20. September 1905: Die neue Synagoge in der Turnerstraße wird eingeweiht

von Dagmar Giesecke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek
„Bielefeld. Hierselbst fand am 20. d. M. die feierliche Einweihung der neuen Synagoge statt. […] Bei herrlichem Wetter vollzog sich die Einweihung. Die Gemeinde und viele hiesige und auswärtige Gäste hatten sich in der Synagoge versammelt. Der Regierungspräsident wurde leider im letzten Augenblicke an der Teilnahme verhindert. Vor Beginn der Feier wurde Herrn Bankier Moritz Katzenstein, dem langjährigen um die Gemeinde hochverdienten und als Wohltäter und Philanthrop allbeliebten 1. Vorsitzenden des Vorstandes, […] vom Oberbürgermeister Geheimen Reg.-Rat Bunnemann der Königl. Kronenorden 4. Klasse überreicht, der ihm vom Kaiser verliehen wurde. Herr Katzenstein war auch der Hauptförderer des Baues. […] Vor dem Portal fand die Schlüsselübergabe statt. Neun weißgekleidete Mädchen hatten dort Aufstellung genommen. Eines von ihnen […] überreichte den auf einem Kissen liegenden Schlüssel dem Reg.-Rat Fürstenau. […] Unter feierlichem Gebet wurde die ewige Lampe von Herrn Rabbiner Dr. Coblenz entzündet. Nachdem dann zum 1. Mal das Sch’mah jisroel und haschiwenu durch die Hallen geklungen war und der Chor Mendelsohns ‚Hebe deine Augen auf‘ gesungen hatte, hielt Herr Rabbiner Dr. Coblenz, der als glänzender Redner über die Grenzen der Provinz gerühmt wird, […] eine tiefdurchdachte, gedankenreiche Weiherede”. Das wöchentlich erscheinende Israelitische Familienblatt bot der Einweihung der Bielefelder Synagoge am 28. September 1905 breiten Platz.


Bildbeschreibung

Die neue Synagoge in der Turnerstraße 5, 1906. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 14-902-008


Alte Synagoge am Klosterplatz

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Obwohl in Bielefeld seit 1587 fortwährend Juden ansässig waren, kann erst für Mitte des 17. Jahrhunderts ein eigenes Gotteshaus nachgewiesen werden werden. Wolf Joseph, Vorsteher der jüdischen Gemeinde, hatte ein am Klosterplatz gelegenes Gebäude gekauft und nach Renovierungsarbeiten an die Gemeinde vermietet. Fünf Familien waren zu dieser Zeit in Bielefeld ansässig. Um 1800 gelangte es schließlich in das Eigentum der Synagogengemeinde. Joachim Posner, seit 1828 in Bielefeld, war Lehrer der jüdischen Schule, deren Räumlichkeiten sich in seinem Haus Am Damm 15 befanden. Nach dem Tod des Oberrabbiners Moses Friedheim 1826 wurde die Stelle viele Jahrzehnte eingespart, so dass der Lehrer nicht nur Vorsänger und Schächter war, sondern ebenfalls den Gottesdienst leiten musste. „Trauungen zu verrichten, Eide abnehmen, Kranke besuchen, Tote begleiten, versieht der Lehrer, der auch zu solchen Handlungen von den benachbarten Gemeinden oft dazu berufen wird”, schrieb Posner 1843 in einem Fragebogen an die Regierung in Minden.

Er stammte aus Grätz in Posen, geboren 1797, und war eines der vier Kinder von Mariana Goldberg und Josef Posner, von Beruf Kaufmann. Zwei Brüder gingen nach Berlin und nahmen später mit offizieller Erlaubnis (Kabinettsorder von 1837) den Nachnamen Gaspary an. Joachim Posner verschlug es nach Bielefeld. Nach dem frühen Tod der Mutter folgte ihm sein Bruder Ludwig Posner, „wo er sich kümmerlich als Weber sein Brot verdiente, aber Wissensdrang und Energie hatte, um sich in seiner freien Zeit zum Abitur vorzubereiten”, ist in einem unveröffentlichten Manuskript seines Sohnes zu lesen. Joachim Posner war vor seiner Zeit in Bielefeld schon Lehrer der jüdischen Gemeinde von Lengerich. 1837 heiratete er Helene Ising. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. In den 1850er Jahren überwarf sich Posner mit seiner Gemeinde, da er sich gegen Reformen in der Liturgie stellte. Er verließ sie und gründete eine Wäschefabrik. Bis zur so genannten Arisierung trug diese den Namen Posner.

Die Synagoge am Klosterplatz war inzwischen in die Jahre gekommen, begleitet von immer wieder auftretenden baulichen Mängeln. 1847 drohte sie sogar einzustürzen. Kurzer Hand wurden die Gottesdienste in die Privaträume von Joachim Posner verlegt. Hinzu kam die wachsende Zahl der Familienmitglieder. Die Plätze in der Synagoge reichten schlichtweg nicht mehr aus. 1845 entschloss sich die Gemeinde, auch wenn das notwendige Eigenkapital fehlte, zum Bau einer neuen Synagoge. „Wie es Einem Wohllöblichen Magistrat bereits bekannt ist, hat sich in unserer Gemeinde seit einigen Jahren das Bedürfniß zur Wiedererbauung der Synagoge und des Schul-Locals auf das Dringenste herausgestellt, die Gemeinde-Mitglieder haben auch nach Kräften dazu beigesteuert, es hat jedoch das gesammelte Bau-Kapital bis jetzt kaum die Höhe von 800 Reichsthaler erreicht, womit der Bau, selbst bei den bescheidensten Ansprüchen nicht unternommen werden kann; die Gemeinde auch zu wenig bemittelter Mitglieder zählt, um sich zur Beschaffung der fehlenden Mittel durch solche Schulden belasten zu dürfen; wir erlauben uns deshalb hierdurch an Einem Wohllöblichen Magistrat die ergebenste Bitte: für uns zur Wiedererbauung der Synagoge und des Schul-Locals bei dem hochlöblichen Königlichen Oberpresidio zu Münster eine Haus-Collecte bei den jüdischen Familien Westfalens geneigtes auswirken und beantworten zu wollen”, schrieb am 29. Dezember 1845 das Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde Merfeld an den Bielefelder Magistrat. Ein Jahr später hatte die Gemeinde zwar etliche Spenden sammeln können, aber die benötigte Summe konnte trotzdem nicht erreicht werden. Die Gemeinde entschloss sich, den Bau der Schulräume erst einmal zurückzustellen und sich auf den Synagogenbau zu konzentrieren, der 1847 feierlich eingeweiht wurde.

Bildbeschreibung

Alte Synagoge am Klosterplatz, aus: Julius Kluge, Aus der Heimat. Bielefeld in Wort und Bild, Bielefeld 1888


Jüdische Architekten gab es Mitte des 19. Jahrhunderts wenig, so dass auch für das geplante Gotteshaus in Bielefeld ein christlicher Baumeister mit der Planung und Durchführung beauftragt wurde. Die Wahl fiel auf Friedrich Wilhelm Mannstaedt. Er war in der Stadt ansässig und seit 1831 Lehrer an der Gewerbeschule am Klosterplatz. Seine Lehrtätigkeiten dehnte er ab 1838 aus, in dem er praktisches Rechnen, Schönschreiben und zeichnen am Ratsgymnasium unterrichtete. Noch während der Bauphase verließ Mannstaedt aber die Stadt, da ihm eine besser bezahlte Stelle in Hagen angeboten worden war. Die Bielefelder Synagoge blieb sein einziger jüdischer Sakralbau.

Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte der Synagogenbau mehrere Umbauten, vor allem um der stetig wachsenden Gemeinde weiterhin ausreichend Platz zu den Gottesdiensten zu ermöglichen. Im Obergeschoss des vorderen Teil des Gebäudes fanden Klassenzimmer Raum, in denen Mädchen und Jungen zusammen unterrichtet wurden. Allerdings bemängelte die Stadt die neuen Räumlichkeiten. Ihr waren die Unterrichtsräume mit zu wenig Fenstern ausgestattet, so dass nicht alle bei ausreichenden Lichtverhältnissen lernen konnten. Als 1876 nicht mehr genügend jüdische Kinder den Unterricht besuchen wollten, wurde die Schule geschlossen. Vor allem die besser verdienenden Gemeindemitglieder schickten ihren Nachwuchs auf die höheren Schulen der Stadt. Die Klassenräume wichen der Erweiterung der Frauenempore.

Um 1900 war die Synagoge endgültig zu klein für alle Gemeindemitglieder geworden. Zu den hohen Feiertagen mussten inzwischen andere Räumlichkeiten wie der Saal der „Eintracht” angemietet werden, war doch die Gemeinde auf fast 1000 Mitglieder angewachsen. 1906, nach Fertigstellung der neuen Synagoge, sollte die alte endgültig Geschichte sein. Sie verschwand aus dem Stadtbild. An ihrer Stelle entstand ein mehrstöckiges Eckhaus, welches heute noch erhalten ist.

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Entwurf von der neuen Synagoge des Berliner Architekten Eduard Fürstenau, 1904. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,5/Bauordnungsamt, Hausakten, Nr. 983


Die neue Synagoge in der Turnerstraße
Ursprünglich war angedacht, ein neues repräsentatives Gebäude an derselben Stelle zu errichten. Dieser Plan war aber zum Scheitern verurteilt, da nicht genügend Grund und Boden zugekauft werden konnte. Finanziell war die Gemeinde allerdings wieder nicht in der Lage, die Baukosten allein zu stemmen. Dank eines städtischen Darlehns konnte mit der Planung und der Realisierung begonnen werden. Die Witwe Bertha Gante, wohnhaft Turnerstraße 1, hatte ein paar Grundstücke weiter preiswert Gartenland abzugeben. Ein Architektenwettbewerb wurde ausgelobt und am 13. Mai 1902 trat das Preisgericht zusammen, um die Entwürfe zu begutachten. „Die hierneben aufgeführten Mitglieder des Preisgerichts [Geheimer Regierungsrat Professor Ende aus Berlin, Königlicher Baurat Ludwig Büchling aus Bielefeld, Stadtbaurat Ernst Ritscher aus Bielefeld, Bankier Moritz Katzenstein aus Bielefeld, Rechtsanwalt Dr. Gustav Frankenstein aus Bielefeld] traten heute zur Beurteilung der vier eingegangenen Entwürfe für den Synagogen-Bau mit dem Kennzeichen ‚Steine reden‘ zusammen, nachdem eine Vorprüfung durch den Assistenten des Stadtbauamtes William Stahlberg stattgefunden hatte und über das Ergebnis derselben ein eingehender schriftlicher Bericht erstattet war, auch die Mitglieder […] die Entwürfe einzeln und in einer gestern stattgehabten Vorbesprechung geprüft und besprochen hatten”, ist in dem Sitzungsprotokoll nachzulesen. Von den vier Entwürfen wurden zwei gleich aussortiert, einer als umsetzbar anerkannt und der vierte, hinter dem sich der nicht-jüdische Königliche Bauinspektor Eduard Fürstenau aus Berlin verbarg, trotz einiger Kritikpunkte einhellig angenommen. Ausdrücklich wurde darauf hingewiesen, dass sich alle Architekten an die finanziellen Vorgaben gehalten hatten. Fürstenau, 1862 in Marburg geboren und 1938 in Berlin gestorben, hatte schon 1900 in Dortmund und 1904 in Siegen die Synagogen entworfen.

Bildbeschreibung

Die neue Synagoge in der Turnerstraße mit Blick über den Alten Friedhof, um 1930. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 14-902-017


Zwei Jahre später, am 18. Mai 1904, wurde zur Grundsteinlegung geladen und unter großer öffentlichen Anteilnahme die Zeremonie vollzogen. Rabbiner Dr. Felix Coblenz sprach die einleitenden Weiheworte, Moritz Katzenstein als Gemeindevorsteher war die Festrede vorbehalten. Alles erhielt einen üppigen musikalischen Rahmen. Im Eiltempo verliefen die Bauarbeiten, 15 Monate später war der repräsentative Bau im Stil der Renaissance mit byzantinischen Grundformen an exponierter Stelle nahe des Kesselbrinks, auch wegen der Höhe von 41 m und mit goldenem Davidstern auf der Spitze, weit zu sehen.

Am 20. September 1905, zum jüdischen Neujahrsfest Rosh Hashana, fand die feierliche Einweihung statt. Die Stadt war mit Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann, Bürgermeister Rudolf Stapenhorst und Vertretern der Stadtverordnetenversammlung prominent besetzt, aber auch Vertreter der heimischen Wirtschaft wohnten dem Ereignis bei. Bevor die eigentlich Weihe der Synagoge stattfinden sollte, waren alle Augen auf Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Moritz Katzenstein gerichtet. Ihm wurde die vom Kaiser verliehene Auszeichnung, der Kronenorden 4. Klasse, von Oberbürgermeister Bunnemann für seine außerordentlichen Verdienste im Rathaussaal verliehen. „Wir gratulieren! Herr Katzenstein war die Seele des Baus. Unermüdlich hat er den Gedanken der Errichtung eines neuen Gotteshauses für seine Glaubensgenossen gefördert und ihm ist mit wohl in erster Linie es zu verdanken, daß das Werk so herrlich in seiner Vollendung dasteht”, berichtete einen Tag später der Bielefelder General-Anzeiger.
„Im Vorraum haben sich inzwischen die jungen Mädchen versammelt, aus deren Mitte heraus die Schlüsselüberreichung stattfindet. Die Repräsentanten der Gemeinde, an deren Spitze Herr Rabbiner Dr. Coblenz geht, der Erbauer des Hauses, der Kgl.Reg.- und Baurat Fürstenau, der örtliche Bauleiter Herr Architekt Krause, die Vertreter der Stadt sowie die am Bau beschäftigten Handwerker und Lieferanten umstehen im Halbkreise den Vorraum”, führt der General-Anzeiger seine Berichterstattung fort.

Aber auch die anderen Zeitungen widmeten sich sehr ausführlich dieser „Zierde unserer Stadt”, wie Coblenzer in seiner Festrede die Synagoge nannte. Die Volkswacht bemerkte am 22. September 1905 dazu: „Wir müssen hier die Erklärung dafür abgeben, wie wir dazu kommen, über die Einweihung einer Synagoge zu berichten, während wir über die Einweihung neuer Kirchen keine Berichte bringen. Zwar könnten wir uns die Sache leicht machen mit dem Hinweis darauf, daß wir auch keine Einladung zur Einweihung einer Kirche erhalten. Aber die allein ist’s doch nicht. Sondern, wenn wir der Einweihung einer Kirche beiwohnen würden, so würden wird Worte hören müssen, die mit unserem, die allgemeine Menschenliebe in sich schießenden sozialdemokratischen Bewußtsein absolut unvereinbar sind. Sind doch die heutigen Diener der christlichen Kirche die erbittertsten Gegner der Sozialdemokratie, wobei die Ausnahmen dieser Regel nur zur Bestätigung dienen”.


Bildbeschreibung

Josefa Metz, Schriftstellerin, geboren am 19. Oktober 1871 in Minden, gestorben am 13. Februar 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-013-050


Brennende Synagoge
Josefa Metz (1871-1943), geboren in Minden und aufgewachsen in Bielefeld, schieb eigens zur Einweihung der Bielefelder Synagoge ein fünf-strophiges Gedicht. Da sie zu dieser Zeit schon in Berlin lebte, wurden ihre Zeilen von einer jüdischen Schülerin während des Festaktes vorgetragen.

Der letzte Stein ist eingefügt, es strebt
Aus Erdenland empor zu Himmelsweiten
Das Gotteshaus, stumm noch, doch bald belebt
Vom alten Glauben, aus der Väter Zeiten.
[…]
Der neue Tempel öffnet Euch sein Tor.
Zieht denn in seine reichgeschmückten Hallen
Begrüßt von Orgellied und Jubelchor,
Die hell aufjauchzend Euch entgegenschallen.

Der Architekt Fürstenau, beschrieben als vornehme und doch dabei gewinnende Künstlererscheinung, überreichte dem Vorstand den goldenen Schlüssel mit den Worten: „Ich überreiche Ihnen den Schlüssel dieses neuerbauten Gotteshauses, indem ich damit den Wunsch ausspreche, daß das Gebäude allzeit eine Stätte des Glaubens, der Erhöhung und Erbauung sein möge, eine Stätte, die den mit Mühsal Beladenen freudig geöffnet werde.” Nachdem Moritz Katzenstein mit Dankesworten den Schlüssel entgegen genommen hatte, konnte die Festgemeinde in die Synagoge einziehen. Das ewige Licht wurde entzündet und Dr. Coblenz, als brillanter Redner bekannt, hielt seine Predigt, die als Grundlage die Worte Jakobs hatte: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes denn Gotteshaus, hier ist die Pforte des Himmels.” 450 Männer im Erdgeschoss und 350 Frauen auf der Frauenempore konnten von nun an über getrennte Eingänge Platz finden.

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Brennende Synagoge, 10. November 1938. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 14-902-041



33 Jahre später, in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, war es zu Ende mit der „Zierde für unsere Stadt”. In ganz Deutschland brannten jüdische Gotteshäuser, Geschäfte wurden geplündert, aber auch Wohnungen jüdischer Personen verwüstet. In Bielefeld brannten Synagoge und Gemeindehaus bis auf die Grundmauern ab. Hier durfte die Feuerwehr, die Feuerwache lag nahe am Kesselbrink, nicht löschen. Sie rückte zwar aus, aber später war im Brandbericht zu lesen, dass das Feuer so stark gewesen sei und die Einsturzgefahr zu groß, so dass alle Hilfe zu spät kam. Wichtig sei nur noch der Schutz der Nachbargebäude gewesen.

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Notariell beglaubigte Angebotsverhandlung zwischen der jüdischen Gemeinde und der Stadt Bielefeld vom 25. Januar 1939. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 105,5/Liegenschaftsamt, Nr. 94


Bericht des Stadtoberbaurats Friedrich Schultz

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Nach dem Gesetz vom 28. März 1938 hatten die jüdischen Kultusvereinigungen nebst ihren Verbänden schon ihre Stellung als Körperschaften des öffentlichen Rechts mit Ablauf desselben Monats verloren. Sie waren nur noch rechtskräftige Vereine des öffentlichen Rechts. Für die Bielefelder Gemeinde hieß das im Januar des folgenden Jahres, das Grundstück, auf dem sich die Synagoge befunden hatte der Stadt durch Angebotsverhandlung anzubieten. Für knapp 70 000 Reichsmark sollte das Geschäft zustande kommen. Allerdings meldete sich auch die Deutsche Hypothekenbank, bei der sich die Synagogengemeinde 1927 über ein Kommunaldarlehn in Höhe von 28 000 RM verschuldet hatte und forderte ihr Geld zurück. Eine Abtretungserklärung seitens der Gemeinde folgte. Aber auch andere Außenstände, wie noch nicht gezahlte Gehälter und Pensionsansprüche, mussten über die zu erwartende Kaufsumme beglichen werden, so dass unter dem Strich für die Gemeinde kein Gewinn überblieb.

Ein Jahr später erteilte der Stadtoberbaurat Friedrich Schultz die Genehmigung zur Beseitigung der Synagogentrümmer. Die gestaltete sich schwieriger als anfangs gedacht. Eigentlich sollte aus Sicherheitsgründen auf Sprengungen verzichtet werden, als aber die Bauarbeiter in Gefahr durch einstürzende Bauteile gerieten, kam ein Sprengkommando der Mindener Pioniere. 1940, die anschließenden Aufräumarbeiten waren in vollem Gange, kam die Frage auf, ob die bei der Grundsteinlegung eingemauerte Kassette geborgen werden solle oder nicht. Schultz schrieb dazu an die Polizeiverwaltung: „Ich nehme an, daß dem allgemeinen Brauch entsprechend während der Bauzeit irgend wann einen solche Kassette eingemauert ist, vielleicht unter dem ‚Allerheiligsten‘. Die Stadt […] hat kein Interesse für die Aufbewahrung, ebenso glaube ich nicht, daß das städtische Museum oder das Archiv dienstlich sich damit beschäftigen würden. Vielleicht aber könnte ein politisches Interesse des Staates, also der Polizeiverwaltung, vorliegen. Sollte niemand von der Sache Notiz nehmen wollen, würde es dem Zufall überlassen bleiben, ob die etwa vorhandene Kassette bei Gelegenheit des Abbruchs zutage gefördert […] wird”.

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Bericht des Stadtoberbaurats Friedrich Schultz über die Verwendung des Materials nach Abtragung der zerstörten Synagoge vom 22.11.1939. Bestand 108,5/Bauordnungsamt, Nr. 983


Einweihung des neuen Betraumes
Nach Kriegsende und Befreiung der Konzentrationslager kehrten die ersten jüdischen Überlebenden zurück, auch nach Bielefeld. Aber nicht alle waren Mitglieder der ehemaligen jüdischen Gemeinde. Unter den Bielefeldern war Max Hirschfeld. Er hatte Theresienstadt überlebt und wurde der erste Vorsitzende der jüdischen Nachkriegsgemeinde. Im Juli 1945 erhielt die Gemeinde zwei Räume in der Laerstraße 9, wovon einer zum Abhalten der Gottesdienste genutzt werden konnte. ”A moving and impressive ceremony was held on 3rd February 1946 2nd Adar Rishon 5706 in the town of Bielefeld, Westphlia, on the occasion of the consecration of the Bielefeld Synagogue. […] Max Hirschfeld, […] a man prematurely and wracked by the three years of horror in Theresienstadt, moved the opening address. He outlined the history of the Bielefeld Synagogue from its inception in the early part of the 14th century, to the erection in 190[5] of the beautiful edifice in the Turnerstraße. With tears in his eyes, he described the happenings of 9th November 1938. […] Of the total of 1100 members of the community in 1936, it has now been officially established that 400 had pushed in the concentration camps at Auschwitz, Buchenwald, Belsen or other places. ‘Their memory lives on’, said Herr Hirschfeld”, berichtete die britische Zeitung Pinpoint am 9. Februar 1946.

Bildbeschreibung

Einweihung des neuen Betraumes in der Stapenhorststraße 51, links Max Hirschfeld, in der Mitte Rabbiner Nathan Peter Levinson aus Berlin. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 14-903-005


Gedenkstein
Nachdem die Gottesdienste erst in der Laerstraße, dann im Haus der Guttemplerloge in der Großen Kurfürstenstraße 51 stattfanden, konnten 1951 neue Räumlichkeiten bezogen werden, die der schnell wachsenden Gemeinde ausreichend Platz boten. Das Grundstück in der Turnerstraße, auf dem sich ab 1906 die Synagoge befunden hatte, war inzwischen verkauft und die finanziellen Möglichkeiten da, ein Haus in der Stapenhorststraße zu kaufen. Die Gemeinde hatte nach angemeldeten Wiedergutmachungsansprüchen ihr Eigentum in der Turnerstraße zurück erhalten.

Bildbeschreibung

Seit 1982 erinnert ein Gedenkstein an den Standort der Synagoge in der Turnerstraße 5. Heute befindet sich dort die Berufsgenossenschaft Holz und Metall, die CDU Bielefeld Kreisverband und der Verein Gemeinsam wohnen in Bielefeld. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 14-902-100


In der NS-Zeit befand sich das jüdische Altersheim in der Stapenhorststraße. Der neue Betraum, in dem bis zu 100 Mitglieder feiern konnten, wurde am 16. September 1951 geweiht. Ein Umbau, dieses Mal zur Synagoge, erfolgte 1963, bis 2008 sollte dort der Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde bleiben. Viele evangelische Gemeinden litten schon längere Zeit unter starkem Mitgliederschwund. So auch die Paul-Gerhardt-Gemeinde an der Detmolder Straße. Sie wurde mit der Neustädter Mariengemeinde zusammengelegt. Somit war ihre Kirche überflüssig geworden und stand zum Verkauf. Nach zähen und langen Verhandlungen ging die erste evangelische Kirche in das Eigentum einer jüdischen Gemeinde über. 2008, ebenfalls im September, fand die Einweihung der Synagoge statt.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 610, Nr. 623
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,1/Geschäftsstelle I, Nr. 174, Band 2
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 105,5/Liegenschaftsamt, Nr. 94, Nr. 95
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt, Nr. B 104
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,14/Abschluss-, Fach- und Wettbewerbsarbeiten, Nr. 28
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 333
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,8/Sammlung Judaica, Nr. 94, Nr. 104, Nr. 106, Nr. 137, Nr. 146
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Literatur

  • Fürstenau, Gesche, Architekt im Preußischen Staatsdienst. Eduard Fürstenau 1862 – 1938 und seine Sakralbauten. Abschlussarbeit zur Erlangung des Magister Artium im Fachbereich Kunstgeschichte der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 1988
  • Giesecke, Dagmar, Ernst Maximilian Posner. Eine skizzenhafte Biographie, Diplomarbeit, vorgelegt an der Fachhochschule Potsdam, 1996
  • Hey, Bernd u. a.(Hrsg.), Geschichtsabläufe. Historische Spaziergänge durch Bielefeld, Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte; Band 7, 1990
  • Kluge Julius, Aus der Heimat. Bielefeld in Wort und Bild, Bielefeld 1888
  • Minninger, Monika, Aus einer Hochburg des Reformjudentums Quellensammlung zum Bielefelder Judentum des 19. und 20. Jahrhunderts (11. Sonderveröffentlichung des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg), Bielefeld 2006
  • Minninger, Monika, Verlorener Raum. Geschichte der Bielefelder Synagoge 1905 – 19138 – 2005, Bielefeld 2006
  • Minninger, Monika/Anke Stüber/Rita Klussmann (Bearb.), Einwohner – Bürger – Entrechtete. Sieben Jahrhunderte jüdisches Leben im Raum Bielefeld (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 6), Bielefeld 1988
  • Minninger, Monika / Wagner, Bernd, Jüdisches Leben in Bielefeld. Zwischen Ausgrenzung, Verfolgung und Akzeptanz, in Beaugrand, Andreas (Hg.), Stadtbuch Bielefeld: 1214 – 2014, Bielefeld, 2013, S. 500 - 509
  • Vogelsang Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld. Band II: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 1988


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Bildbeschreibung

Die Synagoge Beit Tikwa (Haus der Hoffnung) an der Detmolder Straße. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 14-904-050