4. September 1935: Fritz Budde (NSDAP) wird zum Oberbürgermeister von Bielefeld ernannt

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
„Das kann doch nicht wahr sein! In Bielefeld gibt es eine Straße, die an einen nationalsozialistischen Bürgermeister erinnert!” Die Empörung mancher Besucher des Stadtarchivs legt sich schnell, wenn der wirkliche Namensgeber der Buddestraße genannt wird: Hermann von Budde, dem Kaiser Wilhelm II. für seine Verdienste das Adelsprädikat verliehen hatte. Budde war Offizier der preußischen Armee und schied 1900 als Generalmajor aus dem Militärdienst aus. Von 1902 bis 1905 war er Staatsminister und preußischer Minister für öffentliche Arbeiten. Als er 1906 starb, ehrte ihn Bielefeld mit einem Straßennamen. Über den Minister können heute nur Experten berichten. Auch die Biographie von Friedrich Wilhelm Budde, der nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im Bielefelder Rathaus Karriere machte, ist nur wenigen bekannt.



Oberbürgermeister Fritz Budde
Die Gleichschaltung der öffentlichen Verwaltung im nationalsozialistischen Deutschland führte nicht zwangsläufig zur Entlassung von Führungskräften, wenn diese nicht Mitglied der NSDAP waren. In Bielefeld blieb Dr. Paul Prieß weiterhin Oberbürgermeister der Stadt, während Bürgermeister Josef Köllner, der Mitglied der SPD war, aufgrund der Verordnung zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen wurde. Seine Aufgaben übertrug der Regierungspräsident am 21. April 1933 kommissarisch Friedrich Wilhelm Budde, der am folgenden Tag seinen Dienst antrat und im September des gleichen Jahres formell in das Amt des 2. Bürgermeisters eingewiesen wurde. Budde war vor diesem Karrieresprung im Finanzamt als Obersteuersekretär tätig, ins Rathaus berufen wurde er „als alter Angehöriger der NSDAP”, der seit dem 1. Juni 1931 das „braune Parteibuch” besaß. Außer parteilichen Verdiensten hob Oberbürgermeister Dr. Prieß im Mai 1934 seine berufliche Qualifikation im Finanzamt hervor, als er Budde auf Vorschlag von Regierungspräsident Adolf Freiherr von Oeynhausen für das Amt des städtischen Kämmerers empfahl und darauf hinwies, dass eine „Übertragung eines anderen Dezernats als des wichtigsten” auf den 2. Bürgermeister „schon vom Standpunkt der Bewegung [also vom Standpunkt der NSDAP] aus kaum erörtert werden” könne. Die Ernennung zum Kämmerer und Berufung in das Beamtenverhältnis waren angesichts dieser hochrangigen Zustimmung reine Formsache. Nach dem Tod von Prieß wurde Fritz Budde, wie er sich im öffentlichen Leben nannte, am 4. September 1935 mit einem Festakt in das Amt des Oberbürgermeisters eingeführt.

Buddes Biographie weist bis in die frühen 1930er Jahre keine Besonderheiten auf. Er wurde am 30. März 1895 in Lantenbach (Kreis Altena) geboren. Nach dem Besuch der Volksschule ging er an die Lehrerseminare in Hilchenbach und Lüdenscheid, brach diese Ausbildung allerdings im Januar 1914 ab. Durch Selbststudium bereitete er sich auf die Reifeprüfung zum einjährigen freiwilligen Militärdienst vor, die er an der Wilhelms-Oberrealschule in Stuttgart ablegte. Von 1915 bis 1918 nahm er als Frontsoldat zunächst als Gefreiter, zuletzt als Unteroffizier und Reserveoffiziersanwärter an dem Krieg in Frankreich teil. Nach dem Ersten Weltkrieg war er zunächst Volontär beim Staatssteueramt in Gelsenkirchen und absolvierte anschließend eine Ausbildung für die „mittlere Steuerbeamtenlaufbahn”, die er bereits 1920 erfolgreich abschließen konnte. Die Zeugnisse seiner Arbeitgeber beschreiben ihn in dieser Zeit als einen kompetenten, fleißigen Fachmann, der „auch schwierigen Fällen gewachsen” sei und „nach seinem bescheidenen, angenehmen Auftreten [...] ein recht brauchbarer Beamter zu werden” verspreche.

1924 wechselte er als Obersteuersekretär an das Finanzamt in Bielefeld. Die Entscheidung, nach Ostwestfalen zu ziehen, hatte wohl auch private Gründe: Seine Ehefrau, mit der er seit 1921 verheiratet war, war in Schildesche geboren worden. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor, von denen zwei noch in Gelsenkirchen zur Welt gekommen waren. Über das private und berufliche Leben Fritz Buddes ist außer den biographischen Daten genauso wenig überliefert worden wie über sein politisches Denken und Engagement. Sicher ist nur, dass er Vorsitzender des Bielefelder Ortskartells im Deutschen Beamtenbund war und 1931 der NSDAP beitrat.

Im selben Jahr konnten die Bielefelder Nazis ihre Mitgliederzahl deutlich erhöhen. Das lag zum einen an der stärkeren Präsenz im Rathaus infolge der Wahl des Nationalsozialisten Emil Irrgang zum Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung im November 1930, zum anderen aber wohl auch an einem Spektakel, das am 20. und 21. Juni 1931 in Bielefeld stattfand: Am „Gautag der NSDAP” zogen mehr als tausend Mitglieder der SA und SS, die aufgrund des geltenden Uniformverbotes einheitlich mit weißen Hemden gekleidet waren, durch die Stadt und versammelten sich am Kriegerdenkmal am Oberntorwall. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion war zudem auf der Sparrenburg eine Hakenkreuzfahne gehisst worden, die allerdings „sehr bald” wieder abgenommen werden konnte. Unter den neuen Parteimitgliedern muss Budde allerdings aufgefallen sein. Max Hiemisch, einer der Gründer der Bielefelder Ortsgruppe der NSDAP, stellte rückblickend 1933 fest, dass Budde „zu den wenigen Beamten gehörte, die sich auch damals schon zur NSDAP bekannten”. Nicht nur aus diesem Grund wurde er bereits am 26. Juni 1931 beauftragt, die „Beamtenorganisation innerhalb der NSDAP” Bielefeld aufzubauen.

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Oberbürgermeister Fritz Budde, um 1940. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-2-114


Einzug der NSDAP-Fraktion ins Rathaus
Nach den von den Nazis reichsweit erzwungenen Kommunalwahlen im März 1933 gehörte Fritz Budde zur nationalsozialistischen Fraktion, die, von SA und Deutschnationalem Kampfring eskortiert, am 12. März ins Rathaus einzog. Den Parlamentarismus verspottend, hing im Sitzungssaal eine große Hakenkreuzfahne, die zu diesem Zeitpunkt noch Parteifahne war. Fritz Budde wurde zum neuen Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung gewählt. Mit markigen Worten verkündete er, dass er das ihm übertragene Amt „als politischer Soldat Adolf Hitlers” übernehmen und es „in seinem Geiste” führen werde. Der sozialdemokratischen Fraktion rief er zu, ihre Mandate niederzulegen, „um dem nationalen Wiederaufstieg nicht im Wege zu stehen.” Während er verkündete, eine „Brücke […] zum deutschen Arbeiter” schlagen zu wollen, schloss er eine Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten aus: „Zu ihrer Weltanschauung gibt es jedoch keine Brücken”, stellte er unmissverständlich fest, machte aber andererseits den Mitgliedern der SPD ein nicht zu erwartendes Angebot: Solange „Sie mit dieser Weltanschauung Politik machen wollen”, werde es auch keine Brücken „zu Ihnen” geben, ihnen also im Umkehrschluss die Hand reichte, wenn sie der eigenen Partei den Rücken kehrten.

Der Spagat, einerseits die antidemokratische, jegliche Opposition ausgrenzende Politik der NSDAP zu vertreten und für die Konsequenzen dieser Politik auch verantwortlich zu sein, andererseits den Menschen hinter dem politischen Gegner zu sehen, durchzieht die Biographie Buddes als Bürgermeister, und seit 1935 auch als Oberbürgermeister von Bielefeld. Als er am 21. April 1933 zum kommissarischen 2. Bürgermeister bestellt wurde, wandte er sich an Oberbürgermeister Dr. Prieß mit der Hoffnung, dass „aus dem notwendigen ‚Sich-kennen-lernen’ […] ein auf persönlicher Achtung und Wertschätzung aufgebautes Vertrauensverhältnis” entstehen möge. Und seine Rede an die Beamten und Angestellten des neuen Dezernats begann er mit Worten, die gar nicht zu der allseits bekannten ungeschliffenen und oft verletzenden Semantik der Nazis zu passen scheint: „Die gegenwärtige Generation erlebt eine geschichtlich große, aber auch schicksalsschwere Zeit. Die Umstellung im politischen Fühlen und Denken unseres Volkes hat Auswirkungen im Gefolge, die tief eingreifen in persönliche Verhältnisse. Das menschliche Mitgefühl, insbesondere dem ehrlichen politischen Gegner gegenüber, bewegt mich in diesem Augenblick in besonderem Maße.” Der Mann, der zumindest einem Teil der Opposition Empathie entgegenbrachte, wurde wenige Wochen später zum Kreisleiter der NSDAP ernannt und blieb es bis 1936.

Der Ernennung Buddes zum Oberbürgermeister ging ein „Vorschlag des Beauftragten der NSDAP für Bielefeld” voraus, mit dem sich das Innenministerium einverstanden erklärte. Die Westfälischen Neuesten Nachrichten wiesen auf die Besonderheiten der braunen Diktatur hin: „Die Bürgermeister früherer Jahre stützten sich in ihrer Amtsführung auf eine mehr oder minder große Mehrheit der gewählten Vertreter der Bürgerschaft. Die Männer im nationalsozialistischen Staate werden durch das Vertrauen der Staatsführung berufen, die sich in ihrer Entscheidung von den Kräften der Bewegung [also der NSDAP] und den Organen der Selbstverwaltung beraten läßt. Bielefelds neuer Bürgermeister ist nicht von wechselnden Mehrheiten und schwankender Gunst abhängig. Als Kreisleiter der NSDAP hat er das vollste Vertrauen der Partei und des Staates, der durch die Partei getragen wird.” Die Entmündigung des Einzelnen und das tiefe Misstrauen in die Freiheit sich bildender Mehrheiten brachte der Artikel, sicher ungewollt, auf den Punkt.

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Einzug der NSDAP-Fraktion ins Rathaus am 12. März 1933. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 91-2-129


Die Stadtverordnetensitzung im Rathaus
Das Grauen der nationalsozialistischen Diktatur, dem auch in Bielefeld viele Menschen zum Opfer gefallen sind, stellt die alltägliche Arbeit der kommunalen Verwaltung zwischen 1933 und 1945 in den Schatten. In der Amtszeit Buddes fand Ausgrenzung und Verfolgung der politischen Opposition sowie Diffamierung, Entrechtung, Vertreibung und Deportation von Juden statt, von denen viele in den Vernichtungslagern ums Leben kamen. Der Oberbürgermeister, der sich „als politischer Soldat Adolf Hitlers” verstand und nach eigenen Worten gewohnt war, „als Nationalsozialist [...] zu gehorchen und zu dienen”, war ohne jeden Zweifel ein wichtiges Zahnrad in der menschenverachtenden Politik der Nationalsozialisten, sein Verhalten gegenüber politischen Gegnern oder seine Reaktion auf die Pogromnacht weisen aber auch eine unübersehbare Distanz zur vorherrschenden nationalsozialistischen Meinung auf. Artur Ladebeck, der 1933 zu den führenden Persönlichkeiten der lokalen SPD gehörte und deshalb als Lehrer entlassen und mehrfach verhaftet worden war, nach dem Untergang der Diktatur 1946 zum Oberbürgermeister von Bielefeld gewählt wurde, stellte 1947 fest: „Wenn in Bielefeld der Nationalsozialismus vielfach nicht so häßliche Auswirkungen zeigte, wie sie in vielen anderen Orten festgestellt werden müssen, so ist das zu einem erheblichen Teil auf die korrekte Haltung des Oberbürgermeisters Budde zurückzuführen.” Ladebeck berichtete über eine persönliche Begegnung mit Budde 1936 im Rathaus, die sehr respektvoll gewesen sei. Obwohl bekannt gewesen sei, dass er „bereits zweimal [...] aus politischen Gründen” im Gefängnis gesessen hatte und sich einige „höher gestellte Personen” über Ladebecks Besuch mokierten, habe Budde sich darüber hinweggesetzt, für ihn Zeit genommen und ihm letztlich auch geholfen.

Unter Hinweis auf den Amtseid, „die Gesetze [zu] beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft [zu] erfüllen”, wandte Budde sich zwei Wochen nach dem Pogrom vom 9. auf den 10. November 1938 an den Regierungspräsidenten: „In Bezug auf den vorliegenden Fall ist festzustellen, dass die Handlung als solche dem Gesetz widersprach”, teilte er mit. Ihm sei von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) „lediglich” mitgeteilt worden, „dass sich die Ordnungspolizei desinteressiert zeigen sollte. Wie sich die Sicherheitspolizei – Kriminalpolizei – verhalten sollte, darüber war überhaupt nichts gesagt”. „Staatspolitisch gesehen” sei es „äußerst bedenklich, wenn bei so wichtigen Entscheidungen und Begebenheiten Zweifel entstehen können, die bei mir auch z. Zt. noch vorhanden sind.” Abschließend stellte Budde fest: „Es kann m. E. nicht dem Interesse des Nationalsozialistischen Ordnungsstaates dienlich sein, wenn in Bezug auf die Innehaltung des Diensteides von Beamten Zweckmäßigkeitserwägungen und Auslegungsmöglichkeiten Platz greifen; denn damit würden Auffassungen gebilligt werden, die m. E. die Revolte von 1918 beispielsweise ermöglichten.” Der Oberbürgermeister distanzierte sich mit Sicherheit nicht von der antijüdischen Politik des Nationalsozialismus, er ging aber zu anarchischen, die Gesetze missachtenden Handlungen auf Distanz. Dass die Anarchie auf den Straßen kein Volksaufstand war, wie die NS-Propaganda der Bevölkerung glauben machen wollte, sondern staatlich gelenkt, das war Budde, aber auch vielen Bielefeldern klar. In dem von ihm unterzeichneten Bericht an die Gestapo heißt es: „Des Weiteren war in der Bevölkerung auch sofort bekannt, dass es sich hier nicht um eine spontane Entrüstung des Volkes gehandelt hat, sondern dass hier ein Vorgang zur Auslösung kam, der organisiert war.”

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Unter der Aufsicht der SA: Die Stadtverordnetensitzung am 12. März 1933. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 91-2-87


Oberbürgermeister Budde im Großen Sitzungssaal des Rathauses
Aus Buddes distanzierten Haltung zu einzelnen Handlungen im NS-Staat oder seinem respektvollen Umgang mit Regimegegnern schließen zu wollen, dass er dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstand oder vielleicht sogar gar kein richtiger Nazi gewesen sei, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg mancherorts diskutiert und in „Persilscheinen” für die Entnazifizierung erklärt wurde, wäre töricht. Budde war kein „Maigefallener”, er gehörte nicht zu den Millionen, die vor allem im Mai 1933 der NSDAP beitraten. Er war seit 1931 in lokalen Organisationsfragen der NSDAP engagiert und von 1934 bis 1936 Kreisleiter seiner Partei. In dieser Zeit setzte er sich auch mit dem Kirchenstreit im Kontext der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen auseinander. Als im September 1934 eine „Versammlung der sogenannten ‚Bekenntnisgemeinde’” in Bielefeld stattfand, schrieb Kreisleiter Budde an den Regierungspräsidenten und die Gauleitung der NSDAP. Die „Pfarrer selbst entfalten eine rege demagogische Tätigkeit von den Kanzeln herab”, denunzierte er und forderte: „Es erscheint an der Zeit, in rücksichtsloser Weise die Dinge zu bekämpfen.” Budde war sicher konzilianter im Umgang mit Menschen als manch ungeschliffener Hardliner der NSDAP, er war aber stets ein Nazi, der das Vertrauen seiner Partei genoss. Nach seiner Tätigkeit als Kreisleiter wurde er zum Gauinspekteur der NSDAP ernannt und blieb es mindestens bis 1941. Dass er von 1938 bis 1945 Mitglied der SA und dort seit 1939 Obersturmbannführer war, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Die nationalsozialistische Diktatur endete in Bielefeld mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 4. April 1945. Während in Brackwede und in Gadderbaum noch geschossen wurde, verhinderte eine vom Oberbürgermeister am Rathaus aufgehängte weiße Fahne Kampfhandlungen in der Bielefelder Innenstadt. Fritz Budde wurde am 12. April 1945 im Haus Nebo in Bethel verhaftet und blieb wegen seiner herausragenden Position drei Jahre lang bis zum 16. April 1948 interniert. Das im August 1949 durchgeführte Entnazifizierungsverfahren unter dem Vorsitz des prominenten Sozialdemokraten Carl Schreck reihte ihn dagegen nur in die Kategorie IV „ohne Beschränkungen” ein, in die Kategorie der Mitläufer, die ohne ideologische Überzeugung gehandelt hatten. Mehrere Bescheinigungen von Menschen aus Kirche und Verwaltung, aber auch von Verfolgten des Nazi-Regimes, die in Gefängnissen und Konzentrationslagern inhaftiert waren, betonten den menschlichen und mitfühlenden Charakter des ehemaligen Oberbürgermeisters.

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Oberbürgermeister Budde im Großen Sitzungssaal des Rathauses, 1936. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 91-5-33


Kaum drei Wochen nach dem Entnazifizierungsbescheid wandte sich Fritz Budde im September 1949 an die Stadtverwaltung und bat, seine „Pensionierung durchführen zu wollen.” Unter Hinweis auf die Einstufung des Verfahrens teilte er mit, dass er 1945 „als ehemaliger Oberbürgermeister” verhaftet worden sei, seine „Wahlperiode” allerdings im September 1947 geendet hätte. Die Berechnung der Pensionsansprüche unterlag der Sparverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen vom 19. März 1949. Danach war bei Beamten, deren Beförderung nach 1933 aus politischen Gründen erfolgte, die am 31. Januar 1933 innegehabte Planstelle zur Berechnung der Versorgungsansprüche heranzuziehen. Da der Personalausschuss die Auffassung vertrat, dass „die Wahl zum 2. Bürgermeister und später zum Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld aus erkennbar politischen Gründen” erfolgte, zog er Buddes Planstelle beim Finanzamt Bielefeld im Januar 1933 zur Berechnung der Versorgungsansprüche heran. Dagegen legte Budde Einspruch ein.

Ein jahrelanger Rechtsstreit folgte, der 1953 zugunsten Buddes entschieden wurde. Nach einem Entscheid des Regierungspräsidenten, waren dem früheren Oberbürgermeister die „Ruhebezüge nach der Besoldungsgruppe B 8 RBO” zu gewähren. Budde sei zwar aus politischen Gründen zum Bürgermeister bzw. Oberbürgermeister ernannt worden, er habe aber auch die für dieses Amt notwendigen Qualifikationen mitgebracht, auf die die Stadtverwaltung in einem Antrag vom 5. Mai 1934 zur Berufung Buddes zum Kämmerer der Stadt ausdrücklich hingewiesen habe. Daher standen ihm eine Nachzahlung von 21.000 DM und eine monatliche Pension von 1345 DM zu. Ein Aufschrei ging durch die Bevölkerung, Empörung machte sich in Leserbriefen und Artikeln vor allem der sozialdemokratischen Freien Presse breit: Habe Budde „keine politisch moralische Verpflichtung”, angesichts vorherrschender Lohnverhältnisse „sich still zu bescheiden”, wurde zurückhaltend gefragt. Andere sprachen von einem „unzulänglichen Lastenausgleich” und forderten „Kriegsopfer” auf, bei der nächsten Wahl denen eine Quittung zu erteilen, die solche Entscheide möglich machen. Auch das Wort des „Vergessens” machte die Runde: Habe man vergessen, was die Politik der NSDAP angerichtet hat? War es gerecht, einem Protagonisten der lokalen NSDAP auf diese Art und Weise Recht zu sprechen?

Das stand für die im Stadtrat vertretene CDU und FDP außer Zweifel. Für sie war der „Fall Budde” sogar „ein exemplarischer Fall für das Funktionieren unseres Rechtsstaats”. Getreu dem Leitspruch, dass vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind, eigne sich die Berechnung von Pensionsansprüchen eben nicht dazu, über die Vergangenheit zu richten. Hier würden nur die gesetzlichen Regeln gelten, frei von „Neidgefühlen” oder sonstiger Ressentiments. Um den Rechtsstaat nicht zu beugen, müsse man das aushalten können, auch wenn sich bei vielen ein Gefühl von Ungerechtigkeit einstellen sollte. Würde man dem „gesunden Volksempfinden” nachgeben, urteilte CDU-Ratsherr Professor Friedrich Verleger, ende man schnell „bei der Rechtsanarchie”.

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Das Haus Nebo in Bethel (1933). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 25-1-33


Todesanzeigen von Fritz Budde

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Die Empörung im Frühjahr und Sommer 1953, die sich auch in überregionalen Tageszeitungen und selbst in der Illustrierten „Neue Revue” finden lässt, verebbte bald.

Fritz Budde starb am 8. August 1956 in Bielefeld.

In einer Todesanzeige würdigte Bürgermeister Martin Vogeler Budde als einen Mann, der bis „zum militärischen Zusammenbruch und bis zu der politischen Wandlung im Frühjahr 1945” die Stadtverwaltung geleitet habe. Ihm sei es „gegen manche Bestrebungen aus seiner Partei gelungen, unter dem damaligen Regierungssystem in Bielefeld Ansätze kommunalen Eigenlebens zu erhalten.” Auch hier spiegelt sich beispielhaft die Vergangenheitsbewältigung in den 1950er Jahren wider.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. A 1018: Dr. Paul Prieß (1910-1963)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. C 125: Fritz Budde (1933-1979)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,13/Nachlass Fritz Budde, Nr. 1: Persönlicher Schriftverkehr (1931-1943)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,13/Nachlass Fritz Budde, Nr. 13: Kirchenstreit (1933-1934)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 200,13/Nachlass Fritz Budde, Nr.21: Entnazifizierung und Pensionierung (1945-1953)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 147: Kopie des Berichtes des Oberbürgermeisters Budde an den Regierungspräsidenten über das Pogrom in Bielefeld (1938); Original: Landesarchiv NRW, Abteilung Ostwestfalen-Lippe
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 456: Die Entstehung und Entwicklung der NSDAP beim Finanzamt Bielefeld von Alwin Liebram (um 1939)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Freie Presse (1953), Westfälische Zeitung (1931-1956), Westfälische Neueste Nachrichten (1931-1945), Westfälischer Beobachter (1931-1934)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-2-114, 91-2-87, 91-2-129, 91-5-33, 25-1-33


Literatur

  • Max Hiemisch, Der nationalsozialistische Kampf um Bielefeld, Bielefeld 1933.
  • Sabine Mecking, Andreas Wirsching (Hg.), Stadtverwaltung im Nationalsozialismus. Systemstabilisierende Dimensionen kommunaler Herrschaft, Paderborn 2005.
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005.


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Bildbeschreibung

Todesanzeigen. Westfälische Zeitung vom 10.8.1956