27. September 1968: Das „Richard-Kaselowsky-Haus – Kunsthalle der Stadt Bielefeld“ wird eröffnet

Von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Es sollte das wichtigste Fest des Jahres werden: 1.200 Gäste waren zur Einweihung der Kunsthalle, die von dem Unternehmer Rudolf August Oetker gestiftet worden war, eingeladen worden. Das Festprogramm sah die Eröffnung der Ausstellung „Deutsche Expressionisten” aus der Sammlung des Amerikaners Morton D. May vor und abends in der Rudolf-Oetker-Halle die Uraufführung des Klavierkonzertes Nr. 2 von Hans-Werner Henze unter der Leitung von Bernhard Conz mit dem berühmten Pianisten Christoph Eschenbach. Das Konzert war 1967 für diesen Anlass von der Stadt Bielefeld in Auftrag gegeben worden. Bereits in der Planungsphase der Kunsthalle war nicht mit Superlativen gespart worden. Als die Pläne des bedeutenden amerikanischen Architekten Philipp Johnson vorgestellt wurden, schwelgte die Presse, dass das Bielefelder Museum „in ganz Europa ohne Beispiel sein” werde. Diese Meinung wurde im September 1968 auch von der französischen Künstlerin Sonia Delaunay geteilt: „Ich wünschte, wir hätten es in Paris!” Der 27. September 1968 hätte also der von allen Seiten gewünschte Festtag werden können, der Name der Kunsthalle, Richard-Kaselowsky-Haus, ließ aber alle Planungen wie ein hochsensibles Kartenhaus zusammenstürzen. Die Geschichte der Kunsthalle ist gleichsam eine Geschichte des sozialen Protestes, der Ambivalenz von alten und neuen Werten, des Konfliktes „der Jugend” gegen ältere Generationen, für die das Jahr 1968 ein Symbol geworden ist. Neun Jahre zuvor war davon noch keine Rede.




Am 6. Juli 1959 fand ein streng vertrauliches Gespräch zwischen Rudolf August Oetker und Bielefelds Oberbürgermeister Artur Ladebeck statt, in dem der Unternehmer ankündigte, der Stadt aus Mitteln der Dr. August Oetker Stiftung ein neues Museum zu schenken. Während die Stiftung die gesamten Kosten des Baues und der Inneneinrichtung übernehmen wollte, sollte die Stadt das Grundstück stellen. Vorgesehen war ein Gelände zwischen der Obernstraße, Nebelswall und der ehemaligen Koblenzer Straße (der heutigen Alfred-Bozi-Straße), auf dem in den 1950er Jahren die Pädagogische Akademie ihr Domizil hatte. Oetker wollte zudem auf eigene Kosten „einige im Museumsbau besonders tätige Architekten zu einem beschränkten Wettbewerb auffordern.” Wie es unter vier Augen besprochen worden war, berichtete Ladebeck dem Hauptausschuss am 5. August von den Plänen. Nach einer regen Aussprache erklärte dieser sich einstimmig „grundsätzlich mit den Absichten einverstanden” und beauftragte den Oberbürgermeister, die Verhandlungen in der bisherigen Form weiterzuführen. Das Protokoll vermerkt, über die Interna bis zur nächsten Ratssitzung die Vertraulichkeit „unter allen Umständen zu wahren”.

Der Appell wurde befolgt. Ende August 1959, als die Einladungen für die Ratssitzung am 2. September vorlagen, berichteten die Bielefelder Tageszeitungen erstmals über die Museumspläne. Hinsichtlich der Finanzierung schrieb das Westfalen-Blatt: „Eine private Stiftung bildet, wie wir hörten, die finanzielle Grundlage für das Vorhaben.” Dass die Dr. August Oetker Stiftung gemeint war, teilte Oberbürgermeister Ladebeck den Ratsmitgliedern am 2. September 1959 mit. Ausführlich berichtete er über das Gespräch mit Rudolf August Oetker, so auch über einen „nachträglichen Wunsch” des Unternehmers, „wonach dieser durch eine Gedenktafel im Museum seinen im Kriege durch Bombenangriff [am 30. September 1944]umgekommenen Stiefvater, Richard Kaselowsky, ehren möchte.” Der Rat nahm in einem einstimmigen Beschluss die Ausführungen des Oberbürgermeisters „zustimmend zur Kenntnis” und bat Ladebeck, „Herrn Rudolf Oetker für die hochherzige Stiftung den Dank des Rates auszusprechen.”

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Einladung zur Einweihung der Kunsthalle mit handschriftlichem Vermerk von Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister Nr. 216


Rudolf August Oetker und Herbert Hinnendahl (1965)
Ladebeck teilte Oetker mit, dass der „Wunsch, das Haus zur Erinnerung an Ihren Herrn Stiefvater zu benennen”, im Stadtrat „allseitige Zustimmung” fand, und schlug vor, „sehr bald eine endgültige Form der Benennung (des Museums) zu finden, die sonst doch sehr schnell in der Bürgerschaft entsteht und dann nicht mehr zu ändern ist.” Wohl gemerkt, Ladebeck und den Verantwortlichen ging es nur darum, wie die endgültige Bezeichnung des Museums lauten sollte. Eine Kritik an dem Namen selbst war 1959 undenkbar.

Die konkrete Planung konnte beginnen. Museumsdirektor Dr. Gustav Vriesen legte noch im September 1959 einen Raumplan vor, den er mit Stadtbaurat Fischer gemeinsam erarbeitet hatte. Dabei ging Dr. Vriesen noch von der Voraussetzung aus, dass das neue Museum außer dem Kunsthaus auch ein Industriemuseum anstelle des bisherigen stadtgeschichtlichen Museums sowie das Naturkundemuseum aufnehmen sollte. „Sein Werk blieb unvollendet”, schrieb wenige Monate später die Freie Presse in einem Nachruf. Dr. Vriesen starb am 4. April 1960 im Alter von 48 Jahren. Mit der Wahl von Dr. Joachim Wolfgang von Moltke wurde eine Persönlichkeit gefunden, die den Museumsbau nachhaltig fördern sollte. Er übernahm am 1. Juli 1962 sein neues Amt. Ein weiterer Todesfall erschütterte und verzögerte wohl auch die Planungen. Im Juli 1961 starb der Kunsthändler und Kulturpolitiker Paul Herzogenrath, den Rudolf August Oetker von Beginn an beratend in das Projekt einbezogen hatte.

Während die Stadt die Zeit nutzte, die notwendigen Grundstücke anzukaufen, konzentrierte sich Oetker auf die Architektenfrage. Im März 1963 teilte er dem neu gewählten Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl mit, dass er „einen bekannten Architekten in den USA, der über besonders gute Erfahrungen im Museumsbau verfügt, gebeten habe, [ihm] einen Ideenentwurf zu liefern.” Bei dem Architekten handelte es sich um Philip Johnson, der etwa 16 Monate später der Öffentlichkeit mit seinen Plänen vorgestellt wurde. Die „endgültige Namensgebung für das Kunsthaus” wurde im Dezember 1964 wieder auf den Plan gebracht. Oetker teilte Hinnendahl mit, dass er „in nächster Zeit einen Vorschlag unterbreiten” werde. Zur Diskussion standen zu diesem Zeitpunkt zwei Varianten: „Richard-Kaselowsky-Kunsthaus” oder „Richard-Kaselowsky-Haus” mit der Bezeichnung „Kunsthaus der Stadt Bielefeld”. Hinnendahl seinerseits kündigte an, dass „der Rat der Stadt einer solchen Auflage mit größter Wahrscheinlichkeit zustimmen” werde.

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Der Stifter und der Oberbürgermeister: Rudolf August Oetker und Herbert Hinnendahl (1965), Fotograf: Eduard Heidmann; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung 61-15-19.


Die Bezeichnung des neuen Museums sollte sich nur noch marginal ändern. Am 20. Januar 1965 fasste der Stadtrat einstimmig den folgenden Beschluss: „Der Rat der Stadt nimmt die hochherzige Stiftung des Hauses Oetker mit Dank an und erfüllt gern den Wunsch, dem neuen Kunsthaus den Namen Richard-Kaselowsky-Haus, Kunsthalle der Stadt Bielefeld zu geben.” Oberbürgermeister Hinnendahl war in seiner einleitenden Rede zuvor auf die unternehmerische Leistung Kaselowskys eingegangen. Darum hatte ihn Dr. John Henry De La Trobe, Direktor der Firma Dr. August Oetker, gebeten, da, wie er annahm, „vermutlich ein ganzer Teil der Ratsmitglieder und auch die Herren von der Presse die Zusammenhänge nicht kennen, die Herrn Oetker veranlasst haben, die Kunsthalle der Stadt Bielefeld „Richard-Kaselowsky-Haus” zu nennen.” Eine kontroverse Diskussion fand über diesen Tagesordnungspunkt nicht statt.

Nun ging alles sehr schnell: Am 21. September 1966 wurde der Grundstein gelegt und bereits am 26. Juni 1967 das Richtfest gefeiert. Oberbürgermeister Hinnendahl gab der Hoffnung Ausdruck, dass „wir im Herbst 1968 unsere Kunsthalle, das Richard-Kaselowsky-Haus, in würdiger Form der Öffentlichkeit übergeben können.” Die Vorbereitung der Feierlichkeiten stand fortan auf der Tagesordnung.

Als im Sommer 1968 regelmäßig über Kunstwerke berichtet wurde, die bereits in der Kunsthalle eingetroffen waren, schlug ein offener Brief des politischen Clubs „Linke Baracke” an den Rat der Stadt Bielefeld wie eine Bombe in die festliche Vorfreude ein. „Gibt es keinen würdigeren Namen für das Kunsthaus?”, fragten die Unterzeichner des Briefes und klagten Kaselowsky an, nicht nur NSDAP-Mitglied gewesen zu sein, sondern das Naziregime „wirklich” unterstützt zu haben. Die 1937 erfolgte Auszeichnung der Firma Dr. August Oetker mit der „Goldenen Fahne”, deren Direktor Kaselowsky war, und seine Mitgliedschaft im „Freundeskreis des Reichsführers der SS Heinrich Himmler” waren für den politischen Club ein eindeutiges Indiz. Am 11. August 1968 wandte sich der Bielefelder Lyriker Wolfgang Hädecke, der 1965 den Förderpreis Landes NRW erhalten hatte, mit einem eindringlichen Schreiben an Oberbürgermeister Hinnendahl: „Müssen wir, vorgeblich politisch mündige Bürger, uns nicht eigentlich schämen, dass erst eine Gruppe wacher, hellhöriger junger Leute (mit deren sonstigen Ansichten man keineswegs übereinstimmen muß) uns auf die böse Zweifelhaftigkeit der geplanten Namensgebung aufmerksam gemacht hat?”, fragte der Schriftsteller und forderte Hinnendahl auf nicht zuzulassen, dass „der Ruf dieser Stadt im In- und Ausland durch eine unerträgliche Namensgebung des neuen Kunsthauses geschädigt wird. Sie werden gewiß Mittel und Gründe finden, dass zu verhindern. Vielleicht wäre sogar Herr Oetker, der begreiflicherweise viel stärker den privaten als den politischen Aspekt dieser Sache sieht, davon zu überzeugen, dass ein Verzicht auf die vorgesehene Namenswahl eine weise und würdige Entscheidung wäre.”

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Architekt Philip Johnson und Museumsdirektor Dr. Joachim Wolfgang von Moltke (1966) Fotograf: Günter Rudolf; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung (Kunsthalle).


Grundsteinlegung der Kunsthalle am 21. September 1966
Hinnendahl lud Hädecke zu einem Gespräch ins Rathaus ein, in dem er dem Schriftsteller die Beweggründe der Stadt vermitteln wollte. Nach dem Gespräch hatte der Oberbürgermeister den Eindruck, dass Hädecke Verständnis für die Entscheidungen im Rathaus hatte, ohne diese allerdings zu teilen. Während hier das Gespräch gesucht wurde, war die Kommunikation zwischen der Stadt und der „Linken Baracke” von Anfang an gestört. Das lag auch an der Polemik und den ultimativen Forderungen, die von Hinnendahl als ungehöriges, jugendliches Verhalten wahrgenommen wurden. So schlug Peter Gießelmann im Auftrag des politischen Clubs der Stadt ironisch vor, statt der Namensgebung doch besser in der Tradition der Nazis eine „Goldene Fahne” zu stiften. Auf eine geforderte öffentliche Podiumsdiskussion wollte sich Hinnendahl nicht einlassen, lud aber stattdessen zu einem Gespräch im kleinen Kreis in den Ratskeller ein. Die Fraktionsvorsitzenden der im Rathaus vertretenen Parteien diskutierten mit einer fünfköpfigen Delegation der „Linken Baracke” in „einer sachlichen und offenen Atmosphäre”, wie die Zeitungen berichteten. Während die eine Seite betonte, dass sich Kaselowsky weder parteipolitisch betätigt habe, noch ihm strafrechtsrelevantes Fehlverhalten vorzuwerfen sei, pochte die andere Seite wiederum auf die Öffentlichkeit der Diskussion. Die Forderung des politischen Clubs, die Stadt solle eine Liste mit sämtlichen zur Einweihung geladenen Gästen aushändigen, um diese über Kaselowsky zu informieren, wurde als Provokation verstanden.

Wie angespannt die Stimmung im Spätsommer 1968 war, zeigt eine Reaktion der Stadtverwaltung. Am 18. September wollte sich der Stadtrat in einer turnusmäßigen Sitzung mit den Vorwürfen der letzten Wochen befassen. Über das Rathaus war der „Belagerungszustand” verhängt, berichtete am folgenden Tag die Neue Westfälische. Im Eingangsbereich waren Berufsfeuerwehrleute postiert, in der Verwaltungsbücherei warteten uniformierte Polizeibeamte auf einen möglichen Einsatz. Sämtliche Zuhörerplätze im Großen Sitzungssaal waren frühzeitig mit Bediensteten aus der Stadtverwaltung besetzt, um zu verhindern, dass die Sitzung gestört werden konnte. „Im Bielefelder Rathaus verlor die Demokratie eine Schlacht”, urteilte anderntags das Westfalen-Blatt. Das ging auch vielen Ratsmitgliedern zu weit. Richard Dohse, Fraktionsvorsitzender der CDU, sprach mit dem Oberbürgermeister und erreichte, dass „nun jugendliche Protestler” im Sitzungssaal Platz fanden. Bürgermeister Johann Dietrich Broelemann teilte ihnen aber unmissverständlich mit, dass sich das Recht für sie „in diesem Saale auf das Zuhören beschränke.” In der wesentlichen Frage kamen alle Fraktionen zu dem Schluss, dass die „bezeichneten Vorwürfe als nicht schwerwiegend genug” anzusehen seien, um von der Namensgebung abzuweichen.

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Grundsteinlegung der Kunsthalle am 21. September 1966. Links: Rudolf August Oetker; in der ersten Reihe links Dr. Viktoria Steinbiß (MdB), Mitte Dr. Heinrich Becker, rechts Landrätin Else Zimmermann; Fotograf: Günter Rudolf; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung (Kunsthalle).


Richard-Kaselowsky-Haus – Kunsthalle der Stadt Bielefeld (1968)
Damit war der Konflikt aber keineswegs ausgestanden. Im Gegenteil, die Eskalation stand noch bevor. Zwei Tage nach der Ratssitzung sagte Ministerpräsident Heinz Kühn seine Teilnahme an der Einweihung der Kunsthalle ab. Hinnendahl war erheblich irritiert, dass diese Nachricht von dem persönlichen Referenten des Ministerpräsidenten und mit einem Fernschreiben kam. „Ich bin bestürzt”, funkte Hinnendahl in einem Fernschreiben nach Düsseldorf „daß Sie eine solche Erklärung abgeben, ohne mit mir zu sprechen. Wir fühlen uns durch die Presseerklärung auf das tiefste verletzt”. Der Ministerpräsident beantwortete die Fernschreiben nicht. „Kühn brüskiert Bielefeld”, kommentierte das Westfalen-Blatt.

Diese Zuspitzung machte am 23. September eine Sondersitzung des Rates notwendig. Hinnendahl informierte über die Absage Kühns und seine fehlgeschlagenen Versuche, mit dem Ministerpräsidenten persönlich zu sprechen, und folgerte, dass eine feierliche Einweihung der Kunsthalle unter diesen Umständen nicht mehr in Frage käme. Diese Meinung teilte auch Rudolf August Oetker, der auf die Einweihung des Richard-Kaselowsky-Hauses verzichtete und empfahl, die 1.200 eingeladenen Gäste wieder auszuladen. Die drei Fraktionen im Bielefelder Rathaus stimmten dem Oberbürgermeister in Form übereinstimmender Erklärungen zu, alle offiziellen Feierlichkeiten abzusagen.

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Richard-Kaselowsky-Haus – Kunsthalle der Stadt Bielefeld (1968), Fotograf: Günter Rudolf; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung (Kunsthalle).


In einem offenen Brief wandte sich Rudolf August Oetker an Oberbürgermeister Hinnendahl. Noch einmal betonte er, dass mit der Namensgebung „an die Opfer des Zweiten Weltkrieges unserer Stadt” erinnert werden sollte, unter denen auch sein Stiefvater war, „der mit seiner Familie während eines Luftangriffes auf die Stadt sein Leben” verloren hatte. „Die menschliche Würdigung meines zweiten Vaters stand damals im Vordergrund, das politische Engagement spielte keine Rolle.” Trotz der aktuellen Debatte, die Oetker als verletzend empfand, schloss er sein Schreiben mit versöhnlichen Worten: Wir sollten „versuchen, die bisher geleistete gemeinsame Arbeit fortzuführen und mit allen Kräften die Kunsthalle zu fördern.”

Zeitgleich veröffentlichte die Presse einen offenen Brief, der nochmals forderte, von der Namensgebung der Kunsthalle Abstand zu nehmen. Dieser Brief war unter anderem von dem Komponisten Hans Werner Henze und dem Pianisten Christoph Eschenbach unterzeichnet worden. Henze hatte zudem unter Bildern von Mao, Marx, Che Guevara und Rudi Dutschke mit dem politischen Club in der „Linken Baracke” diskutiert und einen Tag vor dem Konzert einen Text veröffentlicht, der mit den Zeilen endete: „Notwendig ist die Schaffung des größten Kunstwerks der Menschheit: die Weltrevolution.” Wieder war die Empörung groß. Richard Dohse rief in einem offenen Brief die „Mitbürgerinnen und Mitbürger” Bielefelds auf, dem Konzert fernzubleiben. Und viele schienen seine Meinung zu teilen. Die Rudolf-Oetker-Halle war nicht ausverkauft.

„Statt 1200 Ehrengäste aus aller Welt schritten” am 27. September „etwa dreißig Journalisten durch das Richard-Kaselowsky-Haus” und folgten einer Einladung zur Pressekonferenz, zu der Oberbürgermeister Hinnendahl eingeladen hatte. Gemeinsam mit Museumsdirektor Dr. von Moltke und dem Architekten der Kunsthalle Philip Johnson stand er Rede und Antwort. „Nach dem Namen Richard Kaselowsky fragte nicht ein einziger Journalist”, meldete die Neue Westfälische. Vor der Kunsthalle demonstrierten rund hundert Menschen mit mitgebrachten Transparenten, diskutierten über die Namensgebung, „ernteten”, wie anderntags berichtet wurde, „vielfach nur Kopfschütteln”. Die Distanz vieler Menschen zu dem Protest spiegelte sich bereits seit August 1968 in zahlreichen Leserbriefen, die zum Teil heftig auf die Kontroverse reagierten. Als die Kunsthalle am 28. September der Öffentlichkeit übergeben wurde, kam es zu dem erwarteten Massenandrang. Die Menschen nahmen die Kunsthalle in Besitz, waren begeistert von ihrer Architektur und den zahlreichen Werken deutscher Expressionisten, die in einer Sonderausstellung zu sehen waren. Der Name der Kunsthalle spielte an diesem Tag keine Rolle mehr, und die im Sommer 1968 sehr erhitzt geführte Debatte verstummte auch erstaunlich schnell.

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Flugblatt der SJD Die Falken (1968); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen Nr. 1090.


Demonstration vor der Kunsthalle am 27. September 1968
Jahrelang wurde wahrscheinlich nur in kleinen Kreisen über den Namen diskutiert. Regelmäßig zu den Jahrestagen beschäftigten sich Artikel mit der Kontroverse, ohne dass sich auch nur annähernd ein Protest entwickelte. Das änderte sich im Umfeld des 30. Jahrestages. Bereits im März 1998 griff das Bielefelder StadtBlatt mit einer vierseitigen Sonderbeilage das Thema wieder auf, in der die Biographie Kaselowskys und die Kontroverse von 1968 ausführlich dokumentiert, aber auch Pro-und-Contra-Argumente der Namensgebung diskutiert wurden. Im Juni 1998 folgte eine Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit dem Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler. Wehler referierte über Grenzen des Mäzenatentums, lobte dabei amerikanische Verhältnisse, und führte zu Bielefeld aus, dass der Name der Kunsthalle weder 1968 in die demokratische Gesellschaft passte, noch heute geduldet werden dürfe. Die Verbindung über den „Freundeskreis Heinrich Himmler” zwischen dem Namensgeber der Kunsthalle und einem Großschlächter des so genannten Dritten Reichs sei eklatant.

Die Diskussion des Sommers 1998 machte auch vor der Familie Oetker nicht halt. Rudolf August Oetker schlug vor, die Kunsthalle nach seiner Mutter „Ida-Kaselowsky-Haus” umzubenennen. Als aber bekannt wurde, dass sie Mitglied der NSDAP war, zog er seinen Vorschlag wieder zurück. Die Kontroverse hatte aber schon längst die Tagespolitik erreicht. Am 29. Oktober 1998 beschloss der Rat in einer namentlichen Abstimmung mit den Stimmen von SPD und Grünen und gegen die Stimmen von CDU und BfB die Umbenennung des „Richard-Kaselowsky-Hauses – Kunsthalle der Stadt Bielefeld” in „Kunsthalle Bielefeld”. Enttäuscht zog der Stifter des Museums eine Woche später seine Leihgaben aus der Kunsthalle zurück.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister Nr. 64: Kunsthaus/Richard-Kaselowsky-Haus (1968-1972)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister Nr. 216: Errichtung der Kunsthalle (1959-1970)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,5/Presse- und Verkehrsamt Nr. 191: Kunsthalle (1959-1966)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,5/Presse- und Verkehrsamt Nr. 192: Oetker-Jubiläum und Richard-Kaselowsky-Haus (1966)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,5/Presse- und Verkehrsamt Nr. 193: Kunsthalleneinweihung mit Klavierkonzert Hans Werner Henze (1967-1968)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,1/Kulturdezernat Nr. 30: Richard-Kaselowsky-Haus (1968-1970)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 107,1/Kulturdezernat Nr. 257: Kompositionsauftrag Hans Werner Henze (1967-1969)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen Nr. 1090: SJD-Die Falken. Flugblätter anlässlich der Einweihung des Richard-Kaselowsky-Hauses (1968)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung K 155, Bde. 2, 3 (1960-1974)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Bielefelder StadtBlatt, Neue Westfälische, Westfalen-Blatt


Literatur

  • Ulrich Weisner (Hg.), 25 Jahre Kunsthalle Bielefeld (Richard-Kaselowsky-Haus). Reden anläßlich der Feierstunde am 12. November 1993, Bielefeld 1994.
  • Niko Ewers, Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung. Kommunale Kultur zwischen bürgerschaftlichem Engagement und Politik, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld. Tradition und Fortschritt in der ostwestfälischen Metropole, Bielefeld 1995, S. 376-381.
  • Jutta Hülsewig-Johnen, Vom Kunsthaus zur Kunsthalle. Kurze Geschichte der Kunsthalle Bielefeld, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld. Tradition und Fortschritt in der ostwestfälischen Metropole, Bielefeld 1995, S. 386-391.
  • Hans-Jörg Kühne, Bielefeld ´66 bis ´77. Wildes Leben, Musik, Demos und Reformen, Bielefeld 2006.
  • Reinhard Vogelsang, Der Freundeskreis Himmler, Göttingen 1972.
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld, 2005.


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Bildbeschreibung

Demonstration vor der Kunsthalle am 27. September 1968; Fotograf: Günter Rudolf; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung (Demonstrationen).