Nach der Zerstörung der Altstädter Nicolaikirche und vieler Häuser und Straßenzüge in der Bielefelder Altstadt im September 1944 geriet auch die kleine Parkanlage rund um den Leineweber ins Abseits und verwahrloste zunehmend. „Mich würde es gar nicht wundern”, schrieb 1950 ein Redakteur der Westfälischen Zeitung, „wenn der Alte [gemeint war der Leineweber] einmal einen deftigen Fluch verlieren würde über das, was sich da zu seinen Füßen tut.” Die Stadtplanung in der Nachkriegszeit hatte dann für das ehemals so hoch gelobte Denkmal keine Verwendung mehr. Am 28. August 1954 stieg das Wahrzeichen von seinem Sockel, schrieb die Freie Presse, und verschwand für Jahre auf dem städtischen Bauhof. Das Versprechen, ihn bald wieder am alten Platze auf ein neues Postament stellen zu können, konnte nicht gehalten werden. Jahre vergingen, begleitet von einer eifrig geführten Diskussion, welcher Standort für den Leineweber wohl der beste wäre. Während sich Dr. Gustav Engel, Vorsitzender des Historischen Vereins und uneingeschränkte Autorität in Fragen der Bielefelder Stadtgeschichte, vehement für den Alten Markt aussprach, forderte 1956 die Mehrzahl der Einwohner den alten Standort zurück. Die Entscheidung fiel erst im Spätsommer 1960 für eine neu gestaltete Parkanlage hinter der Altstädter Kirche. Wilhelm Heiner, einer der renommiertesten Bielefelder Künstler dieser Zeit, entwarf eine neue Brunnenanlage, die großen Beifall fand und schnell gebaut wurde. Am 20. Dezember 1960 wurde das Leineweberdenkmal erneut eingeweiht. „Ein Weihnachtsgeschenk für alle Bürger unserer Stadt”, titelte das Westfalen-Blatt.
»Literatur
- Franz Bock, Hans Perathoner, in: Westfälisches Kunstblatt. Monatliche Rundschau für bildende Kunst, Musik und Dichtung, Bielefeld 1909, S. 86-88.
- Franz Bock, Der Leineweberbrunnen in Bielefeld, in: Westfälisches Kunstblatt. Monatliche Rundschau für bildende Kunst, Musik und Dichtung, Bielefeld 1910, S. 99-101.
- Rudolf Moroder-Rudolfine, Hans Perathoner (1872-1946), in: Der Schlern 70 (1996), Heft 7, S. 387-395.
- Hugo Niemann, Der Bart des Leinewebers, in: Ravensberger Blätter 9 (1909), S. 54.
- Gerhard Renda, Die Bildhauerklasse, in: Andreas Beaugrand, Gerhard Renda (Hg.), Werk-Kunst. Kunst und Gestaltung in Bielefeld 1907-2007, Bielefeld 2007, S. 220-235.
- Eduard Schoneweg, Ist unser Leineweber-Brunnen ein historisch treues Denkmal?, in Ravensberger Blätter 10 (1910), S. 49 f.
- Reinhard Vogelsang, Bielefelds Weg ins Industriezeitalter, Bilder einer Epoche, Bielefeld 1986.
- Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld. Bd. 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 1988.
»Quellen
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 45: Feier zur 300-jährigen Zugehörigkeit zu Brandenburg-Preußen (1906-1926)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 18: Leineweberbrunnen (1908-1921)
- Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Band 12: Kaisertage und Grafschaftsfeier
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
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