22. Dezember 1925: Bielefelds ehemaliger Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann stirbt im Alter von 83 Jahren

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek
Auf dem Bergfried der Sparrenburg war am 28. Dezember 1925 die Fahne der Stadt und vor dem Rathaus die neue Reichsfahne sowie die preußische Fahne auf Halbmast gesetzt. „Am Vormittag und am Nachmittag ließen ferner die Glocken aller Kirchen Bielefelds ihre eherne Stimme zu ernstem Trauergeläut vernehmen”, berichtete anderntags die Westfälische Zeitung. Die Stadt trauerte um ihren ehemaligen Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann, der am 22. Dezember 1925 gestorben war. Die Kapelle des Sennefriedhofs, auf dem Bunnemann am 28. Dezember bestattet wurde, reichte bei weitem nicht aus, der Trauergemeinde Platz zu bieten. Über die Parteigrenzen hinweg war der städtischen Öffentlichkeit bewusst, dass mit ihm ein Oberbürgermeister gestorben war, in dessen Amtszeit sich Bielefeld radikal verändert hatte: von einer aufstrebenden Kleinstadt hin zu einer bedeutenden Industriestadt.

Bildbeschreibung

Gerhard Bunnemann (1842-1925). Foto: Ernst Lohöfener (1902); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-2-112


Amtszimmer von Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann
Freilich, in der Amtszeit seines Vorgängers Ludwig Huber (1826-1905), der von 1857 bis 1881 Bürgermeister bzw. Oberbürgermeister war, erlebte Bielefeld bereits einen rasanten Aufschwung. Als er am 18. April 1857 in sein Amt eingeführt wurde, war die Ravensberger Spinnerei gerade einmal drei Monate im Betrieb, die städtische Gasanstalt war sechs Monate zuvor gegründet worden. Die Stadt zählte kaum mehr als 11.000 Einwohner, und bis zum Ende der Amtszeit Hubers hatte sich ihre Anzahl auf fast 31.000 Einwohner erhöht. Als Bunnemann am 1. April 1911 in den Ruhestand trat, war die Bevölkerungszahl Bielefelds auf mehr als 78.000 Einwohner angewachsen. Dieser bedeutende Bevölkerungszuwachs ist sicher beeindruckend, er scheint aber angesichts fundamentaler Entwicklungen im Bereich der kommunalen Daseinsvorsorge und städtischen Infrastruktur in deren Schatten zu stehen. Darauf wird noch einzugehen sein. Zunächst soll der 1925 verstorbene Oberbürgermeister vorgestellt werden.

Gerhard Bunnemann wurde am 29. Oktober 1842 in Loccum bei Wunstorf im damaligen Königreich Hannover geboren, das nach dem Krieg von 1866 annektiert und als Provinz Teil des mächtiger gewordenen Preußen wurde. Während sein Vater Theologie studiert hatte und als Hilfsprediger im Dienst des Kloster Loccum stand, studierte der Sohn „Rechte” in Göttingen und Heidelberg, absolvierte sein Referendariat bei den Amtsgerichten Herzberg/Harz und Gartow in der Provinz Hannover sowie beim Obergericht (später: Landgericht) Göttingen und arbeitete nach der in Berlin abgelegten „großen Staatsprüfung” als Assessor ein Jahr beim Kreisgericht Iserlohn. 1873 wurde er zum besoldeten Ersten Beigeordneten in Elberfeld und zwei Jahre später zum Bürgermeister in Kreuznach gewählt; Kreuznach gehörte zum Verwaltungsbereich des Regierungsbezirks Koblenz in der 1822 gegründeten preußischen Rheinprovinz. Als Chef der Kreuznacher Stadtverwaltung erfuhr Bunnemann 1880 von der freiwerdenden Bürgermeisterstelle in Bielefeld.


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Amtszimmer von Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann im Rathaus am Alten Markt (1904); Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-44-4



Obwohl die Wahl eines Bürgermeisters in Preußen seit 1856 „auch auf Lebenszeit erfolgen” konnte, teilte Oberbürgermeister Ludwig Huber dem Magistrat mit, dass er zum Ende seiner Amtszeit im April 1881 im Alter von 54 Jahren aus dem Dienst scheiden werde. Da die Wahl des Bürgermeisters nach der Städteordnung ein halbes Jahr vor dem Dienstantritt erfolgen musste, mahnte Huber im Mai 1880, dringend einen Nachfolger zu suchen. Auf das in den bedeutenden Zeitungen in Berlin, Köln und Hannover geschaltete Inserat meldeten sich mindestens 24 Bewerber, die als Bürgermeister, besoldete Stadträte oder Amtsrichter Verdienste aufzuweisen hatten. Unter ihnen war auch Ludwig Quentin, der als Oberbürgermeister von Herford an der Entwicklung der Stadt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert maßgeblich beteiligt war. Warum das Votum auf den Bürgermeister von Kreuznach fiel, ist nicht zu beantworten, die Stadtverordneten-Versammlung wählte Gerhard Bunnemann jedenfalls am 12. Oktober 1880 zum neuen Bürgermeister; fast einstimmig, denn nur ein Stadtverordneter enthielt sich bei der Wahl. Seine Amtszeit sollte am 18. April 1881 beginnen und war, dem Gesetz folgend, zunächst auf zwölf Jahre befristet.

Nach der Preußischen Städteordnung, die auch die rechtlichen Bestimmungen des Bürgermeisteramtes regelte, hatten die Stadtverordnetenversammlung und der Magistrat zwar das Vorschlagsrecht, die Amtseinführung und Vereidigung wurde aber von einem Vertreter der königlich-preußischen Regierung vorgenommen. Am 20. April 1881 nahm Regierungspräsident Hermann von Eichhorn (1813-1892) im Rathaus am heutigen Alten Markt die Vereidigung vor. Anschließend lud ein speziell für diesen Anlass gegründetes Komitee, ganz in der bürgerlichen Tradition des 19. Jahrhunderts stehend, zu einem „Diner in den großen Saal der Gesellschaft Ressource” ein. Die Gäste, die sich in den Wochen zuvor in Listen eintragen mussten, die in den Gesellschaften Ressource, Eintracht und Erholung auslagen, erwartete ein üppiges Festmahl, lobende Reden, die auch die Verdienste von Bunnemanns Amtsvorgänger Ludwig Huber priesen, sowie Toasts auf den König und Kaiser, verbunden mit dem Schwur ewiger Treue. Der festliche Teil der Amtseinführung endete mit dem Absingen der ersten Strophe der Nationalhymne.

Die Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche, die Bielefeld mit der Wahl des neuen Bürgermeisters verbunden hatte, scheint Gerhard Bunnemann bereits nach kürzester Zeit erfüllt zu haben. Bereits anderthalb Jahre nach der Einführung in sein Amt stellte der Magistrat den Antrag, ihm den Titel „Oberbürgermeister” zu verleihen. In der Begründung wies der Magistrat zunächst auf die Bedeutung Bielefelds hin, die diese Auszeichnung für den ersten Mann im Rathaus bereits rechtfertige. Als Ludwig Huber bei seiner Wiederwahl 1869 der Oberbürgermeister-Titel verliehen wurde, war Bielefeld noch „ein Bestandtheil des landräthlichen Kreises” gewesen. Seitdem sei seine Bedeutung als Handels- und Fabrikstadt stetig gestiegen, Bielefeld sei mittlerweile Sitz des Landgerichts und aus dem Kreisverband ausgeschieden, weshalb der Bürgermeister auch „die Geschäfte des königlichen Landrathsamts" verwalte. Aber auch Gerhard Bunnemann habe „eine persönliche Auszeichnung wohl verdient.” Seit seiner juristischen Staatsprüfung (1870) habe er überall dort, wo er eingesetzt war, sehr gute Arbeit geleistet. Während seiner Tätigkeit in Bielefeld habe „er sich als ein tüchtiger Beamter bewährt und allgemeines Vertrauen erworben. Die gesamte Bürgerschaft würde die Erfüllung unseres Wunsches mit Freuden begrüßen.” Kaum zwei Monate später, am 24. Januar 1883, unterzeichnete Kaiser Wilhelm die Urkunde: Ich will „ dem Bürgermeister Gerhard Bunnemann zu Bielefeld, im Regierungsbezirk Minden, hierdurch den Charakter als ‚Oberbürgermeister‘ in Gnaden verleihen.”

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Beglaubigte Abschrift der Verleihung des Titels „Oberbürgermeister” vom 24. Januar 1883. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, A 116.


Verrohrung der Lutter unterhalb der Dammmühle am Waldhof
Der Übergang von der Hoheits- und Vermögensverwaltung hin zur kommunalen Leistungsverwaltung, der bereits unter Oberbürgermeister Huber erfolgte, wurde unter Gerhard Bunnemann konsequent vorangetrieben. Beispielhaft sei hier die 1887 erfolgte Novellierung des Elberfelder Systems in der Armenpflege genannt. Diese hielt zwar weiterhin an der Ehrenamtlichkeit gewählter Armenpfleger fest, die Bedürftige in ihren Wohnungen besuchen sollten, ihre Anzahl wurde durch eine neue Festlegung der Armenbezirke und –reviere drastisch erhöht. Gleichzeitig wurde die Armenverwaltung im Rathaus professionalisiert. Ziel war es, dass „jeder einzelne Fall von einer Versammlung gewissenhafter und hilfsbereiter Männer gründlich beurteilt wird”; vorher waren Klagen laut geworden, dass die reine Ehrenamtlichkeit nicht ausreiche und der räumliche Verantwortungsbereich zu groß war, wodurch die Betreuung Einzelner zeitweise unmöglich erschien.

Im Bereich der kommunalen Daseinsvorsorge wurde in der Amtszeit Bunnemanns die Trinkwasserversorgung grundlegend modernisiert. Nach langwierigen Verhandlungen konnte am 1. Februar 1890 eine Wasserleitung in Betrieb genommen werden, die Bielefeld mit Trinkwasser aus der Senne versorgte. Diese Innovation stellte nun wieder die Abwasserentsorgung auf die Tagesordnung und mit ihre die systematische Planung einer Kanalisation. Bereits in den 1860er Jahren wurde die Kanalisationsfrage diskutiert, aber bis 1890 ad acta gelegt. Ihre Notwendigkeit wurde nicht bezweifelt, die Experten stritten aber darüber, ob Regen- und Schmutzwasser in getrennten oder in einem Kanal abgeführt werde sollten. Nach zum Teil hitzigen Diskussionen sprachen sich der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung im Januar 1893 für ein Mischsystem aus, was aber die Herforder in Harnisch brachte, weil sie zu Recht eine extreme Verschmutzung ihrer Gewässer durch die Aa befürchteten. Nach schwierigen Verhandlungen wurde 1897/98 die Kanalisation ausgebaut, mit der Verrohrung der Lutter im Stadtgebiet begonnen und die Rieselfelder in Heepen, die das Schmutzwasser reinigen sollten, in Betrieb genommen; allerdings ohne die vorgeschriebene behördliche Genehmigung.

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Verrohrung der Lutter unterhalb der Dammmühle am Waldhof (1902). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-2129-9


Das neue Städtische Krankenhaus
Einen kaum zu unterschätzenden Modernisierungsschub erlebte Bielefeld mit dem Elektrizitätswerk, das nach den Plänen von Carl Brüggemann aufgebaut und 1899 in Betrieb genommen wurde; private Haushalte standen dieser neuen Energieform allerdings skeptisch gegenüber und mussten erst durch Schulungen des neuen Betriebsamtes überzeugt werden. Das Elektrizitätswerk versorgte denn auch in den ersten Jahren vor allem Industrie und Gewerbe mit Strom und war nicht zuletzt notwendige Voraussetzung für die 1900 in Betrieb genommene Straßenbahn, die zunächst auf einer Linie fahrend Arbeiter von Schildesche und Brackwede in die Innenstadt und damit zu den Fabriken brachte.

Die Stadtverwaltung unter der Leitung von Oberbürgermeister Gerhard Bunnemann war an dem Aufbau des städtischen Betriebsamtes, den heutigen Stadtwerken, genauso beteiligt wie an der Modernisierung des Krankenhauses. Das „Bielefelder Krankenhaus”, das 1843 notdürftigst gegründet und nach einem Neubau seit 1856 als eine Stiftung geführt wurde, geriet in den 1880er Jahren an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Das Gebäude am Niederwall war ständig überfüllt, Patienten mit ansteckenden Krankheiten konnten kaum voneinander getrennt werden, die notwendigen finanziellen Mittel zur Beseitigung dieser Mängel konnte die Stiftung aber nicht mehr aufbringen. Nach dreijährigen Verhandlungen beantragte die Stiftung bei den aufsichtführenden Regierungsbehörden ihre Selbstauflösung und das Krankenhaus „in den Dienst der Stadt Bielefeld zu stellen”. Nun konnten überfällige Reparaturen ausgeführt werden. Gleichsam wurde mit den Planungen eines modernen Krankenhauses begonnen, das am 16. November 1899 auf dem Bielsteinkamp an Teutoburger und Oelmühlenstraße eröffnet wurde. War die Anstalt am Niederwall nicht mehr als ein Armenkrankenhaus, in das die Krankenkassen ihre versicherten Arbeiterinnen und Arbeiter und die kommunale Armenverwaltung ihre Klientel einwies, so wurde das neue Krankenhaus mit besonderen Zimmern auch vom Bürgertum aufgesucht. Die nach der Jahrhundertwende verzeichneten medizinischen Fortschritte in der Chirurgie und stationären Pflege trugen natürlich auch zur Akzeptanz des Krankenhauses bei.

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Das neue Städtische Krankenhaus. Die Oelmühlenstraße (vorne) und die Teutoburger Straße (rechts) waren noch nicht befestigt (1900). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr.11-1561-48


In ihrem Nachruf auf den verstorbenen Oberbürgermeister wies die sozialdemokratische Volkswacht auf die Bodenpolitik hin, in der Bunnemann trotz aller „Krähwinkelei […] die ersten größeren Versuche machte”; mit dem Begriff der Krähwinkelei machte sich die Zeitung über spießige Kleinstädter lustig. In der Tat nahm Bunnemann nach seiner Amtseinführung Gespräche mit der Gemeinde Gadderbaum-Sandhagen auf, deren Ziel die Eingliederung der Gemeinde in das städtische Gebiet war. Die Gespräche zogen sich jahrelang hin, und erst am 1. April 1900 erfolgte die Eingemeindung eines Teiles des Amtes Gadderbaum, wodurch das Stadtgebiet von 12,2 auf 14,5 Quadratkilometer vergrößert werden konnte. Bereits in den frühen 1880er Jahren hatte die Stadt kleinere und größere Flächen aus dem Landkreis erworben. So unter anderem den Ochsenberg und den Langen Grund, die bis dahin der Gemeinde Hoberge-Uerentrup gehörten und nun als Naherholungsgebiet genutzt werden sollten. Es sei „dringend wünschenswert”, hieß es 1882 im Verwaltungsbericht, „dass die Stadt jede Gelegenheit benutzte, ihren Bürgern, reich und arm, den freien und von keiner Bewilligung der Privatbesitzer abhängigen Genuss der Natur zur erleichtern und zu sichern.” Mit dem Ochsenberg könne die Stadtbevölkerung „ein Waldgrundstück ihr Eigen” nennen, das „mit einiger Liebe gepflegt, bald ein Ziel für die erquickendsten und beliebtesten Ausflüge werden kann.”

Auch die Sparrenburg, die 1879 von der Stadt erworben wurde, nachdem der Preußische Staat das Gelände nicht mehr als Gefängnis nutzen wollte, war seit den späten 1880er Jahren ein beliebtes Ausflugziel. Bei der Neugestaltung der Burganlage war die Stadt auf bürgerschaftliches Engagement angewiesen und fand vor allem in dem Historischen Verein einen in der Bevölkerung geschätzten Partner. Ein weiteres Glanzlicht städtebaulicher Entwicklung war die Planung des neuen Rathauses und der Bau eines Stadttheaters. Das Rathaus am Alten Markt bot schon seit Jahren nicht genügend Platz für die Stadtverwaltung, die in fünf verschiedenen Gebäuden untergebracht war. „Dieser Zustand war unhaltbar”, kommentierte die Westfälische Zeitung 1902, „er verwirrte die Bürgerschaft, die nicht genau wußte, wo dieses und jenes Amt zu suchen sei, und machte vor allem eine einheitliche Leitung der gesamten Magistratsgeschäfte unmöglich”. Das Rathaus, dessen Entwurf von dem Bielefelder Stadtbaumeisters Ernst Ritscher (1863-1924) stammte, wurde am 12. Oktober 1904 eingeweiht. Es sollte, so Gerhard Bunnemann, der Verwaltung für die kommenden 100 Jahre genügend Platz bieten. Hier irrte der Oberbürgermeister. Das Stadttheater, für dessen Bau die Bürgerschaft 170.000 Mark gespendet hatte, was etwa 30 Prozent der Baukosten entsprach, wurde bereits am 3. April 1904 mit Schillers „Jungfrau von Orleans” festlich eröffnet. In der repräsentativen Architektur am Schillerplatz spiegelte sich die Bedeutung der Industriestadt Bielefeld zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

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Rathaus und Stadttheater am Schillerplatz (1906). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr.11-1525-50


Das Grab von Gerhard Bunnemann auf dem Sennefriedhof
Hier stellt sich natürlich die Frage, ob Gerhard Bunnemann für die zwischen 1880 und 1910 beobachteten Veränderungen in Bielefeld, von denen nur eine Auswahl vorgestellt wurde, verantwortlich war. Im engeren Sinn sicher nicht. Aber Bunnemann war als Leiter des Magistrats und erster Repräsentant der Stadt an diesen Entwicklungen maßgeblich beteiligt, weil er ihnen in der Verwaltung die notwendige Relevanz gab. Der sozialdemokratischen Volkswacht war dieser Zusammenhang wichtig: Bunnemann gehörte zwar „nicht zu denen, die den großen Aufschwung und die damit verbundene Umwälzung voraussahen”, ist in ihrer Würdigung zu lesen, „aber trotzdem war er stets bereit, den kommenden Dingen freie Bahn zu schaffen.” Die respektvolle Verneigung der Bielefelder Sozialdemokratie vor dem verstorbenen Oberbürgermeister war nicht selbstverständlich. Schließlich war es Gerhard Bunnemann gewesen, der das erste und einzige Mal in der Bielefelder Geschichte 1885 das Militär um Hilfe gerufen hatte, als er durch den Streik in der Nähmaschinenfabrik Koch’s Adler die Sicherheit in der Stadt gefährdet sah. Die zum Teil blutigen Auseinandersetzungen hatten „das so nothwendige Vertrauen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern stark erschüttert”, war in den Verwaltungsberichten 1886 zu lesen. Zudem sei „der gute Ruf unserer Stadt Bielefeld in weiten Kreisen geschädigt” worden. Als nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes (1890) Sozialdemokraten Mandate in der Stadtverordnetenversammlung erhielten, lernten beide Seiten, dem politischen Gegner Respekt zu zollen.

Gerhard Bunnemann, dem auf Antrag des Magistrats und der Stadtverordneten der Titel „Geheimer Regierungsrat” verliehen wurde und der 1902 einen Sitz im Preußischen Herrenhaus erhielt, wurde 1904, obwohl bereits 62 Jahre alt, zum dritten Mal für weitere zwölf Jahre gewählt. Er nahm die Wahl an, bat aber einige Jahre später um die Versetzung in den Ruhestand. Dem Magistrat teilte er am 5. September 1910 mit: „Im nächsten Monat kann ich mein 68. Lebensjahr vollenden; meine Arbeitskraft hat abgenommen, der Unterschied zwischen Wollen und Können wird immer größer, auch bin ich mehrfach durch Krankheiten verhindert, mein Amt zu versehen. Die weitere Entwicklung der aufstrebenden Stadt fordert aber eine ungeschwächte Kraft an der Spitze der Verwaltung”. Der Magistrat nahm das Gesuch an. Zwei Wochen später stellte eine Gruppe von Stadtverordneten den Antrag, dem Oberbürgermeister „bei seinem Scheiden aus dem Amte, in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste um die Stadt Bielefeld, das Ehrenbürgerrecht zu erteilen.” Die Stadtverordnetenversammlung stimmte sogleich zu. Der aufwändig gestaltete Ehrenbürgerbrief, der nach einem Entwurf von Karl Muggly (1884-1957) von der Handwerker- und Kunstgewerbeschule gestaltet wurde und in einer „kostbaren Schweinsledermappe” lag, auf dem „das goldene mit Edelsteinen verzierte Stadtwappen” befestigt war, wurde ihm nach seiner Pensionierung am 1. April 1911 überreicht.

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Das Grab von Gerhard Bunnemann auf dem Sennefriedhof (2015). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 83-3-300


Dem überzeugten Monarchisten fiel der Niedergang des Kaiserreichs und der Übergang in die erste deutsche Demokratie der Weimarer Republik sicher schwer. Viele Bürger nahmen den Pensionisten als leidenschaftlichen Spaziergänger wahr, der immer Zeit für ein Gespräch hatte. Still wurde es um ihn, als seine Töchter Hedwig (1924) und Helene (1925) frühzeitig starben und er unter den Folgen eines Unfalls zu leiden hatte. Die Reaktionen auf seinen Tod am 22. Dezember 1925 zeigten aber, dass Bielefeld den hochgeschätzten Oberbürgermeister nicht vergessen hatte. Heute erinnert ein Platz in der Bielefelder Altstadt an den großen Bürger des 19. Jahrhunderts, der Bielefeld ins 20. Jahrhundert geführt hat.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 110: Bürgermeister (1853-1857)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 100,2/Ältere Akten, Nr. 111: Bürgermeisterwahl (1853-1880)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,3/Geschäftsstelle III, Nr. 12: Armenordnung (1879-1914)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 102,1/Oberbürgermeister, Nr. 1605: Verleihung von Ehrenbürgerrechten (1877-1989)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. A 116: Gerhard Bunnemann (1880-1929)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen: Bielefelder Generalanzeiger Volkswacht, Westfälische Neuste Nachrichten, Westfälische Zeitung (1880-1925)
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
  • Preußische Städteordnung und Novellierungen, in: Gesetz-Sammlungen für die Königlich-Preußischen Staaten 1853, 1856 (Landesgeschichtliche Bibliothek ZR 16)
  • Jahresberichte über den Stand und die Verwaltung der Gemeinde-Angelegenheiten der Stadt Bielefeld 1880-1910 (Landesgeschichtliche Bibliothek Z 40 Bie 6)


Literatur

  • Jürgen Büschenfeld, Die Stadt und ihre öffentlichen Dienste. Verantwortung für Bielefeld, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld 1214-2014, Bielefeld 2013, S. 154-167.
  • Andreas Kamm, Sparrenburg. Burg, Festung, Wahrzeichen, Bielefeld 2007.
  • Jürgen Reulecke, Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt/Main 1985.
  • Reinhard Vogelsang, Bielefelds Weg ins Industriezeitalter, Bielefeld 1986
  • Reinhard Vogelsang, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 2: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu Ende des Ersten Weltkriegs, Bielefeld 1988.
  • Bernd J. Wagner (Hg.), 100 Jahre Verantwortung für das Leben. Städtische Kliniken Bielefeld-Mitte 1899-1999, Bielefeld 1999.
  • Bernd J. Wagner, Opferfreudigkeit und Kunstsinn. Die Theaterfrage im Spiegel ihrer Finanzierbarkeit (1884-1918), in: Ravensberger Blätter, Heft 1, 2004, S. 14-28.
  • Heidrun Winkler, Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung als Probleme der Bielefelder Stadtpolitik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: 77. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, 1988/89, S. 105-172.


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