August (?) 1559: Der Architekt des Scherpentiners, Alessandro Pasqualini stirbt in Bielefeld

von Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
„Scherpentiner”: Weltweit existiert der Ausdruck nur ein einziges mal – und zwar in Bielefeld. Der Scherpentiner, jene imposante westliche Bastion der Burg Sparrenberg sicherte seit der Mitte des 16. Jahrhunderts den damals strategisch wichtigen Bielefelder Pass. Erbaut haben ihn Hunderte von Arbeitern, entworfen hat ihn der italienische Festungsbaumeister Alessandro Pasqualini, der vor September 1559 in Bielefeld verstarb.



Der Katholik Pasqualini war 1493 in Bologna geboren worden, allerdings liegen über seine Familie, Kindheit und Jugend kaum Nachrichten vor. Es wird vermutet, dass er in Bologna und Rom die Baukunst der berühmten Architekten Raffael, Peruzzi und Bramante kennen gelernt hat. Nach 1530 ist er in den Diensten der Adelsfamilie van Egmond nachweisbar, für die er Sakral- und Schlossbauten entwarf. Ende der 1530er Jahre widmete er sich dem Festungsbau, als er in Bouillon, Dinant, Lüttich und Tirlemont bestehende Anlagen des Fürstbischofs von Lüttich verbesserte und zusätzlich u.a. für die Städte Amsterdam, Middelburg und s´Hertogenbosch tätig war. 1548 starb sein Hauptauftraggeber Maximilian von Egmond.

Am 15. April 1549 bestellte Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg (1516-1592) Pasqualini offiziell zum Festungsbaumeister von Stadt und Zitadelle Jülich. Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1547 plante er eine moderne Residenzstadt, deren Fertigstellung Pasqualini aber nur unzureichend gelang. Gleichwohl entstanden eine mehreckige Stadtbefestigung, eine einheitliche innerstädtische Bebauung und insbesondere ein Residenzschloss in einer Festung mit vier Bastionen, deren Erhaltungszustand in Nordeuropa nahezu einzigartig ist. Pasqualini baute anschließend das Düsseldorfer Schloss, die Hauptresidenz Wilhelms V., aus und beriet 1552 die Reichsstadt Köln bei der Anlage einer Geschützplattform.

Bildbeschreibung

Der Scherpentiner beherrschte einst den Bielefelder Pass; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung (2009)


Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg
1556 übernahm er den Ausbau der Sparrenburg in der Grafschaft Ravensberg, die zum Herrschaftsbereich Wilhelms V. zählte. Die Sparrenburg war im Hochmittelalter entstanden und als Reaktion auf militärtechnische Entwicklungen wiederholt modernisiert worden. 1535 ordnete der Herzog den Ausbau mit Rondellen an, der sich bis 1558 hinzog, wie ein Wappenstein des Kiekstattrondells belegt. Die konkrete Abwicklung des Baus, die Reihenfolge der vier Rondelle ist nach aktuellem Forschungsstand noch völlig unklar.

Die Rondellbauweise nach Albrecht Dürer (1471-1528) hatte allerdings unübersehbare Schwächen. Bereits zeitgenössische Fortifikationstechniker hatten erkannt, dass das davorliegende Gelände mit Geschützen nur unzureichend bestrichen und auch die gegenseitige Deckung der Rondelle nicht durchgängig gewährleistet werden konnte: Es entstanden tote Winkel, in denen sich der Feind geschützt annähern konnte. Deshalb entwickelten die Festungsbaumeister das Bastionärsystem als fortifikatorisches Grundprinzip, welches auf der optimalen Bestreichung der Festungswerke und des eingeebneten und gestalteten Glacis, des Vorfeldes, durch die systematische Anordnung von Bastionen beruhte, die sich gegenseitig artilleristisch deckten und tote Winkel vermieden.

Von 1500 bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts erlebte das europäische Befestigungswesen eine massive Professionalisierung, ja geradezu eine Verwissenschaftlichung. Proportion, Geometrie, Mathematik und Symetrie bestimmten ab der Mitte des 16. Jahrhunderts das frühneuzeitliche Fortifikationswesen – und dennoch mussten sich gelehrte Traktate und Entwürfe naturräumlichen Gegebenheiten und strategischen Erwägungen beugen. Die Bautheoretiker waren vor allem geschulte Militärs bzw. Militär-Ingenieure, aber die architectura militaris war auch Spielwiese gelehrt daherkommender Amateure, die elaborierte Festungspläne entwarfen, deren Alltagstauglichkeit nie zu beweisen war.

Bildbeschreibung

Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg stellte Alessandro Pasqualini als Festungsbaumeister ein; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 43 (Stich von 1610)


Zeichnung von der Sparrenburg, um 1844
Bis etwa 1700 entwickelten sich etliche Stile, „Manieren” genannt, heraus. Zedlers Universallexikon doziert 1733 unter „Befestigungs-Manier, Manier zu Fortificiren”: „Ist ein Systema von Regeln, nach welchen ein Ingenieur seine Befestigung dergestalt einrichtet, daß sie denen zu der Zeit üblichen Attaquen ein Genügen leiste. […] Daher ist auch eine so grosse Menge von Befestigungs-Manieren entstanden, indem man sich immer bemühet denen veränderten Attaquen eine Manier entgegen zu setzen.” Und tatsächlich produzierte das Zeitalter des Barock eine wahre Flut an Veröffentlichungen zum Fortifikationswesen, mit aufwändigen Darstellungen, detaillierten Schemata und artilleristischen Berechnungen.

Die Protagonisten des 16./17. Jahrhunderts führten z.T. auf Grundlage von abstrakten mathematischen Regeln und idealtypischen geometrischen Formen gelehrte Dispute über Vor- und Nachteile der Manieren: Spanische oder Altitalienische, Neuitalienische, Alt- und Neuholländische, Vaubansche. Entscheidendes Prinzip blieben jedoch die eckig gestalteten Bastionen anstatt gerundeter Rondelle. Die Bastionen, auch Bollwerke, Streichwehre, Boulevards oder Propugnacula genannt, bestimmten für über 200 Jahre in verschiedenen Formen und Gestaltungen das Fortifikationswesen.

Nach den Vorgaben Pasqualinis und in Anlehnung an sein in Jülich begonnenes Modell entstand auch in Bielefeld eine dieser neuartigen Bastionen: Der Scherpentiner. Im Frühjahr 1556 begleitete der erfolgreiche Festungsbaumeister den Herzog nach Bielefeld. Die Kosten für sein Engagement und den weiteren Ausbau trug die als Nebenland des Herzogshauses geltende Grafschaft Ravensberg. Pasqualini entwarf für den am stärksten gefährdeten Festungsteil den Scherpentiner, der den – freilich winkliger ausgeführten – Bastionen in Jülich in den Proportionen auffällig ähnelt. Offensichtlich bestand kaum Ursache für ein Abweichen von der gelungenen Vorlage. Die beiden Hauptschenkel („Facen”) des deutlich unter dem allgemeinen Festungsniveau liegenden Scherpentiners erreichen heute an ihrem höchsten Punkt („Saillant”) beeindruckende 26,8 Meter.

Bildbeschreibung

1842 wurde auf der Sparrenburg der Turm wieder errichtet, die Brüstungen des Scherpentiners waren inzwischen weggebrochen; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 13-2-7: „Der Sparenberg bei Bielefeld”, Zeichnung von F.W. Kannstädt (ca. 1844; Repro)


Zur rechtzeitigen Wahrnehmung feindlicher Mineure, die unterirdische Stollen bis zu den Fundamenten einer Festung gruben, um dort Sprengladungen anzubringen, führten die Bauleute im Inneren der Bastion eine Contermine aus: Die auch als „Horchgang” bezeichnete Contermine verlief auf Höhe der Fundamente und parallel zu den Facen und sollte der Besatzung helfen, Grab- und Klopfgeräusche der Mineure zu hören. Die originale Bauzeichnung (ca. 1556) zeigt die „Contermine” mit einer geplanten durchschnittlichen Weite von etwa 2,40 Meter.

Während die Bastion südwestlich mit einer festungstechnisch konformen „Flanke” abschließt, die Geschütze aufnahm, um die lange Verbindungsmauer („Kurtine”) zum Schusterrondel bestreichen zu können, „schluckt” die nordwestliche Face gleichsam das einstmals vorgelagerte Kiekstattrondell zur Hälfte und kaschiert so zwar einen fortifikatorischen Mangel, kann aber dem zeitgenössischen Regelwerk nicht vollends entsprechen. Die ursprüngliche Anlage ließ dieses ebenso wenig zu wie die natürlichen Gegebenheiten. Offensichtlich war an einen vollständigen Umbau der Sparrenburg zu einer Bastionsfestung nicht gedacht worden.

Pasqualini erlebte die Vollendung des von ihm entworfenen Scherpentiners nicht. Er starb wohl im August 1559 in Bielefeld. Seine beiden Söhne, Maximilian und Johann, waren ebenfalls Festungsbaumeister in Diensten Jülich-Kleve-Bergs und erlangten eigene Berühmtheit. Ein Einfluss auf die Sparrenburg ist nicht feststellbar.

Um Alessandro Pasqualini bleiben viele Rätsel – und auch um den Scherpentiner, die bereits mit seinem Namen beginnen. Nach vielerlei Deutungen – ein witzelndes „scherpen-ziener” (Scharfenscheiner) der Niederländer wegen der hochaufsteigenden scharfen Kante oder aber eine Benennung nach den in Serpentinen verlaufenden Gängen im Inneren der Bastion – hat sich eine Ableitung von der Bezeichnung für kleinere Geschütze durchgesetzt. Diese „Feldschlangen” oder „Serpentinen” waren wahrscheinlich auf dem ausgedehnten Geschützplateau platziert worden und entfalteten an dieser sensiblen Stelle eine enorme Feuerkraft.

Die spätere militärisch-strategische Entwertung von Festungen zeigt sich auch an der Sparrenburg deutlich: Nachhaltigen Um- und Anbauten des 16. Jahrhunderts folgten kleinere Ergänzungen im 17. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert stieg die als indefensabel geltende Anlage in die militärtechnische Bedeutungslosigkeit ab, als sie z.B. im Juni 1757 beim Durchmarsch preußisch-englischer Truppen (etwa 47.000 Soldaten) nicht mit einer größeren Besatzung belegt wurde. Inmitten der Stadt trafen die englische Nachhut und vorpreschende französische Spitzen eines 115.000-Mann-Heeres aufeinander, ohne dass diese zuvor von der Burg aus am Nachstoßen behindert wurden. Die möglicherweise schon seit Jahrzehnten nicht mehr abgefeuerten Geschütze auf dem Scherpentiner kamen nicht mehr zum Einsatz. Ab 1775 diente die Anlage als Steinereservoir für die neue Kaserne innerhalb der Stadt und verfiel bis Mitte des 19. Jahrhunderts, ehe die Bielefelder Bürger die Sparrenburg für sich entdeckten.

Bildbeschreibung

Die vollständige Anlage der Sparrenburg (1989); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,8/Karten und Pläne, Nr. 701: „Sparrenburg”, Karte des Vermessungs- und Katasteramts Bielefeld, 1989


Bielefeld vom Johannisberge aus gesehen (Ausschnitt), Zeichnung von O. R. Jacobi (vor 1842)
Die Burgen und Befestigungen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit wurden bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts durch neue Taktiken und Methoden der Kriegsführung militärtechnisch überholt. Parallel geriet das Festungswesen in den Zeiten der Aufklärung auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten in die Kritik. Krünitz´ „Oeconomische Encyclopädie” fasste 1773 zusammen: „Ob Festungen einem Lande nützen oder schaden, wird bey den Staatsklugen gestritten. Diejenigen, welche dieselben widerrathen, führen an, daß sie mit Muhe erbauet, mit Kosten unterhalten, mit Schaden verloren, und schwerlich wieder erobert werden.”

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,5/Geschäftsstelle V, Nr. 549: Burg Sparrenberg: Bericht des Architekten Herzbruch über Grabungs- und Räumungsarbeiten mit Vorschlägen zur Restaurierung der Burg (1906)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handgebundene Bände, Bd. 81: Wolff Ernst Aleman, Collectanea Ravensbergensia, 24 Bde. (1691-1725)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Bde. 1 und 2a: Sparrenburg
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 43: Princ. Gulielmus D.G. Cliviae, Juliae... [Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg] (1610)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 165: Bielefeld vom Johannisberge aus gesehen, Zeichnung von O. R. Jacobi (um 1810)


Literatur

  • Engel, Gustav, Die Ravensbergischen Landesburgen, Bielefeld 1934
  • Engel, Gustav, Landesburg und Landesherrschaft an Osning, Wiehen und Weser, Bielefeld 1979
  • Großes vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. III, Halle/Leipzig 1733, s.v. „Befestigungs-Manier, Manier zu Fortificiren”
  • Kamm, Andreas, Sparrenburg. Burg – Festung – Wahrzeichen (12. Sonderveröffentlichung des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg), Bielefeld 2007
  • Krünitz, Johann Georg, Oeconomische Encyclopädie, oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft Bd. XII, Berlin 1777, s.v. „Festung”
  • Neue Deutsche Biographie, Bd. 20, Berlin 2001, s.v. Pasqualini
  • Renda, Gerhard, „...eyn wehrhaffte vestung” – Zur Baugeschichte der Sparrenburg in der frühen Neuzeit, in: 86. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (2000), S. 27-48
  • Vollmer, Bernhard, Zur Baugeschichte des Sparrenbergs im 16. Jahrhunderts in: 40. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (1926), S. 119-128
  • Wessing, Michael, Die Sparrenburg – Vom Wehrbau zum Wahrzeichen (Schriften der Historischen Museen der Stadt Bielefeld ; Bd. 2), Bielefeld 1994


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Bildbeschreibung

Ebenso wie die Gesamtanlage verfiel auch der imposante Scherpentiner im 18. Jahrhundert zusehends; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/Graphische Sammlung, Nr. 165: Bielefeld vom Johannisberge aus gesehen (Ausschnitt), Zeichnung von O. R. Jacobi (vor 1842)