9. November 1612 – Ein Erdbeben erschüttert Bielefeld

Von Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, und Dr. Mark Keiter, Naturkunde-Museum Bielefeld
Eine zweiwöchige Erdbebenserie erschütterte im November 1612 den östlich von Bielefeld gelegenen Grenzbereich der Grafschaften Ravensberg und Lippe. Das Epizentrum lag bei Leopoldshöhe zwischen Bielefeld und Oerlinghausen. Verschiedene Nachbeben wurden noch im März 1613 dokumentiert. Mangels zeitgenössischer Bielefelder Quellen zum Erdbeben geben zunächst nur einige Flugschriften von 1612/13 Hinweise auf Folgen und vermutete Ursachen. Am bekanntesten ist ein mit einem Stich versehener Einblattdruck von Gerhard Altzenbach aus Köln „Von dem Grausamen und fast unerhörten schrecklichen Erdbidem”.



Der Kölner Kupferstecher Gerhard Altzenbach berichtete in seinem berühmten Flugblatt über das Bielefelder Beben von 1612. In damals üblicher Reimform beschrieb die „Wahrhafft und Eigendtlich Erzehlung” herab fallende Schornsteine, einstürzende Mauern und Risse im ab 1506 gebauten Franziskanerkloster (St. Jodokus) und 2 Fuß starke Mauerabsenkungen der Sparrenburg, die sogar heute noch in den Kasematten sichtbar sind. Zeitungen waren damals unbekannt: Allein in Straßburg erschien seit 1605 die „Relation” (die erste Zeitung der Welt!) und in Wolfenbüttel seit 1609 der „Aviso”. Altzenbach lieferte einen Kupferstich, der Panikszenen und Gebäudeschäden sowie eine – allerdings kaum realitätsnahe – erste Vedute Bielefelds zeigt. Handschriftlich ergänzt wurde die falsche Zuordnung zur Grafschaft Mark (es muss Ravensberg heißen) und die Gebäudebezeichnung „Closter”. In typischer Reimform beschrieb Altzenbach die Schäden in der Stadt und auf der Burg – und mahnte moralisierend zu einem gottgefälligen Leben.

Bildbeschreibung

Mit einem dramatisierend gestalteten Stich und in typischer Reimform beschreibt Gerhard Altzenbach die Schäden in der Stadt und auf der Sparrenburg; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/ Graphische Sammlung, Nr. 142



Ausschnitt aus dem Altzenbach-Stich
Der für Jahrzehnte auf der Sparrenburg amtierende Ravensberger Amtsschreiber Wolff Ernst Aleman erwähnte um 1690 als „Merkzeichen” des Bebens drei noch im Chor der Franziskanerkirche St. Jodokus sichtbare Risse, die heute allerdings unter dem Putz verborgen sein dürften. In 3. Band seiner 24 Bände umfassenden Sammlung von Begebenheiten aus der Grafschaft Ravensberg schrieb Aleman über das Erdbeben von 1612: „Menschen seyn dadurch erschrocken, unlustig und krank worden”. Seine weiteren Hinweise basierten auf Band 4 der Geschichte Westfalens des Kölner Historikers Hermann Stangefol (1575-1655, ca.) und dem umfangreichen Bericht Rudolph Bellinckhausens aus Osnabrück.

Bildbeschreibung

Schäden am Franziskanerkloster (Ausschnitt aus dem Altzenbach-Stich); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/ Graphische Sammlung, Nr. 142


Rudolph Bellinckhausens (Osnabrück) fast 90-seitige Zusammenstellung historischer Erdbeben stellte das ostwestfälische Ereignis dar, nannte weitere betroffene Städte wie Herford, Lemgo, Schötmar, (Bad) Salzuflen und Schloss Brake, datierte die Abfolge von Beben zwischen dem 30. Oktober und 10. November 1612 und erwähnte ein Nachbeben im März 1613. Nach unserem heutigen Kalender erschütterte die erste Bebenserie vom 9. bis 21. November 1612 die Erde. Osnabrück war zwar in der Frühen Neuzeit katholisch, hatte aber die bereits 1582 von Papst Gregor XIII. angeordnete Kalenderreform erst 1624, also zwölf Jahre nach dem Erdbeben eingeführt. Eine in Erfurt herausgegebene Schrift berichtet sogar, dass mit dem westfälischen „Delga” eine „gantze Statt versuncken” sei, datiert das Erdbeben jedoch falsch auf den Neujahrstag 1613. Möglicherweise handelt es sich bei „Delga” um eine thüringische/mitteldeutsche Umsetzung des Gewässernamens Dalke, einem im Bereich von Lämershagen entspringenden Nebenfluss der Ems.

Bildbeschreibung

Der Chronist Wolff Ernst Aleman beschrieb Risse in der heutigen Kirche St. Jodokus; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handgebundene Bände, Nr. 81: Wolff Ernst Aleman, Collectanea Ravensbergensia, 1688-1725


Lokalisierung des Erdbebens

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Alle Flugschriften, die nach dem Beben erschienen, waren sich einig und mahnten zur Umkehr: Das Erdbeben war der unumstößliche Wille Gottes und dessen gerechte Strafe für den nicht gottgefälligen Lebenswandel der Menschen. Dieses Zeichen mahnte zur Umkehr, sollte den Menschen wieder auf den rechten Weg führen – nicht mehr und nicht weniger. Das Mittelalter und die Frühe Neuzeit waren für die Zeitgenossen voller unerklärlicher Zeichen: Kometen, Sonnen- und Mondfinsternisse, Polarlichter, Fluten, Stürme und Erdrutsche, Erdbeben, Vulkanausbrüche – dies alles ist für den Menschen nicht fassbar, alles muss aber dennoch eine Ursache haben und vor allem einen Anlass, eine Bedeutung, um daraus Lehren ziehen zu können. Die Ursache können sich die Menschen allein in göttlichem Einfluss erklären, der entweder auf einem Großen Plan, einem (bis heute) festgelegten göttlichen Ablaufplan menschlicher Existenz, beruht, oder aber Gott greift permanent ein, um Menschen wieder auf den rechten Weg zu führen. Menschen haben unter Aufbietung aller intellektuellen Kräfte immer auf das Erlebnis von Naturkatastrophen reagieren müssen, sie haben immer versucht, doch einen Sinn zu finden: Strafe Gottes, Prüfung der Gottesfürchtigen oder der Gerechten, Ansporn zur Aufbietung aller dem Menschen möglichen Entwicklung technischer oder moralischer Art. Doch wie ist das Beben tatsächlich zu erklären, wenn biblische Deutungen und der Einfluss höherer Mächte nicht (mehr) in Frage kommen können?

Bildbeschreibung

Lokalisierung des Erdbebens von 1612 nach zeitgenössischen Ortsnennungen; Entwurf: Dr. Mark Keiter



Es gab eine Zeit, als Erdbeben in der heutigen Bielefelder Region an der Tagesordnung waren. Während der späten Kreidezeit (vor 70 bis 65 Millionen Jahren) bildeten sich im Süden Europas die Alpen. Der Druck, den die nach Norden schiebenden Alpen ausübten, führte zu Ausgleichsbewegungen an den Rändern größerer Bruchschollen im Untergrund. Der Teutoburger Wald markiert eine Grenze zwischen zwei Schollen.
Der Meeresspiegel lag während der späten Kreidezeit mindestens 150 m höher als heute. Der gesamte norddeutsche Raum war mit einem flachen Meer bedeckt. An der Grenzlinie zwischen dem heutigen Münsterland und dem Niedersächsischen Block schoben sich beide Schollen entlang einer großen Verwerfungsfläche übereinander, der sogenannten Osning-Überschiebung. Dabei wurden die ursprünglich horizontal abgelagerten Gesteinsschichten verfaltet und steil gestellt, und der heutige Teutoburger Wald hob sich als langgestreckte Insel aus dem flachen Kreidemeer heraus. Die alten Überschiebungsbahnen sind Schwächezonen, an denen der feste Gesteinsverband zerstört ist. Sie durchziehen den gesamten Teutoburger Wald.

Bildbeschreibung

Paläogeographische Rekonstruktion von Mitteleuropa zur Zeit der jüngsten Kreide (70 Millionen Jahre), Entwurf: Dr. Mark Keiter vereinfacht nach Ziegler (1990)


Geologischer Schnitt durch den Teutoburger Wald

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Das Bielefelder Erdbeben von 1612 war sehr wahrscheinlich eine ruckartige Bewegung entlang einer dieser alten Verwerfungen. Der erste und heftigste Schock hatte eine Stärke von knapp unter 5 auf der Momentmagnituden-Skala. Die Erschütterungen waren damit deutlich stärker als zum Beispiel beim Beben von Emmerich am Niederrhein am 8. September 2011, das noch in 200 km Entfernung gespürt werden konnte. Da die Gesteine in der Region kaum noch unter Spannung stehen, sind Erdbeben dieser Intensität in den letzten Jahrtausenden äußerst seltene Ereignisse.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,11/ Graphische Sammlung, Nr. 142: Warhafft- vnnd Eigendtlich Erzehlung Welcher gestalt im nechst verschienen Monat Novembri dieses 1612. Jahrs, zu Bielfeld vnd anderstwo ein schröcklicher Erdbidem sich erhaben [...] vor Augen gestelt, vnnd kurtzlich in Reimen verfast; Köln 1612
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,5/Handgebundene Bände, Nr. 81: Wolff Ernst Aleman, Collectanea Ravensbergensia, 1688-1725, Bd. 1, S. 115, Bd. 3, S. 1833, 1846 u. 1849, Bd. 20, S. 916 u. 932, Bd. 22, S. 394


Zeitgenössische Flugschriften in anderen Bibliotheken

  • Eine gewise / warhafftige / erschröckliche / betrübliche newe Zeitung von Donnern / Plitzen / und Erdbidung / welches ist geschehen in Saxem / Tühringen / Hessen und Westfahlen / auch wie alda ein Statt mit Namen Delga genandt / welchge gantz und gar undergangen ist in diesem 1613. Jahr / weerdet ihr in disem Gesang ferner berichtet werden [...], Erfurt 1613
    - Staatsbibliothek München Res P.o.germ. 1691,30

  • Eine warhafftige, erschreckliche newe Zeitung, wegen eines Erdbebens und erschütterung der Gebewde so in der Graffschafft Lippa, Spannenbergk, Rauenßberg, Beer und Rechtbergk […], 1613
    - Zentralbibliothek Ulm, Sign. Schad 9266

  • Henricus Leuchterus, Dißcurß von etlichen Zeichen, welche sich bißdahero theils im verlauffenem 1612, theils in jetzt gehenden 1613 Jahre am Himmel und hierniden auff Erden zugetragen haben. Als Finsternissen an Sonn und Mond, Erdbeben, grossen Winden, Wasserfluthen, Regenbogen, [...] / Henricus Leuchterus, Darmbstatt, Drucker: Balthasar Hofmann, 1613
    - Dresden SLUB, Astron. 55820 (beschädigt)
    - Wolfenbüttel, HAB 253,4 Theol.

  • Klägliche und Wahrhafftige newe Zeitung. De Horribili terrae motu: Von dem Grausamen und fast unerhörten schrecklichen Erdbidem welchs in diesem 1612. Jahr/ den 30. Octobris alten Calenders/ Nachmittags zu 2 Uhren/ In der Stadt Bilefeldt erstlich angefangen/ und folgents zu Lemgo/ Hervordt unnd andern umbliegenden Ortern [... ] Auch biß auff heutigen Tag den 25. Novembris leyder noch nicht auffgehöret hat / [...] vorgestellet unnd erst in Druck gegeben. Durch Rudolphum Bellinckhusium Osnaburgensem, 1613
    - Staatsbibliothek Berlin Yh 8230 = R

  • Motuum Terrae Graphia. Das ist. Eine Beschreibung Fast aller Erdbidemen, Welche sich vom Anfange der Welt biß auff das Jahr 1613 Fürnemlich begeben/ Auch was darauff erfolgt und und sich zugetragen/ Ordentlich unnd fleißig nach dem Jahrzall gesetzet/ den Menschen zur warnung/ Busse unnd Besserung deß lebens auß Christlicher Wolmeinung in Deutsche Rythmos an Tag geben unnd im Druck verfertigt / Durch Rudolphum Bellinckhusium, Osnaburgensem
    - Externer LinkDresden, Sächsische Landesbibliothek / Staats- und Universitätsbibliothek, Geolog. 932

  • Terraemotus Das ist: Ein gründlicher Bericht von den Erdbeben/: was dieselbige seyen/ auß was ursach dieselbigen entstehen/ und zu welchem ende sie geschehen [...] ; Sampt einem Register und ordentlicher Erzehlung aller fürnembster Erdbeben/ so viel in Historien auffgezeichnet zu finden/ [...] Durch Michaelem Bernhertz M. von der Littaw/ der zeit bestelten Predigern und Pfarherrn zu Reheberg im Krembsthal, Nürnberg 1616
    - WOB, HAB 267.6 Quod. (14)


Literatur



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Bildbeschreibung

Geologischer Schnitt durch den Teutoburger Wald bei Bielefeld, Entwurf: Dr. Mark Keiter nach Mestwerdt und Burre (1981)