11. Juni 1879: Der Vorstand für das Wilhelm-Augusta-Stift nimmt seine Arbeit offiziell auf

von Dagmar Giesecke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
„Der 11. Juni dieses Jahres, als der Tag der goldenen Hochzeitsfeier unseres erhabenen Kaiserpaares, wird voraussichtlich im ganzen Lande als ein nationaler Fest- und Freudentag begangen werden. […] Im Einverständnis mit den Stadt- und Armen-Verwaltungsbehörden und durch namhafte Beiträge zu diesem Zweck bereits erfreut, haben wir den Beschluß gefaßt, ein […] Asyl für invalide, arbeitsunfähige, alleinstehende Männer unter dem Namen Wilhelm-Augusta-Stift am 11. Juni dieses Jahres in’s Leben zu rufen, durch Gründung eines Jubelfonds und einer darüber abzufassenden Stiftungsurkunde dem Allerhöchsten Jubelpaar durch Vermittlung der Stadtbehörden zu überreichen”, diese Zeilen sind in einem Aufruf vom 12. März 1879, der am folgenden Tag im Bielefelder Tageblatt zu lesen war.



Gebäude des Wilhelm-Augusta-Stifts
Wenige Tage später erschienen die ersten Spendenaufrufe und bis Juli desselben Jahres war ein Vermögen von 46. 070 Mark eingesammelt, das neben den Spenden auch die Kapitalien aus schon errichteten Stiftungen selben Zweckes der beiden Witwen Gante und Westermann enthielten. Damit verbunden war die öffentliche Nennung der Spender und ihrer gespendeten Summen in den Bielefelder Zeitungen. Die Witwe Westermann überließ außerdem noch ein Grundstück.

Der Ankauf des Geländes und des Wohnhauses wurde am 24. Juni zwischen der Stadt und dem Maurermeister Heinrich Teitge besiegelt. An sein Grundstück schloss direkt das Gartengrundstück der Witwe Westermann an. Für den Erwerb zahlte die Stadt 17. 400 Mark. Noch Ende Mai hatte die entscheidende Ratssitzung für die endgültige Errichtung des Asyls für alleinstehende und arbeitsunfähige Männer stattgefunden, in der auch über die Zusammensetzung des Vorstandes abgestimmt wurde. Aus dem Rat wurden für drei Jahre Carl Gante und Dr. Schmidtmann gewählt, letzterer aber verstarb schon kurze Zeit später. Auf die Anfrage im Kaiserhaus, ob das Stift die Namen des Kaiserpaares tragen darf, kam Ende Juni eine positive Antwort aus Berlin: „Wir haben Uns bei Empfang des Glückwunschschreibens, in welchem zugleich, die Erlaubnis nachgesucht wird, der zu dem Tage unserer goldenen Hochzeit für hülfsbedürftige Lehrerfamilien Westfalens errichteten Stiftung Unsere Namen beilegen zu dürfen, herzlich gefreut über die auf solche Weise ausgesprochene Theilnahme an Unserem Jubiläum. Indem wir die erbetene Genehmigung, vorbehaltlich der landesherrlichen Bestätigung der Stiftung, gern ertheilen, wünschen wir den Letzteren den besten Erfolg. Wilhelm. Augusta.”

Da das Stiftungsvermögen recht bescheiden war, konnten nur wenige Männer Obdach im neu gegründeten Stift finden. In den ersten Jahren lag die Zahl zwischen acht und zehn Personen. Die meisten wurden von der Armenfürsorge unterstützt. Anfang des 20. Jahrhunderts erhöhte sich die Anzahl der Pfleglinge leicht. Aber nicht alle durften bis zu ihrer letzten Stunde bleiben. Verfehlungen wir Trunkenheit und Aggressivität führten zum Rauswurf. Die Witwe Minna Rottmann war die erste Heimleiterin. Bis 1908 war sie in dieser Funktion tätig.

Ab 1899 an hatte man versucht, Grund und Boden in der Lützowstraße gewinnbringend zu verkaufen, um einen Neubau finanzieren zu können. Da sich aber kein günstiges Gebot fand, wurde das Vorhaben verschoben. 1903, die Einrichtung entsprach bei Weitem nicht den Anforderungen, vor allem nicht den hygienischen, liebäugelte die Stiftung mit einem Grundstück in der Stadtheider Straße, das Platz für einen Neubau bot, so dass die Aufnahmekapazitäten hätten verdoppelt werden können. Platzreserve für einen eventuellen Anbau wäre ebenfalls vorhanden gewesen. Dieser Plan fand aber keine Realisierung. Um die herrschende Raumnot abzumildern, wurde das Obergeschoss, das bis dahin vermietet war, in Wohnraum für weitere hilfsbedürftige Männer umgewandelt. Fünfzehn konnten nun betreut werden. 1905 wurde wiederum ein Jubiläum genutzt, um die Bielefelder Bürgerschaft zum Spenden aufzurufen. In diesem Jahr hatten Kaiser Wilhelm II. und seine Ehefrau Viktoria Silberne Hochzeit. Besonders geworben für die Spenden hatte Georg Ernst Hinzpeter, ehemaliger Lehrer und Erzieher des Kaisers. Insgesamt kamen 40. 753 Mark zusammen. Im Januar 1906 konnte das Anwesen endlich vorteilhaft veräußert werden. Für 60. 000 Mark kaufte es die Stadt. Da das Grundstück in der Stadtheider Straße nicht mehr zur Verfügung stand, musste ein Ersatzgrundstück gefunden werden. Ein 10. 000 m² großes Areal fand sich oberhalb der Detmolder Straße am Hellweg, heute Lipper Hellweg 32, und auf der Vorstandssitzung im Juni 1906 wurde der Neubau auf den Weg gebracht. Das Grundstück „erhebt sich […] in unmittelbarer Nähe des Waldes in einem Garten […], welcher als Gemüse-, Obst- und Blumengarten eingeteilt ist. Neben dem Gebäude ist ein kleiner Stall, welcher Platz für 1 Kuh oder einige Ziegen sowie einige Schweine bietet. Das Gebäude ist als Putzbau mit Sandstein und Holzfachwerk, sowie rotem Pfannendach errichtet und schließt sich in seinen Formen den schlichten bürgerlichen Wohnbauten aus dem Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts an. Es enthält im Sockelgeschoß Küche, Spülküche, Vorratsräume, einen Putzraum und die Sammelheizung […]. Für die Pfleglinge sind auf der gegenüberliegenden Flurseite [des Erdgeschosses] 6 Südräume, davon einer mit drei, die übrigen mit 2 Betten. Zur Ausstattung der Zimmer gehören außerdem eine gemeinsame Wäscheeinrichtung, bestehend aus einem Feuertonbecken mit Wasserhahn darüber und Fliesenunterwand mit eingelassenem Spiegel, ferner ein Schrank, in welchem jeder Pflegling ein Kleiderteil und 2 Wäscheschiebladen hat, 1 Tisch und 3 oder 2 Stühle. Die Möbel sind aus Kiefernholz”, so zu lesen im Verwaltungsbericht der Stadt Bielefeld für das Jahr 1906. Die Fertigstellung des neuen Gebäudes kostete knapp 72. 300 Mark. Damit war der Kostenvoranschlag noch unterschritten.

Bildbeschreibung

Das erste Gebäude des Wilhelm-Augusta-Stifts in der Lützowstraße 22 kurz vor dem Abriss, ca. 1950. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1337-004


Ein Jahr später, am 11. Juni, konnte das Haus eingeweiht werden und es fand schnell Akzeptanz, was eine stetige Nachfrage nach einem Heimplatz zur Folge hatte. Eine männliche Arbeitskraft wurde 1908 für die anfallenden Verwaltungsaufgaben eingestellt. Gleichzeitig verließ die langjährige Hausmutter Rottmann aus Altersgründen die Einrichtung und das Ehepaar Sude übernahm als Hauseltern die Leitung. Im Laufe der Jahre erhöhte sich die Anzahl der Stiftsbewohner auf durchschnittlich 21 Männer. Die meisten von ihnen erhielten öffentliche Unterstützung, entweder von der Landesversicherungsanstalt oder der städtischen Armenverwaltung. Es kam immer wieder zu Entlassungen, da nicht alle die nötige Disziplin walten ließen. Zwei bis drei Männer jährlich mussten deswegen gehen.

Ab März 1912 zahlte Landesversicherungsanstalt Westfalen allen Pfleglingen, die von ihnen finanziert wurden, ein Taschengeld von 3 Mark monatlich. Bedingt durch den Ersten Weltkrieg erschienen zwar weiter Verwaltungsberichte. Diese wiesen aber bis in die 1920er Jahre aber keine spezifischen Berichterstattungen zum Wilhelm-Augusta-Stift auf. Erst 1926 erschien wieder ein detaillierter Bericht über das Bielefelder Fürsorgewesen, in dem auch über den „Herrensitz”, wie das Männerheim inzwischen im Volksmund hieß, Platz fand: „Ein recht vornehmer ‚Herrensitz‘ ist das durch eine Stiftung 1908 [1907] neuerbaute Wilhelm-Augusta-Stift im Südosten der Stadt gelegen. […] Es bietet in seinen gastlichen Räumen 36 Pfleglingen angenehmen Aufenthalt. […] Zwei freundliche Tagesräume dienen zur Einnahme der gemeinsamen Mahlzeiten und zum ständigen Aufenthalt. […] und in einer geräumigen neuzeitlich eingerichteten Küche werden schmackhafte Mahlzeiten bereitet. […] ein von den Pfleglingen gern benutzter Aufenthalt. Sie haben ferner die Gelegenheit, die ihnen noch verbliebene Arbeitskraft nützlich zu verwerten”.

Bildbeschreibung

Skizze von eventuellen Möbeln für das neue Haus im Hellweg 32. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,5/Geschäftsstelle V, Nr. 101


Antrag

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Da sich inzwischen wieder abzeichnete, dass die Wohnverhältnisse nicht mehr den Standards entsprach, stimmte der Vorstand 1930 für eine Erweiterung der Anlage. Der Speisesaal sollte vergrößert und zusätzliche Zimmer sowohl durch einen Anbau als auch durch den Ausbau des Dachgeschosses geschaffen werden. Mitte 1932 wurde das Haus an die öffentliche Kanalisation angeschlossen.

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Wilhelm-Augusta-Stift unbeschadet, trotzdem hatte es lange an den Folgen des Krieges mitzutragen. Ausgebombte Bielefelder und auch Flüchtlinge mussten dort untergebracht werden. Noch bis in die 1970er Jahren waren Notbetten in Gebrauch. Ein neuer Vorstand nahm 1945 seine Arbeit auf. Ebenfalls eine Veränderung brachte der Tod des Heimvaters Sude, der seit 1908 dort tätig gewesen war. Seine Frau übernahm allein die Verantwortung, die dann 1952 von ihrer Tochter abgelöst wurde. Zu ihrer Unterstützung erhielten drei Hausangestellte und ein Hausangestellter einen Arbeitsvertrag.

Bildbeschreibung

Antrag zur Aufnahme in das Stift mit Zusage, 1910. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,11/Geschäftsstelle XI, Nr. 46


Nach der Währungsreform 1948 wurde wieder im Innenbereich umgebaut und erhielt eine Grunderneuerung. Der Schlafsaal im Dachgeschoss konnte in drei Zimmer umgewandelt werden, jeder Schlafraum wurde mit fließend Wasser ausgerüstet. Moderne Technik wie Bügel- und Waschmaschinen wurden angeschafft. 57 Männer konnten so Betreuung finden. „Dank der guten Leitung der Hausmutter fühlen sich die alten Männer sehr geborgen. Soweit es ihre Kräfte erlauben und sie willens sind, helfen sie bei kleineren Arbeiten in Haus und Garten. Schwierigkeiten entstehen, wenn die alten Männer in dem viel höheren Alter, das sie heute erreichen, bettlägerig und pflegebedürftig werden. Es wird daher der Gedanke erwogen, dem Stift, sobald die in Vorbereitung befindliche Satzung abgeschlossen ist, eine besondere Pflege- und Siechenabteilung anzugliedern”, berichtet die Festschrift zum 75-jährigen Bestehen der Einrichtung.

1950 trat das Wilhelm-Augusta-Stift dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband, Landesverband Nordrhein-Westfalen, bei, um auch in einem größeren Rahmen wirksam sein zu können.

Bildbeschreibung

Seitenansichten des neuen Gebäudes im Hellweg 32, 1906. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,5/Geschäftsstelle V, Nr. 101


Wilhelm-Augusta-Stift
Auf Grund der Enge des Hauses konnte die Integration einer Pflegestation nicht realisiert werden. Nachdem 1961 der Vorstand beschlossen hatte, neben der Pflegestation auch einen Neubau zu errichten, konnten drei Jahre später die Bauarbeiten beginnen. Nach Fertigstellung des Neubaus 1967, verbunden mit einer Einweihungsfeier, begann man mit dem Umbau des Altbaus. Nach der Fertigstellung war ein modernes Alten- und Pflegeheim entstanden, das auch mit dem neuen Fahrstuhl viel Erleichterung für die Bewohner brachte. Ein immer wieder sich veränderndes Freizeitangebot bereicherte inzwischen das Heimleben. Dazu gehörten u. a. Kinofilme, Theater- und Musikaufführungen, aber auch Schüler und Schülerinnen kamen zu Besuch. Wer sich sportlich betätigen wollte, hatte dazu in Gymnastikkursen oder an Trimmgeräten die Möglichkeit.

Neben der Essensversorgung der Heimbewohner, hatte das Haus inzwischen auch noch das Kochen weiterer Mahlzeiten übernommen. „Essen auf Rädern” war inzwischen weit verbreitet. Bis zu 250 Portionen wurden täglich im Stadt– und Kreisgebiet verteilt.

Zwei Jahre vor dem 100-jährigen Bestehen des Stiftes beschloss der Vorstand, die Stiftung aufzuheben und das vorhandene Vermögen an die Stadt Bielefeld zu übergeben. Im Sommer 1977 nahm die Stadt per Ratsbeschluss die Schenkung an und erklärte sich zur Rechtsnachfolgerin. Die Übernahme war mit grundlegenden Veränderungen verbunden. War es die längste Zeit eine Einrichtung für alte und arbeitsunfähige Männer, konnten nun auch Frauen Aufnahme finden.

Eine weitere und umfangreiche Sanierung erfuhr die Einrichtung Anfang der 1990er Jahre. Schon lange entsprachen Zimmer und Sanitärbereiche nicht mehr den Anforderungen. Auch fehlten Aufenthaltsräume und Rückzugsmöglichkeiten der einzelnen Bewohner und Bewohnerinnen. Was in den 1960er Jahren noch als modern und fortschrittlich galt, war jetzt muffig und düster. Nach Fertigstellung grundlegender Umbauarbeiten ging die Altersheim ein weiteres Mal in eine andere Trägerschaft über. Die Arbeiterwohlfahrt übernahm das Haus. Was mit Schlafsälen und Dreibettzimmern anfing, ist heute nicht mehr vorstellbar. Einzel- oder Doppelzimmer können gebucht werden, aber auch Appartements. Mussten anfangs Pflegebedürftige das Asyl wieder verlassen, wird heute alles an ein und demselben Ort erledigt. Auch eigene Möbel dürfen mitgebracht werden. Das Wilhelm-Augusta-Stift ist heute Domizil für 118 alte Menschen.

Quellen

  • 101,5/Geschäftsstelle V, Nr. 101
  • 101,11/Geschäftsstelle XI, Nr. 45, Nr. 46, Nr. 47, Nr. 48
  • 108,5/Bauordnungsamt, Hausakten, Nr. 655
  • 400,1/Westermannsammlung, Nr. 2
  • 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1132-005, Nr. 11-1337-004


Literatur

  • 100 Jahre Wilhelm-Augusta-Stift in Sieker, Seniorenzentrum Wilhelm-Augusta-Stift, AWO, Ortsverband Ostwestfalen-Lippe (Hrsg.), Bielefeld 2007
  • 100 Jahre Wilhelm-Augusta-Stift 1879 – 1979, Stadt Bielefeld, Sozialamt (Hrsg.), Bielefeld 1979
  • Niemeyer, Wilhelm, 75 Jahre Wilhelm-Augusta-Stift, Bielefeld 1954


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Bildbeschreibung

Wilhelm-Augusta-Stift Lipper Hellweg 32 nach den Um- und Neubau, ca. 1970. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1132-005