Stichtag 15. Januar 1857:
Die Ravensberger Spinnerei nimmt ihre Produktion auf

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibiliothek
Gesamtansicht der Ravensberger Spinnerei. Undatierter Stich von Albert Brager aus den 1870er Jahren; Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung 31-RS-1

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Die Öffentlichen Anzeigen für die Grafschaft Ravensberg blickten im Januar 1857 optimistisch in die Zukunft. Bielefeld müsse längst genannt werden, „wenn von einer lebhaften Entfaltung der westphälischen Industrie die Rede” sei. In rascher Folge seien dort mit Seidenwebereien, Maschinenbleichen und der Spinnerei Vorwärts „Fabriken” gegründet worden. Nun stände mit der Inbetriebnahme der Ravensberger Spinnerei eine weitere Gründung bevor, die den Wohlstand der Stadt mehren werde.


Geheimer Kommerzienrat Hermann Delius (1819-1894); Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung 61-4-15
In der Tat scheinen die Einwohner Bielefelds mit der Ravensberger Spinnerei etwas Besonderes, vielleicht gar einen Schritt in ein neues Zeitalter verbunden haben. Die Gründungsgeschichte liest sich, rückblickend betrachtet, wie eine gelungene Inszenierung. Im November 1854 trafen sich unter der Leitung von Hermann Delius mehrere Leinenhändler, um eine Spinnereifabrik in Bielefeld zu gründen. Seit Jahren hatte es in Bielefeld kontroverse Diskussionen über Vor- und Nachteile einer möglichen Mechanisierung des Textilgewerbes gegeben. Vor allem die jüngere Generation der Leinenhändler sprach sich für eine Mechanisierung nach Vorbildern in England und Flandern aus, während sich die Älteren nur zögerlich mit Modernisierungsmaßnahmen anfreunden konnten. Der erfolgreiche Start der Spinnerei Vorwärts an der Chaussee nach Brackwede, die 1850 von den ortsfremden Brüdern Carl und Theodor Bozi gegründet worden war und 1852 ihren Betrieb aufgenommen hatte, wird der Gruppe um Hermann Delius Vorschub geleistet haben. Die Leinenhändler beschlossen, eine Aktiengesellschaft mit einem Stammkapital in Höhe von 1 Million Taler zu gründen, das kurze Zeit später auf 2 Millionen Taler aufgestockt wurde. Die Firmengründer planten eine Fabrik, deren Größe von Beginn an eine hohe Rentabilität versprechen sollte. Die Handelskammer reagierte erleichtert. Sie leitete ihren Bericht für das Jahr 1854 mit dem berühmten Zitat aus Schillers Wallenstein ein: „Spät kommt ihr, doch ihr kommt.”


Mit Ferdinand Kaselowsky wurde einer der fähigsten Spinnereiexperten Preußens gefunden, der als technischer Direktor für den Aufbau und die Produktion der Spinnerei verantwortlich zeichnen sollte. Kaselowsky hatte in Preußen und England Techniken der Textilverarbeitung studiert und zahlreiche Patente auf den Weg gebracht. Er ließ ein für die damaligen Verhältnisse mächtiges Fabrikgebäude errichten, dessen Fassade sich seinen schlossähnlichen Charakter bis heute erhalten hat. Für die Architektur standen wahrscheinlich englische Vorbilder Pate, auch wenn nicht wenige in dem Gebäude die Spinnerei im schlesischen Erdmannsdorf zu erkennen glauben. Die Bauarbeiten waren bereits im Spätsommer 1856 abgeschlossen, Spinnereimaschinen, Transmissionen und die für die energetische Versorgung notwendige Dampfmaschine konnten installiert werden. „Am 15. Januar 1857, 5 Minuten vor ½ 6 Uhr abends, ging die große Maschine der Ravensberger Spinnerei in Bielefeld zum 1ten Mal”, schrieb Ferdinand Kaselowsky wohl nicht ohne Stolz für die Nachwelt in sein Tagebuch. Zwei Wochen später stand die offizielle Einweihung der neuen Fabrik auf dem Plan.

Alles, was in Bielefeld Rang und Namen hatte, pilgerte am 30. Januar zum ehemaligen Fabrikengarten. Unter ihnen war auch Friedrich Wilhelm Möller, der auf dem Kupferhammer in Brackwede eine Gerberei betrieb. Ausführlich berichtete er seinem Sohn Theodor, dem späteren preußischen Handelsminister, von diesem Ereignis in einem Brief: „Herr Commissionsrath Kaselowsky führte uns durch alle Räume der Spinnerei, wo die musterhafteste Ordnung herrschte. Wir durchwanderten das Flachsmagazin und lernte dort die vielerlei Sorten Flachs und Heede, nicht allein unserer Umgebung, sondern aus vielen anderen Ländern Deutschlands, aus Belgien, Holland, Rußland etc. kennen; dann besahen wir die Feuerungsräume, wobei die allerneuesten Erfindungen angebracht waren, vorzüglich bei den Vorwärmern und an dem Schornsteine, dessen Rauch wieder zurückgeführt wird, um nochmals verbrannt zu werden und trotz der ungeheuren Masse von verbrannten Kohlen fast unsichtbar aus dem Schornstein steigt.

Hierauf besichtigten wir die Holz- und Eisendrechseleien nebst Bohrmaschinen, womit die noch fehlenden Maschinentheile, namentlich die Spindeln verfertigt werden, und diese Maschinen arbeiteten mit einer musterhaften Genauigkeit und Leichtigkeit. Darauf besahen wir die verschiedenen Flachsvorbereitungsmaschinen, als die Flachsschwingerei, Hechelei, Carderie, Schneiderei etc., alles durch die Dampfmaschine in Bewegung gesetzt.


Darauf nahmen wir die allgemein bewunderte große Dampfmaschine von 250 Pferde Kraft in Augenschein, deren Gang ausgezeichnet ist und die ihresgleichen in Deutschland suchen wird. Zuletzt begaben wir uns die Spinn- und Haspelsäle selbst, wo schon ca. 5000 Spindeln aufgestellt und bereits 1100 in den Gang gesetzt waren; wir konnten uns davon lange nicht trennen, um die verschiedenen Manipulationen kennen zu lernen. Die 3 Stunden, welche wir bei dieser Besichtigung zugebracht hatten, waren uns so kurz vorgekommen, daß wir uns wunderten, als es 4 schlug, während das Festessen bei Bückardt um 3 ½ Uhr bestellt war.”

Die Eröffnungsgesellschaft versammelte sich in der Gartenwirtschaft des Gastwirtes Friedrich Wilhelm Louis Bückardt, der diese bis 1872 auf dem Gelände der Ravensberger Spinnerei an der Heeper Straße betrieb. Bei Bückardt, so berichtete Möller seinem Sohn, „wurden recht schöne Toaste auf das Aufblühen der ravensberger und deutschen Industrie ausgebracht, wobei die Jugend angefeuert wurde, dem Fortschritte zu huldigen und das nachzuholen, worin uns die Engländer bisher so weit voraus waren.”

Die Zeitgenossen hegten am Abend des 30. Januar 1857 keine Zweifel, dass mit der Ravensberger Spinnerei nicht nur eine neue Fabrik gegründet worden war, sondern eine neue Zeit begonnen hatte. Diese Aufbruchstimmung wurde in einer bis dahin in Bielefeld nicht für möglich gehaltenen Art und Weise inszeniert. Voller Begeisterung berichtete Möller: „Abends war uns zu Ehren die Spinnerei aufs Brillanteste mit Gas erleuchtet, so daß es auf dem [gut 300 Meter entfernten] Bielefelder Wall ganz hell wurde.”


Anzeige in den Öffentlichen Anzeigen für die Grafschaft Ravensberg vom 4. Februar 1857; Stadtarchiv Bielefeld, Zeitungsbestand

Das Interesse an der Ravensberger Spinnerei war groß. Vor allem Aktionäre wollten sich auch nach der offiziellen Eröffnung ein Bild von ihrer Kapitalanlage an Ort und Stelle machen. Um die Produktion bzw. „innere Ordnung” der Fabrik, wie es 1857 hieß, gewährleisten zu können, verkündete der Verwaltungsrat noch am 30. Januar, den „Zutritt fernerhin nur nach zuvor eingeholter Genehmigung der Direction” zu gestatten.

Die Ravensberger Spinnerei entwickelte sich bereits in den 1860er Jahren zur größten Flachsgarnspinnerei Deutschlands. Und Hermann Delius war davon überzeugt, dass in Großbritannien nur die Spinnerei von Marshall in Leeds besser eingerichtet war als das Bielefelder Etablissement. In Bielefeld zählte die Ravensberger Spinnerei von Beginn an zu den großen Arbeitgebern der Stadt, wo vor allem Frauen Beschäftigung fanden. Die harte Arbeit an den Nassspinnsegmenten oder in der Karderie forderte aber ihren Tribut: Sie war gekennzeichnet von hoher Fluktuation. Wenn in der heimischen Wäscheindustrie die Konjunktur anzog, verließen viele Frauen die Spinnerei. Die Ravensberger Spinnerei musste bereits seit den 1860er Jahren Arbeiterinnen anwerben, die nicht selten als 14- bis 16-jährige Mädchen aus den östlichen Provinzen Preußens nach Bielefeld kamen.


Spinnsaal in der Shedhalle in den 1950er Jahren. Hier ist heute die Dauerausstellung des Historischen Museums untergebracht; Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung 31-RS-12

Die wirtschaftliche Bedeutung der Ravensberger Spinnerei für die Stadt und die ostwestfälische Region war über 100 Jahre lang unbestritten. Erst mit der seit den frühen 1960er Jahren einsetzenden Krise der europäischen Textilindustrie, der bis in die 1970er Jahre hinein hunderttausende von Arbeitsplätzen zum Opfer fielen, setzte auch in Bielefeld eine Entwicklung ein, die letztlich zum Konkurs des traditionsreichen Unternehmens führte. Zunächst versuchte die Firmenleitung, die Produktion der Spinnerei in einem neuen Werk im Süden Bielefelds, in Ummeln, zu verlagern. Das etwa 61.000 Quadratmeter große Fabrikgelände an Heeper und Bleichstraße wurde an die Stadt Bielefeld erkauft, die Produktion eingeschränkt aber noch bis 1971 in den alten Gebäuden aufrechterhalten. Aufgrund der verschärften Strukturkrise in der Textilindustrie, dem zu langen Festhalten an der Leingarnproduktion und letztlich auch der außerordentlich hohen Investitionen, deren Rentabilität Grenzen gesetzt waren, machte die Spinnerei weiterhin hohe Verluste. 1988 beantragte der Vorstand den Konkurs.

Als die Stadt Bielefeld 1968 das traditionsreiche Fabrikgelände der Ravensberger Spinnerei übernahm, war der Abriss bereits beschlossene Sache. Hier sollte das Verkehrskreuz eines innerstädtischen Stadtringes entstehen. Langjährige Bürgerproteste, die den Erhalt des Geländes und die Einrichtung eines Kulturzentrums forderten, führten nach vielen Jahren zu einem Einlenken von Politik und Verwaltung. Der Architekt Peter Obbelode wurde mit dem Umbau der ehemaligen Fabrikgebäude beauftragt. 1986 zog die Volkshochschule in das Hauptgebäude, 1994 das Historische Museum in die Shedhalle; ein Jahr später wurde mit der Karderie ein Raum für Sonderausstellungen eröffnet. Ebenfalls 1995 erhielt das Museum Huelsmann mit der Direktorenvilla ein einzigartiges Gebäudes. Der Industriestandort von Rang hat sich zu einem nicht minder wichtigen innerstädtischen Kulturtreffpunkt gewandelt.


Literatur

  • Ditt, Karl, Industrialisierung, Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung in Bielefeld 1850-1914, Dortmund 1982
  • Schröter, Hermann, Briefe von Friedrich Wilhelm Möller an seinen Sohn Theodor Adolf, späteren preußischen Handelsminister von Möller, in: 65. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (1968), S. 139-269, hier S. 149 f.
  • Ukena, Dirk/Hans J. Röver (Hg.), Die Ravensberger Spinnerei. Von der Fabrik zur Volkshochschule. Zur Umnutzung eines Industriedenkmals in Bielefeld, Hagen 1989
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 2, Bielefeld 1988
  • Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. 3, Bielefeld 2005


Quellen

Stadtarchiv Bielefeld, Ravensberger Spinnerei 56
Stadtarchiv Bielefeld, Geschäftsstelle XII, 171
Stadtarchiv Bielefeld, Zeitungsbestand
Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung 31-RS-1
Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung 31-RS-12
Stadtarchiv Bielefeld, Fotosammlung 61-4-15



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