Vor-Ort-Reportage

von Reinhard Brockmann, WESTFALEN-BLATT Bielefeld (Text und Foto)
Petit-Goave. Petit-Goave im Westen Haitis hat Glück gehabt. Der Bezirk hat nicht so viele Opfer zu beklagen wie etwa Leogane 30 Kilometer weiter, wo 90 Prozent alle Häuser zerstört sind. Glück gehabt, das heißt in Haiti »nur« 500 Tote.
Beim großen Beben am 12. Januar 2010 versank ein ganzer Küstenstreifen im Meer. Die Häuser vorn an der Wasserlinie sackten ruckartig ab. Das Nachbeben am 20. Januar fand direkt unter Petit-Goave statt mit einer Stärke von 5,9 auf der Richterskala. Aber da lebten die Menschen längst unter freiem Himmel. Glück gehabt?

Auf offenen Feld lebt seitdem auch Familie Sainvel. Wir treffen die 18-jährige Odanette mit ihrem 14 Monate alten Baby Manjapama Fontin im Notlager am Fort Liberté. Hierher, unterhalb der kleines Festung aus französischer Zeit, haben sich die Überlebenden aus den verschluckten Häusern gerettet. Darüber, wie es war, als der Boden verschwand, das Wasser kam, mag Odanetteund auch zwei Monate danach nicht genau berichten. Zu viele Verwandte kamen um, auch sagt sie, sie hätte vier Kinder »gehabt«. Dann wird ihre Stimme unhörbar leise.

Zu viel, genauer zu wenig ist auch danach geschehen. Denn durch ein dramatisches Missverständnis wurden die 4000 Überlebenden von der Küste schlicht vergessen. Erst 52 Tage später erreicht sie die internationale Hilfe.

»Cluster-Meeting« nennen die Hilfsorganisationen ihre Runden Tische. Beim Treffen des Sub-Clusters für den Bereich von Petit-Goave bis nach Leogane kurz nach dem Beben lagen alle Kundschafterberichte auf dem Tisch, jede Organisation erklärte, welche Teilaufgabe sie übernimmt. Es gab dutzende Aufgaben für hunderte Dörfer und alle griffen zu, aber keiner bemerkte, dass die Leute zwischen den Erhebungen am Fort Liberté leer ausgingen.

»Die Hügel waren voll von aufgespannten Betttüchern«, berichtet Rudolf Kögler. Sie schliefen auf dem nackten Boden, die Tücher gaben minimalen Schutz, berichtet der Projektleiter der Welthungerhilfe in Petit-Goave.

Am 3. März kam endlich Hilfe. 800 Planen wurden ausgegeben und weil sich jeweils sieben bis elf Personen darunter drängten, gehen die Helfer von 4000 zu versorgenden Menschen aus. Als am folgenden Tag die erste Nahrungsverteilung stattfindet, gibt es fast kein Halten mehr. In aller Frühe drängen sich die Menschen auf der unteren Wiese, wo der große weiße Lastwagen vorfahren soll.

Aus Erfahrung ist vorgesorgt worden. Ein gutes Dutzend Blauhelm-Soldaten aus Sri Lanka legt mit Stacheldraht eine Schleuse an. Nur wer sich geduldig in die endlos lange Schlange einreiht, soll auch etwas bekommen. Mehr noch. Nur die Frauen dürfen sich anstellen und je ein Paket abholen, für das sie vorher bereits einen Bon mit Stempel erhalten hatten.

Die Männer schauen grimmig drein, haben aber keine Chance. Zu oft waren bei anderen Verteilungen gerade die jüngeren unter ihnen erst ungeduldig und dann handgreiflich geworden. Vor allem drängten sie stets Frauen und Kindern beiseite.

Bei dieser Verteilung läuft alles wie am Schnürchen und erst, als alle Frauen versorgt sind, dürfen sich einige Herren der Schöpfung für die letzten 30 Kartons anstellen. Prompt wird es hektisch, ab nicht zu sehr, denn es gibt kaum noch etwas, was den Streit lohnt. Rudolf Vögler verspricht, »wir kommen wieder«, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Dass alles gutgegangen ist, ist keinesfalls selbstverständlich.

Längst sind die meisten mit ihren Paketen, gefüllt mit Bohnen, Reis und Öl unter den Planen am Fort Liberté verschwunden. Nur die Kinder sind noch in heller Aufregung. Sie werden den Tag nie vergessen, als die ersten Lebensmittelpakete kamen. Die Frauen entzünden kleine Holzkohlefeuer und die Männer palavern etwas abseits an einem vom Regen der Nacht durchweichten Hang. Endlich haben die 4000 Überlebenden von Petit-Goave wieder einmal Glück gehabt.