Lesung aus dem Werk „Kraft“ von Jonas Lüscher

22. Literaturtage Bielefeld: Die Kunst des Erzählens
Moderation: Harald Pilzer

Gelehrtenrepublik Tübingen. Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Walter Jens. Die Ehe am Ende. Finanzielle Sorgen. Innerhalb dieser Koordinaten bewegt sich Richard Kraft, seines Zeichens Rhetorikprofessor und Nachfolger von Walter Jens, als ihm, der Zufall will es, ein
ehemaliger Weggefährte aus der gemeinsamen Berliner Zeit, der eher zufällig zu Dissidentenehren gelangte und jetzt in Stanford lehrende ehemalige Kommilitone Istvan Pánczél aus Ungarn, eine Preisfrage übermittelt. 1 Million Dollar für die beste in 18 Minuten im Cemex-Auditorium der Stanford-University vorgetragene Antwort auf die von G.W. Leibniz inspirierte Frage, warum, wenn denn alles gut sei, und die Welt die beste aller denkbaren Welten, sie dennoch verbesserungswürdig sei? Ausgelobt durch den im Silicon Valley zu Reichtum gekommenen Digitalunternehmer Tobias Erkner. Für einen gewieften Gelehrten wie Kraft eigentlich ein Klacks, denn in noch nahezu jeder Runde konnte er mit steilen Thesen aufwarten und diese, wenn ihm auch die Zahlen fehlten, aus einem unerschöpflichen Theorievorrat des abendländischen Denkens garnieren und ausgestalten, was ihn wiederum ins Zentrum der Diskussion katapultiert. Jetzt aber in Stanford scheinen Kraft die Ideen und
Argumente auszugehen. Er wirkt überfordert, vom way of life, von der digitalen Welt, vom digitalen Fortschritt, zu dem er ein ambivalentes Verhältnis pflegt, denn einerseits hat er seine Habilitation dank eines Computers kommod erledigt, andererseits ist das digitale Zeitalter bislang Werke vom Schlage der Odyssee oder Hölderlins Hyperion schuldig geblieben. Kann Kraft dennoch seinen Restoptimismus aktivieren?
Ähnlich wie Wladimir Nabokovs unvergleichlicher, hochgelehrter Professor Timofej Pnin, der an einer mittelbedeutenden Universität in einem mittelbedeutenden US-Bundesstaat scheitert, versagt Kraft angesichts der Zumutungen einer neuen Welt, für die es ihm an einem Kriterien- und Erklärungssystem mangelt. Jonas Lüschers Akademikerroman ist amüsant, lehrreich und tragisch zugleich. Und er ist auf seine Art ein Zusammentreffen der Neuen Welt mit dem alten Europa; denn Kraft, der Ärmste, müht sich für seine Antwort einen europäischen Ton zu finden und dies ausgerechnet an einem Arbeitsplatz unter dem Porträt des spöttisch blickenden ehemaligen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld.

Musikalische Begleitung: Harald Kießlich, Akkordeon / Flügel
OrtStadtbibliothek
Neumarkt 1, 33602 Bielefeld
Externer LinkStadtplanausschnitt
Tel. 0521 / 515000, Fax 0521 / 513387
Rubrik Vorträge/Führungen/Lesungen
Internet PDF-Dokument https://stadtbibliothek-bielefeld.de/OPEN/Portals/0/PDF/P...
Veranstalter Stadtbibliothek Bielefeld
Termine
18.10.2017   19:00 Karten bestellen
Preise: € 8,00/ € 6,00
Erm. Preis (PG2) für Schüler, Studenten bis 27 Jahre, Azubis bis 27Jahre, Buftis u.Alg II-Empfänger

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