Altes Rathaus

›› Dem Bürger ein Hort, Stätte für ein freies Wort, Der Stadt eine Zier, Steh ich hier ‹‹
(Rathausinschrift)
Das Alte Rathaus, das am 12. Oktober 1904 festlich eingeweiht wurde, ist ein weiteres, das Stadtbild prägende Gebäude. Es ist im freimaurerischen Baustil der „Alten königlichen Kunsttätigkeit” errichtet worden. Als ein Kommunalbau, der zugleich ein steinernes Lehrgebäude freimaurerischen Denkens und Handelns verkörpert, ist es in dieser Gesamtheit und Konsequenz einzigartig in Europa.



Historie

Durch neue Industrien hauptsächlich in den textil- und metallverarbeitenden Bereichen wuchs zwischen 1871 und 1900 die Bevölkerung der Stadt von 22.033 auf 63.046 Einwohner. Als Bielefeld am 1. Oktober 1878 die Kreisfreiheit erlangte und auf die Gemeinde ständig zusätzliche Aufgaben übertragen wurden, war ein Rathausneubau unumgänglich.

Anstatt das bestehende Rathaus aus den Jahren 1542 / 1821 (heute Theater am Alten Markt ) zu erweitern, wie öffentlich noch 1898 erklärt wurde, entschied man sich im Geheimen wohl schon wesentlich früher für einen Rathausneubau an der heutigen Stelle. Ein Photo des Oberbürgermeisters Bunnemann, das vor 1900 aufgenommen worden war, zeigt ihn in seinem Amtszimmer mit einem Bauplan des Neuen Rathauses im Hintergrund. Sowohl die Spitzenmitglieder des Magistrats, als auch der Stadtverordnetenversammlung müssen Freimaurer gewesen sein. Anders wäre es nicht möglich gewesen, einen kommunalen Zweckbau als steinernes Lehrgebäude freimaurerischen Denken und Handelns zu errichten.

Voraussetzung hierfür war die Genehmigung der Regierung, auf die Durchführung eines Architektenwettbewerbs verzichten zu dürfen. Außerdem musste ein geeignetes Grundstück gefunden werden, auf dem sich der Rathausneubau mit seinen Gebäudekanten nicht nur genau in West- / Ostrichtung, sondern mit entsprechend hohem Turm als Gegenstück zur Altstädter Kirche errichten ließ.

Nun begann ein für die Öffentlichkeit und die nicht Eingeweihten in Magistrat, Stadtverordnetenversammlung und Bauverwaltung „inszeniertes” Planungsverfahren mit Alternativvorschlägen und der Einholung eines Standortgutachtens für den Rathaus- und Theaterbau. Dieses wurde von dem renommierten Wiener Städteplaner Camillo Sitte erstellt, obwohl die detaillierte Gebäudeplanung in den Grundmaßen und der Raumaufteilung des Rathauses längst ausgearbeitet in der Schublade lag. Erwartungsgemäß sprach sich Sitte in seinem Gutachten in bester Freimaurerdiktion für den gemeinsamen Bau von Rathaus und Theater an dem heutigen Standort aus.

Jetzt wurde der Rathausneubau nach den Plänen der Bielefelder Architekten Fritsche und Herzbruch unter der Leitung des Stadtbaurates Ritscher in rund zweieinhalb Jahren errichtet. Gleichzeitig wurde das mit dem Rathaus verbundene Stadttheater errichtet, das kurz vor der Einweihung des Rathauses mit einem Festspiel eröffnet wurde.

In der Festschrift anlässlich der Einweihung des Rathauses am 12.10.1904 heißt es: „Die Architektur zeigt eine Mischung deutscher Renaissanceformen mit spätgotischen Motiven, wobei vielfach Anklänge an Bauformen aus der besten Zeit alter Bielefelder Kunsttätigkeit zu finden sind.”

Während aufgrund von Kriegseinwirkungen am eigentlichen Hauptgebäude keine größeren Schäden zu beklagen waren (allein der Rathausturm wurde durch eine Bombe zerstört), haben aus den unterschiedlichsten Gründen mit Beginn der Nachkriegsjahre zahlreiche, teils gravierende bauliche Veränderungen und die Erweiterung des Rathauses stattgefunden. Das wiegt umso schwerer, weil von den ursprünglich mehr als 2000 Originalplanzeichnungen nicht einmal 150 übrig geblieben sind.

Es folgten weitere Umbaumaßnahmen, so zum Beispiel auch 1953 der Umbau des großen Rathaussaales, bei welchem die kunstvolle Wandbekleidung dem Sinn fürs anscheinend Moderne weichen musste. Dieser Ratssaal wurde 2006/2007 erneut sehr aufwendig zu einem modernen, den heutigen Ansprüchen entsprechenden Sitzungssaal umgebaut.
Bei der Planung des Rathauses wurde aber nicht nur an die Arbeit, sondern auch an das Vergnügen gedacht. So wurde der Rathauskeller für gesellige Abende nach getaner Arbeit oder nach dem Theaterbesuch eingerichtet. Seit 1960 war im Rathauskeller eine Gaststätte untergebracht, derzeit herrscht wegen laufender Sanierungsarbeiten Leerstand (Stand März 2012).

2004 blickte die Stadt Bielefeld stolz auf die hundertjährige Geschichte ihres nunmehr Alten Rathauses zurück. Von 1979 bis 1985 wurde neben dem Alten Rathaus das Neue Rathaus errichtet.


Blick auf Altes Rathaus und Stadttheater im Dezember 2007

Blick auf Altes Rathaus und Stadttheater im Dezember 2007