20. Juli 1511: Kirchweihe von St. Jodokus – Vom Berg in die Stadt

von Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld

Eine Kirchweihe ist etwas Besonderes: Ein neuer oder renovierter Kirchenraum wird für die Gemeinde geöffnet. So ist es heute und so war es auch am 20. Juli 1511, als der Paderborner Weihbischof Johannes Schneider die fertig gestellten Gebäudeteile von St. Jodokus samt Altären und Kirchhof ihrer liturgischen Bestimmung zuführte.


Seit 1506 waren im Westen Bielefelds der Chor der Kirche, die Sakristei und der Kapitelsaal bis zum Kreuzgang errichtet worden. Etliche Schenkungen frommer Bürgerinnen und Bürger hatten den Neubau ermöglicht. Alles feierte – allein der Bielefelder Kaufmann Wessel Schrage dürfte den feierlichen Akt grimmig beobachtet haben.


Bildbeschreibung

Im Jahr 1511 wurden erste Bauabschnitte von St. Jodokus geweiht. Das Foto zeigt die Kirche im Jahr 2011. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Franziskaner mit Wimpel
Mit der Weihe von St. Jodokus fand die kurze religiöse Geschichte des drei Kilometer westlich von Bielefeld gelegenen Jostbergs ihr frühzeitiges Ende. Kaum fünf Jahre hatte auf der vormals „Loyckhuserberg” genannten Anhöhe eine Franziskaner-Niederlassung bestanden. Seit 1480/81 pilgerten Menschen zu einer Wahlfahrtsstätte, über deren Ursprünge nur spekuliert werden kann: Führte der vorbildliche Lebenswandel eines Eremiten die Menschen dorthin oder – wahrscheinlicher – ein Errettungserlebnis eines Verirrten oder in Not geratenen? Die zweite Hypothese findet Unterstützung in einer ebenfalls einsam gelegenen Jodokus-Kapelle in Ostfriesland. Hier war es nachweislich ein verirrter Kaufmann, der als Dank für seine Rettung aus persönlicher Gefahr eine Kapelle bauen ließ. Möglicherweise hatte die „von weither” besuchte Bielefelder Wallfahrtsstätte ihren Ursprung in einem ähnlichen Ereignis wie z.B. Schutz vor einem Unwetter. Der mit dem Attribut eines Pilgerstabes ausgestattete Jodokus galt als Schutzpatron u. a. vor Hagelschlag und Unwettern. Pilgermedaillen aus dem ostfriesischen Wallfahrtsort wiederum weisen Ähnlichkeiten mit dem Fragment eines Bielefelder Exemplars auf.

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Eine Franziskaner-Darstellung mit dem Franziskaner-Wimpel aus Wolf Ernst Alemans „Collectaneen”. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handgebundene Bände, Nr. 81, Bd. 3


Ruinen auf dem Jostberg
Am 22. März 1483 lenkte der Paderborner Bischof Simon III. das Wallfahrtswesen auf dem Jostberg in geordnete Bahnen, als er einer Bitte städtischer Bürger entsprach und den Ausbau eines Pilgerhäuschens zu einer Kapelle oder deren Neubau „uppe deme Lyockhuserberge” erlaubte. Seine Genehmigung machte der Bischof von einer Dauerhaftigkeit der neuen Pilgerstätte abhängig, womit deutlich wird, dass derartige Wallfahrtsorte nicht immer die gewünschte Permanenz gewannen. So auch auf dem Jostberg, wo der Kapellenbau zunächst nicht vollendet wurde. Im August 1496 wandte sich der Franziskanermönch Johann Schrage mit seinem Verwandten (vielleicht sogar Bruder) Wessel Schrage, Kaufmann zu Bielefeld, an den Landesherrn Herzog Wilhelm IV. von Jülich-Berg, um den Jostberg den Franziskanern zu übergeben. Nach einer Ortsbesichtigung lehnten die Ordensoberen die Initiative jedoch wegen der einsamen Lage und vor allem wegen der nahe gelegenen Franziskanerklöster in Hamm und Lemgo ab, da ihnen eine auskömmliche Führung somit fraglich erschien. Die Bedenken wurden nicht berücksichtigt: Der Herzog drohte unverhohlen damit, einen anderen Orden zu berufen, Wessel Schrage schaltete den Bischof und die Kurie in Rom ein. Mit Erfolg, wie sich zeigen sollte, denn 1498 trat der Franziskaner Diethard Duve an, um im Auftrag von Papst Alexander VI. die bestehenden Gebäude zu übernehmen und den Jostberg für die endgültige Ansiedlung des Ordens vorzubereiten. Der tatsächliche Einzug fand erst 1503 statt, nachdem Kirche und notwendige Nebengebäude fertig gestellt worden waren. Früh verfügte der Konvent der Franziskaner-Observanten über eine kleine Bibliothek, Novizen konnten bald ebenfalls ihre geistliche Laufbahn auf dem Jostberg beginnen.

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Nur wenige Jahre harrten die Franziskaner auf dem Jostberg aus (Foto 2009). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Die ursprünglichen Bedenken der Franziskaner bestätigten sich allerdings, denn die abseitige Lage trug kaum dazu bei, Gläubige in ausreichender Zahl anzuziehen. Daran änderte auch die benachbarte Wegespinne nichts, an der sich noch heute sichtbar sechs Wege treffen. Für die Mönche waren die Zustände ebenfalls alles andere als günstig – 1504 starben zwei Brüder des ohnehin kleinen Konvents. Nachdem die Mönche bereits 1505 eine Aufgabe des Jostbergs beschlossen hatten und auch der zuständige Vikar seine Erlaubnis wegen der Lage und Gefahr („propter loci distantiam ac in eodem loco periculorum latentiam”) gegeben hatte, genehmigte Papst Julius II. 1507 den Umzug in das Stadtgebiet. Der Konvent erhielt etliche Grundstücksschenkungen von Einwohnern Bielefelds, so dass vielleicht schon 1506 erste Abschnitte des neuen Klostergebäudes errichtet wurden. Einige Brüder fanden im Waldhof Aufnahme, während Teile des Konvents auf dem Jostberg ausharrten. Dendrochronologische Untersuchungen des in St. Jodokus verwendeten Bauholzes verweisen auf Schlagzeiten des Bauholzes zwischen 1506 und 1508, im Dachstuhl des Kirchendachs konnte Holz von 1496 nachgewiesen werden, das aber möglicherweise von einem anderen Kirchenbau abgetragen worden war. Da die Maße wiederum den Befunden vom Jostberg entsprechen, wird vermutet, dass dessen Holz am neuen Standort wiederverwendet wurde.

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Eine schematische Darstellung eines Franziskaners aus Wolf Ernst Alemans „Collectaneen”. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handgebundene Bände, Nr. 81, Bd. 4


Jodokus-Plan

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Die Verlegung des Klosters konnte auch der Stifter Wessel Schrage nicht mehr verhindern, dessen frommes Engagement durch die Realität überholt worden war. Sein Lebenswerk schien zerstört worden zu sein und gefühlt war auch sein Seelenheil gefährdet. Auf Schrages Beschwerde hin berichtete der Statthalter der Grafschaft Ravensberg dem Herzog über „etliche irrung und gebrechen” zwischen dem Konvent der Franziskaner und dem enttäuschten Stifter, der sich persönlich an den Landesherrn gewandt hatte. In einem Ausgleich sicherte Herzog Wilhelm dem Beschwerdeführer Schrage den Erhalt und seelsorgerische Pflege der Sakralbauten auf dem Jostberg zu, während alle Ergänzungsgebäude abgetragen und in die Stadt verbracht werden durften. Die Befunde am Dachstuhl von St. Jodokus wiederum, die auf eine Wiederverwendung von Bauholz vom Jostberg hindeuten, machen klar, dass die ursprüngliche Anlage spätestens 1515 endgültig aufgegeben worden ist. Dank weiterer milder Gaben städtischer Bewohner und auswärtiger Stifter konnte der Ausbau in der Stadt weiter vorangetrieben werden, bis 1515 die vollständige Klosteranlage abgeschlossen war und insgesamt geweiht werden konnte. Nicht weniger als 49 Steinmetzzeichen sind an den Gebäuden nachzuweisen, was eine vergleichsweise hohe Anzahl von Handwerkern und damit die Dimension des Kloster- und Kirchenbaues belegt. Der Bau war den Heiligen Franziskus und Jodokus geweiht, dessen Wallfahrt für die Klostergründung auf dem Jostberg noch entscheidend gewesen war, die aber in der Stadt keine Rolle mehr spielte.


Bildbeschreibung

Die Klosteranlage mit Kirche und Nebengebäuden musste 1829 von den Franziskanern aufgegeben werden. Der Plan stammt aus dem Jahr 1830. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne


Die bald nach der Verlegung des Klosters einsetzende Reformation erfasste den Konvent und auch Bielefeld insgesamt zunächst nicht nachhaltig, 1533 zählte er noch 19 Mitglieder. Erst mit den reformatorischen Predigten Hermann Hamelmanns wandte sich die Bielefelder Bevölkerung ab 1555/56 mehrheitlich der Neuen Lehre zu. Der Franziskaner-Konvent überstand die Durchsetzung der Reformation ohne größere Verluste, obwohl nur noch 15 % der Bevölkerung Bielefelds katholisch blieben. Nachdem die beiden großen Pfarrkirchen evangelisch geworden waren, übernahmen die Mönche die katholische Seelsorge, womit das Kloster zum organisatorischen, seelsorgerlichen und spirituellen Zentrum für die Katholiken in der Stadt und im Umland, ja sogar für die gesamte Grafschaft Ravensberg wurde. Die neue Klosteranlage überstand auch das Erdbeben von 1612, das im Kirchenbau noch Ende des 17. Jahrhunderts sichtbare Mauerrisse zwischen den Fenstern hinterließ. Ebenso traf die Säkularisierung nach dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 den Konvent nicht unmittelbar. Der Bielefelder Bürgermeister hatte erfolgreich argumentiert, dass mit der Auflösung des Klosters wirtschaftliche Nachteile für die Stadt drohten, denn schließlich kamen sonn- und feiertags Katholiken auch aus dem Umland nach Bielefeld, um den Gottesdiensten beizuwohnen und gleichzeitig Ein- und Verkäufe zu tätigen. Erst am 24. Mai 1829 wurde das Kloster durch den preußischen König aufgehoben, am 1. September 1829 verließen die letzten Brüder das Konventsgebäude. Bald danach zog dort für vier Jahrzehnte das Ratsgymnasium ein, und die Klosterkirche wurde zur katholischen Pfarrkirche.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handgebundene Bände, Nr. 81, Bde. 3 und 4: Wolff Ernst Aleman, Collectanea Ravensbergensia, 1688-1725 (1757-1763)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 142: Warhafft- vnnd Eigendtlich Erzehlung Welcher gestalt im nechst verschienen Monat Novembri dieses 1612. Jahrs, zu Bielfeld vnd anderstwo ein schröcklicher Erdbidem sich erhaben [...] vor Augen gestelt, vnnd kurtzlich in Reimen verfast, 1612


Literatur

  • Henniges, Diodor, Geschichte des Franziskanerklosters zu Bielefeld, Düsseldorf 1910
  • Niemeyer, Marion/Peter Barthold, Baugeschichte von Kloster und Kirche St. Jodokus, in: Johannes Altenberend/Josef Holtkotte (Hg.), St. Jodokus 1511-2011. Beiträge zur Geschichte des Franziskanerklosters und der Pfarrgemeinde St. Jodokus Bielefeld, Bielefeld 2011, S. 63-88
  • Rüthing, Heinrich, Zur Geschichte des Franziskanerklosters und der Gemeinde Sankt Jodokus in Bielefeld (1511-1829), in: Johannes Altenberend/Josef Holtkotte (Hg.), St. Jodokus 1511-2011. Beiträge zur Geschichte des Franziskanerklosters und der Pfarrgemeinde St. Jodokus Bielefeld, Bielefeld 2011, S. 41-62
  • Ders./Olaf Schirmeister, Bielefeld – Franziskaner, in: Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung, Teil 1 (Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte, Bd. 2), Münster 1992, S. 76-81
  • Zozmann, Michael, Die Geschichte des Klosters auf dem Jostberg bis zu seiner Verlegung in die Stadt Bielefeld im Jahr 1511, in: Johannes Altenberend/Josef Holtkotte (Hg.), St. Jodokus 1511-2011. Beiträge zur Geschichte des Franziskanerklosters und der Pfarrgemeinde St. Jodokus Bielefeld, Bielefeld 2011, S. 25-40


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Bildbeschreibung

Das Erdbeben von 1612 verursachte sichtbare Schäden in der Klosterkirche. Der Ausschnitt eines Flugblatts von 1612 zeigt die Darstellung des Ereignisses. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 142