6. November 1907:
Die Crüvelli, Operndiva aus Bielefeld, stirbt in Monaco

von Dagmar Giesecke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Sophie Crüwell „war von mittelgroßer Gestalt und schön gewachsen, ihr Gesicht bezaubernd und voller Anmut. Durch ihre eigentümlich tief liegenden, sprühenden Augen, die von sehr starken Brauen umrahmt waren, hatte sie etwas seltsam Bedrückendes, das so leicht nicht zu vergessen war. Sonst war das rassige Gesicht harmonisch: hohe Stirn, feine Nase, etwas strenger Mund, energisches Kinn, reizendes Ohr und wundervolles, auffallend starkes, dunkles Haar.”
Johanna Sophie Charlotte Crüwell erblickte am 12. März 1826 das Licht der Welt. Wie ihre fünf älteren Geschwister hatte sie die musikalischen Fähigkeiten ihrer Eltern geerbt. Ihr Vater, der bekannte Tabakfabrikant Gottlieb Heinrich Crüwell, blies gerne die Posaune. Die Mutter Charlotte Crüwell, Tochter des in St. Marien tätigen Superintendenten Johann Christian Scherr (Scheer), besaß eine gute Altstimme und „sang ausdrucksvoll”, resümierten die „Westfälischen Neuesten Nachrichten” 1942. Oft und gerne musizierte die Familie. Ihre Hauskonzerte erfreuten auch oftmals Gäste, die stets willkommen waren.


Ihre Gesangsausbildung erhielt Sophie Crüwell in Kassel beim Generalmusikdirektor Louis Spohr. Er war ein seinerzeit weltweit bekannter Geiger. Weitere stimmliche und schauspielerische Ausformung erfolgte in Paris bei dem Opernsänger Marco Bordogni. 1847 debütierte sie erfolgreich auf der Konzertbühne in Paris.
In demselben Jahr sang Crüvelli zum Karneval in Venedig die Rolle der „Elvira” in der Verdi-Oper „Ernani”. Ein weiterer Erfolg gelang ihr mit der „Gräfin” in „Die Hochzeit des Figaro” mit einem Gastspiel in London. In dieser Aufführung sang auch die „schwedische Nachtigall” Jenny Lind die „Susanna”.
Sophie Crüvellis "Stimme hatte den Umfang vom dreigestrichenen „d” bis zum „f” hinunter, was nicht allzu häufig vorkommt. Innerhalb dieser Sphäre überwand sie auch die schwierigsten Passagen und Triller mit einer Leichtigkeit und Lauterkeit, die die Bewunderung der Kritiker und nichtendenwollende Beifallsstürme des Publikums hervorriefen.” So zu lesen in der Westfälischen Zeitung vom 26. Juni 1964.


Erinnerungen an ein Crüwelli-Konzert Mitte der 1840er Jahre von A. Hoppe, fürstlicher Hofmusikus in Detmold, ohne Datum. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung

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Besonders gerne sang Sophie Crüvelli italienische Opern, so dass sie die nächsten Konzerte in Triest, Padua, Genua und Mailand gab. In dieser Zeit muss sie sich auch den Künstlernamen „Crüvelli” zugelegt haben. Nach der Italienreise kehrte sie zunächst nach London zurück, um sich dort ein weiteres Mal als begnadete Sängerin feiern zu lassen. Persönliche Gründe führten 1853 zur Aufgabe des Engagements in der Themsestadt und sie kehrte nach Deutschland zurück, um mit ihrer Schwester Maria zusammen in Bad Ems und Wiesbaden zu singen.
Der große Durchbruch gelang ihr 1854 mit einem Angebot, in Paris an der Großen Oper aufzutreten. Ihre Gage für die Opernsaison betrug 100 000 Francs in Gold. Sie sang die Titelrollen in der Bellini-Oper „Norma”, in der Oper „Lukrezia Borgia” von Donizetti und in der Halevy-Oper „Die Jüdin”. Ebenfalls brillierte sie als „Rosine” im „Barbier von Sevilla”, einer Oper von Rossini. Weitere große Erfolge hatte sie als „Valentine” in dem Stück „Hugenotten”. Der Komponist Meyerbeer war so begeistert von ihren Sangeskünsten, dass er für sie die Titelrolle in der Oper „Die Afrikanerin” schrieb. Verdi, der sich zeitgleich in Paris aufhielt, passte die Rolle der „Elena” ganz an die Fähigkeiten der Crüvelli an. Dieses Werk sollte zur Weltausstellung in Paris 1855 aufgeführt werden. Sophie Crüvelli galt zu dieser Zeit als die „Königin der Pariser Oper” und war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt.


Zu einem Theaterskandal kam es in Paris während der Proben zur „Sizilianischen Vesper” und der Aufführung der „Hugenotten” am 2. Oktober 1854. Auch die Vorbereitungen Verdis mussten gestoppt werden. Madame Crüvelli hatte ohne vorherige Ankündigung Paris verlassen. Ein Sturm der Entrüstung entfachte sich über diese Ungeheuerlichkeit. In der „Gazette musicale” war zu lesen: „Bereits am Freitag hat Rechtsanwalt Bloot namens des Ministeriums des Kaiserlichen Hauses Antrag auf Beschlagnahme des von Fräulein Cruvelli in ihrer Wohnung zurückgelassenen Mobiliars gestellt als Deckung für den vorläufig auf 100 000 Franken berechneten Schaden, den der Bruch des Kontraktes verursacht.”
In anderen Zeitungen wurde sie als leichtfertig und launenhaft bezeichnet. Ihre Reise hatte, wie sich später heraus stellte, private Gründe. Der Intendant Fould musste später eingestehen, der Crüvelli einen unehrenhaften Vorschlag gemacht zu haben. Es erfolgte eine Entschuldigung und sie kehrte auf die Pariser Bühne zurück. Das Publikum war schnell versöhnt und auch Verdi setzte seine Proben mit ihr fort. Am 13. Juni 1855 zur Eröffnung der Weltausstellung war die Uraufführung der „Sizilianische Vesper”. Beide wurden überschwänglich gefeiert.


Visitenkarte, nach 1856. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung
Ein Jahr später, 1856, trat sie von der musikalischen Bühne ab und heiratete den Vicomte George Vigier, einen Enkel des Marschalls Davoust. Den Sommer verbrachte das Ehepaar auf dem Gut in der Normandie, im Frühling und Herbst lebten sie in Nizza, und zur „Saison” wohnten sie in Paris. Sophie Crüvelli lebte aber nicht nur zurückgezogen. Gelegentlich gab sie Konzerte und betätigte sich wohltätig. „Für ihre beispiellose Wohltätigkeit verlieh ihr, der Protestantin, Papst Pius IX. im Jahre 1874 die Goldene Tugendrose mit einer persönlichen Widmung.”


Programm für ein Wohltätigkeitskonzert in Bielefeld, das die Crüwell-Töchter, Sophie, Mathilde und Marie am 15. August 1866 gaben. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung

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Auch in Bielefeld war sie in diesem Sinne tätig. Zusammen mit ihren beiden Schwestern Mathilde und Marie gab sie 1866 ein „Concert zum Besten der Wittwen und Waisen unserer Krieger”. Und sie nutzte ihre gesellschaftliche Stellung und ihren privaten Einfluss, um anderen, vornehmlich befreundeten Künstlern, zu helfen. Richard Wagner konnte so 1881 ein Klavierkonzert in Nizza geben und an der französischen Erstaufführung von „Lohengrin” in Paris teilnehmen. Sie selber sang noch einmal den Part der „Elsa”.

Nach dem Tod ihres Ehemannes im Jahre 1882 siedelte Sophie Crüvelli ganz nach Nizza über. Sie verstarb am 6. November 1907 nach einem Opernbesuch in Monaco.



Im Bielefelder Generalanzeiger vom 13. November 1907 ist im Nachruf unter anderem Folgendes zu lesen: Sie „[…] war eine Deutsche von Geburt. Ob sie auch eine Deutsche Ihrer Abstammung nach war, darüber schwanken die Angaben. Sicher ist, daß sie […] in Bielefeld als Tochter eines Tabakfabrikanten zur Welt kam. Die einen behaupten, dieser Tabakfabrikant sei italienischen Ursprungs gewesen; die anderen leugnen das und wollen wissen, Sophie Cruvelli hätte eigentlich ‚Sophie Cruwell’ geheißen und ihre italienische Nationalität erst entdeckt, als sie, nach mehreren, ziemlich unbekannt gebliebenen Debüts auf deutschen Bühnen, in Venedig sozusagen von heute auf morgen berühmt wurde.”

Literatur

  • Antje Sieker, Die Crüwelli 1826 – 1907. Operndiva aus Bielefeld, in: Ilse Brehmer, Juliane Jacobi-Dittrich (Hg.): Frauenalltag in Bielefeld, Bielefeld 1986, S. 201 - 210
  • Gisbert Strotdrees, Es gab nicht nur die Droste. Sechzig Lebensbilder westfälischer Frauen, Münster 1992, S. 23 - 26

Quellen

  • 400,1/Westermannsammlung
  • 400,3/Fotosammlung
  • 400,11/Graphische Sammlung


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