12. Oktober 1963: Bielefelds erster Nachkriegsbürgermeister und SPD-Politiker Artur Ladebeck stirbt im Alter von 72 Jahren

Von Dagmar Giesecke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
„Der Bezirk Ostwestfalen-Lippe und der Kreisverein Bielefeld-Stadt der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands geben in tiefer Trauer bekannt, daß unser Freund, der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld Artur Ladebeck nach langem, schweren Leiden verschieden ist. Seine großen Verdienste als Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld in den schweren Aufbaujahren nach dem Kriege werden unvergeßlich bleiben. Nachdem er schon vor mehr als drei Jahrzehnten in Bielefeld als Stadtverordneter tätig war, hat er nach 1945 seine ganze Kraft dem Wiederaufbau der zerstörten Stadt Bielefeld gewidmet.” Diese Worte fanden für den SPD-Verband Ostwestfalen-Lippe Emil Gross und für den SPD-Kreisverein Bielefeld-Stadt Dr. Gerhard Koch, beide enge Weggefährten Ladebecks, in der Traueranzeige der Bielefelder Tageszeitung „Freie Presse” vom 14. Oktober 1963.




Oberbürgermeister Artur Ladebeck am Schreibtisch seines Amtszimmers im Rathaus
Am 17. April 1891 wurde Artur Ladebeck als Sohn eines preußischen Regierungsbeamten in der damals noch jungen Reichshauptstadt Berlin geboren. Nach der Reifeprüfung entschied sich Ladebeck 1911, nicht in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, sondern den Beruf des Lehrers zu ergreifen. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Offizier aktiv teil, er, der sich noch in den letzten Tagen mit der Waffe in der Hand den Weg durch eine wütende Menge gebahnt hatte, die ihm die Schulterstücke abreißen wollte, trat nun der sozialdemokratischen Partei bei und wurde ein engagierter Kriegsgegner.” Auch diese Zeilen sind in der Tageszeitung „Freie Presse” über Artur Ladebeck im Nachruf vom 14. Oktober 1963.

Während des Ersten Weltkrieges muss Ladebeck Luise Friedrichs, gebürtig aus Herford, geheiratet haben. Sein Sohn Wolfgang kam 1917 in Herford zur Welt.

In Petershagen besuchte Artur Ladebeck das Lehrerseminar und schloss seine Ausbildung ab. Zusammen mit seiner Familie siedelte er am 23. April 1919 nach Bielefeld über, um dort in den Schuldienst zu treten. Als Volksschullehrer unterrichtete er in der Ersten Bürgerschule, die spätere Kamphofschule in der Sudbrackstaße. Bis zu seinem Tod wohnte er mit seiner Ehefrau in der Alsenstraße 37. 1919, trat Ladebeck der Sozialdemokratischen Partei bei. Der Kaiser hatte inzwischen abgedankt und die Weimarer Republik war ausgerufen. Die junge Demokratie bot neue politische Möglichkeiten. Ein Schwerpunkt der SPD hieß in dieser Zeit: Schule und Bildung. Ein bildungspolitisches Ziel der SPD war, das bisherige Verhältnis von Kirche und Schule zu verändern. In der Regel waren die Schulen konfessionell gebunden, auch in Bielefeld. So lag es nahe, sich für weltliche Schulen oder so genannte Sammelschulen einzusetzen. Das aber stieß auf vehementen Widerstand, sowohl bei den Kirchen als auch in den bürgerlichen Parteien und somit ebenfalls bei dem größten Teil der Bielefelder Elternschaft. Ladebeck, als Lehrer und engagiertes SPD-Mitglied, war in diese schulpolitischen Umwälzungsprozesse ebenso involviert wie sein Kollege und SPD-Stadtverordnete Fritz Doht (1891 – 1960). Bis zur tatsächlichen Einführung von Sammelklassen innerhalb der regulären Volksschulen sollten noch Jahre vergehen. Die ersten Klassen wurden 1930 eröffnet und Ladebeck erhielt die Leitung der weltlichen Sammelschule.

Bildbeschreibung

Oberbürgermeister Artur Ladebeck am Schreibtisch seines Amtszimmers im Rathaus, ohne Datum. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, ohne Signatur


Antrag auf Entlassung von Artur Ladebeck und Fritz Doht aus dem Schuldienst,

Klick in Foto öffnet Großbild

1924 wurde Artur Ladebeck in den Gesamtschulausschuss gewählt. Drei Jahre später zog er als Stadtverordneter erstmals ins Rathaus der Stadt ein. „Ein starkes soziales Empfinden, der Wunsch, zu helfen wo immer sich die Möglichkeit dazu bot, hatte ihn in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands geführt, in der er sich dank eines mit hervorragender Rednergabe gepaarten scharfen Intellekts schnell durchsetzte”, erinnerte die Westfälische Zeitung am 14. Oktober 1963.

Neben seinen beruflichen und parteipolitischen Ämtern war Ladebeck ebenfalls seit Anfang der 1920er Jahre Mitglied im „Reichsbanner Schwarzrotgold, Bund republikanischer Kriegsteilnehmer e. V.” und stieg dort schnell in die Führungsriege auf. Er war Ortsvereinsvorsitzender und technischer Gauleiter.
Mit der „Machtergreifung” am 30. Januar 1933 kam für Artur Ladebeck das sofortige politische Aus. Am 20. April beschloss der Bielefelder Magistrat, die Beurlaubung Ladebecks und Dohts bei der Regierung einzureichen, schließlich sei es den christlichen Eltern nicht zuzumuten, ihre Kinder von Dissidenten oder Marxisten unterrichten zu lassen.

Während der Zeit des Nationalsozialismus’ wurde er inhaftiert, das erste Mal vom 29. September bis 14. November 1933 wegen „staatsgefährdender politischer Umtriebe”, so der Polizeipräsident in Bielefeld. Aus der so genannten Schutzhaft schrieb er seiner Frau, dass er Dostojewski und Leo Tolstoi lese . Auch zitierte er aus der letzteren ‚Auferstehung’, dass das Gericht eine administrative Einrichtung der bürgerlichen Klasse sei und nur dazu angetan, Recht im Sinne der Machthaber zu sprechen. Diese Passage konnte Luise Ladebeck nicht lesen, hatte man doch zuvor den Brief zensiert. Erneut wurde er am 16. Januar 1934 für zwei Monate inhaftiert, dieses Mal unter dem Vorwurf, er betreibe den illegalen Aufbau der Sozialistischen Arbeiterjugend. 1944 musste Artur Ladebeck abermals für einen Monat in das Bielefelder Polizeigefängnis.

Bildbeschreibung

Antrag auf Entlassung von Artur Ladebeck und Fritz Doht aus dem Schuldienst, 20.4.1933. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, A 687


Einen Monat nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches” - im Mai 1945 - setzte die Militärregierung Artur Ladebeck als Landrat der Landkreises Bielefeld ein. Die oberste Leitung der Bielefelder Verwaltung wurde Josef Niestroy übertragen, was in Bielefelder Kreisen zu Irritationen führte. Besonders die SPD empfand seine Benennung als Kränkung, hatte sie doch gehofft, Ladebeck könne dieses Amt besetzen. Schließlich fehlte Niestroy jegliche Verwaltungserfahrung und er war erst wenige Jahre in Bielefeld, dazu noch katholisch. Niestroys Amtszeit endete 31. Dezember 1945. In dieser Zeit hatten sich die politischen Parteien CDU, SPD und KPD schon neu konstituiert. Die SPD stellte im Oktober 1945 den Antrag auf Zulassung der Partei und feierte schon im selben Monat eine Gründungsfeier in der Rudolf-Oetker-Halle. Hinter dem Vorsitzenden Emil Gross standen von da an wieder Carl Schreck (1873 – 1956, Reichstagsabgeordneter und Bezirkssekretär der SPD Ostwestfalen-Lippe) und Artur Ladebeck in der Führungsspitze der SPD, die im Januar 1946 freilich erst offiziell zugelassen wurde.

Nach der kurzen Amtszeit von Niestroy, übernahm dann doch Ladebeck den Posten des Oberbürgermeisters der Stadt Bielefeld, ebenfalls noch eingesetzt von der Militärregierung. Bielefeld gehörte zu den ersten Städten, die schon mit Beginn des Jahres 1946 eine Stadtvertretung hatten. Auch nach den ersten freien Wahlen wurde Ladebeck vom Rat der Stadt einstimmig als Vorsitzender gewählt und war somit als Oberbürgermeister von Bielefeld bestätigt.

Zweimal wieder gewählt, 1949 und 1950, war Artur Ladebeck bis 1952 in dieser Funktion. Die Wahl in demselben Jahr bescherte neue politische Mehrheiten. Der Bund der Heimatvertrieben und Entrechteten erhielt vier Mandate und konnte somit dem FDP-Politiker Dr. Hermann Kohlhase für die nächsten zwei Jahre die Position des Oberbürgermeisters sichern. In diese Zeit fiel auch die Pensionierung Ladebecks vom Schuldienst. Am 15. November 1953 stellte er einen Antrag auf Grund des Bundesergänzungsgesetzes zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, der zwei Jahre auch positiv beschieden wurde.

„Die Überraschung der gestrigen Ratssitzung: Ladebeck erhielt eine Stimme mehr”, informierte die Westfälische Zeitung am 24. November 1954 über die Wahl des Bielefelder Oberbürgermeisters nach der ersten Hälfte der Legislaturperiode. Artur Ladebeck kehrte auf den Posten des Oberbürgermeisters zurück. Eine Veränderung der Wahlgesetze machte das möglich. Bis 1961 sollte er dieses Amt innehaben. „In einer würdigen Feier ehrten gestern um die Mittagsstunde Mitglieder des alten Rates den endgültig aus der politischen Wirksamkeit scheidenden Oberbürgermeister Artur Ladebeck […]. Ein wertvolles Gemälde von Kunstmaler Heiner war ein kleines Zeichen äußerer Anerkennung des Rates für seinen langjährigen ‚Ober’. Von den Fraktionen gab es rot-weiße Nelkensträuße für den Geehrten. […] Kurz, aber eindrucksvoll, waren die Dankesworte von Oberbürgermeister Ladebeck für die Ehrung, sie klangen aus in der Mahnung: ‚Achten Sie alle stets darauf, daß die Gemeindefreiheit gewahrt wird!’”, mit diesen Worten berichtete am 20. März 1961 die „Freie Presse” von der Verabschiedung. Es war gleichzeitig ein Abtreten von der politischen Bühne.

Bildbeschreibung

Emil Gross, 1904 – 1967, SPD-Mitglied, Begründer und Verleger der Zeitung „Freie Presse”, Vorsitzender der SPD-Ostwestfalen-Lippe und Mitglied des Landtages Nordrhein-Westfalen, 1964. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, 61-007-012


Antrag auf Beurlaubung wegen der Wahl in den Bundestag

Klick in Grafik öffnet Großbild


Ladebecks politische Tätigkeiten beschränkten sich aber nicht nur auf den Kreis Bielefeld: Zwischen 1953 und 1957 gehörte er dem Deutschen Bundestag an.

Ebenfalls war er an der Gründung des Rates der Gemeinden Europas 1950 wie auch des Internationalen Rates 1953 in Paris maßgeblich beteiligt. Die Bestrebungen dieser Organisation zielten auf die Entwicklung und Verteidigung der kommunalen Selbstverwaltung, auf die Förderung der kommunalen Aktivität und den Schutz ihrer Freiheit. 1955 wurde Artur Ladebeck auf der Arbeitstagung des Rates zum Ehrenmitglied der deutschen Sektion gewählt.

Bildbeschreibung

Antrag auf Beurlaubung wegen der Wahl in den Bundestag,1953. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, A 687


Zwei Jahre nach dem Rückzug ins Privatleben starb Artur Ladebeck nach langer Krankheit am 12. Oktober 1963 in Bielefeld. „Als durch und durch dynamische Persönlichkeit begnügte er sich nicht mit der Beseitigung der durch den Krieg hinterlassenen Trümmerberge. Hinter der Aufräumung stand von Anfang an der Wille, einen neuen Anfang zu setzen. Wohnungs-, Straßen- und Schulbauprogramme liefen bald auf Hochtouren, und als die Bielefelder Wasserversorgung ein Opfer von Kompetenzstreitigkeiten zu werden drohte, war es Oberbürgermeister Artur Ladebeck, der mit kommunalpolitischem Geschick seine mannigfachen Verbindungen als Bundestagsabgeordneter zum Wohle der Stadt Bielefeld zu nutzen wusste.

[…] Der Dualismus der nordrhein-westfälischen Gemeindeordnung, das Nebeneinander von Oberbürgermeister und Oberstadtdirektor als dem Chef der Verwaltung setzt dem kommunalpolitischen Wirken des Oberbürgermeisters gewisse Grenzen. Daß Ladebeck als Vollblutpolitiker diese Grenzen überspielte und sprengte, machte das Arbeiten mit ihm nicht immer leicht. Davon wissen Freund und politischer Gegner ein Lied zu singen.” Dieses „Loblied” auf Artur Ladebeck schrieb die Westfälische Zeitung am 14. Oktober 1963, einen Tag nach seinem Tode. Unter großer Anteilnahme fand Artur Ladebeck am 16. Oktober 1963 auf dem Sennefriedhof seine letzte Ruhestätte.

Quellen

  • 102,1/Oberbürgermeister, Nr. 473, Nr. 646
  • 103,4/Personalakten, Nr. A 687, Nr. C 856
  • 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt, Nr. A 139
  • 250,2/SPD-OWL, Nr. 1182
  • 400,1/Westermannsammlung, FL Bd. 1 -2, G 800, Bd. 1 – 3, Sch Kasten 1
  • 400,2/Zeitungen
  • 400,3/Fotosammlung


  • Literatur

    • „…In jenen Tagen” Bielefeld 1945 – 1950, Materialien zur Ausstellung des Stadtarchivs und der Landesgeschichtlichen Bibliothek 3.5. – 31.7.2005
    • Ist nichts geschehen?, überreicht vom Rat der Stadt, Bielefeld 1952
    • Verwaltungsberichte der Stadt Bielefeld 1945 – 1961
    • Pelz, Monika, Artur Ladebeck und der Rat der Gemeinden Europas, Hrsg. von der Stadt Bielefeld. Redaktion Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek 1984
    • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld. Band 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005


    Hinweise zum Urheberrecht

    Die Texte, Bilder und Grafiken dieses Angebotes sind wie alle anderen Inhalte auf www.bielefeld.de urheberrechtlich geschützt. Der Download sowie der Ausdruck von Texten, Bildern und graphischen Elementen ist nur zum persönlichen, privaten und nichtkommerziellen Gebrauch gestattet. Änderungen dürfen nicht vorgenommen werden. Die Verwertung oder elektronische Verarbeitung von Inhalten jeglicher Art ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Rechteinhabers (Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek) nicht gestattet.