Weddings Muschelsaal

Vogteistraße / Ecke Altenhagener Straße
Historische Aufnahme des Muschelsaals

Historische Aufnahme des Muschelsaals

"Weddings Muschelsaal" wurde 1903 bis 1904 als Festsaal durch den Heeper Gastwirt Friedrich Wedding erbaut. Das im Ortskern von Heepen am Tieplatz gelegene Grundstück, auf dem sich Weddings Muschelsaal befindet, wurde ursprünglich am 11. März 1743 durch den Chirurgus Johan Daniel Weddigen "für 80 guthe Reichsthaler" erworben. An dieser Stelle hatte ursprünglich die Dorfschmiede gestanden, die nach ihrem Abriss etwa einen halben Kilometer westlich an der Straße nach Bielefeld wieder aufgebaut wurde. Johan Daniel Weddigen verfügte nicht nur über Wissen und Fähigkeiten auf heilkundlichem Gebiet, sondern brannte auch Schnaps – nicht nur für den Eigenbedarf. Der Bäckerei, die sein Enkel Conrad Weddigen betrieb, wurde um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert ein Schankbetrieb "Gasthof zur Linde" angegliedert. Dort, wo später der Muschelsaal stehen sollte, befanden sich zunächst die Backstube und der Mehlspeicher.

Die alte Bäckerei wurde abgerissen und Friedrich Wedding ließ 1903 an den Gasthof einen großen Tanzsaal anbauen, der im Jahr 1904 von einem aus dem Nordseebad Büsum stammenden Malermeister namens Externer LinkBernhard Busch mit Muscheln ausgeschmückt wurde.


Bild aus Muscheln mit Schiff und Leuchtturm.

Der Enkel des Muschelkünstlers beschreibt seinen Großvater als außergewöhnlich kreativen Menschen, der sich in Zeiten, in denen die Arbeitsaufträge rar waren, gerne mit der Verarbeitung von Muscheln befasste. Er fertigte neben anderen Gebrauchsgegenständen Haarnadeln aus Muscheln an und verzierte sein Elternhaus. Schließlich ließ er sich die Arbeitstechnik der Wanddekoration mit Muscheln beim Kaiserlichen Patentamt Berlin patentieren. Da letztlich der Erste Weltkrieg dem kreativen Schaffen des Bernhard Busch ein jähes Ende setzte, wurden insgesamt nur vier Objekte mit Muscheln ausgeschmückt: 1901 gestaltete er in seinem Heimatort Büsum das Schloss am Meer (eine Wand des inzwischen abgerissenen Schlosses kann in der Kurverwaltung Büsum besichtigt werden) und später das Restaurant Externer LinkKolles Muschelsaal, sowie einen weiteren Saal in Leipzig, der ebenfalls nicht mehr existiert und 1904 den Tanzsaal des Gasthof Wedding - Weddings Muschelsaal - in Heepen, welches die größere der beiden erhaltenen Arbeiten ist.

Malermeister Busch kaufte im Hamburger Hafen ganze Schiffsladungen von Muscheln für die Dekorationen. Aus Hamburg sollen damals per Bahn Wagenladungen mit Muscheln, die aus der Südsee – man mutmaßte auch Tonga - stammen sollten, in Heepen angekommen sein. Tatsache ist: Es handelt sich um tausende und abertausende von Muscheln unterschiedlichster Art und Couleur, die aus aller Welt oder besser aus allen Weltmeeren stammen, weil sie von Kapitänen von ihren Reisen mitgebracht wurden. Besagter Malermeister Busch gestaltete nun kunstvoll die Wände mit Mosaiken , Ornamenten und Bildern aus Muscheln. Die Motive und Ornamente wirken teilweise wie Kassetten, da die Wandfläche an einigen Stellen von Säulenelementen unterbrochen wird. Die Innenseiten unzähliger großer Muscheln geben den Blick auf glänzendes Perlmutt frei.



Muschelbild mit dem Stadtwappen der Satdt Bielefeld.

Stadtwappen

Über der Bühne prangt eine große ovale Applikation in Form des Bielefelder Stadtwappens, welche links und rechts von zwei runden Ornamenten eingerahmt wird. In der Mitte der rechten Wand vis á vis der Fensterfront – befinden sich "in trauter Zweisamkeit" und - würde der Betrachter versuchen nach der Größe zu werten – völlig gleichberechtigt nebeneinander, inmitten von vertikal und parallel zu Wand, Decke oder Konturen auch horizontal angelegten Muschelreihen, zwei runde Muschelmosaike mit Stadtansichten: links ist die Sparrenburg als Wahrzeichen der Stadt Bielefeld dargestellt und rechts bildet das Pendant, welches offensichtlich die Verbundenheit des ausführenden Künstlers zu seinem Heimatort ausdrücken soll, eine von der Meerseite aus dargestellte Ansicht der Strandpromenade des Nordseebades Büsum mit drei Segelbooten im Vordergrund. Geht man davon aus, die verbliebene Wandfläche an der Stirnseite des Saales stellt das offene Meer dar, so entdeckt das interessierte Auge ferner ein prächtiges Segelschiff und ein Kriegsschiff der wilhelminischen Flotte.
Das Parkett soll seinerzeit aus jugoslawischer Eiche hergestellt worden sein, wurde aber 1987 im Zuge der Restaurierungsarbeiten erneuert.

Die Kapazität des Muschelsaals betrug bei reiner Bestuhlung 600 – saß man an Tischen 300 – Personen.
Der außergewöhnliche und zugleich prächtige Saal diente über Jahrzehnte hinweg als Ort, an dem große Tanzveranstaltungen, Feste, Ausstellungen und Aufführungen stattfanden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass diese Lokalität nicht nur Bielefelder, sondern auch Menschen sowohl aus dem benachbarten als auch weiter entfernt gelegenen Umland nach Heepen lockte. Noch heute hört man mitunter in Erzählungen der älteren Generation von Begebenheiten, die sich in und um den Muschelsaal herum zutrugen.

Seit der Wiedereröffnung im Jahr 1987 wurde Weddings Muschelsaal bis 2014 von einer Tanzschule genutzt und befindet sich zurzeit in Privatbesitz.

Außenansicht Muschelsaal
› Wissenswertes:
Die Muschel gilt als typisches Stilelement des Barock, das in den Palästen schillernder historischer Persönlichkeiten zu finden ist. Kurfürst Friedrich
August I (August der Starke) verwendete es in seinem Palast in Dresden - dem Dresdener Zwinger - ebenso, wie Ludwig der XIV, der als Sonnenkönig in die Geschichte einging, in seinem Schloss in Versailles / Rambouillet bei Paris.