15. Oktober 1854: Einweihung des Bielefelder Krankenhauses

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Das neue Krankenhaus am Niederwall (um 1870)
Am 15. Oktober 1854 versammelten sich städtische Honoratioren hinter dem Stadtgraben zwischen dem Nieder- und Siekertor und weihten am Geburtstag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. „in feierlicher Weise” das neue Krankenhaus ein. Der Tag war bewusst gewählt, denn so konnten sie dem Monarchen huldigen und gleichsam ihre bürgerschaftliche Pflicht gegenüber dem Gemeinwesen der Kommune zum Ausdruck bringen. Noch in der Tradition der Hoheits- und Vermögensverwaltung stehend, sah sich Bielefeld 1854 außer Stande, aus eigenen Mitteln einen Krankenhausneubau zu finanzieren. Die Stadt war daher in doppelter Weise von der Unterstützung der Bürger abhängig: Zum einen mussten sie von der Notwendigkeit eines anvisierten Projekts überzeugt sein, zum anderen war die Stadt generell auf die Spendenbereitschaft der Bürgerschaft angewiesen. Schon in den 1830er Jahren, als erstmals ein Krankenhaus für Bielefeld gefordert wurde, diskutierte die Bürgerschaft zunächst über die Zielrichtung einer solchen Institution, bevor sie den ersten Taler spendete.


Bildbeschreibung

Das neue Krankenhaus am Niederwall (um 1870). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1525-14


Nach dem Tod von Ernst Friedrich Delius (1790-1831) herrschte unter den wohlhabenden Einwohnern Bielefelds Einigkeit darüber, den verstorbenen Bürgermeister und Stadtdirektor mit einem Denkmal und einer Stiftung zu würdigen. Auf Delius ging die Forderung zurück, dass die Bielefelder Armenverwaltung so eingerichtet sein müsse, dass „jeder Kranke und Schwache ausreichend unterstützt (und) jedem Arbeitslosen Arbeit verschafft werde.” Was lag da für die Zeitgenossen näher, als die Gründung eines multifunktionalen „Arbeits- und Krankenhauses” zu fordern. Denn ein Krankenhaus, da gab es gar keine Zweifel, würde ohnehin nur von Kranken aufgesucht werden, die aufgrund mangelnder hygienischer Verhältnisse in ihren Wohnungen nicht gepflegt werden konnten. Wer es sich leisten konnte, hielt sich bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts von Krankenhäusern fern, die für die meisten Menschen nicht mehr als Armenhäuser waren und daher problemlos mit einem Arbeitshaus verbunden werden konnten. Eine andere Auffassung vertrat der Bielefelder Arzt und Kreisphysikus Dr. Johann Conrad Beckhaus (1754-1845). Ohne die Notwendigkeit eines Arbeitshauses zu leugnen, betonte er 1837 die zentrale Aufgabe eines Krankenhauses, Kranke von den Gesunden zu trennen und damit Epidemien zu verhindern. Wie leicht konnte es vorkommen, dass eine Magd oder ein Knecht erkrankten und ihre Herrschaft ansteckten. Die Dienstboten gehörten genauso ins Krankenhaus wie Gesellen, die, wenn sie erkrankten, auf den Herbergen „großen Schaden” anrichten konnten. Im Krankenhaus selbst dürften sie nicht mit gesunden Armen untergebracht werden, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern. Überdies müsse die Anstalt über alle vorhandenen Räume für die Krankenpflege verfügen, um zu gewährleisten, bestimmte Krankheiten und aus moralischen Gründen auch die Geschlechter voneinander zu trennen.

Bildbeschreibung

Ernst Friedrich Delius (1790-1831). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-4-39


Aufgelistete Geschenke für das Krankenhaus

Klick in Grafik öffnet Großbild

Obwohl Beckhaus' Argumente einleuchteten, sollte es noch drei weitere Jahre dauern, bis der Magistrat die Bürgerschaft am 15. Oktober 1840 - am Geburtstag Friedrich Wilhelm IV. - aufrief, sich an der Sammlung für ein Krankenhaus zu beteiligen. Das Spendenaufkommen in Höhe von 3.633 Talern reichte aus, ein ehemaliges Schulgebäude am Sparrenberg, in dem Kinder der Soldaten unterrichtet worden waren, zu einem Krankenhaus umzubauen und 1842 zu eröffnen. Rückblickend fällt es schwer, dieses Gebäude als funktionsfähiges Krankenhaus zu bezeichnen. Von den fünf Räumen konnten nur drei als Krankenzimmer genutzt werden, in einem wurde gekocht und die Wäsche gewaschen und ein Raum stand einer verwitweten Frau „mit gutem Leumund” zur Verfügung, die in dem Haus wohnte und sich als Krankenwärterin um die Patienten kümmerte. Als Krankenhausarzt fungierte Dr. August Beckhaus (1811-1893), der seit 1840 gemeinsam mit seinem Vater das Amt des Kreisarztes ausübte und nach dessen Tod 1845 zum Kreisphysikus ernannt wurde. Seine Aufgabe im Krankenhaus beschränkte sich auf die Aufnahme und Entlassung der Kranken, wenn zwar nicht ihre Gesundheit, so doch ihre Arbeitsfähigkeit attestiert werden konnte. Was im Krankenhaus aus medizinischer Sicht zu tun war, teilte er der Wärterin mit. Da es zu den Pflichten eines preußischen Kreisphysikus gehörte, sich um arme Kranke zu kümmern, erhielt er für seine Tätigkeit auch kein Entgelt. Eine tägliche Visite konnte daher im Krankenhaus nicht stattfinden, weil die unbezahlte Tätigkeit den Arzt zwang, seinen Lebensunterhalt aus einer Privatpraxis zu beziehen.

Auch die räumlichen und hygienischen Bedingungen in dem ehemaligen Schulgebäude hielten den an ein Krankenhaus zu stellenden Forderungen von Beginn an kaum stand. Auch wenn das Haus selten ausgelastet war, konnten die Patienten nicht zuverlässig voneinander getrennt werden. Zudem verbreitete der im Garten stehende Abort vor allem „im Sommer einen unangenehmen Geruch”, der auch durch häufiges Reinigen nicht zu beseitigen war. Bielefeld besaß zwar ein Krankenhaus, doch es hatte, wie 1855 der Vorstand rückblickend feststellte, „kaum den Namen eines solchen verdient”. Die seit der Eröffnung geäußerte Kritik blieb nicht ungehört. Am 14. Dezember 1852 ließ der bedeutende Bielefelder Leinen- und Damasthändler August Wilhelm Kisker (1812-1881) dem Krankenhausfonds 1.000 Taler unter der Bedingung zukommen, dass mit dem Bau eines neuen Krankenhauses „im Laufe des nächsten Jahres” begonnen werde. Einen Tag später wandte sich die Krankenhauskommission an den Magistrat mit der Bitte, den unter der Aufsicht der städtischen Verwaltung stehenden Krankenhausfonds als Baukapital freizustellen und einen geeigneten Bauplatz zu ermitteln. Die Genehmigung wurde sofort erteilt und der Grundstein am 28. August 1853 gelegt.

Um dem neuen Krankenhaus ein sicheres Fundament zu geben, erklärte sich der Bielefelder Landtagsabgeordnete und Arzt, Sanitätsrat Dr. August Tiemann (1795-1874) bereit, Berliner Krankenhäuser, und dort vor allem die berühmte Charité aufzusuchen. Zudem wurden Krankenhausverwaltungen anderer Städte gebeten, über ihre Erfahrungen zu berichten. Pastor Theodor Fliedner, der Gründer und Leiter der Kaiserswerther Diakonissenanstalt, sandte gleich einen Plan zur Errichtung eines Krankenhauses, der außer den räumlichen Bedingungen auch die Qualität der Krankenpflege betonte. Sein Vorschlag, die Krankenpflege von Diakonissen übernehmen zu lassen, die in seiner Anstalt ausgebildet worden waren, wurde noch vor der Eröffnung des neuen Krankenhauses umgesetzt: 1853 kamen die ersten Kaiserswerther Diakonissen nach Bielefeld.

Bildbeschreibung

Lehnstuhl, Schlafrock, Bettstellen, Spuckkasten und Mützen: Geschenke für das Krankenhaus (1842). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 1185


Mit dem am 15. Oktober 1854 und eine Woche später in Betrieb genommenen neuen Krankenhaus waren auch in Bielefeld die räumlichen Grundlagen für eine zeitgemäße stationäre Krankenpflege geschaffen. In der ersten Etage des zweigeschossigen Hauptgebäudes befanden sich jeweils vier Zimmer mit drei bis neun Betten für männliche und weibliche Patienten, deren Krankheiten nicht ansteckend waren. Für „Pocken- und Krätzkranke”, „Syphilitische” und „Gemüthskranke” standen fünf Zimmer mit bis zu vier Betten in einem eingeschossigen Flügelanbau zur Verfügung. Die Kapazität des Krankenhauses konnte von bis dahin maximal vierzehn auf fünfzig Patienten erhöht werden. Die Küche sowie die Wohn- und Schlafzimmer der beschäftigten Diakonissen, es waren anfangs zwei, befanden sich im Erdgeschoss. Zum Krankenhaus gehörte zudem ein großer Garten, der von Patienten, die nicht bettlägerig waren, aufgesucht werden konnte, in dem aber auch Kartoffeln, Gemüse und Obst angebaut wurden.

Obwohl ehemalige Armengärten als Grundstück dienten und deshalb dafür kein Geld mehr ausgegeben werden musste, beliefen sich die Bau- und Einrichtungskosten auf stattliche 12.600 Taler. Auch hier zeigte sich die Abhängigkeit der Kommune vom bürgerschaftlichen Engagement. Zwar hatte der Magistrat dem Krankenhaus seit 1852 die Einnahmen aus der Hundesteuer überwiesen, dieser Betrag reichte aber allenfalls zur Deckung von höchstens 10 Prozent der für die Krankenpflege benötigten Ausgaben. Für den Neubau standen nur der aus Spenden und Legaten gebildete Krankenhausfonds sowie aktuelle Spenden zur Verfügung. Um das bürgerschaftliche Engagement für das Krankenhaus zu nutzen, bildete der Magistrat 1856 eine formal selbstständige Krankenhausstiftung mit eigenen Korporationsrechten, die es der Anstalt erlaubten, regelmäßige Sammlungen durchzuführen und Vermächtnisse anzunehmen. In der Tat wurden zwischen 1855 und 1860 wöchentliche Sammlungen durchgeführt, mit deren Erträgen bis zu 30 Prozent der laufenden Kosten gedeckt werden konnten. Als in den späten 1850er Jahren das Spendenaufkommen zurückging, kritisierte die Mindener Bezirksregierung, dass die wöchentlichen Sammlungen eine „Belästigung des Publicums” gewesen wären, infolgedessen der Wohltätigkeitssinn abgestumpft sei, und gab zu bedenken, dass eine „sichere Fundierung” des Krankenhauses nur zu erreichen sei, wenn es verlässliche städtische Zuschüsse erhielte. Davon wollte man in Bielefeld zunächst nichts wissen. Schließlich verfügte das Krankenhaus über einen stattlichen Fonds und war schuldenfrei. Die Wochensammlungen wurden dennoch aufgegeben und nur noch einmal im Jahr um Spenden gebeten. Damit reagierte der Krankenhausvorstand auch auf eine zunehmende Konkurrenz unter den sozialen Einrichtungen, die seit der Mitte des Jahrhunderts gegründet worden und gleichermaßen auf den Zuspruch der Bürgerschaft angewiesen waren. Dazu gehörte auch eine „Kleinkinderbewahranstalt”, die fast ausschließlich auf Spenden angewiesen war.

Bildbeschreibung

Summarische Übersicht der im Krankenhaus ärztlich und wundärztlich behandelten Krankheitsfälle (1859). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 1186


Der Neumarkt vor dem Krankenhaus, 1892
Auch wenn es bei der Planung des Krankenhauses keine Rolle gespielt hat, erhielt Bielefeld mit Beginn der Industrialisierung in der Mitte der 1850er Jahre ein Krankenhaus, das der rasch zunehmenden Arbeiterschaft half, bei bestimmten Krankheiten oder Verletzungen die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Hatte die städtische Armenverwaltung bis in die frühen 1850er Jahre die Pflegekosten von bis zu 50 Prozent der Krankenhauspatienten getragen, so reduzierte sich ihr Anteil seit den 1860er Jahren auf 20 bis 30 Prozent. Die Mehrzahl bildeten nun krankenversicherte Arbeiterinnen und Arbeiter. Am 14. November 1854 hatte der Magistrat getreu der preußischen Gesetzgebung ein Ortsstatut erlassen, das alle „im Gemeinde-Bezirk der Stadt Bielefeld gegen Bezahlung beschäftigten Gesellen, Gehülfen und Fabrik-Arbeiter” verpflichtete, ”bestehenden oder noch zu errichtenden” Krankenkassen beizutreten. Während im Handwerk auf die von den Gesellenladen unterhaltenen Kassen zurückgegriffen werden konnte, wurden neue Ortskassen und von den größeren Firmen Fabrikkrankenkassen gegründet, deren Leistungsvermögen aufgrund unterschiedlicher Mitgliederzahlen erheblich differierte. Die Krankenhauspflegekosten wurden aber von allen Kassen getragen. Allerdings konnte es bei den mitgliederschwachen Gesellenkassen vorkommen, dass Kollegen im Krankenhaus aufgesucht wurden, um festzustellen, ob die stationäre Pflege notwendig war oder sich jemand auf Kosten der Kasse ausruhte.

Mit der rasanten Entwicklung Bielefelds zur führenden Industriestadt im östlichen Westfalen und dem damit einhergehenden Bevölkerungswachstum nahmen auch die Aufgaben des Krankenhauses zu. Wurden nach der Eröffnung bis zu 250 Patienten im Jahr gezählt, so waren es in den 1860er Jahren ständig mehr als 300, in den 1870er Jahren mehr als 400 und seit den späten 1870er Jahren mehr als 500 Personen. Die Bettenzahl war mittlerweile auf 80 erhöht worden. Vor allem die Erweiterung des Krankenhauses in den frühen 1870er Jahre zeigte, dass sich die Einstellung der Bevölkerung zum Krankenhaus verändert hatte. Als in den 1860er Jahren Pocken und Cholera auch in Bielefeld grassierten, sah sich das Krankenhaus außer Stande, diese Kranken aufzunehmen, ohne anderen zu gefährden. Die Forderung des Magistrats, das Krankenhaus zu räumen und ausschließlich als Isolierhospital zu fungieren, musste der Krankenhausvorstand zurückweisen. So wurde das ehemalige Waisenhaus provisorisch als „Cholerahospital” eingerichtet und nach dem Abflauen der Krankheit sofort wieder geräumt.

Der Zustand, erst bei drohender Gefahr zu reagieren und deshalb nur provisorisch handeln zu können, war nicht untypisch für die „Gesundheitspolitik” der Kommunen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Dr. Bernhard Tiemann, der seit 1857 nebenberuflich als Krankenhauarzt tätig war, vertrat dagegen die Ansicht, dass eine permanente Isolierstation auf dem Krankenhausgelände notwendig sei. Er konnte den Magistrat überzeugen, der sich auch bereit erklärte, 60 Prozent der Baukosten zu übernehmen. Was der Arzt und die Verwaltung nicht berücksichtigt hatten, waren neue Nachbarn des Krankenhauses, die sich kategorisch gegen diesen Plan aussprachen.

Bildbeschreibung

Der Neumarkt vor dem Krankenhaus (1892). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1525-6


Bielefeld war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts über seine alten Wälle hinausgewachsen. An der Viktoriastraße war ein bürgerliches Wohnviertel entstanden, dessen Bewohner dem Krankenhaus außerordentlich skeptisch gegenüberstanden. Der Plan, in unmittelbarer Nachbarschaft eine Isolierstation für ansteckende Krankheiten zu errichten, führte aus ihrer Sicht zwangsläufig zur Wertminderung ihrer Immobilien. Seit 1869 erhoben sie scharfen Protest und sammelten Unterschriften. Wenn die Isolierstation errichtet werde, würden der geplante Neumarkt und die Viktoriastraße „gewiß von Jedermann gemieden”. Durch „die Steigerung des Marktverkehrs und das damit verbundene Geräuschvolle Treiben” seien die Krankenhauspatienten aber mit Sicherheit in ihrer Ruhe gestört. Daher gehörte das Krankenhaus nicht mehr in diese Gegend, sondern sollte vielmehr auf einem unbewohnten Gelände hinter dem Kesselbrink neu errichtet werden. Obwohl der Protest 1871 seinen Höhepunkt erreichte, wurde die Isolierstation im darauf folgenden Jahr in Betrieb genommen; der Deutsch-Französische Krieg hatte die Bauarbeiten um einige Monate verzögert. Das Krankenhausgelände umgab nun eine hohe Mauer, um die Gemüter zu beruhigen und ihnen eine vermeintliche Sicherheit vor möglichen Ansteckungen zu geben. Sinn machte diese Mauer nicht. Sie unterstrich nur die Trennung zwischen Gesunden und Kranken, letztlich aber auch zwischen den bürgerlichen Anwohnern und den erkrankten Unterschichten.

Der Protest gegen das Krankenhaus verstummte zwar bis in die 1890er Jahre nicht, mit der Aufgabe des Gebäudes hatte er aber nichts zu tun. Das rasante Bevölkerungswachstum zeigte der Krankenhausstiftung vielmehr nicht zu überwindende Grenzen auf. Zählte Bielefeld 1855 kaum mehr als 11.000 Einwohner, so waren es 1880 mehr als 30.000 und nur zehn Jahre später fast 40.000 Menschen. In den 1880er Jahren forderte der Magistrat wiederholt, das Krankenhaus zu modernisieren und seine Kapazität zu erhöhen. Die Stiftung musste allerdings aufgrund begrenzter finanzieller Mittel diese Forderung zurückweisen und forderte ihrerseits die Stadt auf, sich stärker an der Krankenhausfinanzierung zu beteiligen. Seit 1882 erhielt das Krankenhaus einen jährlichen städtischen Zuschuss von 2.500 Mark, der aber für das Alltagsgeschäft benötigt wurde und nicht für Investitionen ausgegeben werden konnte. Warum sollte die Stadt an einer Stiftung festhalten, die zunehmend auf Mittel aus dem städtischen Etat angewiesen war? Nach dreijährigen Verhandlungen einigten sich Magistrat und Krankenhausvorstand, die Stiftung aufzulösen und das Krankenhaus in städtischer Regie zu führen. Notwendige Modernisierungen wurden sofort durchgeführt, baulichen Erweiterungen waren aber auch am Neumarkt Grenzen gesetzt. Als die Patientenfrequenz sich in den 1890er Jahren auf jährlich 600 bis 1.200 Personen erhöhte und selbst ein Krankenhausarzt darüber klagte, Tuberkulosekranke nicht ausreichend isolieren zu können, waren die Weichen für einen Krankenhausneubau gestellt.

Bildbeschreibung

Der Krankenhausgarten mit der von Anwohnern geforderten Mauer (1892). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1525-4



Das neue Städtische Krankenhaus an der Oelmühlenstraße Ecke Teutoburgerstraße
Die feierliche Eröffnung des neuen Städtischen Krankenhauses fand am 16. November 1899 statt. Außerhalb der städtischen Bebauung war es auf dem Bielsteinkamp, fast schon auf dem Land, wie eine Oberin bemerkte, errichtet worden. Hier konnten mehr als 160 Patienten zeitgleich Aufnahme finden. Das alte Krankenhaus am Neumarkt wurde bald abgerissen und bot Platz für das zwischen 1902 und 1904 errichtete neue Rathaus.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 1094: Armen-, Arbeits- und Krankenanstalt (1835-1858)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 1185: Einrichtung eines Krankenhospitals (1837-1880)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 1186: Einrichtung eines Krankenhospitals (1851-1881)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 1188: Verwaltung des Krankenhauses (1840-1882)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 1679: Unterstützungskasse für Gewerbegehilfen und Fabrikarbeiter sowie die jährliche Abrechnung hierüber (1853-1881)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Literatur

  • H. Tümpel, Zwei Jahrhunderte Bielefelder Armenverwaltung, in: JBHVR 36 (1922), Bielefeld 1922, S. 56-88.
    Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 2. Auflage, Bielefeld 1989.
  • Bernd J. Wagner, Das Bielefelder Krankenhaus im 19. Jahrhundert, Magisterarbeit Universität Bielefeld 1988, 2. Auflage 1994.
  • Bernd J. Wagner, Armut, Krankheit und Gesundheitswesen im vorindustriellen Bielefeld, in: JBHVR 77 (1988/89), Bielefeld 1989, S. 71-103.
  • Bernd J. Wagner, Ein Haus für arme Kranke? Zur Herausbildung des modernen Krankenhauswesens im 18. und frühen 19. Jahrhundert, in: JBHVR 81 (1994), Bielefeld 1994, S. 41-50.
  • Bernd J. Wagner (Hg.), Städtische Kliniken Bielefeld Mitte 1899-1999. 100 Jahre Verantwortung für das Leben, Bielefeld 1999.
  • Bernd J. Wagner, „Um die Leiden der Menschen zu lindern, bedarf es nicht eitler Pracht”. Zur Finanzierung der Krankenhauspflege in Preußen, in: Alfons Labisch, Reinhard Spree (Hg.), Krankenhaus-Report 19. Jahrhundert. Krankenhausträger, Krankenhausfinanzierung, Krankenhauspatienten, Frankfurt/Main 2001, S. 41-68.
  • Thomas Welskopp, August Wilhelm Kisker (1812-1881), in: Bielefelder Unternehmer des 18. bis 20. Jahrhunderts, hg. v. Jürgen Kocka und Reinhard Vogelsang, Münster 1991, S. 126-142.


Hinweise zum Urheberrecht

Die Texte, Bilder und Grafiken dieses Angebotes sind wie alle anderen Inhalte auf www.bielefeld.de urheberrechtlich geschützt. Der Download sowie der Ausdruck von Texten, Bildern und graphischen Elementen ist nur zum persönlichen, privaten und nichtkommerziellen Gebrauch gestattet. Änderungen dürfen nicht vorgenommen werden. Die Verwertung oder elektronische Verarbeitung von Inhalten jeglicher Art ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Rechteinhabers (Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek) nicht gestattet

Bildbeschreibung

Das neue Städtische Krankenhaus an der Oelmühlenstraße Ecke Teutoburgerstraße (1900). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1561-48