2. November 1938: Das „arisierte“ Traditionsunternehmen
„M. Mosberg“ wird endgültig abgemeldet

Von Dr. Jochen Rath, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
1938 erfasste das Deutsche Reich eine regelrechte Arisierungswelle. Immobilien – Häuser und Grundstücke – und Unternehmen aus jüdischem Eigentum gingen größtenteils zu Spottpreisen an „Arier” über. Auch der Mitte des 19. Jahrhunderts in Bielefeld gegründete Berufsbekleidungshersteller „M. Mosberg” blieb nicht verschont. Am 2. November 1938 löschte die städtische Gewerbeabteilung das Unternehmen aus der Gewerbekartei.



Die „Arisierung” in der NS-Zeit war einer der größten Vermögenstransfers der jüngeren deutschen Geschichte. Millionen Deutsche beteiligten sich direkt oder indirekt als Profiteure und Konjunkturritter, Parvenüs und Karrieristen, die Schnäppchen machten, als sie die existentielle Not der jüdischen Verkäufer ausnutzten. Neben diesen einseitig lukrativen Geschäften gab es mitunter auch verabredete und einvernehmliche Übernahmen. Das Ergebnis war die vom NS-Regime verfolgte „Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben” – die wirtschaftliche Existenzvernichtung der Juden und die abschließende Übernahme und Enteignung jüdischen Vermögens.

Zug um Zug hatte das NS-Regime seit 1933 seine judenfeindlichen Maßnahmen verschärft. Ein aus Gesetzen, Verordnungen und Erlassen immer dichter geknüpftes Netz schränkte die Lebensbedingungen der deutschen Juden sukzessive ein. Soziale Deklassierung, wirtschaftliche und berufliche Ausgrenzung drängten die jüdische Bevölkerung vermehrt zur Auswanderung, so dass seit 1935/36 auch die Zahl der Verkäufe jüdischer Unternehmen und Geschäfte spürbar zunahm. Bis 1935 konnten Juden ihr Eigentum noch frei von staatlichen Verordnungen veräußern und weitgehend reguläre und angemessene Marktpreise erzielen. Danach nahmen sie gezwungenermaßen schlechtere Offerten an, vor allem weil die Nürnberger Gesetze vom September 1935 den Auswanderungsdruck nachhaltig forcierten und sich allgemeine Umsatzrückgänge einstellten, die Geschäftsboykotte, Einschüchterungsmaßnahmen gegen Kunden und Einkaufsverbote gegen bestimmte Kundengruppen (u .a. Beamte) Wirkung zeigten. Arisierungsverträge bedurften ab 1936/37 der Genehmigung von NSDAP-Gauwirtschaftsberatern und ab 1938 der der staatlichen Behörden.


Bildbeschreibung

Geschäftshaus „M. Mosberg”, Jöllenbecker Straße 5, Abbildung aus Katalog/Preisliste, ca. 1910; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 1252


Anzeige in der „Westfälischen Zeitung“

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Waren in Bielefeld bis August 1938 zwischen 50 und 70 Firmen, die jüdischen Eigentümern gehört hatten, verkauft worden, so beschleunigte sich der „Arisierungs”-Prozess in den nachfolgenden Monaten massiv: Bis Anfang 1939 wurden auch die übrigen 58 Firmen fast ausnahmslos „arisiert” – 47 Handelsbetriebe, sechs Fabriken und fünf Handwerksbetriebe. Die „Arisierung” war ein einträgliches Geschäft für die Käufer und für den Staat, schließlich schöpfte der Käufer i.d.R. einen erheblichen „Arisierungsgewinn” ab, der der Differenz aus Verkehrswert und Kaufpreis entsprach, auf den der Staat wiederum eine Ausgleichsabgabe in Höhe von 70 Prozent erhob. Dieser Prozess betraf auch „M. Mosberg” in der Jöllenbecker Str. 5.

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Anzeige in der „Westfälischen Zeitung” v. 30. September 1938; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen


„M. Mosberg” war mit den Firmen „Capelle” (Berlin) und „Ulrich” (Hamburg-Altona) Marktführer in Deutschland in der Herstellung von Berufsbekleidung. Unter dem Kürzel „Marke Em-Em” produzierte das Unternehmen Loden-, Sport-, Arbeits- und Berufsbekleidung und handelte hiermit. 1850 war es in Bielefeld von dem aus dem Lippischen zugewanderten Juden Moses Mosberg (1790-1874) als Stoffhandlung gegründet worden. Als Moses Mosberg am 14. April 1868 das Unternehmen in der Breiten Straße 45 endgültig seinem Sohn Jonas hinterließ, der bereits 1862 Prokura erhalten hatte, gründete dessen Bruder Louis (Levy) Mosberg wiederum in der gleichen Straße schräg gegenüber die Firma Louis Mosberg – wahrscheinlich war dieser bei der Geschäftsnachfolge nicht zum Zuge gekommen. Da beide Unternehmen in derselben Branche tätig waren, entstand rasch eine lokale Konkurrenzsituation. Freilich konnte „Louis Mosberg” kaum mit „M. Mosberg” mithalten, wie die überlieferten Umsätze, Gewinne und Steuerbeträge anzeigen: Regelmäßig verzeichnete „M. Mosberg” hier drei- bis zwölfmal so hohe Werte.

Inzwischen hatte das Unternehmen sein Angebot auf Berufsbekleidung und Werkzeuge spezialisiert und sich in dieser Marktnische zu einem Branchenriesen in Deutschland entwickelt. Übrigens waren jüdische Hersteller hier so dominierend, dass in Zunftkreisen die Berufsbekleidungsschneider insgesamt bis heute und ohne antisemitische Tendenzen „Kluftjuden” genannt werden – ganz unabhängig von der Konfession. Ja, sogar der Begriff „Kluft” für Zunftkleidung geht auf das hebräische Wort „qellippa” (Schale, Rinde) zurück. Unter der Leitung von Jonas Mosberg (1830-1910) gedieh die Firma zu einem soliden Unternehmen mit breiter Produktpalette. 1890/91 traten die Söhne Julius und Max Mosberg in den Betrieb ein und wurden im Dezember 1904 persönlich haftende Gesellschafter. Bald nachdem sich der Vater Jonas im Mai 1905 aus der Firma zurückgezogen hatte, errichteten Max und Julius 1907 an der Jöllenbecker Str. 5 ein neues Fabrikationsgebäude. Auf sechs mit einem Fahrstuhl erschlossenen Etagen entfaltete sich „M. Mosberg” auf etwa 1.500 qm. Es war ein mutiger, angesichts des offensichtlich expandierenden Geschäfts aber notwendiger Schritt der neuen Eigentümer, das Stammhaus Breite Straße 45 zu verlassen. Nunmehr fanden an der Jöllenbecker Str. 5 das Materiallager, Zuschneiderei und Bügelei, Kontor, Versand sowie der Verkaufsladen und großflächige Geschäftsräume Platz unter einem Dach. Dennoch wurden Teile des mindestens 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählenden Personals weiter in Heimarbeit beschäftigt.


Bildbeschreibung

Antrag auf Anbringung eines Werbeschildes „M. Mosberg” am Stammhaus Breite Straße 45; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,5/Bauamt, Hausakten, Nr. 3450


Titelblatt eines „M. Mosberg“-Kataloges

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Eine breite Produktpalette zeichnete das Unternehmen aus, das für die Wandergesellen (Stichwort „Walz”) – vor allem Maurer, Zimmerer und Dachdecker – alles offerierte: Arbeitshosen, -westen, -jacken, Samtjackets, Kopfbedeckungen (Zylinder und Schlapphut), die typischen Ohrringe, Uhrketten, Stammseidel, Tabakpfeifen und natürlich Werkzeug in zahlreichen Varianten. Stets war die Geschäftsleitung bedacht, sich von anderen Mitbewerbern, vor allem von Louis Mosberg abzugrenzen – „Jedes Stück muss den Namen M. Mosberg tragen”. Auch andere Berufszweige fanden ihre vollständige Ausstattung hier, vom Bäcker bis zum Schornsteinfeger, vom Kellner, Kutscher und „Diener” bis zum Metzger, Koch und sogar Telegraphenarbeiter. Abgerundet wurde das Sortiment durch „Sonntags-Anzüge”, Wanderbedarf und Sportartikel („Sportkleidung jeder Art wie Turn- und Fussballspiel, Radfahrer, Athleten, Bewegungsspiele, Schwimmer” – „Spezialität: Ausrüstung ganzer Vereine”).

Das Unternehmen florierte, die Gewinne überschritten 1927 bis 1929 jeweils 100.000 RM. Anfang der 1920er Jahre waren 200 Arbeiter und Arbeiterinnen und 15 Angestellte im neuen Firmengebäude und vor allem in Heimarbeit beschäftigt. Handwerksgesellen auf der Walz trugen mit dem Werbetuch der Firma – „Maxe Mosberger” oder schlicht „Bielefelder” genannt – den Ruf des Unternehmens und der Stadt durchs ganze Land. Im kunstvoll gefalteten „Charlottenburger” – so die allgemeine Bezeichnung hierfür – nämlich transportierten die Wandergesellen ihre Habseligkeiten. Die Zunftbekleidungshersteller bedruckten diese „Charlies” marketingtechnisch clever mit Firmennamen, -adresse, -logo und -produkten, so dass die Gesellen auf der „Walz” weltweit und kostenfrei Werbung für das jeweilige Unternehmen machten. Briefe, Fotos, Postkarten, selbst Gedichte von wandernden Gesellen wurden im Ladengeschäft in Bielefeld mit sichtlichem Stolz ausgestellt.
Den weiteren Aufstieg des Unternehmens unterbrach die Weltwirtschaftskrise jäh. Mit dem Darniederliegen des Baugewerbes brach auch die Nachfrage nach Mosberg-Produkten ein. 1932 waren nur noch sieben Angestellte, durchschnittlich 10 Arbeiterinnen und 14 Heimarbeiterinnen bei der Firma beschäftigt. So schrieb Julius Mosberg in einem Brief vom 3. März 1932 an seinen Freund, den Maler Peter August Böckstiegel (1889-1951): „Es ist augenblicklich ganz fürchterlich u. sieht man bald keinen Ausweg mehr, alle Geschäfte (oder wenigstens die Mehrzahl) liegen vollständig am Boden, wir, die wir nur Arbeits- u. Berufsartikel machen, ganz besonders, es wird ja so gut wie garnicht mehr gebaut u. solange der Baumarkt darnieder liegt, solange leiden wir mit. Ich habe so etwas noch nicht erlebt, doch man muß durchhalten u. durchbeißen u. darf die Hoffnung und den Mut nicht verlieren.”


Bildbeschreibung

Titelblatt eines „M. Mosberg”-Kataloges, ca. 1910; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 1252


Nach dem Konjunktureinbruch im Rahmen der Weltwirtschaftskrise und Verlusten vor allem 1931 bis 1933 hatte „M. Mosberg” die Umsätze ab 1934 wieder kontinuierlich gesteigert, so dass trotz des durch antisemitische Gesetzgebung, Boykotte und Behinderungen irregulären Geschäftsklimas 1938 ein Umsatz von knapp 600.000 RM bilanziert und wieder vorsichtige Gewinnentnahmen getätigt werden konnten. Noch 1937 war auf einem Foto, das am 5. Mai in „Die Woche” sowie am 20. April in der „Westfälischen Zeitung” in Bielefeld veröffentlicht wurde, Reichsorganisationsleiter Robert Ley, ein erklärter Antisemit, bei der Verabschiedung von Gesellen in Berlin zu sehen – mit dem „Maxe Mosberger” prominent im Bild. Möglicherweise handelte es sich um eine inszenierte Veranstaltung der Deutschen Arbeitsfront (DAF), bei der Gesellen als Staffage dienten oder gar imitiert wurden.

1938 endete die erfolgreiche Firmengeschichte von „M. Mosberg”. Eine aus Hans Gustke (Berlin) und den beiden NSDAP-Mitgliedern Hermann Vick (Braunschweig) und dessen Schwiegersohn Fritz Siems (Berlin) gebildete Kommanditgesellschaft kaufte am 4. August 1938 das Unternehmen. Vick hatte im September 1913 in Braunschweig ein Bekleidungsgeschäft gegründet und dort bereits ein Grundstück einer Jüdin gekauft. Die Anbahnung der Arisierung von „M. Mosberg” ist nicht mehr zu rekonstruieren, jedoch scheinen die anderen Branchenriesen auch aus einer über Jahre hinweg gewachsenen Loyalität heraus an einem Ankauf nicht interessiert gewesen zu sein, wie es in den Erinnerungen von deren Nachfahren heißt: Man wollte nicht von dieser Notlage profitieren.

Die Brüder Julius und Max Mosberg führten als letzte Inhaber des Unternehmens die Verkaufsverhandlungen. „Arisiert” wurden das Mosberg-Geschäftshaus Jöllenbecker Str. 5 (105.000 RM inkl. einer Hypothek über 9.414,88 RM), das gesamte Betriebs- und Geschäftsinventar, die Büroutensilien sowie die Maschinen (20.000 RM) und das Warenlager nebst sonstigen Vorräten. Nach einer gemeinsamen Begehung der Vertrags-„Partner” listete ein Wirtschaftsprüfer auf Basis einer Zusammenstellung der Firma „M. Mosberg” sämtliche Gegenstände auf. In einem Ergänzungsvertrag wurde der Kaufpreis für das Betriebsgebäude Mitte September 1938 auf 82.500 RM reduziert. Eigentümer wurde Hermann Vick, Fritz Siems avancierte zum Geschäftsführer oder – wie es damals hieß – „Betriebsführer”. Zum Zeitpunkt der Übernahme waren noch elf Angestellte und 45 Arbeiterinnen und Arbeiter bei der Firma beschäftigt. Inmitten der Verkaufsverhandlungen war der Maler Peter August Böckstiegel zu Gast bei Mosbergs. Anschließend beschrieb er seiner Ehefrau am 29. August 1938 deren Stimmung und gibt damit einen nahezu unverstellten Blick in die Gemütslage des Ehepaares, das sich offensichtlich voller Vertrauen öffnete: „Es ist Doch Herzzerreißend wie Die Menschen leiden, Tränen über Tränen rollten, alle Freude Des Lebens wäre vorbei.”


Bildbeschreibung

Reichsorganisationsleiter Robert Ley mit einem Wandergesellen (vielleicht auch DAF-Angehörigen), der einen „M. Mosberg”-Charlottenburger trägt, „Die Woche” v. 5. Mai 1937; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermannsammlung, Nr. 24



Das Signet der Firma „Hermann Vick“
Ende September 1938 schließlich verkündeten die Tageszeitungen triumphal den Übergang und die Neueröffnung des Unternehmens. Großformatige Anzeigen in der Tagespresse meldeten, dass die Firma Mosberg „in arischen Besitz übergegangen” sei und unter neuer fachkundiger Leitung in engster Zusammenarbeit mit dem „altbewährten arischen Personal” fortgeführt werde. Unter dem neuen Firmennamen prangte der Hinweis „Deutsches Geschäft”, auf der Abbildung des Geschäftshauses war der alte Name getilgt. Ohne Scheu nutzten die „Ariseure” zunächst den Briefkopf von „M. Mosberg” und dauerhaft das Logo des erfolgreichen Vorgängers, das sie um den Slogan „Dieses Zeichen bürgt” ergänzten, offensichtlich um die Stammkundschaft zu halten. Endgültig abgemeldet wurde das traditionsreiche Unternehmen „M. Mosberg” am 2. November 1938 – eine Woche vor der Pogromnacht.

Die beiden letzten Geschäftsinhaber wurden mit ihren Frauen Opfer der Shoah – so wie viele andere Mitglieder der Familie Mosberg: Max und Johanna Mosberg wurden am 31. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Von dort brachte man sie am 23. September 1942 nach Treblinka, wo beide ermordet wurden. Als amtliches Todesdatum ist der 8. Mai 1945 festgelegt worden. Julius und Johanne Mosberg wurden an jenem 31. Juli 1942 ebenfalls nach Theresienstadt deportiert, wo beide 1943 an einer Darmentzündung starben. Ihre mit dem Prager Rechtsanwalt Dr. Viktor Stastny verheiratete Tochter Grete (1906-1960) konnte 1939 nach Peru auswandern, der Sohn Paul (1902-1972) noch 1940 in die USA.

Derweil erfüllten sich die Profiterwartungen der „Ariseure” nicht. Mit Kriegsbeginn musste die Produktion aufgrund behördlicher Anordnung umgestellt werden, so dass das Kerngeschäft, die Herstellung und der Verkauf von Bauhandwerkerbekleidung, stillgelegt wurde. 1944 folgte der Zusammenschluss mit „Reckmann & Sohn” zu einer Kriegsbetriebsgemeinschaft, Personal und Maschinenpark wurden weitgehend an lokale Unternehmen abgestellt. Am 30. September 1944 erlitt das Gebäude an der Jöllenbecker Straße einen Bombenschaden, der auch das Warenlager zu 65 Prozent vernichtete. Zur Geltendmachung der eigenen Schäden reichte die Vick-Geschäftsleitung das Übernahmeinventar der Arisierung von 1938 ein. Die Wirtschaftsprüfer erwähnten gegenüber der Stadt Bielefeld lediglich, dass die Maschinen zum größten Teil „1938 von einer anderen Firma übernommen” worden seien – dass es sich um eine „Arisierung” gehandelt hatte, tat nichts mehr zur Sache.

Bildbeschreibung

Das Signet der Firma „Hermann Vick” nahm das „M. Mosberg”-Logo auf, 1939; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,2/Briefköpfe, Nr. 536: Hermann Vick & Co., Jöllenbecker Str. 5, 1939


Nach 1945 klagten die dem Terror entkommenen Kinder der letzten jüdischen Geschäftseigentümer gegen die Erwerber. Verhandelt wurde vor der Wiedergutmachungskammer am Landgericht Bielefeld. Eine Rückerstattung des Unternehmens stand nicht zur Debatte, aber Ausgleichszahlungen, da die Verkäufe 1938/39 unter rassenideologischem Druck zustande gekommen waren. Die Verhandlungen verliefen zäh und zogen sich über Jahre hin. Die Anwälte von „Vick & Co.” machten geltend, dass 1938 reale Preise gezahlt worden und die Mosberg-Gewinne 1931/32 schmal gewesen seien; überhaupt habe Vick infolge der Kriegsmaßnahmen kaum profitiert. Warum aber war Vick 1938 überhaupt kaufinteressiert, wenn das Geschäft nicht lukrativ zu sein schien? Die Bilanzen aus Zeiten der bis dahin überwundenen Weltwirtschaftskrise scheint die „Ariseure” 1938 jedenfalls nicht geschreckt zu haben. Und dass sich die Gewinnerwartungen nicht erfüllt hatten, war wohl kaum den Verfolgten anzulasten. 1953 schließlich zahlte Vick nach Vergleichshandlungen 90.000 DM für den kaum zu beziffernden „good will”, den Geschäftswert von „M. Mosberg”. Die längst in wirtschaftliche Schieflage geratene Bielefelder Firma „Vick und Co.” war schon 1951 abgemeldet worden. Das Nachfolgeunternehmen „Ulrich” aus Hamburg-Altona stellte sich wiederum in die Tradition des Vorvorgängers, als nicht nur der „Charlottenburger” ausdrücklich den Namen des alten Unternehmens aufnahm: „M. Mosberg”.


Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,1/Ordnungsamt, Nr. 511: Arisierung der Firma „M. Mosberg”, Jöllenbecker Str. 5, durch Hermann Vick, Braunschweig, 1938
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,5/Bauamt, Hausakten, Nr. 3450: Breite Straße 45 (Manufakturwaren „M. Mosberg”), 1890-1939
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Amt für Wiedergutmachung, Stadt, Nr. B 145, B 146, B 192: Entschädigungsverfahren Julius und Johanne Mosberg und Max und Johanne Mosberg, 1956-1968, 1957-1966, 1956-1966
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Ausgleichsamt, Nr. 13331: Gebäudeschaden Breite Straße 45, 1948-1963
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Ausgleichsamt, Nr. 13668: Gebäudeschaden Jöllenbecker Str. 5, Betriebsschaden „Hermann Vick & Co.”; Enthält u.a.: Inventar der Firma „M. Mosberg”, 1938
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,2/Briefköpfe, Nr. 536: Hermann Vick & Co., Jöllenbecker Str. 5, 1939
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 1252: Firmenprospekt „M. Mosberg”, Preisliste, Nr. 42, ca. 1910
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,1/Westermann-Sammlung, Nr. 24
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung


Literatur

  • Kistenich, Johannes (Red.), 9.11.1938 – Reichspogromnacht in Ostwestfalen-Lippe, Detmold 2008
  • Kuller, Christiane, Bürokratie und Verbrechen. Antisemitische Finanzpolitik und Verwaltungspraxis im nationalsozialistischen Deutschland (Das Reichsfinanzministerium im Nationalsozialismus, Bd. 1), München 2013
  • Meynert, Joachim /Friedhelm Schäffer, Die Juden in der Stadt Bielefeld während der Zeit des Nationalsozialismus (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 3), Bielefeld 1983
  • Minninger, Monika/Joachim Meynert/Friedhelm Schäffer, Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 4), Bielefeld 1985
  • Minninger, Monika/Anke Stüber/Rita Klussmann, Einwohner – Bürger – Entrechtete. Sieben Jahrhunderte jüdisches Leben im Raum Bielefeld, (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 6), Bielefeld 1988
  • IssuuPomerance, Aubrey, „Das Mekka der Zimmerleute”: Die Firma M. Mosberg in Bielefeld, in: JMB Journal 3 (2010/11), S. 42-45
  • Wojak, Irmtraud (Hg.), „Arisierung” im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2000


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Bildbeschreibung

Geschäftshaus „Vick”, Jöllenbecker Straße 5, ca. 1940; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung