2. Oktober 1893: Der spätere Bürgermeister Hermann Bitter wird in Brackwede geboren

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
2016 berichteten Bielefelder Zeitungen über einen Bürgermeister, der im April 1945 durch mutige Entscheidungen dazu beigetragen habe, dass Brackwede die letzten Tage des Krieges weitestgehend unbeschadet überstehen konnte. Weil er sich weigerte, die Gemeinde gegen anrückende amerikanische Militärverbände verteidigen zu lassen, wurde er verschleppt und hinterrücks ermordet. Für sein vorbildliches Verhalten, das ihm das Leben kostete, sollte er in den Kreis des „Widerstandes der letzten Stunde” aufgenommen werden, der in der Gedenkstätte des Deutschen Widerstandes besonders gewürdigt wird. Bei dem Bürgermeister handelte sich um Hermann Bitter, der am 2. Oktober 1893 in Brackwede geboren wurde.



Nach achtjährigem Besuch der 3. Bürgerschule in Brackwede begann Hermann Bitter 1907 im elterlichen Betrieb eine dreijährige kaufmännische Ausbildung und war dort bis Dezember 1914 als Kaufmann tätig. Im Ersten Weltkrieg teilte er das Schicksal der Männer seiner Generation, wobei nicht bekannt ist, ob er sich freiwillig gemeldet hat oder eingezogen worden ist. Von Dezember 1914 bis August 1918 war er an verschiedenen Frontabschnitten als Kanonier im Einsatz. Unterbrochen wurde seine Militärzeit 1917, als er neun Monate als Feilenhauer bei seinem Vater arbeitete. Diese Tätigkeit übte er in den letzten drei Kriegsmonaten auch bei der Firma Krupp in Essen aus. Im November 1918 kehrte er nach Brackwede zurück und arbeitete bis März 1932 wiederum als Kaufmann, zeitweise aber auch als Feilenhauer in der Feilenfabrik seines Vaters Wilhelm Bitter. Der Vater starb 1925. Die Feilenfabrik musste infolge der Weltwirtschaftskrise aufgegeben werden und reihte Hermann Bitter in das Millionen zählende Arbeitslosenheer ein.

Bildbeschreibung

Hermann Bitter (1893-1945). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-2-136


Bereits am 1. September 1930 trat Hermann Bitter der NSDAP bei. In der Forschung werden vor allem drei Motive genannt, warum die NSDAP vor 1933 Zulauf erhielt. Zum einen war es die extreme antidemokratische Grundhaltung der Partei, zum anderen ihr rigoroser Antisemitismus. Die infolge der Weltwirtschaftskrise sprunghaft einsetzende massenhafte Arbeitslosigkeit und der damit verbundene Vertrauensverlust, dass das bestehende System die Krise lösen könne, wird als weiteres Motiv genannt. Auch wenn von Hermann Bitter keine Selbstzeugnisse vorliegen, ist es sehr wahrscheinlich, dass ihn die Ideologie des Nationalsozialismus angesprochen hat. Weder das eigene Schicksal, arbeitslos zu sein, noch die allgemeine Arbeitslosigkeit, die im Sommer 1930 in der Stadt und im Landkreis Bielefeld zwar hoch war, aber erst 1931 ein erschreckendes Ausmaß annahm, werden wesentliche Motive seiner NSDAP-Mitgliedschaft gewesen sein. Vor allem seine Karriere in der Partei deutet darauf hin, dass Bitter der Partei ideologisch verbunden war.

Als Hermann Bitter der NSDAP beitrat, gab es in Brackwede noch keine Ortsgruppe. Obwohl die damit verbundene organisatorische Unterstützung fehlte, erhielt die NSDAP am 14. September 1930 bei den Kommunalwahlen 962 Stimmen. Das war zwar nur ein Viertel der Stimmen, die die SPD auf sich verbuchen konnte, aber 250 mehr als die KPD. „Der Terror ist jetzt gebrochen! Mit 962 Stimmen stehen wir an zweiter Stelle hinter der SPD. Wo bleiben die Kommunisten?”, jubelte der nationalsozialistische „Westfälische Beobachter” am 11. Oktober 1930 und prophezeite: „Wir haben ihnen gezeigt, dass die Arbeiterschaft der Faust und der Stirn auch in Brackwede sich abwendet von den sterbenden Ideen des Marxismus und Liberalismus. Das erwachende Brackwede kommt zu Hitler!” Zwei Wochen später wurde am 29. September 1930 die NSDAP-Ortsgruppe Brackwede gegründet, die zunächst nur 30 Mitglieder zählte und Hermann Bitter zu ihrem Ortsgruppenleiter wählte. Zu den ersten Aufgaben gehörte die Vorbereitung der Kreistagswahl am 30. November 1930 mit öffentlichen Versammlungen, auf denen auch auswärtige Nationalsozialisten und sogar Reichstagsmitglieder sprachen.

Im Oktober berichtete die Ortsgruppe über den ersten Brackweder SA-Führer, der angeblich vorher Mitglied der KPD und SPD gewesen war, nun aber, „nachdem er diesen Schwindel eingesehen” habe, „in den Reihen Adolf Hitlers für Freiheit und Brot des deutschen Arbeiters der Faust und der Stirn” kämpfe; vor allem auf der Brackweder Hauptstraße und vor Versammlungslokalen, wo Nationalsozialisten und Kommunisten aggressiv aufeinandertrafen. Auch eine Hakenkreuzfahne, die „weithin sichtbar von einem Schornstein der Glashütte 2 ‚Teutoburg‘ wehte”, zeugte von der Präsenz der Nationalsozialisten in Brackwede.


Die Hauptstraße in Brackwede
Während bei der Kreistagswahl die meisten Parteien Stimmenverluste hinnehmen mussten, erzielte die Brackweder NSDAP mit 1.316 Stimmen rund 37 Prozent mehr als bei der Kommunalwahl. Im Kreistag bildete sie hinter der SPD, die zehn von 25 Mandate auf sich verbuchen konnte, mit fünf Mandaten die zweitstärkste Fraktion. Hermann Bitter wurde nicht nur Kreistagsabgeordneter, sondern auch zum „Fraktionsführer”, also zum Vorsitzenden der NSDAP-Fraktion gewählt. Er genoss das Vertrauen seiner Partei, die ihn 1932 auch zum stellvertretenden Kreisleiter im NSDAP-Parteikreis Bielefeld-Land ernannte; ein Amt, das er bis 1936 ausübte. Hermann Bitter war vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wahrscheinlich das einflussreichste Mitglied der NSDAP in Brackwede und nach der Machtübernahme auch für den Terror und die Verhaftung von Oppositionellen verantwortlich.

Während am Abend des 30. Januar 1933 auch in Bielefeld Nationalsozialisten zu Fackelzügen aufriefen, brachten am folgenden Tag vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten ihren Protest auf die Straße. In Bielefeld nahmen rund 5.000 Menschen an Kundgebungen gegen Hitler teil, in Brackwede demonstrierten Kommunisten vor dem Wohnhaus des NSDAP-Ortsgruppenleiters an der Hauptstraße. Zwei Tage später wurden in der Stadt und im Landkreis Bielefeld bei allen kommunistischen Funktionären und Organisationen Hausdurchsuchungen durchgeführt, in Brackwede zudem 14 Kommunisten verhaftet, denen Vorbereitung zum Hochverrat vorgeworfen wurde. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 wurde auf der Grundlage der „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat” der Druck auf Kommunisten erhöht, obwohl die KPD noch nicht verboten war. Als am 8. März SA- und SS-Leute sowie Mitglieder des Stahlhelms zu Hilfspolizisten ernannt wurden, konnte die NSDAP auch in Brackwede direkt gegen den politischen Gegner vorgehen und musste sich nicht nur auf die Denunziation ihrer führenden Köpfe beschränken. Nach der Reichstagswahl am 6. März 1933 wurden auch die ersten Sozialdemokraten verhaftet, denen ebenfalls „Vorbereitung zum Hochverrat” vorgeworfen wurde. Und als am 2. Mai 1933 die Gewerkschaften zerschlagen wurden, gerieten auch die Gewerkschaftsführer in der Stadt und im Landkreis Bielefeld in das Visier der Nazis und wurden verhaftet. Nach den Betriebsratswahlen im März 1933 waren bereits frei gewählte Arbeiter, die, aus der Sicht der Nazis, einer „marxistischen Gewerkschaft” angehörten, verhaftet und gezwungen worden, „freiwillig” ¬auf ihr Amt zu verzichten. Für die Repressionen war die NSDAP als Organisation verantwortlich, in den Städten und Gemeinden ihre Kreis- und Ortsgruppenleiter, für das Amt Brackwede Hermann Bitter. Politisch und organisatorisch verantwortlich war er auch für den in Brackwede durchgeführten Boykott jüdischer Geschäfte, Rechtsanwälte und Ärzte am 2. April 1933. So standen auch vor dem Manufaktur- und Eisenwarengeschäft Wisbrun an der Hauptstraße SA-Leute, die den Inhaber bedrohten und Kunden schikanierten, indem man sie fotografierte.

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Die Hauptstraße in Brackwede wurde noch 1933 in Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-887-49


Das Vertrauen, das Hermann Bitter in der NSDAP genoss, brachte ihn ins Brackweder Amtshaus. Nach der vom preußischen Innenminister Hermann Göring erzwungenen vorgezogenen Kommunalwahl am 14. März 1933 wählte ihn seine Fraktion zum Gemeindevorsteher. Dieses Amt hatte seit 1924 der Brackweder Sozialdemokrat Wilhelm Ramsbrock (1877-1955) ausgeübt, für den nun eine ständige Meldepflicht galt und der bis 1945 unter polizeilicher Überwachung stand. Da die SPD nach der Märzwahl über acht gegen neun Sitzen der Nationalsozialisten verfügte, die Kommunisten nicht mehr an der Sitzung teilnehmen konnten und der Zentrumsabgeordnete der SPD seine Stimme verweigerte, konnte die NSDAP ihren Kandidaten im ersten Wahlgang durchbringen.

Nach verändertem Recht wurde 1934 die Amtsbezeichnung „Gemeindevorsteher” in „Gemeindeschulze” umbenannt und die bisher ehrenamtliche Tätigkeit in eine besoldete geändert. Die NSDAP beantragte im November 1934, Hermann Bitter zum hauptamtlichen 1. Amtsbeigeordneten und ein Jahr später zum hauptamtlichen 1. Gemeindebeigeordneten von Brackwede zu ernennen. Dieses Amt hatte es vorher nicht gegeben, die damit verbundenen Aufgaben mussten also erst im Stellenplan neu ausgewiesen werden. Auf Vorschlag des Bielefelder NSDAP-Kreisleiters Gustav Reineking (1900-1945) berief der Regierungspräsident Bitter im Juni 1939 zum hauptamtlichen Gemeindebürgermeister von Brackwede. Nach der Deutschen Gemeindeordnung vom 30. Januar 1935 wurde das Amt des Bürgermeisters nicht mehr von den Mitgliedern der Gemeindeversammlung frei gewählt, sondern auf Vorschlag des Beauftragten der NSDAP von der Aufsichtsbehörde berufen. Das gleiche traf auch im Dezember 1940 zu, als der amtierende Bürgermeister des Amtes Brackwede Richard Meyer zur Wehrmacht eingezogen wurde und Bitter nun auch dieses Amt bekleidete.

Der Parteigenosse Hermann Bitter, der sein Amt der NSDAP verdankte, erwies sich, was die Verwaltung der Gemeinde und des Amtes Brackwede betraf, als eine gute Wahl. Über seine Amtsführung gab es während seiner Dienstzeit keine Klagen, und auch nach 1945 berichteten Zeitgenossen positiv über den Bürgermeister. So wurde im Entnazifizierungsverfahren ausdrücklich betont, dass er sich „auch Andersdenkenden gegenüber stets anständig verhalten” habe. Noch sechzig Jahre nach seinem gewaltsamen Tod sprachen ihm ältere Brackweder auf öffentlichen Versammlungen ein gutes Zeugnis aus. Einschränkend sollte aber darauf hingewiesen werden, dass die Aufmerksamkeit und Fürsorge des Bürgermeisters den „Volksdeutschen” galt, wie der nationalsozialistische Terminus hieß.

Als Bürgermeister und hochrangiges Mitglied der lokalen NSDAP trug er aber auch politische Verantwortung für den Terror in seinem Sprengel, unter dem jüdische und in Opposition zum Regime stehende Menschen seit 1933 litten. Juden wurden mit Beginn der nationalsozialistischen Diktatur auch in Brackwede ausgegrenzt, diffamiert und verfolgt, sie waren dem Terror und den Verhaftungen infolge des Pogroms in der Nacht vom 9. auf den 10. November ausgesetzt und sie wurden, wenn sie nicht vorher geflohen waren, seit dem 13. Dezember 1941 in Ghettos und Vernichtungslager deportiert. Auch in Brackwede wurden Zwangsarbeiter zumeist aus dem Osten Europas, aber auch aus den Niederlanden, Italien und anderen Ländern eigesetzt. Sie mussten bei den Kammerichwerken arbeiten, bei Arntzen, Ruhrstahl oder der Reichsbahn, sie waren unter extremen Bedingungen in Lagern untergebracht und durften bei Luftangriffen die Bunker nicht betreten.

Der fehlende Schutz spiegelte sich auch in den Sterbefalllisten wider, als die Industrieviertel Brackwedes 1944 und 1945 bombardiert wurden: Der Anteil der Zwangsarbeiter unter den Opfern war im Vergleich zur zivilen Bevölkerung sehr hoch. Wenn Hermann Bitter die nationalsozialistische Diktatur überlebt hätte, wäre er „in die Kategorie III eingestuft worden” und damit als „Minderbelasteter”, stellte 1950 ein Berufungsausschuss im Entnazifizierungsverfahren fest. Die Ereignisse vom 2. April 1945 und ihre Folgen trugen aber dazu bei, dass nach dem Krieg und zum Teil noch bis in die Gegenwart Bitters nationalsozialistisches Engagement zunehmend in den Hintergrund geriet.

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Ernennungsurkunde zum hauptamtlichen Bürgermeister der Gemeinde Brackwede vom 2.6.1939. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 91-8-151


Das Manufaktur- und Eisenwarengeschäft Wisbrun
Trotz aller Durchhalteappelle war auch der in Brackwede lebenden Bevölkerung Anfang April 1945 bewusst, dass der Krieg verloren war. Im Januar hatte es einen schweren Luftangriff gegeben, dem viele Menschen zum Opfer fielen. Seitdem verging kaum ein Tag oder eine Nacht ohne Fliegeralarm. Es bedurfte auch keiner Gerüchte mehr, dass sich amerikanische Truppen der Gemeinde näherten, die Detonationen ihrer Geschütze waren in Brackwede zu hören. August Steinbrinker (1897-1954), der 1945 Gemeindeoberinspektor war und mit dem Bürgermeister in engem Kontakt stand, berichtete 1953 rückblickend über die Ereignisse vom 2. April 1945. Steinbrinker war mit der Aufgabe betraut, Lebensmittel nach Brackwede zu schaffen, deren Transport allerdings aufgrund der die Gemeinde abriegelnden Sperren sehr schwierig war. Weil er den Bürgermeister zunächst nicht erreichen konnte, wandte er sich an die NSDAP-Ortsgruppe Osning an der Hauptstraße. Dort wurde ihm mitgeteilt, dass Wilhelm Intrup (1890-1971), der als „ständiger Verbindungsmann der Kreisleitung” der NSDAP fungierte, berichtet habe, dass „Bielefeld zur offenen Stadt erklärt” worden sei und deshalb „die Straßensperren öffne[n]” werde. Als Steinbrinker auf dem Weg zum Gemeindebüro den Bürgermeister traf, teilte er ihm das Gehörte mit.

Im Urteil des Landgerichts Bielefeld vom 11. März 1949 gegen den Stabsleiter des lokalen Volkssturms Friedrich Brüggen wird diese Situation anders dargestellt. Demnach suchte Wilhelm Intrup das Parteilokal der Ortsgruppe Brackwede auf, wo er Ortsgruppenleiter Louis Bartenstein (geb. 1889) und Bürgermeister Bitter antraf. Intrups Meldung zufolge habe Kreisleiter Reineking erklärt, dass alles verloren sei und die Ortsgruppenleiter sich absetzen sollten. Zudem vermittelte er den Eindruck, dass Bielefeld zur offenen Stadt erklärt und die Panzersperre an der von Bielefeld in Richtung Brackwede führenden Gütersloher Straße bereits geöffnet worden sei. In der Tat hatte es Ende März ein Gespräch zwischen Bielefelds Oberbürgermeister Budde und der militärischen Führung gegeben, in der Budde kundgab, die Stadt nicht verteidigen zu können und sie deshalb kampflos übergeben zu wollen. Die Parteileitung lehnte dieses aber rigoros ab. Die Erklärung von einer „offenen Stadt” war am 2. April daher nur ein Gerücht.

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Das Manufaktur- und Eisenwarengeschäft Wisbrun an der Hauptstraße 47 wurde 1938 arisiert. Neuer Inhaber war Adolf Klöpping. Anlässlich der „Westfalenfahrt der Alten Garde” am 16. Juni 1939 wurden viele Häuser in Bielefeld und Brackwede mit Hakenkreuzfahnen dekoriert. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 91-8-26


Der ehemalige Gemeindeoberinspektor gab 1953 zu Protokoll: „Bitter und ich sind dann zum Gemeindebüro an der Schillerstraße gegangen und haben im Büro des Bürgermeisters überlegt, was für Brackwede zu tun sei. Es gab für uns nur denselben Entschluss wie für Bielefeld: ‚Die Sperren werden geöffnet.‘ Wir verabredeten zunächst, dass Bitter einen Teil der Sperren und ich den übrigen Teil benachrichtigen sollten. Diese Abmachung wurde aber im letzten Augenblick dahin geändert, dass Bitter sämtliche Sperren benachrichtigen solle. Mir wurde der Auftrag” erteilt, „mich um [den Lebensmitteltransport] zu kümmern. Der Lebensmitteltransport ist, Dank des Einsatzes aller Beteiligten, gut übergekommen. Nicht zuletzt haben diese Lebensmittel dazu beigetragen, dass für Brackwede nicht eine völlige Hungersnot eintrat.”


Zwangsarbeiterinnen bei den Kammerichwerken in Brackwede
Nach dem Urteil von 1949 war an der Entscheidung, die Sperren zu öffnen, auch Ortsgruppenleiter Louis Bartenstein beteiligt, der zu diesem Zeitpunkt ebenfalls davon ausgehen musste, dass Bielefeld nicht verteidigt werden sollte. Zudem beschloss Bartenstein, den Volkssturm aufzulösen. Bitter soll nach diesem Urteil den Amtsdirektor von Brackwede Adolf Tjaden (1890-1967) und den Kaufmann Erich Seidensticker (1893-1995), der im Volkssturm eingesetzt war, informiert und erklärt haben, er „könne es nicht verantworten, dass Brackwede noch durch den Volkssturm verteidigt und dabei in Trümmer gelegt werde. Er habe sich deshalb entschlossen, die Panzersperren öffnen zu lassen.” Der Führer des 12. Volkssturmbataillons sei anschließend von Bitter und Seidensticker aufgefordert worden, die Panzersperren an der Hauptstraße, die damals Adolf-Hitler-Straße hieß, und am Lutterkolk zu öffnen.

Steinbrinker gab weiter zu Protokoll, dass in der Brackweder Gaststätte „Großer Kurfürst” eine „militärische Befehlsstelle” bestand, die „uns nicht bekannt” war. Ein Unteroffizier dieser Befehlsstelle reagierte auf die Öffnung der Sperren „sehr erregt”, weil aus seiner Sicht durch diese Maßnahme „unsere Kameraden in der Gegend von Oerlinghausen […] gefährdet” waren, und drohte, dass sich „die Verantwortlichen” dafür „noch verantworten müssen”. In Oerlinghausen versuchten am 1. April 1945 Reichswehrsoldaten mit dem „Volkssturm”, dem auch viele Hitlerjungen angehörten, den Vormarsch amerikanischer Truppenverbände zu stoppen. Die Gefechte, die hundert Menschen das Leben kosteten, dauerten drei Tage.

Hermann Bitter wurde am 2. April von einem Oberleutnant der Bielefelder Panzer-Ersatzabteilung 11 in Gewahrsam genommen und noch in der Nacht zum Sedanbunker gebracht, der u.a. der NSDAP als Kommandozentrale diente. Auch Erich Seidensticker und Adolf Tjaden wurden am 2. April verhaftet, der Volkssturmmann aber noch am gleichen Abend wieder frei gelassen, während der Amtsdirektor ebenfalls in den Sedanbunker gebracht wurde. Dort konnte Tjaden mit dem Bürgermeister sprechen, der ihm mitteilte, die Verantwortung für die Öffnung der Sparren zu übernehmen.

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Zwangsarbeiterinnen bei den Kammerichwerken in Brackwede (1942). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 91-10-128


Der Sedanbunker
Während Tjaden am Morgen des 3. Aprils den Sedanbunker wieder verlassen konnte, wurde Hermann Bitter von zwei Soldaten zum Gasthaus Waldkrug in die Sieker-Schweiz gebracht, vor ein Standgericht gestellt und von Kriegsgerichtsrat Dr. Martin Selhorst vernommen. Als Bitter erklärte, auf Anweisung des Kreisleiters Reineking hin gehandelt zu haben, bat der Jurist diesen in einem Telefonat um eine Stellungnahme. Reineking bezichtigte den Brackweder Bürgermeister der Lüge und verlangte vom Standgericht, Bitter zum Tode zu verurteilen. Als sich der Kriegsgerichtsrat weigerte, einen Befehl des NSDAP-Kreisleiters auszuführen, stellte Reineking ein Erschießungskommando zusammen, das den Bürgermeister ohne jegliches Urteil unweit des Waldkrugs in einer Tannenschonung hinrichtete und seine Leiche im Wald begrub. Bitters Familie erfuhr erst anderthalb Jahre später von seinem Schicksal.

Am 4. April, am Tag nach der Ermordung Hermann Bitters, rückten amerikanische Soldaten von Ummeln kommend über die Gütersloher Straße auf Bielefeld vor. Nach Bitters Festnahme waren die Brackweder Sperren zwar wieder geschlossen worden, der Volkssturm zog aber angesichts der Übermacht bald wieder ab. In der Nähe des Gaswerks, bei Ruhrstahl und am Lönkert führten rund 70 Soldaten und SS-Leute letzte Gefechte. Nachdem die letzte Sperre in Höhe der heutigen Gadderbaumer Straße Ecke Mühlendamm vom Volkssturm aufgegeben wurde, zogen amerikanische Soldaten ohne einen weiteren Schuss abgeben zu müssen in die Stadt Bielefeld ein. Während Oberbürgermeister Budde in einem Krankenhaus in Bethel Unterschlupf fand, hatten NSDAP-Kreisleiter Reineking und sein Stab, die militärische Führung und die Polizeileitung den Sedanbunker verlassen und das Weite gesucht.

Im Zusammenhang mit Entnazifizierungsverfahren und Pensionsansprüchen seiner Witwe stand der Fall Bitter seit 1947 in unregelmäßigen Abständen auf der Agenda. Sein Einschreiten in den letzten Kriegstagen wurde dabei stets lobend erwähnt, aber auch darauf hingewiesen, dass er nicht nur ein Nationalsozialist der ersten Stunde war, sondern aufgrund seiner „führenden Ämter als Ortsgruppenleiter und stellvertretender Kreisleiter” der NSDAP „eine Macht in seinen Händen” hielt, „die ihn zwangsläufig Entscheidungen treffen lassen musste, die erhebliches Leid über manche Familie gebracht” haben. Als Bitter posthum in die Kategorie IV eingestuft wurde, was ihn als „Mitläufer” deklarierte, legte die Gemeinde am 27. Januar 1949 Berufung ein, weil sie wohl nicht zu Unrecht befürchtete, dass eine damit verbundene zu hohe Witwenpension „in der Bevölkerung berechtigte Entrüstung hervorrufen würde”.

Je weiter sich die nationalsozialistische Diktatur aus dem Erfahrungshorizont der Menschen entfernte, desto stärker wurde Bitters Handeln auf den 2. April 1945 fokussiert. So auch 2016, als darüber diskutiert wurde, den ehemaligen Bürgermeister in den Kreis des „Widerstandes der letzten Stunde” aufzunehmen, der in der Dauerausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin gewürdigt wird. Dr. Petra Behrens und Prof. Dr. Johannes Tuchel, die für ein Gutachten der Gedenkstätte verantwortlich zeichnen, folgen in der Bewertung der Ereignisse vom 2. April 1945 dem Urteil des Landgerichts von 1949, „dass Bitter möglicherweise einer ‚falschen Befehlsübermittlung oder einer falschen Auslegung einer Nachricht zum Opfer‘ fiel. Hinzu kommt im Fall Bitter, dass er als Nationalsozialist seit 1930 und Ortsgruppenleiter maßgeblich am Aufbau der NSDAP in seinem Heimatort beteiligt war. Für eine Distanzierung Bitters vom Nationalsozialismus fehlen bisher jegliche Belege. Hermann Bitter wurde das Opfer eines Mordbefehls eines fanatischen NSDAP-Kreisleiters. Sein Fall ist ein Beispiel für die Verbrechen der Kriegsendphase, in der sich der nationalsozialistische Terror zunehmend auch gegen die eigene Bevölkerung richtete. Als ‚Widerstand der letzten Stunde‘ kann sein Verhalten jedoch auf der Grundlage der jetzt vorliegenden Quellen nicht gewertet werden.”

Archivalien

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. D 229, Bd. I-IV: Hermann Bitter
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 120,3/ Amt für Wiedergutmachung (Kreis), Nr. A 392: Wilhelm Ramsbrock.
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 1116: Petra Behrens/Johannes Tuchel: Hermann Bitter und das Kriegsende in Brackwede, Gutachten der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin (2017)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Westfälischer Beobachter, Bielefelder Beobachter, Neue Westfälische (2016/17), Westfalen-Blatt (2016/17)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung.


Literatur

  • Karl Beckmann/Rolf Künnemeyer, 1151-2001 Brackwede. Stationen einer 850-jährigen Geschichte, Bielefeld 2001.
  • Karl Beckmann, Hermann Bitter + 3. April 1945, in Brackweder Heimatblätter, Jg. 61 (2014), S. 57-64.
  • Michael Brauer, Die Bielefelder SPD zur Zeit der nationalsozialistischen „Machtergreifung”, in: Elisabeth Harder-Gersdorff/Arno Klönne/Karl Theodor Stiller (Hg.), Beiträge zur Geschichte der Bielefelder Arbeiterbewegung, Bielefeld 1981, S. 169-197.
  • Friedrich Karl Kühlwein, Die Kämpfe in und um Bielefeld im März und April 1945, in: 56. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, (1950/51), S. 269-318.
  • Hans-Jörg Kühne, Kriegsbeute Arbeit. Der „Fremdarbeitereinsatz” in der Bielefelder Wirtschaft 1939-1945, Bielefeld 2002.
  • Hans-Jörg Kühne, Zwischen Krieg und Frieden, Bielefeld 1945, Gudensberg-Gleichen 2004.
  • Christian Lawan, Die Bielefelder KPD im Widerstand gegen den Faschismus, in: Elisabeth Harder-Gersdorff/Arno Klönne/Karl-Theodor Stiller, Beiträge zur Geschichte der Bielefelder Arbeiterbewegung, Bielefeld 1981, S. 199-230.
  • Monika Minninger/Joachim Meynert/Friedhelm Schäffer, Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale, Bielefeld 1985.
  • Wolfgang Stelbrink, Die Kreisleiter der NSDAP in Westfalen und Lippe. Versuch einer Kollektivbiographie mit biographischem Anhang, Münster 2003.
  • Reinhard Vogelsang: Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3: Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005.
  • Jan Wendorf, „Ich lebe und sterbe für den Führer!” Gustav Reineking als Kreisleiter in der Grafschaft Schaumburg, in: Frank Werner (Hrsg.), Schaumburger Nationalsozialisten. Täter, Komplizen, Profiteure, Bielefeld 2010, S. 215-241.


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Bildbeschreibung

Der Sedanbunker (1940). Der Hochbunker, der bei Luftangriffen Schutz bot, steht noch heute in der Holländischen Straße. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/ Nr. 91-9-120