31. Juli 1942: Deportation von Juden nach Theresienstadt

Von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Seit dem Einsetzen der Deportationen im Dezember 1941 von Bielefeld in Ghettos und Konzentrationslager sind in keinem anderen Monat mehr Juden verschleppt worden als im Juli 1942. Am 10. Juli 1942 wurden mindestens 78 Männer, Frauen und Kinder mit Wahrscheinlichkeit nach Auschwitz deportiert und ermordet. Die mit Abstand größte Deportation fand am 31. Juli 1942 statt: 590 Juden wurden von Bielefeld aus in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt.




Der Bielefelder Hauptbahnhof im Juni 1939
Die Deportation vom 10. Juli hat bis in die jüngste Vergangenheit viele Fragen aufgeworfen. Weder das Deportationsziel noch das genaue Datum waren bekannt, da die amtliche Überlieferung gänzlich fehlt und zudem keiner der verschleppten Menschen die Deportation überlebt hat. Aus den Melderegistern der Bielefelder Stadtverwaltung geht nur hervor, dass Juden zwischen dem 8. und 11. Juli „evakuiert”, wie ein amtlicher Terminus für Deportationen hieß, bzw. mit dem Vermerk „Abwanderung Osteinsatz” abgemeldet wurden. Unter den möglichen Deportationszielen schien das Warschauer Ghetto das wahrscheinlichste zu sein, für das auch Alfred Gottwald und Diana Schulle in ihrer 2005 erschienenen Gesamtdarstellung der Deportationen aus dem Deutschen Reich plädierten. Aber auch das Vernichtungslager Trostinez in der Nähe von Minsk und Auschwitz wurden genannt. 2010 haben Martin Decker und Kai-Uwe von Hollen Postkarten ausgewertet, die aus dem Sammellager „Kyffhäuser” am Kesselbrink sowie aus dem Zug geworfen ihre adressierten Ziele erreicht haben. Die aus diesen Karten rekonstruierte Zugstrecke lässt nur die Vermutung zu, dass die Menschen nach Auschwitz deportiert worden sind.


Bildbeschreibung

Der Bielefelder Hauptbahnhof im Juni 1939. Die Juden wurden seit 1941 von dem dahinter liegenden Güterbahnhof verschleppt. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 91-8-52



Unter ihnen war auch Thekla Lieber, eine angesehene Bielefelder Geschäftsfrau, der bis zur Arisierung das von ihrem Vater gegründete Ofen-, Eisen- und Haushaltswarengeschäft Adolf Heine gehörte. Ihr Wohn- und Geschäftshaus Ritterstraße 57 wurde 1939 im Zuge der Verdrängung jüdischen Lebens aus der Öffentlichkeit zu einem „Judenhaus” deklariert, in das Juden zwangsweise einquartiert wurden und auf beengtem Raum wohnen mussten. Thekla Lieber erhielt am 6. Juli die Aufforderung, sich am 8. Juli im Sammellager Kyffhäuser einzufinden. Sie hatte also nur zwei Tage Zeit, ihre Habseligkeiten auf die für den Transport erlaubten 25 kg Reisegepäck zu reduzieren. Ein Freund, der sie am 9. Juli im Kyffhäuser noch einmal besuchen konnte, teilte in einem Brief mit, dass der Transport Bielefeld am 10. Juli verlassen hat. Es ist wahrscheinlich, dass die in den Meldeunterlagen vorgenommenen Einträge „11. Juli evakuiert” nachträglich vorgenommen wurden.

Bildbeschreibung

Thekla und Ernst Lieber. Der Ehemann ist 1933 gestorben. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 63-1-7


Von den aus der Stadt und dem Landkreis Bielefeld, dem Regierungsbezirk Minden sowie aus Lippe und Schaumburg-Lippe an diesem Tag verschleppten Juden hat keiner die Shoa überlebt. Martin Decker und Kai-Uwe von Hollen weisen darauf hin, dass Heinrich Himmler im Juli 1942 das Konzentrationslager Auschwitz besucht hatte, um sich persönlich über die Ermordung mit dem neuen Giftgas „Zyklon B” zu informieren. Es ist wahrscheinlich, dass die Menschen des Bielefelder Transportes vom 10. Juli 1942 zu den Ersten gehörten, die in den Gaskammern von Auschwitz ermordet wurden.

Am 31. Juli 1942, drei Wochen nach der Deportation nach Auschwitz, verließ ein weiterer Zug den Bielefelder Hauptbahnhof. Mit 590 jüdischen Männern, Frauen und Kindern, unter ihnen 145 aus Bielefeld, war es mit Abstand die größte Deportation aus dem Gestapo-Außenbezirk Bielefeld. Zielort war das Konzentrationslager Theresienstadt, das von Reinhard Heydrich, einem der Hauptverantwortlichen für den organisierten Massenmord an den europäischen Juden, verharmlosend als „Altersghetto” bezeichnet wurde und damit den Anschein erweckte, dass es sich hierbei um ein privilegiertes Lager handelte, in dem auch „schwerkriegsbeschädigte Juden und Juden mit Kriegsauszeichnungen” Aufnahme fanden. Die Realität sah anders aus: Die Lebensbedingungen waren vor allem für gebrechliche Menschen „Sterbensbedingungen” (Hans Günter Adler) und für Tausende war Theresienstadt die Durchgangsstation in ein Vernichtungslager.


Zu den Verschleppten gehörte auch die sechsköpfige Familie Frenkel aus Lemgo, die am 28. Juli mit den Müttern des Ehepaares in das Sammellager „Kyffhäuser” am Kesselbrink gebracht wurde. Nicht unbemerkt von der Bielefelder Bevölkerung, wie eine Notiz von Dr. Eduard Schoneweg vom 29. Juli 1942 in der von ihm geführten Kriegschronik belegt. Die Menschen wurden in einen Saal geführt, der auf die damals fünfzehnjährige Karla Frenkel wie ein „Kino oder Theater” wirkte, weil dort Stühle und Bänke in Reihen aufgestellt waren. Gestapobeamte kontrollierten mit Listen die Anwesenheit und Karla Frenkel sah, wie ihre Mutter ihren erst einjährigen Bruder Uriel hochhob, als dessen Name vorgelesen wurde. Danach verließen die Polizisten den Saal und die Menschen mussten auf Bänken oder dem Boden liegend oder auf den Stühlen hockend ihre erste Nacht im Kyffhäuser verbringen. Versorgt wurden die Inhaftierten von Bielefelder Juden, die auf Anweisung der Gestapo Eintopfgerichte und Getränke verteilten. Am 31. Juli wurden die Menschen mit Straßenbahnen vom Kesselbrink zum Güterbahnhof gebracht, wo sie in einem überfüllten Personenzug einsteigen mussten. Karla Frenkel blieb zum Beispiel nur noch ein Platz „vor der WC-Tür”.

Als der Zug in Theresienstadt ankam, musste Karla Frenkel mit ansehen, wie ihre 75-jährige Großmutter väterlicherseits mit anderen Menschen auf einen „vollgeladenen Wagen” geschmissen wurde. Das „Altersghetto” entpuppte sich als ein Lager, in dem die Menschen ohne Matratzen auf dem Erdboden lagen, Wanzen und Flöhen ausgesetzt waren und starken Hunger litten. Von der Lemgoer Familie Frenkel überlebten nur Karla und ihre Großmutter mütterlicherseits Helene Rosenberg. Nach dem Krieg wanderte Karla nach Israel aus, heiratete und berichtete unter ihrem Namen Karla Raveh über das Schicksal ihrer Familie.

Bildbeschreibung

Die Gaststätte Kyffhäuser am Kesselbrink wurde bei mehreren Deportationen als Sammellager genutzt. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1161-13


Hausbuch des Einwohnermeldeamtes
Zu den Deportationsopfern aus Bielefeld gehörten auch Irmgard Baer, geborene Ostwald, mit ihren Kindern Heinz und Ruben sowie ihren Eltern Louis und Else Ostwald. Irmgards Ehemann, Richard Baer, war nach dem Pogrom vom November 1938 nach Buchenwald verschleppt worden und ist dort wahrscheinlich an den menschenunwürdigen Haftbedingungen am 2. Dezember 1938 gestorben. Drei Monate nach seinem Tod kam sein zweiter Sohn Ruben zur Welt. Während Louis Ostwald nur wenige Monate nach seiner Ankunft in Theresienstadt „an Herzschwäche” starb, sind seine Frau Else, seine Tochter Irmgard und seine Enkel Heinz und Ruben 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden. Zwei Töchter von Louis und Else Ostwald, die 1939 nach England emigrieren konnten, überlebten als einzige Familienmitglieder die Shoa.

Bildbeschreibung

In einem Hausbuch des Einwohnermeldeamtes wurde die Deportation der Familien Ostwald und Baer vermerkt. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 54: Detmolder Straße 4



Julius und Johanna Mosberg in ihrer Wohnung an der Lessingstraße
Deportiert und ermordet wurden auch Julius und Johanna Mosberg. Der 1868 in Bielefeld geborene Julius Mosberg war Mitinhaber der Herrenkleiderfabrik M. Mosberg an der Jöllenbecker und Breite Straße, die auch Arbeits- und Berufsbekleidung herstellte. Mit seiner 1876 geborenen Frau Johanne, geborene Rosenberg, hatte er zwei Kinder. Während sein Sohn noch im August 1940 nach Seattle (USA) auswandern konnte, war seine Tochter bereits 1926 nach Dresden und von dort nach Prag gezogen, wo sie einen Tschechen heiratete und zwei Kinder bekam. 1939 glückte ihr über Bielefeld die Emigration nach Peru, bevor der nationalsozialistische Terror die Tschechoslowakei heimsuchte. Wenige Monate vor ihrer Deportation mussten Julius und Johanna Mosberg im März 1942 ihr Haus an der Lessingstraße aufgeben und in das „Judenhaus” Werther Straße 6 ziehen. Sie kamen 1943 in Theresienstadt ums Leben.

Als Dr. Eduard Schoneweg am 29. Juli 1942 in der Bielefelder Kriegschronik nüchtern feststellte, dass die „letzten Juden von Bielefeld und Umgebung […] sich heute im großen Saal des ‚Kyffhäuser’ am Kesselbrink [versammeln], um von dort aus abtransportiert zu werden”, teilte er noch äußerst hämisch mit, dass „10 Juden es vorgezogen” hätten, „vorher aus dem Leben zu scheiden.” Die Vermutung, der Museumsdirektor habe vielleicht so schreiben müssen, ist abwegig. Zum einen sahen die Richtlinien zur Erstellung von Kriegschroniken nur vor, den Alltag während des Krieges zu dokumentieren, um nach dessen siegreichem Ende die „Heimatfront” museal ausstellen zu können. Zum anderen konnte Dr. Schonweg diese Aufgabe autonom erfüllen, er brauchte keine Rechenschaft ablegen oder musste gar das Dokumentierte seinen Vorgesetzten, „der Partei” oder gar der Gestapo vorlegen. Nein, Dr. Schoneweg schrieb, wie er es immer tat, aus Überzeugung.

Unter den Menschen, die im Suizid ihre letzte Möglichkeit sahen, gehörte auch Eduard Wertheimer, der mit seinem Bruder Paul in dritter Generation in Bielefeld und Jöllenbeck eine Seidenweberei führte und vor dem Einsetzen des braunen Terrors als sozialer Unternehmer einen guten Ruf genoss. Aus seinem Abschiedsbrief geht hervor, dass er nicht zum ersten Mal versucht hatte, sich das Leben zu nehmen: „Hoffentlich glückt es dieses Mal.” Am 21. Juli 1942 wurde er in seiner Wohnung tot aufgefunden.

Bildbeschreibung

Julius und Johanna Mosberg in ihrer Wohnung an der Lessingstraße (undatiert). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 63-1-50



Das Mahnmal vor dem Hauptbahnhof
Die Liste der Menschen, die vor der Deportation durch Freitod aus dem Leben geschieden sind, in Theresienstadt oder nach einer weiteren Deportation nach Auschwitz an Entkräftung oder Krankheiten starben oder ermordet wurden, ist lang. 1998 hat die Friedensgruppe der Altstädter Nicolaikirche ein Mahnmal vor dem Hauptbahnhof mit den Namen der ermordeten Juden errichtet. Am 31. Juli 2012, 70 Jahre nach der Deportation nach Theresienstadt, werden die Namen der Opfer am Mahnmal vorgelesen. Sie haben einen Namen und sind nicht vergessen.

Dr. Eduard Schoneweg höhnte in seiner kurzen Notiz in der Bielefelder Kriegschronik, dass Bielefeld nach der Deportation vom 31. Juli 1942 „judenrein sein” werde. Ausgegrenzt vom bürgerlichen Leben lebten aber weiterhin Juden in „Judenhäusern” oder in Lagern wie an der Bielefelder Schloßhofstraße in der Stadt, im Kreis, im gesamten Gestapo-Außenbezirk Bielefeld. Weitere Deportationen sollten folgen.


Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Hausbücher
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,8/Sammlung Judaica, Nr. 143: Friedhelm Wittenberg, Eduard und Paul Wertheimer und die Seidenweberei J. Wertheimer & Co, unveröffentlichtes Manuskript
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, 1942, Bd. 2.
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Literatur

  • Hans Günter Adler, Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland, Tübingen 1974.
  • Brigitte Decker (Hg.), Heimweh nach Bielefeld? Vertrieben oder deportiert: Kinder aus jüdischen Familien erinnern sich (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 22), Bielefeld 2007.
  • Martin Decker, Kai-Uwe von Hollen, „Montag werden wir, wenn’s gut geht, am Ziel sein”. Die Deportation aus dem Gestapobezirk Bielefeld am 10. Juli 1942, in: Ravensberger Blätter, Heft 1, 2010, S. 1-25.
  • Alfred Gottwald, Diana Schulle, Die Judendeportation aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005.
  • Joachim Meynert, Friedhelm Schäffer, Die Juden in der Stadt Bielefeld während der Zeit des Nationalsozialismus (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd.3), Bielefeld 1983.
  • Monika Minninger/Joachim Meynert/Friedhelm Schäffer, Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 4), Bielefeld 1985.
  • Monika Minninger/Anke Stüber/Rita Klussmann, Einwohner, Bürger, Entrechtete. Sieben Jahrhunderte jüdisches Leben im Raum Bielefeld (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 6), Bielefeld 1988.
  • Karla Raveh, Überleben. Der Leidensweg der jüdischen Familie Frenkel aus Lemgo. Nebst Aufzeichnungen von Helene Rosenberg, Lemgo 1987.


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Bildbeschreibung

Das Mahnmal vor dem Hauptbahnhof: Jeder Ermordete und jede Ermordete hat einen Namen. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung.