlin mit seinen Massenmiethäusern und Hinterhöfen war, wohnten auch hier Familien mit einem geringen Einkommen in kleinen Wohnungen von rund 30 bis 40 Quadratmetern. Dass die meisten Wohnungen über kein Badezimmer verfügten, sondern die Körperwäsche mithilfe von Email- oder Steingutschüsseln in der Küche vorgenommen werden musste, gehörte noch im frühen 20. Jahrhundert zum Standard. Genauso waren die meisten Aborte außerhalb der Häuser zu finden. Das „Wasserclosett” war noch eine Innovation, die in Villen, aber auch in den größeren Miethäusern in der Regel in Zwischengeschossen zur Benutzung von mehreren Mietparteien zu finden war. Während Facharbeiter der Metallindustrie aufgrund ihrer höheren Löhne sich größere Wohnungen leisten konnten, mussten Textilarbeiterfamilien, die mit nur einem Einkommen wirtschaften mussten, nicht selten so genannte Schlafgänger als Untermieter aufnehmen, denen dann häufig nur ein Bett zur Verfügung stand. Johannes Altenberend stellt fest: „Die ‚Wohnungsfrage’ entpuppte sich […] in ihrem Kern als eine ‚Einkommensfrage’.” Da der Wohnungsbau dem Bedarf in der schnell wachsenden Industriestadt aber auch hinterherhinkte, entstand in Bielefeld bereits im späten 19. Jahrhundert eine Wohnungsnot, die sich am Vorabend und während des Ersten Weltkrieges noch verschärfte. Mit der Betonung des Wohnungsbaus reagierte die Freie Scholle mithin auf ein aktuelles lokales Problem.

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Im Wohnhaus Spinnereistraße 30 teilten sich zwei Familien das Erdgeschoss. Der Wohnraum betrug etwa 37 Quadratmeter (1875). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,5/Bauordnungsamt, Hausakten, Nr. 911


Bevor aber der erste Stein bewegt werden konnte, mussten Mitglieder geworben werden. Im Dezember 1912 zählte die Genossenschaft bereits 436 Mitglieder, die Geschäftsanteile in Höhe von jeweils 30 Mark erworben hatten. Um den Kapitalstock zu erhöhen, wurden die Geschäftsanteile auf 100 Mark erhöht. Das kostete zwar anfangs rund 50 Mitglieder, legte aber letztlich die Grundlage für die beabsichtigten Projekte. Noch vor dem Jahresende erwarb die Freie Scholle das Grundstück Bleichstraße 149 für den Bau der Turnhalle und eines Achtfamilienhauses. Bereits im Mai 1914 konnte die Turnhalle mit einem dreitägigen Volksfest eingeweiht werden. Die Veranstaltung begann mit einem musikalischen, abendlichen Kommers. Am nächsten Tag folgten Wettkämpfe, Festzüge, feierliche Reden und ein Ball, an dem auch der Gesangsverein „Hoffnung” mitwirkte, und das Fest endete am dritten Tag mit „Ausflügen nach verschiedenen Orten”.

Der Bau der Turnhalle und des Wohnhauses, das zeitgleich fertig wurde, erwiesen sich als finanzieller Kraftakt der noch jungen Genossenschaft. Da sich die Stadt auch noch in den folgenden Jahren aus politischen Gründen weigerte, Bürgschaften zu übernehmen, musste die Freie Scholle andere Wege beschreiten. Sie verkaufte „Bausteine” für 20 Pfennig das Stück und erhielt auch finanzielle Unterstützung von der Turnabteilung „Frisch Auf” und dem Radfahrerverein „Ruhig Voran”. Zudem stellte eine Gütersloher Brauerei für die Turnhalle ein Darlehen in Höhe von 16.500 Mark zur Verfügung und die Landesversicherungsanstalt für Westfalen gewährte für das Achtfamilienhaus eine Hypothek in Höhe von 24.000 Mark. Von den ersten Erfolgen beflügelt, erwarb die Genossenschaft noch im Mai 1914 eine etwa 12.000 Quadratmeter große Besitzung an der Spindelstraße, auf der 168 Wohnungen errichtet werden sollten. Noch vor dem Krieg begann der Bau von 30 Wohnungen. Die Landesversicherungsanstalt Westfalen stellte eine Hypothek in Höhe von 75 Prozent der Baukosten bereit und kündigte an, auch einen höheren Betrag zur Verfügung zu stellen, wenn die Stadt die Bürgschaft übernehme. Diese lehnte aber aus den bekannten Gründen ab.

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Einladung zur Turnhallenweihe. Anzeige in der Volkswacht vom 2. Mai 1914. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen


Wohnhaus mit Konsum
Als die Freie Scholle 1931 auf ein zwanzigjähriges Bestehen zurückblicken konnte, war sie längst in der Gesellschaft angekommen. Oberbürgermeister Dr. Rudolf Stapemhorst war voll des Lobes: Vom „Standpunkte des Städtebauers gesehen”, sei das, was die Genossenschaft seit ihrer Gründung bewirkt habe, „eine Glanzleistung!” Die Freie Scholle habe in Bielefeld „Wohnraum in einem Umfang geschaffen, an den das Schaffen anderer Baugenossenschaften nicht” heranreiche. Ihr sei es zu verdanken, dass die Wohnungsnot der Nachkriegszeit „einigermaßen überwunden” werden konnte. Lobende Worte hatte der Oberbürgermeister auch für die „geschäftsgewandten Männer”, die die Genossenschaft leiteten, und die „geschickten Architekten”, die moderne Wohnungen geschaffen und „langweilige Einförmigkeit, die leider so häufig das Zeichen der Großstadtbautätigkeit ist”, vermieden haben.
Das Lob war berechtigt. Im Bielefelder Osten hatte die Freie Scholle in den 1920er Jahren neue Wohnsiedlungen geschaffen, deren Architektur bis heute fasziniert. Besonders hervorgehoben werden müssen die Siedlungen im Siekerfelde und an den Heeper Fichten, deren Fassadengestaltung von Professor Kurt Johnen als „kristalline Zeit” der Architektur bezeichnet wurde. Während sich im Siekerfelde die Wohnhäuser um den Sportplatz Königsbrügge gruppierten, bildete an den Heeper Fichten, rund um die Althoff- und Adolf-Damaschke-Straße, das Friedrich-Ebert-Haus den kulturellen Mittelpunkt.

Waren dort Mehrfamilienhäuser zum Teil auch für kinderreiche Familien wie an der Heinrich-Erman-Straße entstanden, so ließ die Genossenschaft an der Oldentruper Straße und am Grünen Winkel „gartenstadtähnliche Siedlungen” bauen, in denen auch für Eigenheime Platz war. An der Spindelstraße konnten nach dem Ersten Weltkrieg „Wohnhausgruppen” bezogen werden, die um einen „großen Gartenhof mit seinen Bäumen, Rasenflächen, Kinderspielplätzen und Schmuckbrunnen” errichtet worden waren.

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Wohnhaus mit Konsum an der Adolf-Damaschke-Straße Ecke Ziegelstraße (1932). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-9-5


Wohnhäuser Freie Scholle
Bis heute zählen die in den 1920er Jahren aus dem Boden gestampften, aber stets mit großer Sorgfalt geplanten Siedlungen zum Kerngebiet der „Scholle”, wie die Genossenschaft verkürzt bezeichnet wird. Weitere Siedlungen für Familien und Singles sind in den vergangenen Jahrzehnten hinzugekommen. Und seit einigen Jahren werden auch barrierefreie Wohnungen für Menschen angeboten, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Mit den anderen Baugenossenschaften Bielefelds wirbt die Freie Scholle heute für Wohnungen, wo „Nachbarn zu Hause sind”.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,7/Geschäftsstelle VII, Nr. 271: Anleihe bei der Kreissparkasse Bielefeld für Baukostendarlehen an die Baugenossenschaft Freie Scholle (1921-1922)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 105,5/Liegenschaftsamt, Nr. 632: Baukostendarlehen (1929-1949)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 231: Zusatz-Wohnungsbauprogramme (1930-1932)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 246: Baukostenzuschüsse und Darlehen (1919-1933)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 250: Baukostendarlehen (1921-1930)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,5/Bauordnungsamt, Hausakten, Nr. 911: Spinnereistraße 30 (1875-1904)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,98/Vorlass Kurt Johnen: Ausstellung „Kristalline Zeit”. Unverzeichneter Bestand
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Volkswacht 1910-1914
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Literatur

  • Johannes Altenberend, Die Wohnsituation der Bielefelder Arbeiter im Kaiserreich, in: Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg 72.1979/80, S. 113-206.
  • Gottlob Binder (Bearb.), 20 Jahre Baugenossenschaft Freie Scholle eGmbH Bielefeld, Bielefeld 1931.
  • Frank Karthaus (Bearb.), 75 Jahre Freie Scholle 1911-1986. Geschichte und Gegenwart genossenschaftlicher Selbsthilfe in Bielefeld, Bielefeld 1986.
  • Lena Lappe, Die gemeindliche Boden-, Bau- und Wohnungspolitik in Bielefeld, Bielefeld o.J. (1925).
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005.


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Bildbeschreibung

Wohnhäuser der Freien Scholle an der Spindelstraße (1927). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1919-8