Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den Judenpogrom
Rede von Oberbürgermeister Clausen

9. November 2013, Neues Rathaus, Großer Saal
Meine Damen und Herren!

Das Erinnern an die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ist ein stilles Gedenken. Ein Gedenken an die Nacht, als in Deutschland die Synagogen brannten. An die Nacht, als auch in Bielefeld die Synagoge brannte. Das ist nun 75 Jahre her.

Vorhin hat am Gedenkstein der ehemaligen jüdischen Synagoge eine Institution erstmals in dieser Form ihre Stimme erhoben, die an den Geschehnissen in Bielefeld nicht unbeteiligt war. Das Geschehen nicht verhindert, es durch Unterlassen oder aktives Tun sogar gefördert hat. Die Bielefelder Feuerwehr.

Ich möchte den Kameradinnen und Kameraden der Feuerwehr von Heute meinen Respekt für dieses Bekenntnis aussprechen. Es ist nicht einfach, damit umzugehen, dass die Vorgänger großes Unrecht verübt haben. Auch wenn dies schon eine oder mehrere Generationen her ist.

Es ist einfacher und bequemer, die Augen zu verschließen, zu schweigen und nicht daran zu denken – zu vergessen.

Umso mehr gebührt denjenigen unser Respekt, die irgendwann den Mut fassen, über diese Zeit zu sprechen. Das betrifft die Feuerwehr genauso wie jeden anderen Menschen. Dieser Respekt gebührt auch prominenten Familien unserer Stadt, die sich mit der Schuld ihrer Angehörigen auseinandersetzen. Gerade weil diese Auseinandersetzung nicht leicht ist, sollten wir diejenigen, die sie angehen, unterstützen – unaufgeregt, respektvoll und solidarisch.

Die Auseinandersetzung mit der Schuld von Vorgängern betrifft nicht nur die Feuerwehr oder wenige Prominente. Ich wage die Behauptung, dass wir letztlich alle aufgerufen sind, uns mit der Schuld unserer Vorgänger auseinanderzusetzen. Denn Täter und Schuldige wird es in fast jeder Familie oder zumindest deren Umfeld gegeben haben.

Nationalsozialisten, meine Damen und Herren, das waren Menschen wie Du und ich. Das war der Nachbar von nebenan, der Arbeitskollege, der Sportkamerad, der Onkel, Bruder, Großvater oder Vater. Mein Amtsvorgänger vor 75 Jahren war bekennender Nationalsozialist. Fritz Budde verstand sich als „Politischer Soldat Adolf Hitlers”. Dieser Geist, diese Leitidee herrschte hier im Rathaus länger als 10 Jahre.

Die Nationalsozialisten waren Schuldige. Weil sie aktiv mitgewirkt haben oder weil sie einfach weggeschaut und geschwiegen haben, aber mitgelaufen sind.

Gelegentlich lese ich etwas über die „Unmenschlichkeit” der Verbrechen oder auch über die Täter als die „Unmenschen”. Ich weiß, wie es gemeint ist. Es soll die Abscheu vor Tat und Täter betonen. Aber ich meide diese Begriffe. Denn sie verschleiern, dass es Taten von Menschen waren. Taten von Menschen, die man auch geachtet, verehrt oder geliebt hat.

Ich bin sehr dafür, die Menschlichkeit auch der Täter und Schuldigen zu betonen. Denn die Menschlichkeit des Täters ist die Voraussetzung dafür, dass er Verantwortung übernehmen kann. Ein Monster kann keine Verantwortung übernehmen – ein Mensch schon.

Die Menschlichkeit des Täters ist auch Voraussetzung dafür, dass wir aus seiner Schuld etwas lernen. Aus den Untaten eines Monsters können wir nichts lernen, denn wir sind ja keine Monster.

Die Täter waren als Menschen fehlbar und anfällig. Wir alle sind heute auch nicht unfehlbar. Wir sind anfällig und manipulierbar. Aber wir können aus den Fehlern unserer Vorgänger lernen. Das ist unsere Verantwortung, unsere Pflicht!

Meine Damen und Herren!

Als am 9. November 1938 die Synagogen brannten, zeigte das nationalsozialistische Regime, dass es willens war, seinen Antisemitismus in die Tat umzusetzen. Aus Schikane gegenüber Juden wurde Verfolgung, aus Vertreibung wurde Vernichtung.

Doch bereits weit im Vorfeld des 9. November wurden unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger diffamiert und stigmatisiert. Seit 1933 gab es eine Anzahl gegen die jüdische Bevölkerung erlassene Sondergesetze.

Am 17. August 1938 kam ein weiteres hinzu, über das bei der Aufarbeitung unserer Geschichte weniger berichtet wird. Deutsche Jüdinnen und Juden wurden verpflichtet, ab 1939 einen ergänzenden Vornamen zu führen. Männer mussten den Namen „Israel” führen und Frauen „Sara”.

Am 18. Oktober 1938 ging beim Standesamt Bielefeld der erste Antrag auf Beischreibung eines jüdischen Zwangsvornamens ein. Das Gesetz wurde noch weiter verschärft mit dem Ergebnis, dass Juden nur noch bestimmte – als jüdisch eingestufte – Vornamen tragen durften. Letztlich blieben 185 männliche und 91 weibliche Vornamen übrig. Wer keinen dieser Vornamen trug, war zur Annahme eines Zwangsnamens verpflichtet.

Mit der Überschrift „Keine Tarnung mehr” veröffentlichten die Westfälischen Neuesten Nachrichten eine komplette Namensliste, das Standesamt Bielefeld setzte die Gesetze ohne zu Hinterfragen um, sämtliche Behörden und Dachorganisationen – vom Finanzamt bis zur Handwerkskammer – arbeiteten an der Umsetzung mit und wurden somit Teil dieses perfiden Systems.

„Ab heute heißt du Sara”! Schülerinnen und Schüler der Hans-Ehrenberg-Schule haben sich intensiv mit dem Lebensschicksal von Inge Deutschkron beschäftigt. Wir sehen gleich noch Szenen aus dem gleichnamigen Theaterstück.

Wir sind heute zusammengekommen, um uns gemeinsam zu erinnern. Wir möchten der Opfer der Shoa gedenken. Wir möchten die deutsche Geschichte in Erinnerung rufen und dazu auffordern, sich dieser Geschichte bewusst zu werden. Wir möchten aus der Vergangenheit lernen und für die Zukunft mahnen.

Wie gehen wir aber heute mit Menschen um, die einen anderen Glauben haben? Oder eine andere Nationalität, Kultur oder Hautfarbe? Wie gehen wir heute … mit unseren Mitmenschen um?

Es ist eine traurige Tatsache, dass jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch ist. Bis weit in die Mitte der Gesellschaft gibt es eine verbreitete Gewöhnung an alltägliche judenfeindliche Tiraden und Praktiken. Heute stand in der Zeitung, dass nach einer groß angelegten Umfrage 44 % der befragten jüdischen Bürgerinnen und Bürger in Europa meinen, dass der Antisemitismus in den letzten 5 Jahren zugenommen hat. In Deutschland leben 120.000 Jüdinnenund Juden. Jeder Dritte macht sich hier Sorgen über eine deutliche Zunahme der Ressentiments.

Auch rechtsextreme Einstellungen sind bei weitem kein Randproblem.
Nach einer Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem vergangenen Jahr steigt der Anteil der rechtsextrem Denkenden weiterhin. Oder sollte ich sagen steigt wieder?

Bezogen auf ganz Deutschland haben neun Prozent der Bevölkerung ein rechtsextremes Weltbild. Rund 25 % der Deutschen sind darüberhinaus grundsätzlich ausländerfeindlich eingestellt. Das ist jeder Vierte!

Es ist erst wenige Wochen her, da protestierten einige Hundert – glaubt man den Medienberichten - unbescholtene Bürgerinnen und Bürger gegen ein Asylbewerberheim im erzgebirgischen Schneeberg. Gemeinsam riefen sie „Wir sind das Volk”. Es gründete sich eine Bürgerinitiative „Schneeberg wehrt sich”.

Initiiert wurde die Aktion von der NPD – offiziell jedoch gemeldet als überparteiliche Veranstaltung. Viele sind mitgerannt. Und wieder ist zu erkennen: Wir alle sind manipulierbar und erkennen die Gefahr auf dem rechten Auge nicht oder nur schwer.

Auch in Bielefeld haben Ende August braune Rattenfänger vor der Hicret-Moschee in Brackwede und vor dem AJZ ihre kruden Parolen verkündet. Sie haben auch die Massen mobilisiert – aber andere als sie planten.

In Bielefeld gingen viele hundert friedliche Gegendemonstranten auf die Straße. Sie haben gezeigt: In Bielefeld wollen wir keine Nazis und wir haben auch keinen Platz für Nazis! Mich hat die Reaktion der Bielefelder Bürgerinnen und Bürger mit Stolz erfüllt.

Meine Damen und Herren!

Millionen von Menschen sind weltweit auf der Flucht. Aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Ich glaube nicht, dass ein Mensch grundlos aus seiner Heimat flieht. Ohne Grund setzt man nicht sein Leben aufs Spiel, verlässt die Familie und auch die eigenen Wurzeln.

Am Donnerstag war ich Gast in Gütersloh als Kofi Annan mit dem Reinhard Mohn-Preis ausgezeichnet wurde. Kofi Annan berichtete von seiner Arbeit. Er stellte die Zusammenhänge zwischen unserem Leben in Reichtum und dem Elend in anderen Teilen der Welt dar. Er forderte auf, Politik grundsätzlich und nachhaltig „menschlich” zu orientieren. Es kommt darauf an, den Menschen in den Mittelpunkt zu rücken.

Ich will in dieser Stunde nicht die Einwanderungspolitik Europas oder Deutschlands beleuchten. Da gäbe es viel zu sagen.
Aber ich will wenigstens auch heute dafür werben, dass wir mit den Menschen, die auf ihrer Flucht zu uns nach Bielefeld gekommen sind, anständig umgehen. Das ist unsere Verantwortung in Bielefeld. Da dürfen wir uns nicht hinter anderen verstecken.

Bei der Unterbringung von Menschen, die hierher geflüchtet sind, sollten wir die gleichen Standards anlegen wie bei einheimischen Wohnungslosen. Mich erstaunt, dass diese Standards nicht verbindlich geregelt sind.

Da regelt die EU den Krümmungswinkel von Salatgurken und der Bund die Mindestgröße von Hundezwingern, aber die Standards der Unterbringung von Asylbewerbern und Flüchtlingen regelt niemand.

Ich finde jedenfalls, dass der Fluchthintergrund keine Standardabsenkung gegenüber den einheimischen Wohnungslosen rechtfertigt. Ich bin sehr froh, dass der Rat der Stadt am Donnerstag diese Position einvernehmlich unterstützt hat. Der Streit über den Standort sollte nicht verdecken, dass über die grundsätzliche menschliche Ausrichtung unserer Politik in Bielefeld Einigkeit besteht.

Meine Damen und Herren!

Ich gehe heute im Rahmen dieser Gedenkveranstaltung auch auf aktuelle Bezüge ein, weil das Gedenken an die Vergangenheit uns mahnt, in der Gegenwart achtsam zu sein.

Mindestens sechs Millionen Menschen sind dem Holocaust zum Opfer gefallen, nur wenige unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger konnten entkommen. Das geschehene Leid und das Unrecht können wir nicht rückgängig machen.

Aber wir sind aufgefordert, daraus zu lernen. Dafür Sorge zu tragen, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Dies ist nicht nur unsere moralische Verpflichtung, sondern dies sind wir den Opfern der Shoa schuldig.

Wir müssen aufmerksam sein, immer.

Wir müssen die ersten Warnsignale sehen und sie verstehen. Wir müssen uns einmischen, Courage zeigen und sie fördern. Wir sind der „Menschlichkeit” verpflichtet und müssen die Achtung unserer Grundwerte durchsetzen. Das erfordert Sensibilität, Klugheit und Stärke – von uns allen!

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!