22. Oktober 1867:
Nikolaus Dürkopp und Carl Schmidt gründen den Nähmaschinenbetrieb „Dürkopp & Schmidt“ in Bielefeld

von Dagmar Giesecke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Nikolaus Dürkopp, geboren 1842 in Herford, absolvierte in Detmold eine Schlosserlehre. Anschließend arbeitete er in Berlin, Hamburg und Bremen. In Berlin lernte er auch Carl Schmidt kennen. Dürkopps Zeit in Bielefeld begann mit einer Anstellung bei dem Uhrmacher und Feinmechaniker Böckelmann in der Ritterstraße. Bei ihm wurden die ersten „Eisernen Nähmamsells” – wie Nähmaschinen damals genannt wurden – zur Reparatur gegeben. In diesen Räumlichkeiten entwickelte Nikolaus Dürkopp auch seine erste Nähmaschine.

„Es war eine so genannte Bielefelder Einsatzmaschine nach dem System Wheeler & Wilson, die hauptsächlich zur Herstellung der mit zahllosen Fältchen verzierten Hemden diente.”, erinnerte man sich in der Festschrift zum 75. Firmenjubiläum. Bei Böckelmann arbeiteten, teilweise zeitgleich mit Dürkopp, Heinrich Koch und Carl Baer, die später ebenfalls Nähmaschinen produzierten. Die Stadt galt zu dieser Zeit schon als exponierter Standort der Textilindustrie mit einer stattlichen Anzahl von Webereien. Für die Weiterverarbeitung der Stoffe wurden die in Amerika erfundenen Nähmaschinen für teures Geld importiert. Um davon unabhängiger zu werden, wagten Carl Baer und Heinrich Koch als erste in Bielefeld 1860 die Gründung einer „Nähmaschinenfabrik”. 1865 verließ Nikolaus Dürkopp den Uhrmacher Böckelmann, um als Mechaniker in den Dienst der Firma „Koch & Co.” in der Straße Am Gehrenberg zu treten. In dieser Zeit verbesserte er seine Kenntnisse im Nähmaschinenbau und traf Carl Schmidt wieder, der dort als Meister tätig war. Eigentlich wollte Dürkopp mit einem Sohn Böckelmanns Nähmaschinen herstellen, aber dieser hatte die Uhren der Stadt und der Kirchen zu betreuen.
Mit Carl Schmidt eröffnete Nikolaus Dürkopp am 22. Oktober 1867 in einem besseren Schuppen, den er vom Uhrmacher Böckelmann gemietet hatte, am Alten Markt 5 seinen Betrieb. „Man begann […] mit den bescheidensten Mitteln: eine Drehbank, eine Bohrmaschine, eine Schleifmaschine und ein paar Schraubstöcke bildeten die Ausstattung. Fast jedes Nähmaschinenteil mußte von den Inhabern und ihren vier Gehilfen unter Anwendung von Zirkel, Lineal und Feile mit der Hand aus dem vollen Stück gearbeitet werden, und auch der Zusammenbau der so hergestellten Teile erfolgte noch ganz handwerksgemäß.”

„Das täglich Brot” waren Reparaturen, gleichzeitig wurde an einer Eigenproduktion getüftelt. Schneller als erwartet expandierte der Betrieb, so dass schon 1868 neue Räumlichkeiten am Alten Markt 3b bezogen werden mussten.

 Auszug aus dem Mietvertrag für die Werkstatt Alter Markt 3b vom 10. März 1868. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,5/Dürkopp Adler AG, 1039

Mit der Verdoppelung der Anzahl der Arbeiter begann 1869 der Bau einer Fabrik. Der gewonnene Krieg 1870 / 71 bescherte einen allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung, von dem auch der Betrieb „Dürkopp & Schmidt” profitierte. Bald standen 44 Arbeiter in „Lohn und Brot”. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Mechanikern Schmidt und Dürkopp währte nicht lange. 1876 schied Carl Schmidt aus dem gemeinsamen Unternehmen aus und musste ausbezahlt werden. Als neuer Geldgeber konnte Richard Kaselowsky gewonnen werden. Doch die zu Beginn der 1880er Jahre einsetzende Rezession bescherte auch „Dürkopp & Co.” eine Absatzkrise.

Über neue Fabrikationszweige und Absatzmärkte musste nachgedacht werden. Als erste Firma in Bielefeld begann Dürkopp um 1885 mit der Herstellung von Fahrrädern. Auch dieser Produktionszweig entwickelte sich zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der Stadt. Die nächsten Jahre waren durch ständige Betriebserweiterungen geprägt.


Der älteste Dürkoppwagen, ca. 1897. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,5/Dürkopp Adler AG, 1508
1892 blickte Nikolaus Dürkopp auf 25 Jahre zurück und beschäftigte bereits 1.665 Männer und Frauen. Zwei Jahre später arbeitete er an der Entwicklung von Automobilen. Aber erst als der Absatz von Fahrrädern zurückging, wurde die Automobilproduktion 1897 in das Unternehmen eingegliedert.
Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges bestand die Herstellung aus unterschiedlichen Modellen von PKW und LKW. Auch Spezialfahrzeuge wie Feuerwehrautos und Busse verließen die Hallen.


Die nächsten Jahre konzentrierte sich die Firma auf die Produktion kriegswichtiger Fahrzeuge und sonstiger Rüstungsgüter. 1917 feierte die Firma ihr 50-jähriges Bestehen. Noch vor Ende des Krieges starb der Firmengründer Nikolaus Dürkopp am 25. Juni 1918 in Bad Salzuflen. Sein Sohn Paul nahm für die nächsten Jahre die Geschicke der Firma in seine Hände, erst als Vorstandsmitglied, ab 1929 bis 1940 als Aufsichtsratsmitglied. Da er als preußischer Offizier keinerlei kaufmännische Bildung besaß, warb er Gustav Möllenberg als fachmännische Unterstützung an.
Das Kriegsende brachte nur kurzfristig einen wirtschaftlichen Aufschwung. Ein kleiner Lichtblick war die Fahrradproduktion im Serienbau. Es war der Einstieg in die Billigfahrräder-Fabrikation. Ein weiteres Standbein sollte die Herstellung von Fotokopier-Maschinen sein. Die Produktion von Haushaltsnähmaschinen verschlechterte sich 1930 so drastisch, dass das Konkurrenzunternehmen „Kochs Adler” diese mit übernahm. Trotz aller Bemühungen gelang es aber nicht, den Gewinn zu steigern. Die Belegschaft schrumpfe auf knapp 700 Mitarbeiter.

Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 erlebten auch die Dürkoppwerke als metall-
verarbeitender Betrieb einen Aufschwung durch die Produktion von Rüstungsgütern. Bald wurden u. a. Maschinen- und Seitengewehre, Nadellager für Panzer sowie Granaten und Fahrgestelle für Fliegerabwehrkanonen hergestellt. Schon 1934 schrieb der Betrieb wieder „schwarze” Zahlen und bis Mitte der 1930er Jahre hatte sich die Mitarbeiterzahl wieder fast verdreifacht. Ab 1939 stand die Waffenproduktion im Künsebecker Zweigwerk ebenfalls im Mittelpunkt. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden männliche Arbeitskräfte knapp, so dass neben der Beschäftigung von Zwangsarbeitern (ab 1942) vermehrt auch Frauen in die Produktion einbezogen wurden. „Nationalsozialistischer Musterbetrieb” wurde das Werk 1941. Zwei Jahre später folgte die Ernennung zum „Kriegsmusterbetrieb”. In die Kriegzeit fiel auch das 75. Firmenjubiläum.
Im September 1944 erlebte die Stadt schwerste Bombenangriffe, bei denen die Dürkoppwerke weitestgehend dem Erdboden gleich gemacht wurden. Die Stilllegung des Werkes erfolgte am 31. März 1945. Schon bald nach Kriegsende begann unter der Leitung von Georg Barthel der Wiederaufbau des zerstörten Werksgeländes. Die Barthel-Familie aus Schweinfurt hatte 1939 die Aktienmehrheit übernommen. Wenige Monate nach Kriegsende begann wieder die Fertigung von Nähmaschinen, Fahrrädern und Förderanlagen. 1949 kam die Fertigung von Motorrädern hinzu. Kurze Zeit später folgte die Nadellagerproduktion. Förderanlagen erfuhren im Laufe der nächsten Jahre technische Verbesserungen und deren Herstellung wurde ausgebaut.


Dürkopp-Rennräder wurden über Jahrzehnte sehr erfolgreich im Rennsport eingesetzt, ohne Datum. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
Von anderen Herstellungszweigen dagegen verabschiedete man sich bald. So waren Zweiräder – mit und ohne Motor – und Haushaltsnähmaschinen nur bis 1961 in der Produktionspalette. Die Schwerpunkte lagen jetzt auf Industrie-Nähmaschinen, Wälzlagern und Förderanlagen. Nach der Übernahme der „Dürkoppwerke AG” durch die FAG Kugelfischer 1962 begann im Folgejahr die Verlegung der Wälzlagerproduktion nach Künsebeck. Dieses Werk war erst 1960 von der britischen Besatzungsmacht an die Dürkoppwerke zurückgegeben worden. Allerdings wurde 1976 die Wälzlagerherstellung wieder nach Schweinfurt ins Mutterwerk überführt.
Industrie-Nähmaschinen und Förderanlagen erfuhren ständige Weiterentwicklungen. 1964 wurde die erste schienengesteuerte Nähanlage vorgestellt. 100 Jahre Dürkoppwerke wurde 1967 groß gefeiert. Damit verbunden war die Umwandlung in eine GmbH. Bis in die 1980er Jahre hielt der Aufschwung an, der auch Gründungen von Tochterfirmen im Ausland (u. a. Österreich, England und Hongkong) mit sich brachte. Marktführende Nähautomaten und Förderanlagen verließen inzwischen die Werke.


Das Jahr 1986 brachte einen tiefgreifenden Einschnitt: Die Kochs Adler Nähmaschinenwerke, inzwischen ebenfalls im Besitz des Kugelfischer-Konzerns, und die Dürkoppwerke sollten fusionieren. Bis zum endgültigen Zusammenschluss allerdings vergingen noch weitere vier Jahre. Damit verbunden war dann der Rückzug der Dürkoppwerke aus der Innenstadt Bielefeld. Die Werksverlegung nach Oldentrup war besiegelt. Seitdem heißt die Firma „Dürkopp Adler AG”.

Am 30. Juni 2005 übernahm die SGSB-Gruppe (vormals ShangGong) die Aktienmehrheit.


Literatur

  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld. Band 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 1988
  • Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsbiographien, Band 14: Bielefelder Unternehmer des 18. bis 20. Jahrhunderts, Münster 1991
  • Bielefelder Unternehmen im 19. und 20. Jahrhundert, Ravensberger Blätter, Heft 2, 2004
  • Festschrift, 60 Jahre Dürkoppwerke: Dürkoppwerke Aktiengesellschaft gegründet 1867, Bielefeld
  • Festschrift, Dürkopp heute 1867 – 1967, Bielefeld


Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,5/Dürkopp Adler AG, 467: Materialien zur Firmengeschichte (1867 – 1967)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,5/Dürkopp Adler AG, 718: Manuskript über Firmengeschichte des Werkes von 1895 – 1944 von J. Debertin, Betriebsleiter Montage (1944)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,5/Dürkopp Adler AG, 785: Firmengeschichte gesammelt von Herbert Müller (1933 – 1950)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,5/Dürkopp Adler AG, 1061: Firmengeschichte und Werksmaterial (1985)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,5/Dürkopp Adler AG, 1061: Firmengeschichte Produktionsstätten (1895 – 1990)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung


Hinweise zum Urheberrecht

Die Texte, Bilder und Grafiken dieses Angebotes sind wie alle anderen Inhalte auf www.bielefeld.de urheberrechtlich geschützt. Der Download sowie der Ausdruck von Texten, Bildern und graphischen Elementen ist nur zum persönlichen, privaten und nichtkommerziellen Gebrauch gestattet. Änderungen dürfen nicht vorgenommen werden. Die Verwertung oder elektronische Verarbeitung von Inhalten jeglicher Art ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Rechteinhabers (Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek) nicht gestattet.