30. Oktober 1910: Thyra Hamann-Hartmann, Leiterin der Textilklasse an der Werkkunstschule, wird in Posen geboren

von Dagmar Giesecke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
„Die Verstorbene hat sich durch ihr künstlerisches Wirken und ihre erfolgreiche pädagogische Arbeit an der Werkkunstschule besondere Verdienste um das Bielefelder Kulturleben erworben”, würdigte die Stadt Bielefeld am 15. Februar 2005 im Westfalen-Blatt die Arbeit Thyra Hamann-Hartmanns.




Thyra Hamann-Hartmann wurde am 30. Oktober 1910 in Posen geboren. Der Vater Christian Friedrich Petersen, gebürtiger Däne, war Kaufmann. Ihre Mutter Ida Petersen, geb. Holst, kam aus einer betuchten Hamburger Familie. In Danzig besuchte die Tochter das Lyzeum. Nach dem Umzug der Familie nach Hamburg schloss sie 1926 ihre schulische Karriere an einer Privatschule in Hamburg-Schnelsen erfolgreich ab. Wie zu dieser Zeit üblich, folgte anschließend die Vorbereitung auf ihre künftigen Aufgaben als gutbürgerliche Hausfrau und Mutter in einer Ausbildungsstätte auf Helgoland. 1930, gerade 20 Jahre alt, heiratete sie Kurt Hamann. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor. Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes, er starb 1937, bewarb sie sich in Berlin an einer Höheren Fachschule für Textil- und Bekleidungsindustrie.

Bildbeschreibung

Porträt von Thyra Hamann-Hartmann kurz vor ihrem 90. Geburtstag 2000. Deutscher Werkbund Berlin e.V.


Wandbespannung „Friedenstauben“
„Ich war, sagte sie, die typische höhere Tochter, die Klavier und Tennis spielen konnte und sonst nichts. Jetzt wollte ich einen Beruf ergreifen. Manchmal war es nicht ganz einfach, als reife Frau mit 17jährigen Mädchen die Schulbank zu drücken. Aber zum Glück konnte ich es mir erlauben, die besten Lehrer zu wählen.”, schrieb die Neue Westfälische am 21. März 1969. Sie entschied sich für die Ausbildung am Webstuhl und als begabte Schülerin nahm sie kurze Zeit später schon erfolgreich an einem Wettbewerb teil. Davon beflügelt, bewarb sie sich anschließend erfolgreich um ein Stipendium an der gerade eröffneten Meisterklasse der Textilschule in Krefeld. Die in Deutschland dringlich gefragten „Stoffkonstrukteure und Druckzeichner” sollten dort intensiv ausgebildet werden. Leiter der Meisterklasse war der Maler und Grafiker Georg Muche, der in den 1920er Jahren in Weimar am Bauhaus gewirkt hatte. Als Unterrichtsfächer standen u. a. Naturstudium, Textilentwurf, Patronieren und Zeichnen auf dem Stundenplan. Georg Muche verstand es, sowohl die künstlerische als auch praktische Ausbildung miteinander zu verbinden. Unter ihm konnte Thyra Hamann ihre Begabung entfalten und auf sich aufmerksam machen. Parallel ließ sie sich in den Ferien bei Oskar Moll, ein Schüler von Henri Matisse, unterrichten. Er vermittelte ihr „etwas von jener schwerelosen peinture und malerischen Delikatesse”, die nur wenige deutsche Maler besaßen, schrieb Magdalena Droste anlässlich des 90. Geburtstages von Thyra Hamann-Hartmann. Mit Moll verband sie schnell eine enge Freundschaft. Künftige Erfolge hatten hier ihren Ursprung.

1941 bestand sie ihre Prüfung zur Webmeisterin und arbeitete fortan als Assistentin an der Seite von Georg Muche in Krefeld. Die Studios für Werbegestaltung, die direkt Aufträge direkt von der Industrie erhielten, standen unter ihrer Leitung. Spezialisiert war die Meisterklasse bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges auf die Entwicklung hochwertiger Brokat- und Jacquardstoffe. Bis zu ihrem Lebensende schmückten Entwürfe aus dieser Zeit ihre Wohnung. Thyra Hamann war es auch, die für die Wiedereröffnung der Paulskirche in Frankfurt am Main 1948 eine 30 Meter lange Wandbespannung mit dem Motiv „Friedenstauben” aus Seidenjacquard webte. Es war ihr erster offizieller Auftrag, den sie nach einem Wettbewerbssieg erhalten hatte.


Bildbeschreibung

Wandbespannung „Friedenstauben” aus Seidenjacquard für die Paulskirche in Frankfurt am Main anlässlich ihrer Wiedereröffnung 1948. Deutscher Werkbund Berlin e.V.


Auswahl der Schülerwerke für eine Ausstellung in der Werkkunstschule
Ihre Bewerbung 1950 als Lehrerin und Künstlerin an der Bielefelder Werkkunstschule hatte Erfolg, für sie ein wichtiger Schritt in die künstlerische Selbstständigkeit. Zuständig war sie für die textile Flächenkunst. Erweitert wurde ihr Tätigkeitsbereich später durch Modegrafik und eine Modellwerkstatt. In Bielefeld arbeitete sie ihre ersten Gobelins und Smyrnateppiche, benannt nach der alten griechischen Stadt Smyrna, die im 19. Jahrhundert wichtiger Umschlagplatz für Teppiche war. Ihre enge Bindung an das Bauhaus kam in diesen Werken erstmalig zum Ausdruck und ließ die Kontrastlehre wieder aufleben. So hießen ihre Werke „Quadrate und Streifen”, „Versetzte Rechtecke auf rotem Grund” oder „Komposition Rot-Blau-Grün”. „Selbstverständlich wäre ein solches Formvokabular vor 1945 nicht möglich gewesen und Thyra Hamann-Hartmann musste […] die Ästhetik des Bauhauses persönlich entdecken und [sich] aneignen. So sind diese Arbeiten nicht nur Dokumente für die öffentliche Wiederentdeckung des Bauhauses, sondern auch ‚gewebte und geknüpfte Systematik’, Teil einer eigenen Didaktik, die [sie] für ihre Stelle in Bielefeld entwickelte.”, betonte Magdalena Droste.

In der Werkkunstschule lernte sie 1950 auch ihren zweiten Ehemann kennen. Es war Hans Hartmann, Direktor an dieser Schule. Ihn heiratete sie schon ein Jahr später. Aus seiner zweiten Ehe brachte er drei Kleinkinder mit. Sicher keine leichte Aufgabe, Beruf und Familie „unter einen Hut” zu bekommen, unterlag doch die Rolle der Frau in den 1950er Jahre noch anderen, die Frauen oft einschränkenden Wertvorstellungen. Mit Frauen in ähnlicher Situation stand sie deswegen in regem Austausch. 1958 war Thyra Hamann-Hartmann Mitbegründerin der Soroptimistinnen in Bielefeld, die sich u. a. für die Verbesserung der Stellung der Frau, für hohe ethische Werte, Menschrechte für alle und Gleichheit, Entwicklung und Frieden einsetzten. Für zwei Jahre war sie auch deren Vizepräsidentin.

Neben ihrem künstlerischen Talent schätzte man vor allem auch ihre pädagogischen Qualitäten. Als Leiterin der Textilabteilung, die sie inzwischen geworden war, band sie immer ihre Studierenden in ihre Arbeiten mit ein.


Bildbeschreibung

Auswahl der Schülerwerke für eine Ausstellung in der Werkkunstschule, in der Mitte Thyra Hamann-Hartmann mit dem Direktor der Werkkunstschule und Ehemann Hans Hartmann, 1962. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 24-705-10


Ihre 25-jährige Schaffenszeit in Bielefeld war verbunden mit vielen Preisen und Anerkennungen. So erhielt sie 1954 auf der Triennale Mailand in der Sonderschau „Die ideale Werkkunstschule” die Silbermedaille. Auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel vertrat sie Bielefeld in dem Pavillon „Persönlicher Bedarf” mit eigenen Entwürfen und Stoffen. Auch dort erhielt sie eine Ehrenurkunde vom Generalkommissariat der Bundesrepublik Deutschland. 1968 folgte der Staatspreis von Bayern, 1969 der von Nordrhein-Westfalen. Die Neue Westfälische berichte am 21. März 1969 dazu: „Frau Thyra Hartmann-Hamann […] wird heute in Düsseldorf mit dem Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen für das Kunsthandwerk, Fachbereich Textil, ausgezeichnet. Die Überreichung des mit 5000 DM dotierten Preises erfolgt auf einem von der Landesregierung gegebenen Empfang […]. Mit dieser Ehrung erhielten die künstlerische Leistung von Frau Thyra Hartmann-Hamann und ihr verdienstvolles Wirken […] eine weithin sichtbare Anerkennung, der sich auch die Stadt Bielefeld bewußt ist.” Ebenfalls 1969 wurde sie zur Professorin ernannt.

1973 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und den Kulturpreis der Stadt Bielefeld als Würdigung ihrer künstlerischen und lehrenden Tätigkeit. Anlässlich der Preisverleihung trug sie sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Ein Jahr später wurde Thyra Hamann-Hartmann im Rahmen einer kleinen Feierstunde nach fast 25 Jahren Lehrtätigkeit in den Ruhestand verabschiedet. „Das Wort Ruhestand mutet in Verbindung mit einer so lebhaften, vor Aktivität sprühenden Frau gebracht, ein wenig unpassend an”; berichtete die Neue Westfälische im November 1974. Prof. Dr. German Wegmann, Rektor der Fachhochschule, in die 1971 die Werkkunstschule eingegliedert wurde, hatte „daher guten Grund zur Annahme, daß Frau Thyra Hamann-Hartmann wohl einen sehr aktiven Ruhestand haben würde.”


Bildbeschreibung

Eintrag in das Goldene Buch der Stadt Bielefeld, 1973. Stadtarchiv Bielefeld


Todesanzeige

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Eine Wende in ihrer Kreativität zeichnete sich schon Ende der 1960er Jahre ab. Mit der Schaffung von Tapisserien gab sie alte Ideen und Vorgehensweisen auf. Die geometrischen Abstraktionen gingen dem Ende entgegen. Ihre Werke erhielten nun Titel wie „Alte blühende Bäume”, „Östliche Komposition” oder „Die Wolke”. Brigitte Klesse, langjährige Direktorin des Kölner Museums für Kunst und Gewerbe beschrieb Hamann-Hartmanns neue Kreationen wie folgt: „Sie wählt und mischt – sehend und fühlend zugleich, erst während des Webprozesses. Die Spontaneität solchen Vorgehens schlägt sich nieder in einer unvergleichlichen Frische des Vortrags, in der Spritzigkeit der kompositorisch verteilten Farbtupfen, ihrer drangvollen Dichtigkeit oder lockeren Verstreutheit”.

Nach ihrem Berufsleben war Thyra Hamann-Hartmann weiterhin als frei schaffende Künstlerin tätig. Ausstellungen in Berlin, Weimar und Bielefeld würdigten 2000 und 2001 noch einmal das Lebenswerk der Künstlerin. Am 8. Februar 2005, sieben Monate vor ihrem 95. Geburtstag, starb Thyra Hamann-Hartmann in Berlin.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermannsammlung, Bde. FL, Sch 110 c
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Neue Westfälische, Westfalen-Blatt
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 24-705-10


Literatur

  • Andreas Beaugrand/Gerhard Renda (Hg.), Werk-Kunst. Kunst und Gestaltung in Bielefeld 1907 – 2007 [Schriften der Historischen Museen der Stadt Bielefeld, Band 25], Bielefeld 2007
  • Magdalena Droste, Thyra Hamann-Hartmann. Das Gewebe eines Lebens. Faltblatt zur Ausstellung des Deutschen Werkbundes e.V. in Berlin 2000
  • Christina Wittler, Die Fäden in der Hand halten. Die Textilkünstlerin Thyra Hamann-Hartmann (1910-2005), in: Bärbel Sunderbrink (Hg.), Frauen in der Bielefelder Geschichte, Bielefeld 2010, S. 321-327


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Bildbeschreibung

Todesanzeige der Stadt Bielefeld im Westfalen-Blatt vom 15. Februar 2005