Diese Anekdote trug in Arbeiterkreisen gewiss zur Unterhaltung bei, die kompromisslose, parteiliche Haltung der Volkswacht, verbunden mit einer kämpferischen, oft polemischen Sprache brachte der „Volkswacht” aber oft Ärger ein, vor allem in einer Zeit, in der die Sozialdemokraten trotz Aufhebung des Sozialistengesetzes als „vaterlandslose Gesellen” galten. Carl Schreck (1873-1956) berichtete 1930 rückblickend: „Polizei und Staatsanwaltschaft boten alles auf, um durch schwere Strafen die materielle Existenz der ‚Volkswacht’ zu erschweren und vor allem den Redakteuren das Leben zur Qual zu machen.” Leidvolle Erfahrungen machte in dieser Beziehung Emil Groth, der für die Redaktion von der Gründung bis August 1894 verantwortlich zeichnete. In dieser Zeit saß er gut anderthalb Jahre im Gefängnis und musste zahlreiche Geldstrafen begleichen. Die Anzeigen waren stets gleichlautend: üble Nachrede, Diffamierung und Beleidigung. 1894 verließ er Bielefeld, um in Rostock eine Parteizeitung zu leiten. Seine Nachfolger, Bruno Schumann und Carl Hoffmann, bekamen in den Folgejahren ebenfalls die Härte der Justiz zu spüren.
Der Aufstieg der SPD zu einer Massenorganisation, deren Abgeordnete in den Stadtverordnetenversammlungen, Landtagen und im Deutschen Reichstag saßen, spiegelte sich auch in der Volkswacht wider. Auch die Redakteure und Verleger, die in den Gründungsjahren als Paria die Agitation allein mit der Feder und auf der Straße betrieben, saßen nun in den Parlamenten. Der bekannteste unter ihnen war
Carl Severing, der 1907 überraschend in den Reichstag zog und in der Weimarer Republik Innenminister werden sollte. Bereits 1897 wurden in Bielefeld sechs sozialdemokratische Stadtverordnete gewählt, unter ihnen Carl Hoffmann und Albert Siggelkow von der „Volkswacht”. 1914 wurden Hoffmann und Karl Eilers, der von 1895 bis 1920 Gesellschafter der Volkswacht war, zu den ersten sozialdemokratischen Stadträten im Bielefelder Magistrat ernannt. Der Aufstieg war auch an der Arndtstraße sichtbar. 1912 entstand dort ein prächtiges Gebäude für die Redaktion, Druckerei und Buchhandlung der „Volkswacht”, das Macht und nicht zuletzt auch den Anspruch ausstrahlte, eine gesellschaftliche Institution zu repräsentieren, die man nicht ignorieren kann. Stolz und gleichsam kämpferisch schrieb die „Volkswacht”, dass ihr neues Gebäude „es mit jedem Regierungsgebäude aufnehmen” könne. Diesen Eindruck erziele das Gebäude aber „nicht durch eine Überladung an Zierraten, sondern durch die architektonische Massenwucht ihrer gewaltigen Fassade, deren schlichte Einfachheit den Besucher ahnen läßt, daß in diesen Räumen keine Feste gefeiert werden, daß hier Arbeit, fleißige Arbeit verrichtet wird. Und diese Arbeit konzentriert sich auf das eine Ziel: Befreiung der Arbeiter, Befreiung der Menschheit von den Ketten der Knechtschaft, von welcher Form sie sein, in welcher Verkleidung sie auftreten möge. Der Arbeit der Befreiung, die in der Aufklärung der geknechteten Menschheit besteht, soll der gewaltige Bau dienen.”