Eine Vorlesestunde im Seniorenheim

Jugendliche kommen mit der älteren Generation über Literatur ins Gespräch
Seniorinnen lauschen einer jungen Vorleserin
Manche Senioren freuen sich schon die ganze Woche auf die Vorlesestunden. 50 Jugendliche beteiligen sich an dem Modellprojekt "Bücher schlagen Brücken" und lesen regelmäßig älteren Menschen in Senioreneinrichtungen vor, und zwar im „Caroline-Oetker-Stift”, in der Senioreneinrichtung „Im Kapellenbrink” und der Seniorenresidenz "Carré am Niederwall". Auch Ronja Wichmann und Michaela Gessler vom Helmholtz-Gymnasium haben sich freiwillig für das Projekt gemeldet und zeigen, wie eine Vorlesestunden ablaufen kann.

"Ah, die Vorlesedamen." Ein paar ältere Damen nicken wohlwollend, als Ronja Wichmann und Michaela Gessler den Aufenthaltsraum betreten. Dienstag ist Vorlesetag in der Seniorenresidenz "Carré am Niederwall", darauf freuen sich manche Bewohner schon die ganze Woche. Stühle werden gerückt, Tee und Kaffee eingeschenkt, eine Frau mit Rollator kommt ins Zimmer, ein Mann schaltet sein Hörgerät ein. "Schön, dass sie alle wieder gekommen sind", sagt Ronja Wichmann und lächelt in die Runde. Sechs ältere Damen und zwei Herren nicken und sind gespannt, was die Jugendlichen diesmal mitgebracht haben. "Tante Wilma riecht nach Knoblauch", verrät Ronja Wichmann den Titel der ersten Kurzgeschichte. Dann fängt die 18-Jährige an, mit fester und gut verständlicher Stimme vorzulesen.

In dem Text von Gudrun Pausewang ist Tante Wilma entsetzt, dass eine türkische Familie in ihr Haus einzieht. Knoblauch, Flöhe und Geschrei, klagt sie ihrer Verwandtschaft - das gehe nicht. Entweder die Familie zieht aus, oder sie. Doch je länger die Türken im Haus sind, desto mehr Verständnis entwickelt Tante Wilma offenbar für die neuen Nachbarn, organisiert einen alten Kinderwagen für die kinderreiche Familie und probiert türkische Gerichte aus. Irgendwann tuschelt die Verwandtschaft: "Sie riecht nach Knoblauch, hast du es gemerkt?" Ein paar Zuhörerinnen kichern. "So ist das mit Vorurteilen. Haben Sie so etwas auch schon mal erlebt?", fragt Ronja. Schnell entspinnt sich ein kleines Gespräch, und auch nach den anderen Texten, die Ronja Wichmann und Michaela Gessler vorlesen, tauschen die beiden 18-Jährigen mit den zum Teil über 80-Jährigen Gedanken aus über Glaube und Glück, Armut und Ausländer, Verbrecher und Vorurteile.

Alt und Jung durch Literatur miteinander ins Gespräch bringen, das ist das Ziel des Leseprojektes, das in Bielefeld als Modellstadt gestartet ist. 50 Jugendliche aus der Bosseschule und den Gymnasien am Waldhof, Heepen und Helmholtz beteiligen sich und lesen regelmäßig in unterschiedlichen Senioreneinrichtungen vor. "Meine Großeltern wohnen weiter weg. Ich wollte mehr Kontakt zu älteren Menschen haben und erfahren, wie sie denken und was sie für Erfahrungen gemacht haben", erklärt Ronja Wichmann, warum sie an dem ehrenamtlichen Vorleseprojekt teilnimmt. Ähnlich ist die Motivation von Michaela Gessler. "Meine Großeltern leben in Polen, wir sehen uns nur einmal im Jahr", sagt die 18-jährige Schülerin, die sich mehr Begegnungen und Austausch mit der älteren Generation wünscht. Außerdem wird das freiwillige Engagement im Zeugnis vermerkt.

Auch die Seniorinnen und Senioren sind neugierig auf die Jugendlichen. "In welcher Klasse sind Sie denn?", fragt eine Dame. 12. Klasse Helmholtz-Gymnasium. "Da geht meine Urenkelin auch hin." Die Schülerinnen erzählen ein bisschen von ihrem Alltag und erfahren im Gegenzug etwas von den Geschichten und Schicksalen der älteren Bewohner, über den Verlust von Freunden oder des Lebenspartners, was es heißt, die eigene Wohnung aufzugeben.

"Das ist eine wunderbare Sache. Warum sollen Alt und Jung nicht nicht etwas zusammen machen", sagt Emma Treder, 94 Jahre alt. "Wollen Sie noch eine letzte Geschichte hören?", fragt Ronja. Allgemeines Nicken. Ja bitte. Die Geschichten haben dem Publikum gefallen, die Stunde ist schnell vergangen. "Wann kommen Sie mal wieder?", fragen die Zuhörer am Ende. Bald, versprechen die Mädchen. Nächste Woche sind erst einmal andere Jugendliche dran, aber vorgelesen wird auf jeden Fall.