Geschichte der Abwasserbeseitigung in Bielefeld

Können Sie sich vorstellen, dass es im Jahr 1850 weder eine öffentliche Wasserversorgung noch eine öffentliche Kanalisation gab? Stattdessen hatten die Häuser vor 160 Jahren Abtritte und Mistgruben, aus denen die Fäkalien abgefahren werden mussten.

Das von den Hausdächern abgeleitete Regenwasser wurde zusammen mit „nicht übelriechenden” Abwässern aus den Häusern durch Rinnen zum damals noch offenen Stadtgraben geleitet. Erst 1870 baute man in Bielefeld offene Kanäle, die jedoch noch nicht zusammenhängend waren. Sicher ist, dass es zu dieser Zeit Kanäle in der Obernstraße bis zum Neumarkt, in der Breiten Straße und an der Herforder Straße gab.

Die Städte wurden damals schnell größer, denn die Industrie bot Arbeitsplätze für die Bevölkerung. Wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, entstehen viele Abfallprodukte der Zivilisation wie Abwässer und feste Abfälle. Aufgrund schlechter hygienischer Bedingungen nahmen Cholera-Epidemien zu und die Kritik an den offenen Abwasser-Rinnen wurde lauter, zumal die Rinnen weder einheitlich gestaltet noch regelmäßig gewartet oder geleert wurden.

Im Jahr 1885 gab es erstmals Pläne für eine einheitliche, nach Schmutz- und Regenwässern getrennte, unterirdische! Kanalisation. Die Planung sah sogar einen Hauptsammler für Schmutzwässer an der Heeper Straße vor und die Zuleitung zu einer Kläranlage. Diese Planung wurde allerdings nie verwirklicht.




Klärteiche der Rieselfelder in Heepen 1950
Die Kläranlagen damals waren natürlich keine computergesteuerten High-Tech-Anlagen, sondern sogenannte Rieselfelder: Die gesammelten Abwässer wurden auf einem Feld verrieselt, d. h. großflächig relativ fein verteilt.

Der Boden diente als Filter: Feste Bestandteile aus dem Schmutzwasser blieben oben und das mechanisch gereinigte Wasser sickerte nach unten bis zum Grundwasser- oder wurde in einen Bach abgeleitet. Die Felder wurden an Bauern verpachtet, die dort Gemüse und Kartoffeln anbauten.

Mehrere Male pro Jahr wurde auf den einzelnen Feldern Abwasser verrieselt. Dabei waren die Zeitabstände zwischen Abwassergabe und Einsaat oder Pflanzung geregelt, denn man wollte sich vor Krankheitsübertragung schützen und eine Überdüngung vermeiden.

Heutzutage ist eine solch einfache Methode nicht mehr ausreichend, denn in unseren Abwässern sind Stoffe enthalten, die nicht durch einen Bodenfilter zurückgehalten werden. Würden sie in unser Grundwasser gelangen, so würde die gesamte Umwelt mit Mensch, Tier und Pflanzen darunter leiden. Außerdem produzieren wir viel mehr Abwässer als unsere Vorfahren im 19. Jahrhundert. Was heutzutage ein Klärwerk leistet, können Sie hier nachlesen.




Verrohrung der Lutter in der Ravensberger Straße 1898


Im Jahr 1896 zog in Bielefeld der abwassertechnische Fortschritt ein: Die Ingenieure des Stadtbauamtes erstellten eine Kanalplanung , die die Entwässerung des gesamten damaligen Stadtgebietes vorsah. Die gesammelten Abwässer sollten auf Rieselfeldern in Heepen gereinigt werden. Nach etwa sechs Jahren wurde das Kanalnetz fertiggestellt, bis 1902 baute man auch eine Überwölbung der bis dahin offen fließenden Lutter.

Im Stadt- und Landesarchiv finden sich weitere Hinweise auf den Bau von Kläranlagen in Sudbrack, Gadderbaum, Bethel und am Schloßhof. Dennoch wurde von der Bevölkerung in den Randgebieten noch bis 1935 über eine ungenügende Entwässerung geklagt. Auch anno dazumal hatte man schon mit Kellerüberschwemmungen zu tun, die heutzutage mit Hilfe von Rückstauverschlüssen vermieden werden können.