1. Januar 1837: Gründung der Firma Ferd. Lueder & Kisker

von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
Am 1. Januar 1837 kündigte Ferdinand Lueder in einem Rundschreiben die Gründung einer neuen Firma an: „Ich habe die Ehre, Ihnen hiermit anzuzeigen, dass mein Freund, Herr August Wilhem Kisker, am heutigen Tage als Theilhaber in das von mir unter der Firma von Ferd. Lueder & Co. geführte Fabrik-Geschäft tritt, und dass dasselbe von uns für gemeinschaftliche Rechnung unter der Firma Ferd. Lueder & Kisker auf demselben Fusse, wie bisher, fortgesetzt wird.” Und Ferdinand Lueder bat seine alten Geschäftsfreunde, das ihm „seither geschenkte Vertrauen auch auf die neue Firma zu übertragen.”



Die Firmengründer waren Experten mit unterschiedlichen Kompetenzen. Ferdinand Lueder war ein ausgebildeter Fachmann, der die Webtechniken aus dem Effeff kannte. Er hatte die von seinem Vater Carl Lueder in Brackwede gegründete Leinenmanufaktur nach Gadderbaum verlegt und unter dem Namen „Ferd. Lueder & Co.” betrieben. Mit August Wilhelm Kisker stand ihm ein ausgebildeter Kaufmann zur Seite, dessen Vater, Kommerzienrat Christoph Wilhelm Kisker, zu den führenden Leinenhändlern in Halle/Westfalen zählte.

August Wilhelm Kisker, der als fünftes von zehn Kindern 1812 geboren wurde, verließ bereits im Alter von zehn Jahren sein Elternhaus und zog ins thüringische Schnepfenthal, wo er fünf Jahre lang am philanthropischen Salzmanschen Institut unterrichtet wurde. Anschließend erhielt er eine fundierte kaufmännische Ausbildung bei einer mit seinem Vater befreundeten Firma in Antwerpen. Nach seiner Lehrzeit reiste er seit 1831 durch England, Irland und Schottland, lernte die Vorteile des Maschinen gesponnenen Garns und neuartige Webtechniken kennen, arbeitete aber auch zwei Jahre lang in einem Liverpooler Kaufmannshaus.

Thomas Welskopp stellt fest: „Diese Ausbildungszeit prägte Kisker beruflich wie charakterlich. Neben der Aneignung kaufmännischer Fertigkeiten waren es Beobachtungen des entwickelten, professionellen Geschäftslebens in England und Risikobereitschaft von Unternehmen in einer industrialisierenden Wirtschaft, die Kiskers Berufsauffassung beeinflußten.” Nach seiner Rückkehr 1835 absolvierte er zunächst den einjährigen Militärdienst beim Bielefelder Bataillon, bevor er mit Ferdinand Lueder die Firma gründete.

Die Firma wurde mit einem Kapital von 48.000 Talern ins Leben gerufen. Während Kisker für seinen Anteil ein Darlehen von seinem Vater erhielt, brachte Lueder das Grundstück in Gadderbaum, verschiedene Gebäude und Fabrikeinrichtungen mit in die Firma ein. Ein „Inventarium der Dammast Fabriek vom 1ten Januar 1837” erlaubt einen guten Einblick, wie groß die Firma im Gründungsjahr war. Zu dem Grundstück in Gadderbaum, das in den Akten als Nummer 13 der Bauernschaft Sandhagen bezeichnet wird, gehörte Ackerland, Garten und Hofraum, sodann „ein Wohnhaus, vorn von zwey Etagen; drey Weberwerkstätten, wovon eine von zwey Etagen; ein Kochhaus, einen Holzstall und eine Pumpe” sowie zwölf Betten für Gesellen. An Arbeitsgeräten wurden „Schierrahmen, Schierlatten und –spulen, Garntragen, Spulräder, mancherlei Zubehör von Garn- und Trockenstuben sowie Warenlager” aufgelistet. In den drei Werkstätten standen insgesamt 29 Webstühle. Hinzu kamen „mindestens 54 Webstühle, die in Wohnungen einzelner Weber in „Sandhagen, Gadderbaum, in der Altstädter Feldmark und im Siekerfelde” aufgestellt waren und in Heimarbeit betrieben wurden.


Bildbeschreibung

Rundschreiben über die Gründung der Firma Ferd. Lueder & Kisker (1937). Repro aus: Gerhard Schrader, 100 Jahre Bielefelder Leinen und Tischzeug.


August Wilhelm Kisker (1812-1881)
Während Lueder für die Beaufsichtigung der Produktion in Bielefeld verantwortlich zeichnete, versuchte Kisker vor allem im Ausland neue Abnehmer zu finden. Diese Reisen müssen sehr beschwerlich gewesen sein: Mit der Postkutsche reiste er nach Lyon, Straßburg, Marseille, Toulouse, Bordeaux, Paris, Lille, nach Antwerpen und Brüssel, nach Amsterdam und Rotterdam, aber auch nach Köln und Barmen, Hamburg und Bremen. Von seinen Reisen schrieb er zahlreiche Briefe, über die das Firmenarchiv Kisker verfügt.

Der Leinenhändler berichtete über getätigte Verkäufe, aber auch über Misserfolge, die er nach zeitraubenden Reisen verzeichnen musste. Eine besondere Aufmerksamkeit widmete er neuen Produktionsmethoden. Als in Bielefeld noch über die Zukunft der Handspinnerei gestritten wurde, konnte er in Frankreich und Belgien beobachten, dass die Qualität Maschinen gesponnener Garne durchaus konkurrenzfähig war.

In Brüssel besuchte er „ein neues Etablissement des Herrn Coquerill von Métiers Jacquard” die „durch Dampf getrieben” war. Aus Frankreich berichtete er, wie wichtig die Bleiche für qualitätsvolle Webereierzeugnisse war. Und nicht zuletzt erkundigte er sich nach den technischen Voraussetzungen für neue Webmuster. Kurz: August Wilhelm Kisker interessierte sich nicht nur für den Handel, den Verkauf seiner Produkte, sondern für den gesamten Herstellungsprozess.

So war es auch der Leinenhändler, der auf technische Modernisierung, aber auch auf Diversifizierung der Produkte drängte. Das war in den ersten Jahren nach der Firmengründung gar nicht so einfach, weil die Weberei nur über beschränkte Barmittel verfügte. Und da half auch nicht die vermögende Herkunft Kiskers. 1836 schrieb er an Ferdinand Lueder: „Mein Alter hat mich auf den Pot gesetzt & kein Geld wie versprochen gesandt”. Der Versuch, die „Konkurrenzfähigkeit seiner Produkte” zu verbessern, zahlte sich in den 1840er Jahren aus: 1841 stellte die Bielefelder Firma bereits sämtliche Damast-Tafelzeuge für die preußische Krone her und wurde 1843 zum königlichen Hoflieferanten ernannt.

Während die Verkäufe ins Ausland zurückgingen, nahm die Binnennachfrage zu und die Firma konnte in den 1840er Jahren bereits gute Gewinne erwirtschaften. Das Geld wurde reinvestiert. 1844 erwarb die Firma an der Ritterstraße ein Grundstück und verlagerte ihre Produktion in die Stadt. 1848 gründete August Wilhelm Kisker in Brackwede die Friedrich-Wilhelms-Bleiche und drei Jahre später erwarb er in Senne die Scherpelsche Bleiche, die er nach seinem Vater in Wilhelm-Kiskers Bleiche umbenannte. Nach der Gründung der Spinnerei Vorwärts durch die Brüder Carl und Gustav Bozi gehörte Kisker mit seinem Freund Hermann Delius 1854 zu den Gründern der Ravensberger Spinnerei.

Bildbeschreibung

August Wilhelm Kisker (1812-1881). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 61-11-122


Kontorhaus der Firma A. W. Kisker an der Ritterstraße 69 (um 1900)
Während Kisker sich um die Förderung der industriellen Entwicklung Bielefelds verdient machte, war die Arbeit in seiner Firma nicht frei von Konflikten. Die Geschichtsschreibung über die Leinen- und Damastweberei Lueder & Kisker weist auf das spannungsvolle Verhältnis der Firmeninhaber hin, das auch auf das Alter der Protagonisten zurückgeführt wird.

Als Kisker in die Firma eintrat, war er erst 25 Jahre alt. Sein Partner, Ferdinand Lueder, hatte dagegen das 50. Lebensjahr bereits überschritten. Während der Jüngere auf Erneuerung setzte und sich dabei nicht auf die kaufmännische Seite des Unternehmens beschränken, sondern die Firma als Ganzes einem stetigen Veränderungsprozess unterziehen wollte, beharrte der Ältere auf der Trennung der kaufmännischen und technischen Leitung und weigerte sich, sein Wissen mit dem Jüngeren zu teilen.

Sein 1855 geborener Sohn Wilhelm Kisker schrieb in seinen Erinnerungen, was sein Vater ihm über den Konflikt mit seinem Geschäftspartner erzählt hatte: „Unser Vater war in der Technik der Weberei, besonders der gemusterten Waren, vollkommen fremd. Er kannte von Hause und von seinen Reisen her Flachs und Flachsgarne gut, auch den schlichten Leinenstuhl, wie er sich damals noch fast in jedem Bauernhaus fand, aber alles weitere mußte er sich nun erst mühsam aneignen.

Lueder half ihm dabei nicht, sondern hatte augenscheinlich den Wunsch, dieses Fabrikationsgeheimnis für sich zu behalten. Von der Geheimniskrämerei der damaligen Zeit waren alle Einrichtungen und Einstellungen der Ware beherrscht, so daß es künstlich erschwert war, sich darin zurechtzufinden. Mit seinem klaren Kopf und eisernen Fleiß hat unser Vater sich aber auch in alle diese Dinge vollständig eingearbeitet, obwohl er das Fehlen technischer Vorkenntnisse dabei oft sehr bedauert hat.”

Die Spannungen zwischen den Geschäftspartnern verschärften sich im Verlauf der 1850er Jahre. Kisker berichtete, dass er „seine Stellung im Geschäft ‚mit dem Schwert in der Hand hätte erkämpfen müssen’”. Lueder widersetzte sich nicht nur den Vorschlägen Kiskers, sein Verhalten führte auch fast zu einer „gerichtlichen Liquidation” der Leinen- und Damastweberei, die dem Unternehmen „fast so verlustbringend” hätte werden können „wie ein gerichtlicher Konkurs”.

Da bei der Firmengründung kein Gesellschaftsvertrag abgeschlossen wurde, kostete es „bittere Kämpfe und Verhandlungen”, bis Ferdinand Lueder 1859 einer Trennung zustimmte. Die Weberei wurde am 1. Januar 1860 in „A.W. Kisker, Fabrik für Leinen und Tischzeuge” umbenannt. Lueder zog sich aus dem Geschäftsleben zurück und lebte bis zu seinem Tod in den frühen 1860er Jahre als Privatier in Bielefeld.


Bildbeschreibung

Kontorhaus der Firma A.W. Kisker an der Ritterstraße 69 (um 1900). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1707-6


August Wilhelm Kisker gehörte weiterhin zu den führenden Unternehmern Bielefelds. Er war stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrates der Ravensberger Spinnerei, gehörte 1862 dem „provisorischen Komitee” zur Gründung der Mechanischen Weberei und dem „Engeren Ausschuss” des Verwaltungsrates an. Bis 1865 war er Stadtverordneter und Presbyter der Altstädter Kirchengemeinde und förderte überdies den Neubau des Krankenhauses, das 1854 auf dem Grundstück des heutigen Alten Rathauses am Niederwall errichtet wurde.

Obwohl er zu den einflussreichsten Bielefeldern gehörte, musste er sich wegen einer schweren Erkrankung aus dem gesellschaftlichen Leben der Stadt zurückzuziehen. Seit den späten 1850er Jahren litt er unter einer Rückenmarkserkrankung, die, trotz häufiger Kuren, zuerst zu einer Lähmung, später auch zu einer Erblindung Kiskers führte. Den Velhagenschen Hof an der Renteistraße, den er 1864 erworben hatte, verließ er nur noch selten, hielt sich bei schönem Wetter in einem Rollwagen auf und ließ sich von seinen Kindern den Zustand des Gartens und des Hauses beschreiben.

Da seine Kinder noch recht jung waren, machte es seine Krankheit notwendig, 1871 seinen Freund Hermann Potthoff als Teilhaber in das Geschäft zu nehmen. August Wilhelm Kisker starb am 17. Februar 1881. Seine Firma wurde von Hermann Potthoff und seinem Sohn Wilhelm Kisker, der 1880 in das Unternehmen eingetreten war weitergeführt. Seit 1887 war auch sein zweiter Sohn Georg Kisker Mitinhaber der Textilfabrik. Unter ihrer Leitung expandierte das Werk mit neuen Produktionsgebäuden in Milse und Mennighüffen.

Die Strukturkrise der Textilindustrie ging auch an der Firma A.W. Kisker nicht vorbei. 1974 wurde der Geschäftsbetrieb eingestellt. Heute ist die Firma ein Bauunternehmen, das sich unter anderem auf die Revitalisierung von Industriebrachen spezialisiert hat.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung
  • Wilhelm Kisker, Erinnerungen, Kopie des Manuskripts von 1898 (Landesgeschichtliche Bibliothek L Kis 560 Wil 1)
  • Wilhelm Kisker, Ergänzung zur geschäftlichen Lebensbeschreibung meines Vaters, Kopie des Manuskripts von 1910 (Landesgeschichtliche Bibliothek L Kis 560 Wil 1)


Literatur

  • A.W. Kisker, in: Andreas Beaugrand (Hg.), Stadtbuch Bielefeld. Tradition und Fortschritt in der ostwestfälischen Metropole, Bielefeld 1996, S. 526 f.
  • Karl Ditt, Industrialisierung, Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung in Bielefeld 1850 – 1914, Dortmund 1982.
  • Gustav Engel, Ravensberger Spinnerei AG. Festschrift zum 100jährigen Bestehen, Bielefeld 1954.
  • Gustav Engel, Bielefelder Webereien Aktiengesellschaft. Festschrift zur Hundertjahrfeier, Bielefeld 1965.
  • Eduard Rothert, Die Familie Kisker, Düsseldorf 1906.
  • Otto Sartorius, 75 Jahre Bielefelder Aktiengesellschaft für Mechanische Weberei 1864-1939, Bielefeld 1939.
  • Gerhard Schrader, 100 Jahre Bielefelder Leinen und Tischzeug. Das Werden der Firma A.W. Kisker Bielefeld, Bielefeld 1937.
  • Thomas Welskopp, August Wilhelm Kisker (1812-1881), in: Jürgen Kocka/Reinhard Vogelsang (Hg.), Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsbiographien, Bd. 14: Bielefelder Unternehmer des 18. bis 20. Jahrhunderts, Münster 1992

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Bildbeschreibung

Der Kiskersche Garten an der Altstädter Kirchstraße mit dem Turm der Altstädter Nicolaikirche (um 1900). Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-51-28