Ravensberger Spinnerei


Die ehemalige Fabrikanlage der Ravensberger Spinnerei ist einschließlich der sie umgebenden großzügigen Parkanlage ein Denkmalkomplex mit hoher Bedeutung für die frühe Industrialisierung und Baugeschichte der Stadt Bielefeld im 19. Jahrhundert und von überregionalem Rang.


Gemeinsam mit der Volkshochschule, dem Historischen Museum, der Kunstgewerbesammlung der Stadt Bielefeld / Stiftung Huelsmann, dem Programmkino Lichtwerk, einem gastronomischen Betrieb, der Hechelei und der Einrichtung Arbeit und Leben sowie dem nördlich angrenzendem Freibad und der weiter östlich gelegenen Großsport- und Freizeithalle ist der Ravensberger Park ein beliebter Lern- und Erholungsraum für Alt und Jung.

Historie

Am 19. Februar 1855 genehmigte König Friedrich Wilhelm von Preußen die Gründung einer Aktien-Gesellschaft unter dem Namen Ravensberger Spinnerei. Zweck der Gesellschaft war die Errichtung von Hanf- und Flachsspinnereien und Webereien sowie die Produktion von Garnen und Geweben. Knapp zwei Jahre später wurde am 15. Januar 1857 um 5.25 Uhr die erste Schicht im neu erbauten „Fabrikschloss” an der Heeper Straße gefahren. Das Hauptgebäude ist 105 Meter lang, 20 Meter breit und 27 Meter hoch. Im Mittelbau war das Kesselhaus und in den flankierenden Flügeln die Spinnereisäle untergebracht.

Im Zuge der Vorbereitungen zur Aufstellung des Flächennutzungsplanes der Stadt Bielefeld wurde der Landeskonservator im Juni 1963 durch die Stadt über den Spinnerei-Komplex umfassend informiert. Offensichtlich hielt ihn der Landeskonservator nicht für denkmalswürdig, denn auch bei einer erneuten Überprüfung im Jahre 1967 wurde von ihm die Nichtaufnahme in die Denkmalschutzliste nicht beanstandet. Die Stadt ging deshalb davon aus, dass bei einer Überplanung dieses Bereichs denkmalpflegerische Gesichtspunkte keine Rolle spielen würden, denn aufgrund der ersten großen Textilkrise standen sämtliche Gebäude einschließlich der Freiflächen zum Verkauf an.

Im Jahr 1968 erwarb die Stadt das rund 6,1 Hektar große Gelände zu einem Preis von cirka sechs Mio. D-Mark. Neben der Realisierung einer seit 1954 projektierten Straßencityrandtangente waren ein Arbeitsamtsneubau und die Errichtung einer Stadt-/Freizeithalle vorgesehen.

Der Landeskonservator hielt nach erneuter Befassung im Jahr 1972 das Hauptgebäude für denkmalwürdig. In seinem Schreiben vom 20.11.1973 hält er die Unterschutzstellung des gesamten Ensembles für unabweisbar.

Zwischenzeitlich hatte sich bestehend aus allen Schichten und Gruppen der Bevölkerung im Oktober 1972 zur Rettung der „Grünen Insel” eine „Bürgerinitiative Spinnerei” gebildet, die sich mit beispiellosem finanziellen und persönlichen Einsatz engagierte. Als die Stadt im März 1976 einen Bebauungsplanentwurf vorlegte, in dem nach wie vor ein Straßenkreuz das Gelände zerschnitt, gründete sich ein „Förderkreis Bürgerzentrum Ravensberger Park”, der sich gemeinsam mit dem Verein „pro grün” diesen Planungen widersetzte. Im Oktober 1976 wurde deutlich, dass ein Straßenkreuz aus verkehrsplanerischer Sicht nicht erforderlich sei. Nachdem im Juni 1977 die Planungen durch Ratsbeschluss aufgegeben wurden, wurde der Architekt Peter Obbelode (†) im Oktober 1978 beauftragt, nach den Vorstellungen der Volkshochschule die Planungen für den Umbau des Hauptgebäudes in Angriff zu nehmen. Im Auftrag des Förderkreises entwarf der Planer Friedrich Spengelin ergänzend ein „Leitbild für die Nutzung des Geländes der Ravensberger Spinnerei und der Nachbarbereiche”.

1980 wurde mit dem Umbau begonnen, für den das Land einen Zuschuss von 12 Mio. DM bewilligte, während die Stadt weitere 14 Mio. D-Mark investierte. Nach fünfeinhalbjähriger Bauzeit wurde das einstige Fabrikgebäude, das den ursprünglichen Charakter bewahrt hatte, am 19. Januar 1986 in einem Festakt als „Haus der Weiterbildung” seiner Bestimmung übergeben.
Teils durch private, öffentliche oder Stiftungsmittel wurden nach und nach sämtliche Gebäude, sofern der Verfall noch nicht zu weit fortgeschritten war, wiederhergestellt und neuen Bestimmungen zugeführt.

Nutzungsübersicht der erhaltenen Gebäude der Ravensberger Spinnerei einschließlich der unmittelbar angrenzenden öffentlichen Einrichtungen:
Nutzungsübersicht (Planverfasser: Stadt Bielefeld, ISB Hochbau)
1 Hauptgebäude, 1855 - 1857 VHS, BBK
2 Werghechelei* und Karderie, 1892
Werkstätten und Schlosserei, beide 1860
Historisches Museum
3 Alte Hechelei, ca 1860 erw. 1894 Gastronomie
4 Tischlerei, 1860 Programmkino Lichtwerk
5 Ordnungsamt
6 Direktoren Villa, 1860 Kunstgewerbesammlung der Stadt Bielefeld / Stiftung Huelsmann
7 Remise und Weiße Villa, beide 1865 Bibliothek und Ausstellungsgebäude der Stiftung
8 Werkmeisterwohnhaus, um 1860 Arbeit und Leben
9 Parkpalette
P Polizei
A Arbeitsamt
W Freibad Wiesenbad
FH Fachhochschule


*) Werg= Flachs-, Hanfabfall