23. November 1929: Das „Haus der Technik“ wird in Bielefeld eröffnet

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Im November 1929 deutete in Bielefeld kaum etwas darauf hin, dass eine Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit und Verarmung breiter Bevölkerungsschichten unmittelbar bevorstand. Der Schwarze Freitag an der New Yorker Wallstreet war bisher nur auf den Wirtschaftsseiten der lokalen Tageszeitungen als „stürmischer Börsentag” vermerkt worden. Die Zahl der Arbeitssuchenden nahm zwar im Laufe des Monats um gut 1000 auf 8758 im Arbeitsamtsbezirk Bielefeld zu, die Handelskammer verzeichnete aber weiterhin eine günstige Konjunktur in der wäscheverarbeitenden Industrie, der Lüsternäherei und der Buchbinderei. Die Maschinenbaufabrik Gildemeister zahlte ihren Aktionären für das Wirtschaftsjahr 1928/29 gar eine Dividende von 7,5 Prozent. Politisch waren die Weichen noch nicht auf Extremismus gestellt: Bei den Wahlen zum Stadtparlament am 17. November hatten die Sozialdemokraten mit großem Abstand die meisten Stimmen für sich verbuchen können, während die rechtsextremen Nationalsozialisten die wenigsten Stimmen unter den neun im Rathaus vertretenen Parteien erhielten. Zu den herausragenden Ereignissen dieses Monats gehörte in Bielefeld die Eröffnung des zukunftsweisenden Hauses der Technik am 23. November 1929.



Der „erste Wolkenkratzer” Bielefelds verdankt seinem Bau einer technischen Notwendigkeit: Seit der Inbetriebnahme des Elektrizitätswerkes im Jahr 1900 war der Energiebedarf rasch gestiegen, das innerstädtische Stromnetz drohte bereits in den 1920er Jahren wegen permanenter Überlastung zusammenzubrechen. Eine wesentliche Ursache für den drohenden Kollaps war die Entscheidung Bielefelds gewesen, dem Bau eines Gleichstromwerkes den Vorzug zu geben. Diese Technik galt unter manchen Fachleuten bereits im späten 19. Jahrhundert als Auslauftechnik, der Systemstreit zwischen dem Betrieb eines Gleichstrom- oder Drehstromwerkes war aber noch keineswegs entschieden. In den 1920er Jahren lag die technische Lösung allerdings auf der Hand: Der Bau eines Umspannwerkes zur Herstellung von Drehstrom verbunden mit einer Hoch- und Niederspannungsanlage musste in der Innenstadt erfolgen, weil dort der Energiebedarf am größten war. Weil sich aus städtebaulichen Gründen die Frage erst gar nicht stellte, in der Innenstadt „ein unansehnliches Schalthaus” zu errichten, wurde der Berliner Architekt Kurt Heinrich Tischer mit dem Bau eines Hauses beauftragt, das das Städtische Betriebsamt auch als Werbe- und Beratungsstelle nutzen wollte.

Beim offiziellen Festakt zur Einweihung stellte Stadtoberbaurat Friedrich Schultz das Gebäude in den Kontext eines globalen technischen Modernisierungsprozesses, der sich nicht an der Vergangenheit orientieren dürfe: „Eine moderne technische Idee erfordert eine bestimmte Form des Ausdrucks. Die heutige Zeit stellt andere Aufgaben und Lösungen als die Vergangenheit. Man hüllte ehemals Gebäude in ein historisches Gewand ein. Seitdem ist viel anders geworden. Es ist nicht mehr möglich, so zu denken, wie vor dreißig Jahren. Die Welt des Radios, des Autos, der Physik und Chemie kennt nicht mehr die alten Landesgrenzen. Diese Welt ist international geworden – sie will nicht mehr biedermeiern. Eisenbahn, Glas, Lichtarchitektur verlangten für das Haus der Technik andere Formen, als man sie vor dreißig Jahren kannte. Das Rad der Zeit, der Rhythmus der Massen, moderne Sachlichkeit sind an die Stelle historischer Maskerade getreten. Nicht die Romantik völkischer Prägung, sondern der Zweck entscheidet. Die Aufgabe des Hauses der Technik mußte eine wesenseigene Lösung finden.”

Bildbeschreibung

Das Haus der Technik (1932). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, 11-1076-110


Stadtbaurat Friedrich Schultz
Vor allem in der Bauphase ging Kritikern diese Modernität zu weit. Sie übersetzten die Abkürzung „HdT”, wie das Haus der Technik von Beginn an bezeichnet wurde, westfälisch fragend mit „Häd dat Tweck?”, melancholisch mit „Haus der Trübsaal”, aber auch forsch ablehnend mit „Hol’s der Teufel” oder dem Architekten drohend mit „Haut den Tischer”. Kurt Heinrich Tischer war indes hochzufrieden mit seinem Bielefelder Werk, weil er seine Ideen einbringen und umsetzen konnte. Voraussetzung dafür war die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Betriebsamt, die Tischer als „sehr glücklich” lobte. Um den technischen Charakter des Hauses und die kreative Nutzung des Stromes sichtbar zu machen, spielte für ihn das künstliche Licht eine große Rolle. Am Jahnplatz sei eine „Lichtarchitektur” entstanden, lobten Zeitgenossen die abendliche Beleuchtung des Gebäudes, die dem Platz einen großstädtischen Charakter verlieh und sich zudem „von ähnlichen Verkehrszentren in anderen Städten wesentlich” unterschied. Die ebenerdigen Räume des HdT, in denen sich die Werbe- und Beratungsstelle des Betriebsamtes befand, waren „von einem unsichtbaren Lichtorchester überflutet”. Tischer hatte gefordert, dass die „Beleuchtungskörper” verschwinden müssen: „Von dem Handwerkszeug, den Lampen, darf nichts mehr zu sehen sein.” Dass das Gebäude die Technik des Umspannwerkes beherbergte, war ebenfalls nicht sichtbar.

Bildbeschreibung

Stadtbaurat Friedrich Schultz (1876-1945). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, 61-19-99


Das Haus der Technik bei Nacht
Auf die Beratung aktueller und zukünftiger Kunden hatte das Betriebsamt seit 1910 großen Wert gelegt, als eine „Lehr- und Werbedame” eingestellt wurde, die Hausfrauen in ihren Wohnungen besuchte. 1913 wurde am heutigen Kesselbrink eine Lehrküche eingerichtet, in der Mädchen und junge Frauen an modernen Herden kochen lernten. Im Haus der Technik zeigte nun eine ständige Ausstellung „die vielen Verwendungsmöglichkeiten von Gas und Strom”. „Rationeller arbeiten!”, lautete ein Slogan in groß aufgemachten Zeitungsanzeigen, die den zukünftigen Kunden die Augen öffneten: „Manche Arbeit, die mit der Hand geleistet wird, kann durch Maschinen vorgenommen werden. Maschinen arbeiten sauber und billig. Kommen Sie zum Haus der Technik, tragen Sie uns Ihre Wünsche vor, wir werden Sie gern kostenlos beraten.” Eine andere Anzeige, die verschiedene Haushaltswaren zeigte, versprach: „Alle diese Kleinigkeiten machen die Hausarbeit um vieles leichter!”, um dann die rhetorischen Fragen zu stellen: „Wer wollte die Hilfskräfte wie Strom und Gas nicht nach Kräften ausnutzen? Wer legt noch die alte Steinhägerflasche ins Bett, wenn das Heizkissen viel besser wärmt? Wer kocht auf einem schlechten Herd, wenn die Zubereitung der Speisen auf dem Gasherd viel appetitlicher und sauberer ist? Wer wollte auf den Fön verzichten?” Natürlich sollten diese kleinen Helfer des Alltags in keinem Haushalt fehlen: Das HdT hatte „ein feines Teilzahlungssystem eingerichtet, das jedem die Anschaffung dieser Kleinigkeiten” ermöglichte.

Bildbeschreibung

Das Haus der Technik bei Nacht: Lichtarchitektur am Jahnplatz (1933). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, 11-1076-94


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Außer den Verkaufsberatungen, die in Kooperation mit dem Bielefelder Einzelhandel erfolgten, sah die Werbe- und Beratungstätigkeit Ausstellungen, Vorträge und Kurse in der neu eingerichteten Lehrküche für Schülerinnen und Frauen, aber auch für Architekten, Bauherren sowie Handwerksmeister und Gesellen vor. Während die Männer über technische Neuerungen in der Gas- und Elektrotechnik informiert wurden, lernten die Mädchen und Frauen die Vorzüge der Technik bei der Hausarbeit kennen. Gemeinsames Ziel dieser Veranstaltungen war, den Umgang mit Strom und Gas zu erleichtern und deren Verbrauch zu erhöhen. Darauf hatte auch Dr. Paul Lüth, Generaldirektor des Städtischen Betriebsamtes, bei der Einweihung hingewiesen: „Neben der Beratung und Belehrung soll das Haus der Technik im besonderen der Werbung dienen, um den Gas- und Stromverbrauch zu heben. In Amerika wird je Kopf der Bevölkerung 2 ½ mal so viel Gas, 3 ½ mal so viel Strom und 2 mal so viel Kohle als in Deutschland verbraucht, was auf die außerordentliche starke Industrialisierung und Rationalisierung dieses Landes hinweist.” Auch in Deutschland gestaltete sich der Strom- und Gasverbrauch in den Städten „durchaus nicht einheitlich”. Die Verbrauchszahlen für Bielefeld zeigten, dass hier noch ein großes Wachstumspotential zu erwarten war.

Bildschreibung

Werbung für das Teilzahlungssystem. Anzeige in der Westfälischen Zeitung vom 23.11.1929. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen


Vor dem Hintergrund der aufziehenden Wirtschaftskrise mit drohenden Insolvenzen und Massenarbeitslosigkeit stellt sich die Frage, ob die Pläne überhaupt realisiert werden konnten, über Vorträge, Beratungen, Kurse und Teilzahlungskäufe das Interesse an Elektro- und Gasgeräten zu steigern. Die Berichte des Betriebsamtes klingen positiv. 1930 habe das HdT-Teilzahlungsgeschäft „trotz der schlechten Konjunktur ein gutes Ergebnis” erzielt, ist zu lesen. So wurden 179 Teilzahlungsverkäufe getätigt und 366 neue Gasanlagen installiert. Innerhalb eines Jahres hatten überdies mehr als 31.000 Menschen das Haus der Technik besucht. 1931 gibt der Rechenschaftsbericht zwar zu bedenken, dass der wirtschaftliche Anteil des HdT an der Gas- und Elektrizitätsversorgung in Bielefeld nicht bezifferbar wäre, weil die Werbe- und Beratungsstelle mit den anderen Abteilungen des Betriebsamtes eng zusammenarbeite, die ausgewiesenen Zahlen beeindrucken aber dennoch: Mehr als 39.000 Menschen hatten nun das HdT aufgesucht. Sowohl die Teilzahlungsverkäufe als auch die über das HdT vermittelten Gasanlagen und Elektrogeräte konnten gesteigert werden. Und auch im folgenden Jahr verkündete der Bericht ein positives Ergebnis: „Durch zielbewußte Werbemaßnahmen war es uns möglich, den ungünstigen Einfluß der wirtschaftlichen Verhältnisse beim [Gas- und Elektrizitätswerk] im Jahre 1932 einigermaßen auszugleichen und eine möglichst gute Ausnutzung der vorhandenen und erweiterten Anlagen durch Gewinnung neuer Abnehmer zu erzielen.”

Das Haus der Technik war somit nicht nur eine städtebauliche Bereicherung, die den Jahnplatz bis heute prägt, sondern auch betriebswirtschaftlich eine wichtige Entscheidung, die half, die schwere Wirtschaftskrise zu überstehen.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistrat Bauamt, Nr. 215: Haus der Technik (1927-1929)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistrat Bauamt, Nr. 216: Haus der Technik (1928-1929)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Volkswacht, Westfälische Neueste Nachrichten, Westfälische Zeitung (1929)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
  • Jahresberichte über den Stand und die Verwaltung der Gemeinde-Angelegenheiten der Stadt Bielefeld für die Jahre 1926-1931 (Landesgeschichtliche Bibliothek Z 40 Bie 6)
  • Jahresbericht des Städtischen Betriebsamtes Bielefeld (1927-1932); Landesgeschichtliche Bibliothek Z 40 Bie 12)


Literatur

  • Jürgen Büschenfeld (Hg.), Netz/Werk/Stadt. Aufbruch in ein neues Zeitalter, Bielefeld 2000.
  • Hans-Jörg Kühne, 75 Jahre Haus der Technik in Bielefeld. Eine Festschrift, Bielefeld 2004.
  • Peter Stuckhard/Heinrich Gräfenstein, Damit es hell und warm ist. Geschichte der Stadtwerke Bielefeld, Bielefeld 2000.


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Bildbeschreibung

Veranstaltungen im HdT. Anzeige in der Westfälischen Zeitung vom 26.11.1929. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen