Ein Jahrzehnt „Dialog in Deutsch“ in der Stadtbibliothek: Sprache verbindet

| Bielefeld (bi)

„Dialog in Deutsch“ – das Konzept steht für offene Gesprächsrunden, in denen Menschen mit Migrationsgeschichte in kleinen Gruppen frei sprechen und ihre Deutschkenntnisse alltagsnah verbessern können, ganz ohne Hausaufgaben oder Leistungsdruck. Moderatorinnen und Moderatoren begleiten die Gespräche behutsam, erklären bei Bedarf Vokabular und sorgen dafür, dass jede und jeder zu Wort kommt. Ursprünglich in den Hamburger Bücherhallen entwickelt, hat sich das Modell auch in Bielefeld erfolgreich etabliert.

Vor genau zehn Jahren, am 3. Februar 2016, fand in der Stadtbibliothek Bielefeld der erste Termin „Dialog in Deutsch“ statt. Seitdem hat sich das Angebot zu einer gut besuchten und beliebten Veranstaltungsreihe entwickelt. Zu Beginn gab es drei Gruppen pro Woche, inzwischen finden an mehreren Tagen pro Woche Gesprächsrunden statt – ergänzt durch spezielle Angebote für ausländische Ärztinnen und Ärzte sowie für Menschen, die sich besonders für grammatische Feinheiten interessieren.

Mehr als 40 Personen engagieren sich ehrenamtlich im Projekt

Von Anfang an wurde das Projekt durch den Förderverein der Stadtbibliothek Bielefeld unterstützt. Hans Kroeger, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Fördervereins und Koordinator des ehrenamtlichen Teams „Dialog in Deutsch“, ist seit der ersten Stunde dabei und erinnert sich: Nach einem Besuch in der Stadtbibliothek Gütersloh, welche das Angebot ebenfalls früh in ihr Programm aufgenommen hatte, sollte das Modell auch in Bielefeld etabliert werden. „Schnell hatten wir rund zehn Ehrenamtliche zusammen und konnten starten“, sagt Kroeger. Mittlerweile ist das Team auf 40 Ehrenamtliche gewachsen.

Themen und Sprachübungen sind bewusst alltagsnah

Die Themen, die in den Runden zur Sprache kommen, sind vielfältig: Sie reichen von Alltagsfragen wie Essen und Trinken bis hin zu Politik, Kultur oder gesellschaftlichen Unterschieden – von ganz einfachen bis hin zu komplexen gesellschaftlichen Fragestellungen.

Svitlana Hurenko, Teilnehmende aus der Ukraine, berichtet: „In regulären Sprachkursen hat man oft nur begrenzte Möglichkeiten, gesprochenes Deutsch im freien Austausch zu üben.“ Genau hier setzt „Dialog in Deutsch“ an: Die Gesprächsrunden bieten einen geschützten Raum, in dem Sprachkenntnisse alltagsnah und ohne Leistungsdruck verbessert werden können. Die ehrenamtlichen Moderatorinnen und Moderatoren sprechen bewusst langsam und deutlich, erklären bei Bedarf neues Vokabular und nehmen sich Zeit, um Fragen zu klären oder Begriffe zu wiederholen. Gleichzeitig haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, ausführlich von ihren eigenen Alltagserfahrungen zu erzählen – ein wichtiger Schritt, um Sicherheit im Sprechen zu gewinnen. Auch Svitlanas Ehemann, Wolodymyr Hurenko, ist seit fast vier Jahren regelmäßig beim „Dialog in Deutsch“. Die Gespräche helfen ihm nicht nur dabei, seine Sprachkenntnisse zu verbessern, sondern auch, sich im Alltag besser zurechtzufinden und sich in die Gesellschaft zu integrieren.

Viele Teilnehmende berichten, dass „Dialog in Deutsch“ ihnen helfe, Einsamkeit zu überwinden und Kontakte aufzubauen – vor allem auch zu Menschen aus Deutschland. Die Treffen böten einen geschützten Rahmen, um aus der eigenen sozialen Blase herauszukommen und neue Begegnungen zu erleben. Gleichzeitig lernten die Teilnehmenden viel über Bielefeld: Was man in der Stadt unternehmen könne, welche Angebote es gebe und wo man Unterstützung finde.

Vielfalt der Teilnehmenden ist Herausforderung und Chance zugleich

In den letzten zehn Jahren „Dialog in Deutsch“ ist eines stets gleich geblieben: die große Vielfalt an Herkunftsländern der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. „Die Zusammensetzung hat sich im Laufe der Jahre immer wieder verändert und spiegelt die Migrationsbewegungen nach Deutschland wider“, so Kroeger. „Anfangs kamen viele Menschen aus Syrien, heute sind es besonders viele aus der Ukraine. Man staunt immer wieder aufs Neue, aus welchen Ecken der Welt Menschen ihren Weg nach Bielefeld gefunden haben. Ein Globus gehört bei unseren Gesprächen fast schon zur Grundausstattung.“

Christa Krebs, ehrenamtliche Unterstützerin im Team „Dialog in Deutsch“, ergänzt: „Ich schätze an diesem Projekt besonders die Vielfalt der Menschen aus so vielen unterschiedlichen Ländern. Genau darin liegt aber auch die Herausforderung: Wie bringt man diese Unterschiede zusammen? In jeder Gruppe muss man neu überlegen, welche Themen geeignet sind und wie man Menschen mit sehr verschiedenen Hintergründen miteinander ins Gespräch bringt. Die Interessen und Bedürfnisse sind oft sehr unterschiedlich – und gerade das macht die Arbeit so spannend.“ Kroeger fügt hinzu, dass er von den Teilnehmenden viel über die unterschiedlichen Herkunftsländer erfahre: „Wir lernen als Ehrenamtliche mindestens genauso viel von den Teilnehmenden wie sie von uns.“

Zusätzliche Angebote für medizinisches Fachpersonal und Grammatik-Freunde

Ein weiteres Angebot, das sich aus der Praxis heraus entwickelt hat, richtet sich speziell an Ärztinnen und Ärzte mit internationalem Hintergrund. Schon in früheren Gesprächsrunden wurde deutlich, dass immer wieder medizinisches Fachpersonal teilnahm, das seine Deutschkenntnisse verbessern wollte. Inzwischen gibt es eigene Gruppen, in denen ehrenamtlich engagierte ehemalige Ärztinnen und Ärzte aus Deutschland mitarbeiten. Sie sprechen gemeinsam mit den Teilnehmenden über Themen aus dem medizinischen Arbeitsumfeld, erklären Fachsprache und Fachbegriffe und unterstützen dabei, sprachliche Sicherheit für den beruflichen Alltag zu gewinnen.

Für Menschen, die beim Sprechen gern gezielt auf Grammatik achten möchten, gibt es ein weiteres ergänzendes Angebot. In diesen Gruppen werden grammatische Feinheiten spielerisch und im Gespräch aufgegriffen – ohne Arbeitsblätter, ohne Druck, immer eingebettet in echte Konversation – und damit ganz im Sinne des ursprünglichen Dialog-Gedankens.

Freuen sich über 10 erfolgreiche Jahre „Dialog in Deutsch“ (v. l.): Hans Kroeger, Koordinator Team „Dialog in Deutsch“, Lena Große-Aschoff, Verantwortliche für die Interkulturelle Arbeit der Stadtbibliothek Bielefeld, Christa Krebs, Ehrenamtliche im Team „Dialog in Deutsch“, Iulia Capros, Direktorin der Stadtbibliothek, Volodymyr und Svitlana Hurenko, Teilnehmende aus der Ukraine. Foto: Julia Rathert.